Kerstin Panthel

 

 

„Jägerin der Schattenwesen“

Das Erwachen 

 

 

 

Handlung, Namen und  Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

 

 

 

 

 

 

 

© 2011 Kerstin Panthel. Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

 

 

 

 

Meiner Tochter Anna-Lena…

…ganz einfach dafür, dass du so bist wie du bist!

 

 

  

 

 

 

 

„Solange es die Schattenwesen gibt,

solange wird es die Schattenjäger geben.

Sie sind es, die die Menschen vor ihrem

tödlichsten, grausamsten und gleichzeitig

unbekannten Feind schützen.

Und ebenso lange werden die Eingeweihten,

die Wissensträger

von Generation zu Generation Sorge tragen,

dass das Wissen um die Existenz der

Schattenwesen und Schattenjäger

nicht aus der Welt verschwindet.

Die Schattenwesen sind von ihrer innersten

Natur her ihrem Selbsterhalt derart

ausgeliefert, dass sie ihre Instinkte,

unterstützt von ihren den Opfern

weit überlegenen Kräften ausleben müssen:

Sie müssen Blut trinken, um zu überleben!

Schonung ihres Opfers, Barmherzigkeit und Gnade sind ihnen unbekannt!“

 

 


 

 

 

 

Teil eins

 

Fragen

 

 

 

 

 

„Jeder sieht, was du scheinst.

Nur wenige fühlen, wie du bist.“

 

Machiavelli

 

 

 

 

 

„Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?

Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?

Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? …“

 

W. Shakespeare, aus: Der Kaufmann von Venedig

 

 

 

 

Kapitel 1

 

 

Manche Tage meines Lebens verbrachte ich schon immer in der inneren Gewissheit, dass dies nicht mein Leben sein konnte!. Entweder, weil ich mich in bereits tief ausgefahrenen Spuren bewegte, aus denen ich nicht ausbrechen konnte oder aber weil ich – krasses Gegenteil – mich völlig neben der Spur befand und genau wusste, dass ich fehlgeleitet war. An solchen Tagen konnte ich deutlich erkennen, dass ich eigentlich eine andere Richtung einschlagen sollte – ich wusste nur nicht, wohin. Also beließ ich es jedes Mal einfach dabei, wartete ab und machte weiter. Doch das änderte nichts daran, dass ich mir im Innersten wünschte, etwas ändern zu können.

Nichts ließ darauf schließen, dass es bald einen Auftakt zu einer kompletten Hundertachtziggradwende in meinem Leben geben würde: Kein Trommelwirbel beim Betreten der Küche, keine göttliche Offenbarung, kein Bote mit der Nachricht, dass wir den Jackpot im Lotto gewonnen hätten.  Ein normaler Sommertag, normales Frühstück, normale Mom in normaler morgendlicher Hetze. Normale Selbstzweifel – ‚normale’ Phoebe!

Und doch war es der Tag, an dem ich ihm zum ersten Mal persönlich begegnen sollte…

 

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Während meine Mutter hektisch nach ihrem Autoschlüssel suchte, unterdessen erst ihre Bluse in den Rock stopfte, dann ihre schulterlangen Haare zu bändigen versuchte und sich zwischendurch am heißen Kaffee den Mund verbrannte, saß ich in Jogginghose und T-Shirt am Küchentisch und sah ihr kopfschüttelnd zu.

„Mom, deine Schlüssel hängen am Haken neben der Haustür. Ian hat sie gestern dort deponiert – er dachte wohl, dass sie sich dort leichter auffinden lassen würden.“

Ian war Moms Lebensgefährte, der auch nach bald einem Jahr noch nicht verstand, dass Autoschlüssel – sofern sie Mom gehörten – am sichersten in der Obstschale oder im Wäschekorb aufgehoben waren, weil sie dort zuallererst danach suchte.

Ich rührte ein wenig lustlos in meinen Cornflakes und schob dann das nur halb geleerte Schälchen von mir.

„Danke, Liebes!“ Sie schloss die Haarspange und drehte sich einmal um sich selbst, um mir ihr Bürooutfit zu präsentieren.

„Perfekt!“ murmelte ich und fügte in Gedankenhinzu: ‚So wie immer’.

Der Genpool, aus dem ich zusammengesetzt worden war, hatte bei mir aus unerfindlichen Gründen nicht so tief und großzügig wie bei ihr und den meisten meiner Verwandten in die Tasche gegriffen. Während in meiner Familie alle groß, dunkelhaarig und nach gängiger Meinung anziehend bis attraktiv waren, war ich eher unauffällig mit meinen blondgesträhnten Haaren, meinen eher zierlichen einsachtundfünfzig, der blassen Haut und meiner Schüchternheit. Ich fristete ein durchweg eher stilles und unbemerktes Dasein, mit dem ich jedoch ausgesprochen gut zurechtkam – wenn man mich denn ließ! Denn nur allzu oft versuchte meine Mutter, mich gewaltsam aus meinem Einsiedlerkrebsdasein zu holen. Dann schleifte sie mich mit zum Shoppen oder zum Frisör, kaufte Modezeitschriften, die sie scheinbar absichtslos herumliegen ließ – selbst in meinem Zimmer! Wie unauffällig! – und rang mindestens einmal wöchentlich die Hände, wenn ich mich wieder einmal weigerte, ihren Vorstellungen einer modernen jungen Frau zu entsprechen. Nicht, dass sie es böse meinte, sie liebte mich innig; aber mit ihrem Temperament und ihrem eher extrovertierten Wesen konnte sie sich schon seit jeher nur schwer damit abfinden, dass ich in allem das genaue Gegenteil von ihr war.

Während sie einen letzten Schluck Kaffee nahm bevor sie ins Auto steigen und zur Arbeit fahren würde, fuhr ich mit denFingern durch meine Haare, die sich jedem Versuch, sie zu einer Kurzhaarfrisur stylen zu lassen, erfolgreich widersetzten. Hätten sie wenigstens so gewollt ungebändigt ausgesehen wie bei Meg Ryan in ihrer Kurzhaarzeit! In ‚French Kiss’ hatte sie meiner unmaßgeblichen Meinung nach einfach großartig ausgesehen. Doch meine Haare standen stets eher ein wenig seltsam in alle Richtungen, wozu die leichten Naturwellen das Ihre beitrugen. Aber es war praktisch, denn ich sah immerleicht verwirrt aus – so wie ich mir vorkam!

Nachdem Mom ihre Tasche genommen hatte und aufhörte, durch die Küche zu rennen wie ein aufgescheuchtes Huhn, erhob ich mich und leerte mein restliches Frühstück in den Abfluss. Dann warf ich einen Blick aus der Terrassentür zu den umstehenden Bäumen des angrenzenden Waldes. Ich liebte dieses Haus, ich liebte diese Landschaft, ich liebte die Natur und die Veränderungen, die die verschiedenen Jahreszeiten hier auf Nova Scotia mit sich brachten. Nicht, dass ich ein Naturfreak war, der jede freie Minute draußen verbringen musste und zum Campen ging oder so. Ich konnte das alles aber schon immer bewundernd in mich aufsaugen, ohne dessen jemals müde zuwerden. Und ich mied so gut es ging alles, was das Gegenteil darstellte: Großstädte, Menschenrummel, Betriebsamkeit, Hektik…

Mit ihrem „Bis heute Abend!“ riss Mom mich aus meinen Gedanken. Sie wollte mir einen Kuss auf die Wange drücken, der jedoch auf halbem Weg in der Luft zerplatzte.

„Ian wird heute wahrscheinlich wieder früher als ich da sein; er ruft an, falls es später wird.“

„Mom, ich werde nicht mit Herd und Steckdosen spielen – ich bin erwachsen!“ erinnerte ich sie in leiser Verzweiflung, aber sie bekam schon nichts mehr mit.

Erneut schüttelte ich den Kopf. Manchmal konnte man wirklich daran zweifeln, dass ich überhaupt mit dieser Frau verwandt war!

Kurz darauf schlug draußen die Wagentür zu und dann sprang der Motor ihres Seat an. Die Reifen quietschten leicht, als sie eilig Gas gab.

Seufzend machte ich mich auf den Weg ins Bad. Unter der Dusche überlegte ich, was ich heute zuerst erledigen sollte. Wahrscheinlich wäre es am besten, alle anstehenden Hausarbeiten erst einmal abzuhaken. Ich hatte meinen Highschool-Abschluss in der Tasche und seit kurzem Ferien, weshalb ich bereitwillig alles übernahm, was zu Hause an Arbeit anfiel, um meinen Beitrag zu leisten.

Ich verzog das Gesicht – nicht, weil ich meine Aufgaben hasste. In wenigen Wochen würde ich mein Studium antreten – das war es, was mir Sorge bereitete! Ich war mit viel Glück an einer Universität in Halifax angenommen worden – ein Katzensprung von hier! – und  eigentlich hätte ich mich freuen sollen. Das Problem jedoch war, dass ich eigentlich nicht studieren wollte. Ich wollte… jedenfalls nicht studieren! Ich wusste nicht, was ich wollte… immer noch nicht!

‚Worauf wartest du nur immerzu? Manchmal ist es, als ob du permanent neben dir stehen würdest!’ hätte Mom jetzt wieder gesagt.

Und ich hätte ihr – wie immer – keine Erwiderung darauf geben können…

Ich stellte das Wasser ab und angelte nach dem Badetuch. Und natürlich musste es ausgerechnet jetzt an der Haustür läuten. Bei einem vorsichtigen Blick durch das Badezimmerfenster nach draußen sah ich, dass der Wagen eines Paketdienstes mit aufgeschobener Fahrertür auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand. Ich zuckte die Schultern, beeilte mich aber dennoch und rubbelte mich rasch notdürftig ab, bevor ich in Jeansshorts und T-Shirt schlüpfte. Als ich wieder nach draußen sah, stieg der Paketbote jedoch offenbar gerade wieder in seinen Wagen. Mit der Wäsche unter dem Arm rannte ich zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinunter und konnte durch den Vorhang und das Fenster in der Haustür erkennen, dass wohl doch noch jemand mit einem Paketin der Hand davorstand. Schnell rief ich: „Ich komme!“, pfefferte den Wäschestapel auf den Boden vor der Waschmaschine und schlug die Tür hinter mir zu.

Bevor erneut geklingelt wurde, riss ich mit einem Ruck die Haustür auf, der mich leicht torkeln ließ. Im nächsten Moment hielt ich jedoch den Atem an. Nicht der uniformierte Typ vom Paketservice stand vor mir, sondern einer unserer Nachbarn vom entgegengesetzten Ende der Straße, den ich bisher nur ein paar Mal und allenfalls von weitem gesehen hatte. Er war erst vor ein paar Wochen gemeinsam mit einer Frau etwa meines Alters in ein seit geraumer Zeit leer stehendes Haus gezogen - ein auffallendes Pärchen, auch wenn ich auf eine Nachfrage hin nicht mal hätte sagen können, was an ihnen so auffällig war.

Mehr als einen Kopf größer als ich sah er jetzt durch seine dunkel getönte Sonnenbrille mit einem reglosen Gesichtsausdruck auf mich hinab. Ein seltsames Gefühl überkam mich; ich mochte es nicht, wenn ich meinem Gegenüber nicht in die Augen sehen konnte und fand es fast schon unhöflich, dass er seine Brille nicht abzog.

Als sein Schweigen und Starren mir zu lange dauerten fragte ich freundlich: „Hallo! Möchten Sie mir das Paket nur zeigen oder ist es für mich bestimmt?“

„Miss Forester?“

Offenbar konnte er lesen, was auf dem Türschild stand.

„Richtig.“ erwiderte ich, was er mit dem leichten Heben einer Augenbraue quittierte.

Erstaunen? Trotz des Namensschildes? Wer hätte sonst die Tür öffnen sollen?

„Der Bote vom Paketservice hat mich gerade auf dem Gehweg vor Ihrem Haus angehalten. Und da er weiß, dass ich Ihr Nachbar bin hat er mich gebeten, das hier für Sie entgegenzunehmen. Sie waren offenbar… nicht da. Ich habe unterschrieben – ich hoffe, es ist Ihnen Recht.“

„Ja… Nein… Ich war… oben und konnte nicht an die Haustür gehen.“ Ich nahm ihm das Paket, das an Mom adressiert war, ab. „Danke, sehr freundlich von Ihnen.“

„Keine Ursache.“

Er sah mich für den Bruchteil einer Sekunde noch einmal ‚von oben herab’ an, nickte mir dann kurz zu und drehte sich um, um mit federnden und weit ausgreifenden Schritten zu verschwinden. Ein leichter Rasierwasserduft – Sandelholz? – blieb einen Moment in der Luft stehen, bevor ihn eine Brise verwehte.

Was für ein komischer Kauz! Das seltsame Gefühl verflüchtigte sich und ich sah ihm nach, wie er den Gehweg entlangging. Vorhin, aus der Nähe betrachtet, schätzte ich ihn ebenfalls nicht wesentlich älter als mich, vielleicht Mitte Zwanzig. Er und die Frau hielten sich stets für sich, man bekam sie kaum einmal zu sehen. Und wenn man den Erzählungen der Nachbarn Glauben schenken durfte, waren sie wohl Geschwister. Sagte jedenfalls Mom.  Für sie war das Ganze jedenfalls etwas suspekt, doch das waren für sie alle Menschen, die das Alleinsein bevorzugten. So wie ich… Welch ein netter Umkehrschluss: Meine Mom fand mich suspekt!

Ich musste grinsen, stellte das Paket in die Küche und machte mich dann daran, die Waschmaschine zu beladen. Die Lebensgewohnheiten der alten und neuen Nachbarn mussten wohl warten!

 

Den restlichen Vormittag verbrachte ich damit, das Haus zu putzen. Mom war nicht wirklich eine begeisterte Hausfrau, doch anstatt sich darüber zu freuen, dass wir uns hier durch unsere Gegensätze zumindest einwenig ergänzten, hielt sie mir oft vor, dass ich meine Zeit doch lieber mit Freundinnen verbringen sollte, statt hier herumzuhocken und den Staubsauger zu malträtieren.

Ich polierte den Spiegel in meinem Bad und blickte hinein. Meine Augen waren vielleicht das Einzige, das wirklich auffällig an mir war. Für meine helle Haarfarbe und meinen zu hellen Teint wirkten sie in meinem Gesicht zu groß und das nach meinem Farbempfinden stellenweise ins Kupfer gehende Braun war zu dunkel. Als kleines Kind war ich oft damit aufgezogen worden, dass ich wie eine Eule schauen würde. Es hatte eine Zeit gedauert, bis ich das Abschätzige hinter solchen Bemerkungen begriff, denn ich fand schon immer, dass Eulen wunderschöne Augen besaßen. Aber davon abgesehen hatte ich auch schon immer das eigentümliche Gefühl, dass ich tatsächlich mehr sah als andere. Nicht, dass ich schärfere Augen hätte oder so. Irgendwie nahm ich anscheinend besser als andere auch das wahr, was sich ganz allgemein um mich herum oder am Rande meines Blickfeldes abspielte. Ich konnte es nicht richtig erklären.

Schnaubend marschierte ich wieder nach unten, stopfte die restliche Wäsche in die Waschmaschine und belud den Trockner. Dann holte ich aus der Küche eine Kleinigkeit zu Essen und setzte mich in die offene Hintertür, um ein paar Sonnenstrahlen zu erhaschen und frische Luft zu tanken.

Obwohl ein leichter Wind ging, war es heute wieder angenehm warm und ich lehnte mich mit dem Rücken an den Türrahmen, um mit geschlossenen Augen auf die Geräusche um mich herum zu lauschen: Wie der Wind die Blätter in den Bäumen bewegte, Vogelgezwitscher in der Nähe und die passenden Antworten aus der Ferne. Müde geworden streifte ich irgendwann meine Schuhe ab und ging barfuß über die kleine Wiese zu den nah beim Haus wachsenden Bäumen. Wie die meisten unserer Nachbarn hatten auch wir auf eine Umzäunung im hinteren Teil unseres kleinen Gartens verzichtet und da unser Grundstück ohnehin am Kopfende der Straße lag, begrenzten rechts und links nur ein paar hohe Büsche unsere Wiese.

Der Boden war warm und federte leicht unter meinen Schritten, als ich zuletzt in den Schatten des angrenzenden Waldes – oder besser Wäldchens – eintauchte und mich unter einem der Bäume niederließ. Hier huschten die kleinen Lichtflecken, die die Sonne durch das noch dichte Blätterdach schickte, hin und her. In wenigen Wochen würde der Indian Summer die Belaubung in eine leuchtend bunte Farbenpracht verwandeln – für mich die schönste Jahreszeit überhaupt, vor allem, wenn an sonnigen Tagen alles in einer wahren Farbex­plosion aufflammte! In diesen Farben konnte ich, wenn ich für mich alleine war, stundenlang schwelgen. Für Mom wieder eine suspekte Seite meines Wesens: Wer legte sich schon in seiner Freizeit unter einen Baum und träumte offensichtlich vor sich hin!

Ich wollte gerade die Augen wieder schließen, als ich im äußersten Augenwinkel eine Bewegung ausmachte, die mir auffiel. Hastig drehte ich den Kopf in diese Richtung, konnte aber nichts sehen. Mein Herz schlug heftig und ich fasste mir, unsicher geworden, an den Hals, während ich aufmerksam die Gegend unter den Bäumen absuchte. Dann beschloss ich, es nicht länger darauf ankommen zu lassen ob ich etwas entdecken würde, stand auf und lief eilig wieder zurück. Erst als ich die Terrassentür hinter mir zuschob, verlangsamte sich mein Herzschlag wieder und ich holte tief Luft.

„Angsthase!“ murmelte ich. „Da war nichts, du hättest es sonst gesehen!“

Bestimmt hatte ich mir wieder etwas eingebildet. Dieser Ansicht war auch Mom immer gewesen, wenn ich ihr von solchen oder ähnlichen Eindrücken erzählt hatte.

„Engel, du bekommst noch Angst vor deinem eigenen Schatten wenn du so weitermachst! Hier ist nichts und niemand will dich mit irgendwas aufregen oder erschrecken!“

So oder ähnlich hatte es immer geklungen. Irgendwann hatte ich es dann auch selbst geglaubt und es aufgegeben, ihr damit auf die Nerven zu gehen. Dennoch musterte ich noch einmal eingehend den Waldrand, bevor ich mich daran gab, für heute Abend einen Auflauf vorzubereiten.

 

Als Ian am späten Nachmittag heimkam, brutzelte das Essen bereits im Backofen vor sich hin und verbreitete einen appetitanregenden Geruch. Ich hob rasch einen Salat unter, als ich ihn an der Haustür hörte.

„Reggie? Phoebe? Ich bin da!“

„Ich bin in der Küche, Ian. Mom kommt auch gleich, dann können wir essen.“ rief ich zurück.

Die tiefstehende Sonne sandte ihre Strahlen durch eines der Küchenfenster, als ich die Salatschüssel auf die Terrasse trug. Erneut streifte ich den Waldrand mit einem raschen Blick, schalt mich innerlich dafür und schnaubte kopfschüttelnd. Ian steckte seinen Kopf mit den dunklen Haaren aus der Tür.

„Hallo Phoebe! Hmm, das riecht köstlich! Ich frage mich immer wieder, woher du dein Talent zum Kochen hast. Von Regina bestimmt nicht!“

Ich grinste ihn an, enthielt mich jedoch weise einer Antwort. Die beiden hatten sich vor gut einem Jahr bei einem Seminar kennengelernt und laut Mom hatte es direkt gefunkt. Nachdem sie beinahe acht Jahre alleine gewesen war – Dad hatte uns verlassen, als ich zehn war – freute ich mich, dass sie endlich wieder jemanden gefunden hatte. Angenehmer Nebeneffekt für mich war, dass sich in Moms Welt jetzt nicht mehr alles nur um mich drehte! Ich mochte Ian und als er dann bei uns einzog, atmete ich irgendwie auf. Er machte sie glücklich und sie ihn. Und das machte mich glücklich.

„Habe ich noch Zeit zum Duschen?“ rief er vom Spülbecken aus, wo er durstig ein Glas Wasser geleert hatte.

„Klar.“

„Kann ich dir vorher noch bei irgendwas helfen?“

„Nö, schon alles vorbereitet, geh nur.“

Er lächelte mich an und um seine Augen bildeten sich feine Fältchen.

„Kann ich dich adoptieren?“ fragte er.

Ich grinste breit und hob die Augenbrauen. Es war leicht, mit ihm gut auszukommen, er war herrlich unkompliziert und immer für einen da. Jetzt stellte er augenzwinkernd sein Glas ab und verschwand nach oben. Wenig später rauschte die Dusche ihres gemeinsamen Badezimmers und keine Viertelstunde später hörte ich ihn schon wieder die Treppe herunterkommen. Mit noch feuchten Haaren, jetzt in alten Jeans und Poloshirt, trat er in die Küche und lehnte sich an den Kühlschrank.

„Nächsten Monat fangen deine Vorlesungen an, nicht wahr? Aufgeregt?“

Ich verzog das Gesicht, was ihm nicht entging.

„Nicht wirklich!“ beeilte ich mich zu sagen.

Er musterte mich. „Aber irgendetwas stimmt nicht!“ Es war mehr Feststellung als Mutmaßung.

Ich zuckte wortlos die Schulter und trocknete das Schneidbrett ab.

„Was ist es? Mir kannst du es sagen, ich bin nicht deine Mom.“

Ich streifte ihn mit einem Seitenblick um herauszufinden, ob seine Miene zu dem ernsthaften Ton dieser Bemerkung passte. Sein Gesicht war unbewegt, aber seine Augen zeigten echtes Interesse. Wieder zuckte ich die Schultern.

„Nichts weiter. Ich bin alt genug und komme schon klar.“ murmelte ich.

„Auch mit Neunzehn muss man noch nicht alles alleine durchstehen.“ erwiderte er.

Er war nicht beleidigt, neben seiner Unkompliziertheit eine seiner positivsten Eigenschaften.

„Ich weiß.“

„Wo liegt also das Problem?“

Ich trocknete meine Hände ab und nahm ein frisches Glas aus dem Schrank.

„Kein Problem!“ log ich, goss Wasser ein und setzte in Gedanken hinzu: ‚Abgesehen von der Tatsache, dass ich nicht weiß, was ich will!’

„Du musst nicht mit mir darüber reden, Phoebe. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich da bin und du mit mir reden kannst. Okay?“

Ich nickte und trank einen weiteren Schluck. „Ich weiß das zu schätzen, Ian, danke! Aber es ist nichts.“

Bei meiner Zukunftsplanung konnte er mir nun wahrhaftig nicht helfen. Solange ich mit mir selbst nicht im Reinen war, konnte ich nichts anderes tun, als das Beste aus dem Status quo zu machen. Wieso nur fielen mir alle diesbezüglichen Entscheidungen so schwer? Warum musste ich im Leben alles so genau nehmen?

Claire, meine beste… nein, meine einzige Freundin, pflegte immer leicht theatralisch zu sagen: „Entdecke das Unbekannte! Du denkst zu viel! Was das angeht, stehst du ständig unter Strom. Wenn du irgendwann merkst, dass du dich für das Falsche entschieden hast, dann ändere deine Pläne einfach, aber lass dich doch erst mal auf etwas ein!“

Nur, dass ich nicht anders konnte! Ich wog ewig das Für und Wider ab, hinterfragte und überdachte… Manchmal hatte ich darüber tatsächlich schon selbst das Gefühl, dass ich mich im Kreis bewegte und nicht vorwärtskam. Und oben lagen alle Infos, Unterlagen, Vorlesungspläne, Campuspläne…unangetastet! Ich sollte endlich mal einen Blick hineinwerfen! Aber es war tatsächlich, als ob ich auf irgendetwas wartete. Einen äußeren Anstoß, ein zündendes Ereignis – einen Tritt in den Hintern oder vors Schienbein vermutlich! Und gleichzeitig schrie meine Vernunft mich an, dass ich wohl vollkommen verblödet sei und gefälligst mal so erwachsen werden sollte wie ich immer zu sein behauptete!

Mein Gedankengang wurde unterbrochen, als draußen der Seat vorfuhr. Ian legte in einer tröstenden Geste kurz seine Hand auf meine Schulter und ging dann, die Haustür zu öffnen. Ich nutzte die kurze Frist, um hinaus auf die Terrasse zu huschen und mir meinen Platz im Schatten des Sonnenschirms zu sichern. Heute würde dieses Thema sicher nicht noch einmal zur Sprache kommen, aber für gewöhnlich ließ Ian nicht wirklich locker wenn er merkte, dass ich etwas mit mir herumtrug und nicht mit der Sprache herauswollte. Er ging dann allerdings ein wenig behutsamer vor als Mom!

Wenig später betrat diese hinter Ian, der den Auflauf vorsichtig vor sich her balancierte, die Terrasse und drückte mir einen Kuss auf den nicht existenten Scheitel.

„Hallo Liebes! Wie war dein Tag? Ich habe in der Küche das Paket gesehen. Warum hast du es nicht aufgemacht?“

„Weil es an dich adressiert ist, Mom – wer weiß ob das, was da drin ist, jugendfrei ist!“

Sie verpasste mir einen Klaps auf die Schulter und ich kicherte.

„Es ist heute Vormittag geliefert worden. Der neue Nachbar vom anderen Ende der Straße – wie heißt er noch mal? Pollos? – hat es gebracht…“

„Er arbeitet für einen Paketservice?“ Sie hatte ernsthaft erstaunt beide Augen weit aufgerissen, rückte ihren Stuhl zurecht und setzte sich mir gegenüber hin.

„Nein, er hat es in Empfang genommen, weil ich die Tür nicht öffnen konnte. Ich kam gerade aus der Dusche.“

„Woher wusste er das denn?“

Ich verdrehte die Augen. Mom!

„Er wusste nichts davon! Er war nur zur falschen Zeit am falschen Ort, hat das Paket für uns entgegengenommen und wohl einfach einen Moment gewartet, bevor er noch einmal geläutet hat!“

„Wie nett!“

Sie tat jedem von dem Auflauf und dem Salat auf. Dann begann sie, von ihrem Arbeitstag zu erzählen und verwickelte Ian in ein Gespräch. Meine Aufmerksamkeit erlahmte und ich konzentrierte mich auf das Essen. Irgendwann schrak ich jedoch hoch.

„Erde an Phoebe! Bist du noch auf Empfang? Ich fragte gerade, was du davon hältst, wenn wir nächste Woche mal einkaufen gehen. Ein paar neue Klamotten zum Studienbeginn würden nicht schaden, meinst du nicht?“

Ich stöhnte und legte meine Gabel auf den Teller. „Mom, bitte! Ich habe genug zum Anziehen und könnte sogar noch ein paar Kommilitonen mitversorgen!“

„Aber nur, weil du dich von deinen alten, abgewetzten Sachen nicht trennen kannst! Wir sollten wirklich mal ein wenig aussortieren und deine Garderobe auf den neuesten Stand bringen!“

Ich verdrehte erneut die Augen und erhob mich, um meinen Teller hineinzutragen.

„Lass mal, das mach ich, du hast schon gekocht. Nimm dir ein wenig Zeit für dich!“

„Danke. Ich würde tatsächlich gerne Claire eine Email schreiben. Sie ist schon sauer, weil ich mich so lange nicht gemeldet habe.“

Claire und zwei weitere Mädchen aus meinem Jahrgang hatten zur Feier des Highschool-Abschlusses einen Last-Minute-Kurzurlaub in Florida gebucht. Ich hatte dankend verzichtet, zumal auch mein Auto kürzlich plötzlich seinen Geist aufgegeben hatte und jetzt in der Werkstatt auf Ersatzteile wartete. Beides konnte ich mir finanziell nicht erlauben. So standen wir zurzeit nur über das Internet in Verbindung. Gestern war die dritte Nachricht in Folge gekommen und ich musste mich schleunigst mal darauf melden, wenn ich es mir nicht völlig mit ihr verderben wollte.

„Tu das und richte ihr einen schönen Gruß aus! Wie gefällt es ihr?“

„Sie hat offenbar ihren Spaß! Und anscheinend auch schon einen Bewunderer, der ihr überallhin nachläuft!“

Kaum hatte ich das gesagt, biss ich mir auch schon auf die Lippe und verzog hinter ihrem Rücken das Gesicht! Das war ein weiteres Thema, auf dem sie gerne herumritt: Ich war immer noch Single. Bevor sie auch nur Luft holen konnte, um diese Materie aufzugreifen, huschte ich schon in die Küche und rief ihnen über die Schulter ein ‚Gute Nacht!’ zu. Eilends stellte ich mein Geschirr in die Spüle und rannte dieTreppe hinauf. Ihre nachgerufenen Antworten hörte ich kaum, dann war ich oben und schob aufatmend die Tür zu meinem Zimmer zu.

Ich liebte meine Mom von Herzen, aber ihre Welt war nun mal nicht meine Welt! Ian hatte unsere Gegensätzlichkeit sehr rasch erfasst und ließ mir die Freiheit, ich selbst zu sein – vermutlich, weil er eine eher objektive Haltung einnehmen konnte. Aber Mom konnte das noch nie! Ich nahm ihr ihre Bemühungen auch nie wirklich übel, aber nerven konnte sie mich damit schon…

Erleichtert aufseufzend schaltete ich meinen Laptop ein. Ian hatte als eine der ersten Maßnahmen nach seinem Einzug hier dafür gesorgt, dass ich einen kabellosen Internetzugang bekam. Er war Computerfachmann, also kein Wunder! Und ich war ihm echt dankbar: Er hatte mir zum Schulabschluss sogar noch ein nagelneues Laptop geschenkt, mit dem ich mich nun im Schneidersitz auf meinem Bett niederließ, Claires letzte Emails noch mal aufrief und durchlas. Rasch tippte ich eine kurze Antwort, berichtete über die hiesige Ereignislosigkeit, fragte pflichtschuldigst nach ihrem Verehrer und bat sie darum, mir eine Tüte Sand von einem Strand in Florida mitzubringen. Dann löschte ich drei weitere Emails, die alle nur Werbung enthielten und fuhr den Computer wieder herunter, bevor ich ihn unter mein Bett schob.

Draußen war es immer noch hell, aber die Sonne berührte schon fast den Horizont. Ich seufzte wohlig und legte mich so, dass ich den sich immer mehr rötenden Himmel von meinem Platz aus sehen konnte. Ians und Moms Stimmen draußen waren nur als leises Gemurmel zu hören, hin und wieder unterbrochen von einem gedämpften Lachen.

Er tat Mom gut. Nachdem Dad damals praktisch über Nacht verschwunden war, hatte sie es nicht leicht gehabt. Vor allem die Zeit unmittelbar vor und nach der offiziellen Scheidung war mir in lebhafter Erinnerung. Die meisten Gedanken hatte sie sich damals um mich gemacht, obwohl ich erstaunlich gelassen darüber dachte. Dad war zu diesem Zeitpunkt einfach schon zu lange nicht mehr wirklich Teil unseres Lebens gewesen, als dass ich ihn überhaupt noch vermisste. Und Mom hatte uns über Wasser gehalten.

Jetzt endlich war das Leben für sie wesentlich einfacher geworden und sie konnte wieder befreit lachen. Ian verdiente sehr gut und wenn auch unsere Geldsorgen schon vor ihrer gemeinsamen Zeit weniger geworden waren, war es doch ein beruhigendes Gefühl für sie, wieder jemanden an ihrer Seite zu haben. Und für mich, jemanden wie ihn an ihrer Seite zu wissen!

Das Einzige, was ihr jetzt noch Sorge bereitete, war ihre Tochter. Und deshalb fiel es mir so schwer, mit ihr über meine Abneigung gegen ein Studium zu sprechen. Sie hatte sich all die Jahre krummgelegt, um mir eine gute Schulbildung zu ermöglichen und ich konnte sie einfach nicht derart enttäuschen. Weit weniger wohlig seufzend drehte ich mich auf die Seite und schlang meine Arme um eines der Kissen. Die Sonne versank jetzt als glutroter Feuerball hinter den Bäumen. Das Farbenspiel am Himmel, der heute nur wenige Wolken zeigte, war wie immer atemberaubend schön und ich blinzelte gegen das langsam weniger werdende Licht an…

 

Ich musste irgendwann eingeschlafen sein, denn als ich verschlafen die Augen das nächste Mal öffnete, war es draußen schon stockdunkel. Müde rappelte ich mich hoch und hätte bei dem Versuch, meinen Wecker zu finden, diesen beinahe vom Nachttisch gefegt. Halb drei Uhr nachts. Na prima!

Gähnend torkelte ich ins Bad, schälte mich aus meinen Klamotten und schlüpfte in ein übergroßes T-Shirt. Nachdem ich mir notdürftig die Zähne geputzt hatte, wankte ich wieder zurück in mein Zimmer, um das sperrangelweit geöffnete Fenster ein gutes Stück weiter zuzuschieben. Obwohl ich in der oberen Etage schlief und frische Luft mochte, war ich doch ein Weichei! In einer Stellung, in der die verbliebene Öffnung klein genug war, dass niemand mehr hindurchpassen würde, schob ich einen großen Riegel vor, den ich eigenhändig schon vor Jahren in passender Position weiter oben am Fenster angeschraubt hatte. Wenn jetzt jemand versuchen würde, es weiter aufzuschieben, würde er zwangsläufig einen ziemlichen Lärm verursachen. Oh, ich war wirklich ein Weichei!

Erneut wollte ich den Mund zu einem ausgiebigen Gähnen öffnen, als ich schlagartig hellwach war und angestrengt nach draußen starrte. Ich war sicher, dass ich vor den grauschwarzen Silhouetten der Bäume, die sich gegen den sternenübersäten Himmel abhoben, einen sich schnell bewegenden schwarzen Schatten gesehen hatte. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ein Tier? Ich starrte reglos hinaus und hielt den Atem an. Wieder bewegte sich etwas, ganz am Rande meines Blickfeldes, aber als ich den Kopf in diese Richtung drehte, war es fort. Und ein Tier war es nicht, dafür war der Schatten zu groß und schmal gewesen.

Atemlos biss ich auf die Unterlippe und verdrängte das hohle Gefühl in meinem Magen, doch so angestrengt ich auch zwischen die Bäume zu spähen versuchte, ich konnte nichts mehr erkennen. Mein Herz schlug immer noch im Stakkato und beruhigte sich nur ganz allmählich. Als meine Augen vor Anstrengung schon zu tränen begannen, traute ich mich zum ersten Mal wieder, tief Luft zu holen. Zweifelnd blickte ich den geöffneten Spalt des Fensters an, dann wieder hinaus in die Dunkelheit. Nichts rührte sich mehr. Noch einmal kontrollierte ich den Riegel, bevor ich mich leise zurück zu meinem Bett schlich und mich darauf zusammenrollte, den Blick auf das matt erleuchtete Viereck gerichtet.

Ich konnte lange nicht wieder einschlafen.

 

 

Am nächsten Morgen erschien mir mein nächtliches Erlebnis wie immer albern und unwirklich. Ich entriegelte das Fenster und schob es ganz auf, um die noch kühle Luft hereinzulassen.

Ian war wie meist schon fort und Mom rumorte in der Küche, wo ich sie in einen verzweifelten Zweikampf mit dem Toaster verwickelt vorfand. Offenbar weigerte dieser sich vehement, ihre Toasts auszuwerfen. Ich trat an die Theke und griff um sie herum, um die Cancel-Taste zu drücken.

„Wenn du den Vorgang unterbrechen willst, dann drück hier drauf. Du könntest die Dauer aber auch einfach reduzieren bevor du die Toasts versenkst! Morgen, Mom.“

„Morgen, Liebes! Danke. Ich komm mit dem Ding nicht klar, er mag mich nicht! Egal, wie ich ihn einstelle: Entweder sind die Scheiben nur lauwarm oder total verbrannt. Da kann ich mir auch direkt Kohle in den Mund schieben.“ strich sie etwas Marmelade auf und biss genüsslich hinein.

Ich angelte mir ebenfalls zwei Scheiben und bestückte den Toaster neu.

„Morgen ist Samstag.“ nuschelte sie und goss sich Milch in den Kaffee.

„Richtig.“

„Und? Schon Pläne?“

„Nö. Claire kommt erst nächste Woche wieder…“

Ich nahm einen Kaffeebecher aus dem Schrank und ergatterte tatsächlich noch eine halbe Tasse. Während ich Milch in der Mikrowelle erhitzte bevor ich sie zum Kaffee gab, lief meine Mutter wieder einmal kauend durch die Gegend und fummelte an ihrer Frisur, dem Verschluss ihrer Kette, die ich ihr schließlich aus der Hand nahm und umlegte, dem Riemchen an ihrer Sandalette… Ich konnte mich nicht erinnern, dass ich jemals in meinem Leben während der Woche sitzend und in Ruhe mit ihr gefrühstückt hätte, das war allenfalls den Wochenenden vorbehalten. Dann brachte sie es in seltenen Fällen auch schon einmal fertig, im Pyjama in der Küche aufzutauchen, ungeschminkt und mit vom Schlaf noch zerzausten Haaren. Diese Ausnahmen waren, seit Ian bei uns lebte, sogar häufiger geworden. Er war so etwas wie ein Ruhepol für sie, der ihr Quecksilbertemperament durch bloße Anwesenheit bezähmen konnte. Aber heute wirkte sie besonders fahrig.

„Mom, ist alles in Ordnung?“

Sie schrak kurz zusammen und blieb ruckartig stehen. Dann schenkte sie mir ein liebevolles Lächeln. „Aber natürlich, Phoebe, ich bin nur mal wieder spät dran! Also, wie ist es: Hast du morgen schon was vor?“

„Nein, Mom, wie ich vorhin schon sagte!“

„Ach ja, richtig. Gut, dann könntest du mich ja begleiten. Ich möchte shoppen gehen und…“

„Mom!“ stöhnte ich, den Toast, in den ich gerade hungrig hineinbeißen wollte, in der Schwebe vor meinem Mund.

„Keine Aufregung, Phoebe! Ich sagte, ich möchte shoppen gehen und ich würde mich freuen, wenn du mich begleiten würdest. Als fachliche Beratung, sozusagen.“

„Niemand ist mehr fehl am Platze als ich, wenn es um modische Beratung geht! Jeder Tankwart wäre besser geeignet!“ Ich biss in mein Brot und nuschelte: „Und diese lahme Ausrede kenne ich schon. Wenn du sagst, du willst einkaufen gehen, dann schleifst du mich von einer Umkleidekabine in die nächste. Und gibst erst Ruhe, wenn ich wenigstens zehn neue Teile ausgesucht habe…“

„Nun mach mal halblang!“ verteidigte sie sich, ernstlich verletzt. „Unser letzter gemeinsamer Einkauf war im November! Und alles, was du für dich ausgesucht hast, waren ein Paar neue Stiefel und eine Winterjacke! Sommerklamotten hast du letztes Jahr – bis auf ein paar Tops und einen Rock – gar nicht erst gekauft! Und glaub nicht, dass ich nicht weiß, dass du am liebsten in deinen ältesten T-Shirts schläfst und in Ians ausrangierten Herrenhemden herumläufst, wenn du zu Hause bist!

Ich habe ja gar nichts dagegen, aber du kannst nicht allen Ernstes vorhaben, mit den ausgewaschenen Teilen, von denen die jüngsten noch älter als drei Jahre sind, an der Uni aufzutauchen!“

Ich hatte den Mund schon zu einer Erwiderung geöffnet, als mir klar wurde, dass sie mit ihren Behauptungen diesmal richtig lag. Auch wenn es mir subjektiv nicht so vorkam!

„Sag nicht, dass es nicht wahr ist, ich habe ein gutes Gedächtnis. Wenn ich dich nicht wenigstens zweimal im Jahr mit Gewalt mitschleppe, dann trägst du deine Sachen, bis sie dir fadenscheinig und morsch vom Leib fallen.“

Seufzend schüttelte sie den Kopf und ließ ihre Schultern resigniert sinken. Dann legte sie ihre Hand an meine Wange und lächelte schief. „Phoebe, ich will nur ein paar Sachen einkaufen gehen. Mit meiner Tochter.“ Sie sah auf die Uhr und erschrak. „Ups, schon so spät! Wir reden heute Abend, ja? Ich muss los! Ich wünsch dir einen schönen Tag!“

Sie schnappte sich Handtasche und den Schlüsselbund aus der Obstschale und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Weg war sie.

Mein angebissener Toast schwebte immer noch auf halbem Weg zwischen Mund und Teller. Seufzend legte ich ihn weg und nahm einen Schluck Kaffee. Ich war eindeutig falsch gepolt! Jede junge Frau, die das Angebot erhielt neue Klamotten kaufen zu gehen, würde alles fallen lassen, sich die Kreditkarten der Mutter krallen und erst wieder zurückkommen, wenn Kofferraum und Rücksitz voll beladen wären und das Limit sämtlicher Kreditkarten erschöpft. Vielleicht sollte ich wirklich mal meine Schränke durchforsten und ein wenig ausmisten…

Ich rollte die Augen und stöhnte. Das konnte ja ein heiterer Tag werden!

 

 

Drei Stunden später hatte sich mein Zimmer in ein einziges Schlachtfeld verwandelt. Ich stand inmitten von drei Stapeln Klamotten. Auf dem ersten und eindeutig größten Stapel lagen die ‚Auf-keinen-Fall-weggeben’-Sachen, auf dem mittelgroßen die ‚Mal-vorsichtshalber-auf-dem-Dachboden-aufbewahren’-Klei­dungs­stücke und auf dem eindeutig kleinsten die ‚Wenn’s-denn-unbedingt-sein-muss’-Teile. Wenn ich nicht einen ernsthaften Krach mit meiner Mutter riskieren wollte, dann würden sich die Größenverhältnisse eindeutig ins Gegenteil verkehren müssen. Ich schnaubte laut und lachte dann leise über mein Verhalten. Eine weitere Stunde später und nachdem ich nur einen einzigen Karton Kleidung auf den Dachboden, dafür aber drei prallvolle Kartons zum Entsorgen in die Garage geschleppt hatte, war ich zwar schweißgebadet aber erstaunlich zufrieden mit mir.

Ich duschte erneut und zog frische Kleidung aus meinem jetzt nur noch spärlich bestückten Kleiderschrank. Bestimmt würde es da drin ein Echo geben, wenn ich jetzt hineinrufen würde!

Einen Moment war ich tatsächlich versucht, es auszuprobieren und kicherte wieder. Stattdessen lief ich die Treppe hinunter und angelte aus dem Kühlschrank einen Fruchtjoghurt und eine Flasche Orangensaft. Mit einem Löffel bewaffnet ließ ich mich auf der schattigen Seite der Terrasse nieder und legte die Füße auf einen zweiten Stuhl.

Während ich genüsslich meine Mahlzeit löffelte, kam mir zum ersten Mal seit heute Morgen wieder das nächtliche Erlebnis in den Sinn. Eine Falte zwischen den Augenbrauen musterte ich den Waldrand und schüttelte gleich darauf den Kopf. Durstig leerte ich die Flasche zur Hälfte und drehte den Verschluss wieder zu. Nur einen Moment später war ich zu meinem eigenen Erstaunen aufgestanden und auf dem Weg zu der Stelle, wo ich die erste Bewegung zu sehen geglaubt hatte.

„Was mache ich hier? Jetzt bin ich wohl komplett durch den Wind!“ murmelte ich. Und in Gedanken fügte ich hinzu: ‚Und Selbstgespräche zu führen zeugt auch nicht eben von einem gesunden Geisteszustand!’

Den Boden nach eventuellen Spuren absuchend kam ich mir gleichzeitig wie ein Idiot vor. Was erhoffte ich, hier zu finden? Eine Fährte? War ich ein Scout oder was? Alles, was nicht wenigstens so groß und tief war wie der Abdruck eines Tyrannosaurus rex würde mir sowieso entgehen.

Kopfschüttelnd richtete ich mich wieder auf und sah mich um. Es war ein herrlich sonniger Tag, fast windstill. Nur die Blätter in den Kronen wurden heute bewegt. Der Duft von heißem Spätsommer, grünen Bäumen, Wiese und Waldboden stieg um mich herum auf und ich sog ihn tief ein. Ich war wirklich reif für die Klapsmühle! Langsam schlenderte ich zurück zu meinem Liegestuhl und beschloss, den restlichen Tag mit Faulenzen zu verbringen. Von gestern war noch Auflauf übrig und zusammen mit frischen Tomaten würde es für das Abendessen schon reichen…

 

Heute trafen Ian und Mom beinahe zeitgleich ein. Sie polterten gemeinsam in die Küche und ich rief: „Ich bin hier draußen!“

„Hi Phoebe! Was sind das da draußen in der Garage denn für Kartons?“ fragte Ian.

„Hallo Liebes!“

„Hi Ian, hi Mom! Da sind ausrangierte Klamotten von mir drin.“ Ich grinste meine Mutter etwas verlegen von der Seite an.

Sie hingegen strahlte. „Das ist ja… Oh, ich freu mich! Du wirst sehen, das wird morgen ein toller Tag und ich verspreche, dass ich dich nicht zu sehr drängen werde. Ehrenwort!“

„Ja, ja, wir werden sehen!“

„Hast du es ihr etwa schon erzählt?“ fragte Ian und zog die Augenbrauen hoch, lächelte aber weiter.

„Nein, das wollten wir doch gemeinsam!“

Misstrauisch musterte ich die beiden. „Was wollt ihr mir erzählen?“

Mom setzte sich auf den freien Stuhl neben mir, Ian blieb hinter ihr stehen, eine Hand auf ihrer Schulter. Mein Blick wanderte von Ians Grinsen zu ihrem vor Aufregung geröteten Gesicht. Dann klappte mein Unterkiefer herunter, als mir aufging, was wohl gleich kommen würde.

 „Phoebe, Ian und ich… Also, wir… Ian hat mir…“

„Was deine Mom dir auf so direkte und unmissverständliche Art zu sagen versucht, ist, dass ich ihr einen Heiratsantrag gemacht habe. Und sie hat ja gesagt!“

„Ian!“

„Was?“

„Du musst doch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen!“

„Mom!“

„Wie soll ich es denn anders ausdrücken?“

„MOM!“

Sie drehte sich zu mir und ich sah die Unsicherheit in ihrem Blick. Hatte sie tatsächlich Angst, dass ich etwas dagegen haben könnte?

„Ja?“

Ich sprang auf und stürzte mich auf die beiden. „Ich freue mich riesig! Für euch beide! Herzlichen Glückwunsch… Obwohl ich Ian ja wohl eher viel Erfolg wünschen sollte! Auf ihn kommt damit schließlich eine immense Aufgabe zu.“

„Wieso?“

„Was willst du denn damit sagen?“

Ich grinste sie frech an. „Wenn du mich fragst, dann ist es keine leichte Aufgabe, mit einer so quirligen, zerstreuten Person wie dir zusammenzuleben. Ich spreche da aus beinahe zwanzigjähriger Erfahrung!“

Sie verpasste mir einen spielerischen Klaps auf den Hinterkopf. Ian dagegen grinste nur und blinzelte mir zu.

„Im Ernst: Ich finde, ihr zwei passt toll zusammen und ich freue mich riesig! Für wann habt ihr die Hochzeit denn geplant?“

„Wir dachten, nächsten Monat. Nur ganz klein, in einer Kapelle. Und… ich wollte dich fragen, ob du Brautjungfer und Trauzeugin sein würdest…“

„Oh Mom, liebend gerne!“ Ich umarmte erneut erst sie, dann Ian. Und als ich den Blick bemerkte, den sie ihm zuwarf, erkannte ich, dass sie überglücklich war. So hatte ich sie schon lange nicht mehr gesehen.

Der restliche Abend verging mit Planen, Lachen und damit, dass wir uns gegenseitig aufzogen. Wir ließen den Auflauf im Kühlschrank, bestellten Pizza, öffneten einen Wein und saßen noch lange draußen.

Kurz vor elf, Mom war gerade ins Bad verschwunden, goss Ian sich einen weiteren Schluck Wein ein und bot mir mit einer Geste ebenfalls noch welchen an. Ich dankte jedoch. Mehr als ein Glas und ich würde vermutlich nur noch dämlich grinsend unverständliches Zeug von mir geben.

„Echt, ich bin froh, dass ihr euch gefunden habt! Ich weiß, dass du sie glücklich machen wirst!“

Er sah mich erstaunt und ernst zugleich an. „Danke, das ist ein enormer Vertrauensvorschuss! Aber es ist auch genau das, was ich vorhabe.“ Er nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Phoebe…“, er stockte, als ob er sich die nächsten Worte genau überlegen müsste. „Ich weiß, ich bin nicht dein Vater. Und… Also, ich bin auch nicht wie dein Vater, ich haue nicht einfach eines Tages ab und lasse euch sitzen. Ihr seid in meinem Leben jetzt die wichtigsten Menschen und ich werde alles tun, um uns zu einer glücklichen… Familie zu machen. Ähm… Was ich sagen will, ist, dass ich dir gerne ein Freund sein möchte. Ich bin für dich da, auch wenn ich dir deinen Vater nicht ersetzen kann… und… Aber du bist ja auch schon erwachsen…“

So hatte er noch nie um etwas herum gestottert! Er schien echt verlegen zu sein und vermied angestrengt meinen Blick. Ich war tatsächlich gerührt.

„Ian, eines weiß ich ganz sicher: Du bist mir im vergangenen Jahr schon mehr ein Freund gewesen als mein Vater mir jemals einVater war! Wenn das eben eine Bitte um meinen Segen war: Den hast du. Und wenn du mir sagen willst, dass du für uns da sein willst: Das weiß ich längst, glaub mir.“

Automatisch ging mir seine Frage bezüglich meines Unbehagens über mein baldiges Studium durch den Kopf. Ich schob diesen Gedanken rasch weit von mir.

Mom kam durch die Terrassentür wieder nach draußen, eine Strickjacke über dem Arm.

„Es wird doch ein wenig frisch. Ich habe dir deine Jacke mitgebracht…“

„Nicht nötig, Mom, ich werde jetzt ins Bett gehen und das junge Paar ein wenig sich selbst überlassen.“

Sie wurde tatsächlich rot! Nicht zu fassen!

Mit einem Kichern nahm ihr die Strickjacke ab. Dann gab ich ihr einen Kuss auf die Wange und winkte Ian noch einmal zu. „Gute Nacht, ihr Turteltauben!“

Ian lachte nur und Mom murmelte etwas vor sich hin, was sich ziemlich nach „Freche Göre“ anhörte. Immer noch lachend lief ich die Treppe hinauf. Als ich wenig später im Bett lag hörte ich, wie die beiden die Stühle an den Tisch schoben und die Gläser einsammelten. Dann erlosch das Licht und die Terrassentür wurde geschlossen.

Lächelnd drehte ich mich auf die Seite. Für einmal war ich wirklich glücklich und alle unerfreulichen Gedanken waren weit, weit weg.

 

 

Aus den Schatten, die der heute Nacht volle Mond von den Bäumen in das milchige Licht zeichnete, löste sich langsam und bedächtig eine Gestalt. Kurz darauf verschwand sie und nichts wies darauf hin, dass jemand hier gestanden hatte. Während er durch die Straße lief und schon nach kurzer Zeit zu seinem derzeitigen Wohnsitz einbog, wo er langsamer wurde und schließlich vor der Tür verhielt, drehten sich seine Gedanken ausschließlich um ein Thema: War sie wirklich das, was sie vermuteten? Oder täuschten sie sich beide wider Erwarten?

Im ersten Falle war die Zeit absehbar, in der sie spätestens erkennen würde, was sie war. Wie würde sie dann reagieren?

Im zweiten Fall, wenn sie es nicht war… Er atmete tief aus, zuckte dann die Schultern und sah zum Mond hinauf, der an einem sternenklaren und wolkenlosen Himmel stand. Er wusste noch nicht, was er dann tun würde. Während er sich mit der Rechten durch sein schwarzes Haar fuhr, bildete sich zwischen seinen ebenfalls schwarzen, dichten Augenbrauen eine steile Falte. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann war er sich noch nicht einmal sicher, was er überhaupt tun würde! Wie stark würde ihr Instinkt sein? Sie war noch jung, hatte seine Anwesenheit aber schon einmal erahnt; jedenfalls hatte etwas sie alarmiert. Noch war da ansonsten allerdings nichts…

Es hatte schon früher Generationen übersprungen. Ihre deutschstämmigen Vorfahren hatten es mitgebracht in diesen Zweig der Familie, hatten es an die Nachkommen weitergegeben.

Germaines Vorhaltungen, weil er vorgestern dem Lieferanten angeboten hatte, das Paket für seine Nachbarin – ihre Mutter – anzunehmen, klangen ihm noch im Ohr. Seine Augen hatte er bei dieser Begegnung durch eine Sonnenbrille verdeckt, um seine Nervosität besser verbergen zu können – er war sich allerdings die ganze Zeit über eher ihrer Reaktion auf ihn unsicher gewesen als umgekehrt!

Sie hatte jedoch durch nichts erkennen lassen, dass sie erschrocken, ängstlich oder sogar defensiv geworden wäre. Andererseits hatte er auch keine seiner übermenschlichen Fähigkeiten eingesetzt. Wozu auch? Um ein Paket abzugeben? Es war ein Test, ob alleine seine Gegenwart schon jetzt etwas bei ihr bewirken würde, wie es normalerweise wohl der Fall wäre. Er war… menschlich erschienen.

Seine Hände auf das Geländer vor der Haustür gestützt senkte er den Kopf. Heute Abend war er Zeuge der Unterhaltung gewesen, bei dem es um die baldige Hochzeit ihrer Mutter mit ihrem Lebensgefährten ging. Aber auch ihr Gespräch mit ihrem zukünftigen Stiefvater am frühen Abend – wenn man es denn ein Gespräch nennen konnte! – in welchem er sie auf ihre offensichtliche Sorge bezüglich ihres baldigen Studienbeginns angesprochen hatte, hatte er durch die offenstehende Hintertür verfolgen können.

Ein etwas ironisches Lächeln huschte über sein Gesicht, dann war seine Miene wieder ernst. Ob sie spüren konnte, dass in ihrem Leben bald eine Wandlung vor sich gehen würde? Im Oktober würde sie zwanzig… Eigentlich immer noch zu früh, aber schon andere hatten vor ihrem einundzwanzigsten Geburtstag über ihre Fähigkeiten verfügen können…

In Gedanken sah er ihre zerbrechliche Gestalt vor sich, die kurzen, blonden Haare, ihre großen braunen Augen. Wenn sie wirklich das war, wofür Germaine und er sie hielten, dann war sie eindeutig zu fragil und weich für ihre Aufgabe. Er krallte seine Fingernägel in das Holz des Handlaufs. Viel zu fragil, viel zu ängstlich! Bei dem Gedanken an den Riegel an ihrem Fenster musste er schmunzeln.

„Worüber amüsierst du dich? Lass mich teilhaben!“

Die weiche, warme Stimme von Germaine schwebte aus dem Dunkel heran, bevor sie die Veranda vor der Haustür erreichte. Ihre schulterlangen, leicht gewellten Haare waren im Gegensatz zu seinen eher von einem Braunschwarz, ihre Augenbrauen fein gezeichnet, ihr Gesicht und ihr Mund weich. Lediglich die Augen waren die gleichen und sie war beinahe so groß wie er.

„Nichts weiter. Wo warst du?“

„Ein wenig unterwegs, es ist schließlich Freitagabend! Warst du wieder bei der kleinen Forester?“

Er antwortete nicht.

„Das ist Antwort genug. Du riskierst viel! Zu viel, wenn du mich fragst! Irgendwann wird sie dich sehen. Jägerin oder nicht, sie wird zumindest einen Heidenaufstand veranstalten. Etwas, was wir wie du sehr wohl weißt, nicht gebrauchen können.“

„Willst du mich über die Risiken aufklären?“ Sein Sarkasmus klang durch diese Bemerkung durch. Ihre Lippen wurden schmal.

„Wir sind die Letzten unserer Familie! Ihresgleichen haben unsere Eltern auf dem Gewissen!“

„Noch  ist nichts entschieden. Noch wissen wir nicht, ob…“

„Und wenn wir es wissen?“ zischte sie. „Was wirst du tun? Wirst du sie töten? Lässt du sie leben, damit sie uns verfolgen kann?“

Er sah sie an. „Das sage ich dir, wenn es soweit ist! Vergiss eins nicht: Ich bin das Oberhaupt der Familie! Es steht dir frei, dich anderen anzuschließen, fortzugehen. Aber stelle meine Entscheidungen und Handlungen nicht pausenlos infrage, Germaine!“

In ihrem Blick mischten sich Sorge, Angst und eine Portion Verachtung. „Du brauchst mich nicht darauf hinzuweisen! Aber solange du mich nicht fortschickst, ist mein Platz bei dir. Ich  bin  deine Schwester.“

Ohne auf eine Erwiderung zu warten, drehte sie sich um und verschwand im Haus. Er wandte sich wieder ab und widerstand nur knapp dem Drang, das Geländer mit einem Faustschlag zu  zertrümmern.

Als er sich wieder gefangen hatte, stieß er einen letzten Seufzer aus und ging  ebenfalls hinein.

 

 

Der Samstag verging wie im Flug. Ich hatte erstaunlich viel Spaß am Einkaufen mit Mom und als wir am späten Nachmittag nach Hause zurückkehrten, waren nicht weniger als sechs mittlere und große Tüten mit neuen Klamotten für mich gefüllt.

Mom hatte sich tatsächlich wie versprochen gewaltsam zurückgehalten; einmal hatte ich gesehen, wie sie eine auberginefarbene Bluse in meiner Größe schon bewundernd in Händen hielt und sie dann doch energisch wieder zurückhängte. Eine Weile später zog ich sie, von ihr unbeobachtet, wieder heraus und befand, dass sie weder zu elegant noch zu lässig wirkte. Nun lag sie in einer der Papiertragetaschen, die ich nachher nach oben verfrachten und auspacken würde. Ob aus mir tatsächlich noch so etwas wie eine Frau werden würde? Ich schmunzelte amüsiert.

Ian stand am Herd, in einer Hand gleich mehrere Eier balancierend und in der anderen eine Pfanne, die er jetzt wohlweislich rasch abstellte und ablegte. Nach der stürmischen Begrüßung durch seine zukünftige Frau nickte er mir lächelnd zu und bot an, noch mehr Spiegelei zu machen.

„Nein danke, ich hatte eben erst einen Burger. Ich werde jetzt erst mal die Sachen nach oben tragen und mich umziehen. Ich habe heute meine Garderobe für die nächsten zehn Jahre gekauft!“

„Phoebe!“ hörte ich meine Mutter, die den Kopf in die Tiefen des Kühlschrankes gesteckt hatte, entrüstet rufen.

Ian lachte nur. Ich packte meine Tüten und stapfte übertrieben stöhnend die Treppe hinauf. Oben angekommen lächelte ich und schob mit dem Ellenbogen die Tür auf…

…und blieb schlagartig irritiert auf der Schwelle stehen.

Irgendetwas war anders! Ich ließ den Blick durch mein Zimmer gleiten. Ein leichter Wind bauschte die Gardine vor meinem Fenster. Auf meinem unordentlichen Bett lag noch mein Sleep­shirt; das Buch, in dem ich zuletzt gelesen hatte, lag auf dem Nachttisch… Suchend sah ich mich um, aber ich konnte keine wirklichen Veränderungen feststellen. Ich warf die Tüten aufs Bett und trat ans Fenster, die Gardine mit einer ungeduldigen Handbewegung zur Seite ziehend. Auch draußen war alles normal, ebenfalls im Bad. Wieder einmal eine absolut verrückte Empfindung!

Kopfschüttelnd schleuderte ich die Sandalen von den Füßen und schlüpfte aus meinen verschwitzten Sachen. Eine Dusche war nach den vielen Anproben das Einzige, was ich jetzt noch wollte. Und anschließend ein großes Glas Saft.

 

Er kniff die Augen zusammen, als er ihre Reaktion sah. Jedes Mal, wenn die Gardine zur Seite geweht wurde, konnte er verfolgen, wie sie sich misstrauisch umsah. Dann zog sie den leichten Vorhang vollends auf, um einen forschenden Blick auf die Wiese und die Terrasse zu werfen und sah anschließend im Bad nach. Seine Lippen wurden schmal. Eindeutig spürte sie etwas, aber sie wusste nichts damit anzufangen. Zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Noch nicht.

Er sah, wie sie ihr T-Shirt abstreifte und dann erneut im Bad verschwand. Erstaunt registrierte er aus dieser Entfernung und bei diesem Licht die feine Narbe in ihrem Nacken, die beinahe senkrecht nach oben verlief und unter ihrem Haaransatz verschwand. Woher stammte diese Verletzung? Er hatte sie vorher noch nicht wahrgenommen. Ein Unfall? Das würde er sicher herausfinden können. Er konzentrierte sich, um das Bild von ihren schmalen Schultern aus seinen Gedanken zu vertreiben und drehte sich knurrend um, um zu verschwinden. Komplikationen konnten sie sich nicht leisten…

 

Während meine Haare trockneten, lümmelte ich mich mit meinem Glas in den Liegestuhl im Schatten und sah träge zu, wie Ian die letzten Reste seiner Mahlzeit verspachtelte. Mom lag mit geschlossenen Augen neben mir und seufzte wohlig.

„Willst du zur Hochzeit Onkel Sam und Tante Edith einladen?“ unterbrach ich die Stille. Sie waren Moms Geschwister, lebten in Arizona und würden ihre Ehepartner und wohl auch meine Cousins und Cousinen mitbringen. Auf Eve würde ich mich in diesem Fall besonders freuen, wir hatten uns schon als Kinder und Jugendliche ausgesprochen gut verstanden.

Ian war Einzelkind, aber seine Eltern lebten in Quebec und würden mit Sicherheit zur Hochzeit ihres einzigen Sohnes kommen wollen. Ich hatte sie bislang nur flüchtig kennengelernt. Vergangene Weihnacht, als sie Ian und damit auch uns besucht hatten.

Marcus, sein Vater, war ein rüstiger, weißhaariger Mann mit stahlblauen Augen und sympathischem Lächeln; Maude war nicht weniger sympathisch mit ihren dunklen Haaren, in denen sich erstaunlich wenige Silberfäden zeigten. Sie war etwa so groß wie ich und wirkte neben ihrem Mann wie ein zerbrechliches junges Mädchen. Niemals hätte ich bei ihrem Anblick vermutet, dass sie ein so resolutes Wesen an den Tag legen könnte, um sich gegen Mann und Sohn durchzusetzen.

Ich hatte eine dahingehende Bemerkung gemacht, woraufhin sie mir lächelnd zuflüsterte: „Es ist wichtig, sich neben einem starken Mann zu behaupten! Aber im Allgemeinen komme ich wesentlich subtiler zu meinem Recht. Marcus und Ian müssen nur der Auffassung sein, dass meine Ideen auf ihrem Mist gewachsen sind!“

Vielsagend hatte sie die Augenbrauen gehoben und mich angelächelt. Grinsend hatte ich meine Unterlippe zwischen die Zähne geklemmt und mich jeden Kommentars enthalten…

„Nein, ich werde ihnen lediglich eine Mitteilung schicken. Ich denke, wir werden sie auf unserer Hochzeitsreise besuchen.“

„Ihr wollt eure Hochzeitsreise nach Arizona machen?“

„Wir wollen eine kleine Tour machen und sie so planen, dass wir unterwegs für jeweils ein oder zwei Tage bei ihnen vorbeisehen.“

„Meinst du, Grandpa wird deiner Einladung Folge leisten?“

Sie seufzte. Seit Grannys Tod war er noch unnahbarer als ohnehin schon. Sie war vor drei Jahren an Krebs gestorben; ein langsamer Tod, der sich über beinahe ein Jahr hingezogen hatte. Er lebte seitdem vollkommen zurückgezogen in seinem Häuschen in der Nähe von Marysville, Fredericton.

„Ich weiß es nicht! Ich hoffe, ich kann ihn dazu bewegen und ihn ein wenig aus seiner selbstgewählten Isolation herausreißen. Ich möchte ihn am nächsten Wochenende zusammen mit Ian besuchen und persönlich einladen,  ich habe schon mit ihm telefoniert. Willst du mitkommen?“

Ich wog kurz das Für und Wider ab und kam zu dem Schluss, dass die beiden die Hochzeitseinladung lieber ohne mich überbringen sollten. Schuldbewusst gestand ich mir insgeheim jedoch ein, dass ich auch andere Gründe dafür hatte. Als Kind hatte ich jedes Jahr einen Teil meiner Sommerferien bei meinen Großeltern verbracht, meist gemeinsam mit Eve und hin und wieder auch mit meinen Cousins. Grandpa Franklin war schon immer ein strenger, wortkarger Mann gewesen! Vermutlich, weil er in seinem Leben schon vieles gesehen und erlebt hatte, das musste ich schon einräumen. Und er war so ganz anders als meine verstorbene Granny, die ein Ausbund an Heiterkeit und guter Laune gewesen war. Jeder, der ihr zum ersten Mal begegnete, wurde gleich warm mit ihr. Das Temperament meiner Mom kam eindeutig von Grandma…

„Ich überlege es mir noch, aber ich glaube nicht.“

„Er hat sich am Telefon nach dir erkundigt und mich gebeten, dich mitzubringen. Ich habe ihm gesagt, dass ich dich frage.“

„Er hat sich nach mir erkundigt? Bist du sicher?“ Ich konnte es kaum fassen! Die wenigen Worte, die er in den letzten drei Jahren mit mir gewechselt hatte, hätten sicher in die Anzahl von Zeichen einer einzigen SMS gepasst!

„Ja. Eigentümlicherweise sogar ziemlich eindringlich. Während des übrigen Gespräches war er…“, sie verzog das Gesicht ein wenig, „…zurückhaltend und wortkarg.“

Seltsam. In der Vergangenheit hatte er immer das weitaus größere Interesse an meinen Cousins und Cousinen gezeigt – nicht, dass ich darüber böse gewesen wäre! Sein strenges, einschüchterndes Wesen hatte mir den persönlichen Kontakt zu ihm noch nie sonderlich leicht gemacht und solange ich nicht in seinen Fokus geriet, konnte ich mich in seiner Gegenwart wenigstens etwas entspannter geben. Ansonsten war immer er die Bulldogge und ich das Kaninchen gewesen.

Um eine ausdruckslose Miene bemüht antwortete ich: „Wenn du meinst, dann komme ich mit.“

Sie seufzte und murmelte dann: „Wer weiß, vielleicht hilft es…“

Ian hatte inzwischen sein Mahl längst beendet und trug sein restliches Geschirr in die Küche. Ich hörte ihn an der Spüle hantieren.

„War Grandpa schon immer so… unnahbar?“ fragte ich vorsichtig.

Mom schaute mich kurz von der Seite an und legte den Kopf dann wieder zurück. „Er war schon immer ein Mensch, der nicht viele Worte machte! Ich erinnere mich, dass er in meiner Kindheit ein wenig offener war, aber je älter wir wurden, desto zurückgezogener wurde er. Sam hat uns immer damit aufgezogen, dass er bestimmt ein Geheimnis mit sich herumtragen würde und erzählte jedem, Dad sei ein ehemaliger Geheimagent.

Etwas besser wurde es, nachdem wir alle aus dem Haus waren und unsere eigenen Wege gingen. Zumindest eine Zeitlang. Aber richtig extrem wurde es, nachdem seine ersten Enkel geboren waren.“

„Vielleicht kann er nicht so gut mit Kindern…?“ formulierte ich es behutsam und riskierte einen Seitenblick.

Ich erinnerte mich an diverse Begebenheiten, als ich noch klein war – es war immer Granny gewesen, die sich um mich und meine Cousinen und Cousins kümmerte.  Ich sah, dass Mom die Stirn runzelte.

„Nein, das ist es nicht. Er… konnte noch nie seine Gefühle ausdrücken. Die Liebe zu seinen Kindern und Enkeln zeigte sich bei ihm schon immer auf andere, weniger offensichtliche Art. Er hätte alles für uns – und für euch Enkel – getan! Ich kann es nicht anders erklären…“

„Ich denke, dass ich mitkommen werde. Wenn er schon nach mir fragt…“

„Das ist lieb von dir!“ Sie reichte mir die Hand und wir genossen schweigend die Strahlen der Abendsonne.

 

 

Der Sonntag und die darauffolgende Woche verstrichen eher ereignislos. Ich schob alle möglichen Tätigkeiten vor, um mich nicht mit den Unterlagen für mein Studium beschäftigen zu müssen: Gartenarbeit, Hausarbeit, eine ehemalige Mitschülerin besuchen (die dann nicht zu Hause war), endlich noch einmal mit meinen Inlinern fahren – was ich lieber hätte sein lassen sollen! Das Resultat war mörderischer Muskelkater am nächsten Tag. Aber das brachte mir die Ausrede, schwimmen gehen zu wollen, um die Muskeln ein wenig zu lockern.

Schließlich, am Donnerstag, vertiefte ich mich dann doch seufzend in die Pläne und Flyer und quälte mich den halben Tag damit ab, ohne anschließend ein Wort davon begriffen zu haben oder wiederholen zu können. Ergebnislos und entnervt stopfte ich sie am Nachmittag in eine Schublade und begab mich mit einem Buch auf die Terrasse.

Heute war ein eher bewölkter Tag und der Wind hatte aufgefrischt. Also zog ich mir den Stuhl näher ans Haus und hatte schon bald alles um mich herum vergessen. Ich schaute erst wieder auf, als sich eine besonders dicke Wolke vor die Sonne geschoben hatte und eine Windböe mich frösteln ließ. Ein misstrauischer Blick in den Himmel beruhigte zwar meine Bedenken, es könne zu regnen beginnen, aber ich stand dennoch auf und beschloss, mir einen Kaffee zu machen.

Als ich das Kaffeepulver in den Filter löffelte und zufällig aus dem Fenster sah, bemerkte ich zu meiner Überraschung schräg gegenüber auf dem Gehweg Mr. Paketdienst-Pollos und seine Schwester. Aufmerksam geworden verfolgte ich, wie Letztere heftig gestikulierte, sich dann abrupt umdrehte und mit großen Schritten davonmarschierte, ihn offenbar einfach stehenließ.

Ein Streit? Es sah so aus. Er trug heute keineSonnenbrille und der Blick, mit dem er unsere Hausfront streifte, wirkte unwillig. Einen Augenblick schienen seine Augen an unserem Küchenfenster hängenzubleiben und obwohl er mich mit Sicherheit nicht hinter der Gardine stehen sehen konnte, schrak ich doch ertappt zusammen.

Jetzt bemerkte ich auch endlich, dass mir der Mund offenstand und schloss ihn. Er war eigentlich echt gut aussehend, so viel stand fest. Okay, genau genommen zum Anknabbern! Heute trug er eine einfache, ausgewaschene Jeans und ein helles, enges T-Shirt, das seine muskulöse Brust ziemlich betonte. Wow… Seine Hände hatte er tief in die Hosentaschen gebohrt und seine etwas längeren Haare wurden von den kräftigen Windböen zerzaust. Er stand noch einen Moment reglos da und machte dann kehrt, um seiner Schwester zu folgen.

Was für eine seltsame Aufführung!

Ich stand noch immer da, in der einen Hand die Dose mit dem Kaffeepulver, in der anderen den Löffel. Energisch schloss ich den Deckel und schaltete die Maschine ein, die gurgelnd zum Leben erwachte.

An die Arbeitsplatte gelehnt nahm ich wenig später den ersten Schluck und starrte nach draußen, ohne wirklich etwas zu sehen. Gleich würden Mom und Ian nach Hause kommen und ich hatte noch nichts zum Essen vorbereitet. Eine Weile gab ich mich noch der gedanklichen Leere in meinem Kopf hin, dann stieß ich mich seufzend vom Küchenschrank ab und fischte ein paar Zutaten aus dem Kühlschrank. Die Steaks, die ich für heute zum Grillen im Freien vorgesehen hatte, würden halt in der Pfanne landen.

 

Was in aller Welt tat er hier? Ohne es selbst so recht zu wissen, hatte er seinen Beobachtungsposten zwischen den Bäumen heute zur Straße hin verlassen und war am helllichten Tag auf den Gehweg getreten. Er wurde sich dessen erst bewusst, als er vor dem Haus der Foresters stehengeblieben war. Germaine hatte ihn entdeckt, prompt am Arm hinter sich her auf die andere Straßenseite gezogen und zur Rede gestellt. Eine unwillige Antwort hinunterschluckend – denn sie hatte eigentlich Recht mit ihrer vorwurfsvollen Frage – hatte er sie beruhigt und wollte sich gerade abwenden, um seiner aufgebrachten Schwester zu folgen, als er hinter einem der Fenster eine Bewegung ausmachte. Schnell drehte er den Kopf weg und schlenderte betont langsam die Straße hinab. Das würde ihm nicht noch einmal passieren! Aber er würde eine erneute Gelegenheit suchen, um ein persönliches Zusammentreffen zu ermöglichen! Er musste es einfach wissen…

IM HANDEL:

 

Band 14 schließt die Vampirreihe ab!

Im Buchregal (siehe oben) gibt es das 1. Kapitel als Lesehäppchen zum Appetit-holen. Es bleibt wie immer spannend und "romantasy"!

ISBN 978-3-7448-1642-7