Kerstin Panthel

 

 

„Schatten des Einst“

 

Die Wiedergeburt

  

 

 

 

Handlung, Namen und Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

 

 

   

© 2011 Kerstin Panthel. Alle Rechte vorbehalten.

 

 

   

Für meine Mutter

und für alle anderen, die viel zu früh gegangen sind! 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Der Schattenjäger ist dem Schattenwesen ebenbürtig;

er ist ausgestattet mit ererbten

Fähigkeiten, die ihn in die Lage versetzen,

dieses zu stellen und zu töten!

Es ist seine alleinige und unbedingte Aufgabe, seinen ureigensten Feind,

den, dessen Familie er zu jagen bestimmt ist,

zu zerstören!

Und jeder Jäger hat nur einen Zweig

der Abkömmlinge der Schattenwesen zu jagen,

so wie jeder Eingeweihte nur seinem Jäger

verantwortlich ist – nicht mehr!

Aber auch nicht weniger!

Dies ist Gesetz seit Urzeiten

und bindend für beide:

Jäger und Gejagte!“

 

 

 

 

 

 

 

 

Teil eins

 

Sehnsucht

 

 

 

 

 

 

Sehnsucht ist Schmerz.

Sehnsucht zu haben nach etwas,

was vergangen ist,

ist der tiefste Schmerz von allen

und eine solche Wunde

heilt niemals vollends…

 

 


 

 

Kapitel 1

 

 

Während der Wind mir die offenen Haare ins Gesicht wehte, waren meine Gedanken weit fort von hier in der Vergangenheit. Wie immer wenn ich hierher kam. Ich hatte schon lange aufgehört zu zählen, wie oft ich schon hier gestanden hatte! Und schon lange aufgehört, alles zu hinterfragen. Antworten würde ich keine erhalten – und wenn doch, dann wären sie unzureichend und nicht zufriedenstellend. Denn hätte es eine Möglichkeit gegeben, dass nur ich gestorben wäre, ich hätte sie ohne zu zögern ergriffen…

Feiner Sprühregen hatte damit begonnen, meine roten Locken in feuchte, sich ringelnde Strähnen zu verwandeln. Meine warm wattierte Jacke bewahrte mich davor zu frieren, aber mein sonst stets etwas blasses Gesicht war mit Sicherheit bereits rot vor Kälte. Hier an der Klippe, wo der Wind am heftigsten wehte und von wo aus ich das Meer, das sich gegen die Felsen warf, am liebsten beobachtete, war ich alleine mit meinen Erinnerungen.

Obwohl die Bewohner hier raues Wetter gewohnt waren, war ich heute Nachmittag die Einzige, die den schmalen, etwas gewundenen Pfad von der Straße hier herauf marschiert war. Der graue Himmel mit den dunklen Wolkenfetzen, der den ganzen Tag über schon kaum Tageslicht durchgelassen hatte, zeigte nur durch eine leichte Verfärbung, dass die Sonne sich dem Horizont näherte. Ein paar Mal noch zerrten die Böen meine Haare aus dem Gesicht und wieder in mein Blickfeld, dann drehte ich mich um und ging den Weg zurück zu meinem Auto.

Es war heute kein Jahrestag, es war ein Abschied. Dies würde für längere Zeit das letzte Mal gewesen sein, dass ich diesen Ort aufgesucht hatte.

„Bis dann, Ryan! Ich werde wiederkommen, ganz bestimmt!“

 

Im Auto angekommen entwirrte ich meine Haare grob mit den Fingern und flocht wieder einen dicken, losen Zopf, der bis auf meinen Rücken herabhing. Eine ganze Zeit lang hatte ich die Haare kurz getragen, aber alte Gewohnheiten schlichen sich immer wieder ein. Ich musste lächeln, als ich daran dachte, wie gerne Ryan es immer gehabt hatte, wenn ich sie offen trug und wie er dann mit seinen Fingern hindurchgefahren war. Doch sofort war auch die Erinnerung daran wieder da, dass es ihn nicht mehr gab und mein Lächeln erstarb.

Irgendwie hatte ich mich im Laufe der vielen Jahre an diesen Schmerz gewöhnt; ich wusste nicht mehr genau, ob es mir gut ging oder nicht. Ich lebte. Oder war es nur so, dass es inzwischen nicht mehr so weh tat? Auch das wusste ich nicht. Die Trauer war zu einem Teil von mir geworden, seit Ryan, der ein Teil von mir gewesen war, fehlte.

Es dauerte wie jedes Mal eine Weile, bis ich wieder im Hier und Jetzt ankam. Ich vertrieb die dunklen Bilder der Vergangenheit so gut es ging aus meinem Kopf und startete den Motor. Während ich mit meinem Geländewagen vorsichtig die Straße, die sich nicht in allerbestem Zustand befand, hinunterfuhr und die lange Fahrt zurück zu meinem einsamen Cottage antrat, fiel mir die Einladung der O’Donnels, sie über die Weihnachtstage zu besuchen, wieder ein. Ich überlegte, ob ich sie nicht doch annehmen sollte. In jedem Jahr, in dem ich Weihnachten alleine und ohne meinen Vater in Irland verbrachte, erhielt ich eine entsprechende Karte oder einen Brief von Ellen – und jedes Jahr hatte ich freundlich dankend abgelehnt.

Doch dieses Mal war ich nicht sicher, ob ich sie wieder ablehnen würde. Ellen hatte geschrieben, dass Dorian und seine Frau sie zu Weihnachten besuchen wollten.

Dorian… Ihn hatte ich seit einer kleinen Ewigkeit nicht gesehen; ich kannte ihn bereits seit ich denken konnte und nach dem, was Ellen mir über diese Phoebe schrieb… war ich neugierig geworden! Weniger, weil ich mir Dorian nicht als einen ‚verheirateten‘ Mann oder besser gesagt als Partner innerhalb einer Gefährtenschaft hätte vorstellen können, sondern vielmehr wegen des Umstandes, dass er sich angeblich ausgerechnet seine eigene, zugeordnete Jägerin dafür ausgesucht haben sollte.

Eigentlich wollte ich Irland demnächst wieder den Rücken kehren, denn allzu lange konnte ich – wie alle Menschen, in denen teilweise das Blut von Vampiren floss – nicht an einem Ort bleiben. Egal, wie zurückgezogen man lebte, irgendwann wurden die Leute aufmerksam und misstrauisch, wenn man scheinbar nicht alterte. Aber auf ein paar Wochen mehr oder weniger kam es dabei nicht an.

Der Entschluss war gefasst: Ich würde meine Koffer zwar packen, aber vor meiner Abreise würde ich Ellen und ihrer Familie noch einen Besuch abstatten.

Mit einem Mal freute ich mich sogar ein wenig darauf!

 

˜ ™

 

Als ich knapp drei Wochen später bei ähnlich kaltem und unfreundlichem Wetter den schmalen Weg zum Haus der O’Donnels hochfuhr, befand sich ein Teil meiner Habseligkeiten schon in Kisten und Koffern, bereit, um die halbe Welt nach Australien zu reisen. Auf dem Rücksitz standen und lagen ebenfalls noch drei Koffer, aber die würde ich vermutlich hierlassen – Winterklamotten brauchte ich dort nicht. Dafür lagen jetzt noch der halbe Dezember und ein Teil des Januars bei Ellen und ihrer Familie vor mir.

Sie hatte sich riesig gefreut als ich sie anrief, um ihrem Angebot zuzusagen. Eigenmächtig hatte ich mich gleich noch für ein, zwei Wochen vor und nach Weihnachten selbst eingeladen.

„Das ist einfach toll! Natürlich geht das in Ordnung, du weißt, wir haben massenhaft Platz! Germaine hat leider abgesagt aber Roy kommt ebenfalls; er hat letzten Monat angerufen, kurz nach ihr und Dorian. Und im Sommer werden auch wir hier die Zelte abbrechen und nach Australien ziehen, das war schon lange geplant. Ich freue mich riesig, dass du kommst, Rhiannon.“

Platz war bei ihnen tatsächlich genug: Abgesehen von dem ziemlich großen Haus, in dem die drei jetzt noch hier lebenden Familienmitglieder alleine wohnten, stand ein wenig abseits daneben ein kleines Häuschen, das möglicherweise früher einmal für Bedienstete gedacht war und das, nachdem sie es vor ein paar Jahren renoviert hatten, jetzt als Gästehaus fungierte.

Wie bei den meistenVampirfamilien war auch bei ihnen Geld das Geringste aller Probleme; Zeit und Gelegenheit, um es anzulegen und anzuhäufen, stand jedem einzelnen Familienmitglied schließlich massenhaft zur Verfügung. Und im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich bei ihnen durchaus so etwas wie ein feiner Sinn für profitable Geldanlagen. Doch auch so waren die O’Donnels schon immer bei allen ihren Freunden bekannt für ihre Großzügigkeit und Gastfreundschaft.

Ich war froh über den Allradantrieb meines Jeeps, als ich die letzte sanfte Anhöhe anging, die jetzt allerdings ziemlich matschig und aufgeweicht war. Für diese Jahreszeit war es entschieden zu nass und der Boden wollte bei den derzeitigen Temperaturen nicht mal oberflächlich festfrieren.

Es war schon dunkel und die erleuchteten Fenster des abseits gelegenen Hauses sahen umso einladender und wärmer aus. Ellen stand bereits in der Tür und wartete, sie hatte meinen Wagen mit Sicherheit kommen hören.

„Rhiannon, endlich!“ Sie riss die Fahrertür schon auf, kaum dass ich angehalten und den Motor abgestellt hatte. Ungestüm wie sie nun mal war umarmte sie mich heftig und für einen Augenblick sah ich nur noch rot: Ihre Haare, die mir die Sicht versperrten. Ich schnappte nach Luft.

„Herzlich willkommen endlich wieder! Ich habe schon vor wenigstens zwei Stunden mit deinem Eintreffen gerechnet! Komm, ich helfe dir mit den Koffern. Du hast im Moment das Gästehaus noch für dich alleine, Dorian und Phoebe kommen frühestens am Wochenende, sie machen noch eine kleine Tour durch Irland. Deine Haare sind ja wieder lang! Wir haben uns ewig nicht gesehen! Man sollte eigentlich meinen, dass Irland nicht so groß ist… Du verkriechst dich eindeutig zu sehr, du Schnecke.“

Ich war noch zu keiner einzigen Erwiderung gekommen! Erst als wir meine Koffer vor der Eingangstür des Gästehauses abstellten, damit sie sie aufschließen und mir den Schlüssel in die Hand drücken konnte, konnte ich ein kleines ‚Ich freue mich auch, dich zu sehen!’ in ihre Atempause einwerfen.

Wieder umarmte sie mich, beförderte zwei der drei Koffer mit einem Schwung in den kleinen Flur und meinte: „Ist das dein ganzes Gepäck? Ich dachte, du bleibst eine Weile! Du hast es dir doch wohl hoffentlich nicht anders überlegt?“

Ich musste lächeln. „Drei prall gefüllte Koffer! Die sind mehr als ausreichend, Ellen. Im Gegensatz zu dir brauche ich keine sieben Schrankkoffer.“

Sie grinste breit. „Sieben für vier Wochen? Damit käme ich niemals hin! Aber zur Not kann ich dir ja was leihen.“

Dann musterte sie mich im Schein der Lampen. Prompt wurde ihr Gesicht ernster. „Du siehst müde aus! Als ob du bei diesem Wetter die ganze Strecke quer durch Irland anstatt mit dem Auto zu Fuß und am Stück zurückgelegt hättest.“

„Richtig.“ lächelte ich spontan.

Sie schnaubte. „Was ist wirklich los?“

„Das Wetter. Und unterwegs hatte ich einen Platten, was zumindest einen Teil meiner Verspätung erklärt. Mein erster eigenhändiger Reifenwechsel seit der Erfindung des Automobils! Kaum zu fassen, nicht?“

Mit schiefgelegtem Kopf sah sie mich forschend an. „Das erklärt aber immer noch nicht, warum du so fertig aussiehst. Unsereins kann weit mehr ab!“ Sie schien zu bemerken, dass ich nicht über mich zu reden gedachte, hakte mich unter und zog mich mit sich. „Okay, darüber reden wir später. Jetzt gehen wir erst mal rein, Bev und Dad warten schon, es gibt gleich Abendessen.“

Connor und Beverly, Ellens Eltern, standen aus ihren Sesseln auf, als wir das Wohnzimmer betraten. Connor sah aus menschlicher Sicht etwa wie Anfang bis Mitte Fünfzig aus – eher jünger, wozu sein immer noch volles, braunes Haar einiges beitrug. Aber dem aufmerksamen Beobachter konnten die Fältchen in den Augenwinkeln und der viel ältere Ausdruck in den Augen nicht immer verborgen bleiben. Und der strafte sein Aussehen mitunter Lügen.

Beverly, seine zweite menschliche Frau und Ellens und Roys ‚Stiefmutter’, war jetzt Ende Vierzig. Obwohl die beiden sich innig liebten, hatte sie sich immer noch nicht dazu durchringen können, sich von Connor eine beinahe ebenso lange Lebensspanne schenken zu lassen wie sie ihm auch jetzt noch bevorstand. Sie waren nun schon seit fast zehn Jahren zusammen… Mensch und Vampir…

Ellens Willkommen wurde wiederholt und nach je einer liebevollen Umarmung luden sie mich ein, gleich neben dem Kaminfeuer Platz zu nehmen, um mich aufzuwärmen.

„Wie geht es dir? Was macht Neill? Ist er als Vampirältester immer noch so eingebunden?“ fragte Connor als erstes.

„Danke, es geht mir gut. Dad geht es ebenfalls gut und soweit ich weiß, hat er in seiner Funktion als Ältester schon seit längerem keine Reisen mehr unternommen. Er hat Australien, wie du weißt, damals nicht mit mir verlassen und sich erst kürzlich eine andere Identität zugelegt. Im Gegensatz zu mir gefällt es ihm da unten inzwischen offenbar besser als hier. Ich soll alle herzlich grüßen.“

Ich hatte in der Vergangenheit oft genug miterlebt, dass mein Vater tage- oder manchmal sogar wochenlang verschwand, um irgendeine von ihm nicht näher benannte Aufgabe für das „Netzwerk“, das die Ältesten unter den Vampiren unterhielten, zu übernehmen. Doch abgesehen davon, dass ich jetzt schon seit Jahren alleine lebte, war Dad ohnehin zum Stillschweigen verpflichtet – ich hätte Connor kaum etwas hierüber sagen können. Was dieser sehr wohl wusste, seine Frage war mehr aus Höflichkeit geboren. Und vermutlich gleichzeitig aus der Sehnsucht nach seinem sehr alten Freund.

Er holte mich aus meinen Gedanken.

„Dann scheint es in der Vampirwelt derzeit ja relativ ruhig zuzugehen… Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen! Was macht er zurzeit so?“

Ich schaffte ein schiefes Grinsen. „Ich soll euch allen ohnehin seine neue Handynummer geben; vorläufig befindet er sich jetzt wieder innerhalb eines Empfangsgebietes. Du wirst es nicht glauben: Er hat in den letzten Jahren eine kleine Schaffarm unterhalten und Schafe gezüchtet, geschoren, geschlachtet... Jetzt lebt er in die Nähe von Sydney und faulenzt eine Weile, aber er hat vor, sich bald irgendwo im Outback wieder etwas Kleines, Einsames zuzulegen.“

Connor lachte. „Ganz Neill! Er hat sich anscheinend nicht verändert: Mal schuftet er jahrelang wie ein Besessener, dann schwelgt er für mindestens die gleiche Zeit im Luxus!“

Ich lächelte und versank förmlich in dem Ohrensessel, den er mir zurechtgerückt hatte. Mein Vater und im Luxus schwelgen! Er genoss seine finanzielle Unabhängigkeit eher dadurch, dass er sich sein Einsiedlerleben so unkomfortabel wie möglich einrichtete! Ein kleines Haus oder eine Hütte, Wasser in der Nähe – das genügte ihm schon. Lediglich für mich war ihm nichts zu teuer… Ich war eindeutig verwöhnt!

Beverly kam mit einem Tablett voller Teetassen aus der Küche und reichte jedem eine davon. Sie war der Ruhepol der ganzen Familie, aber sie war es auch, die eindeutig – wenn auch hintergründig – die Zügel in der Hand hielt.

Ich streifte meine Strickjacke ab und legte sie über die Lehne, bevor ich dankend meine Tasse entgegennahm. „Ellen sagt, Roy kommt ebenfalls zum Fest hier herauf?“

„Richtig. Er hat ein wenig gezögert, weil er da unten wohl ein Auge auf ein Mädchen geworfen hat, sich aber dann doch dafür entschieden, Weihnachten hier zu verbringen. Er will allerdings Anfang Januar schon wieder zurückfliegen.“

Ich nickte und nippte an meiner Tasse. Der Tee war heiß und tat gut. Wir waren eben Iren! Irgendwie jedenfalls…

„Und Dorian und seine Frau? Stimmt es wirklich, dass sie seine Jägerin ist?“

„War!“ betonte Ellen, die sich auf die Couch geworfen hatte. „Du wirst beeindruckt sein, glaub mir! Ich hätte das im Sommer auch nicht gedacht, wenn ich sie nicht mit eigenen Augen gesehen hätte und hätte hören können, was sich da abgespielt hat! Germaine ist zuerst fast ausgerastet, aber selbst sie hat dann ziemlich schnell kapituliert, als sie einsah, dass die beiden wirklich zusammengehören!“

„Du warst neugierig?“ lächelte ich über den Rand der Tasse.

Sie schnaubte. „Glaub mir, wenn du vor der Tür gestanden hättest, als Germaine in deren tête-à-tête hereingeplatzt ist, dann hättest auch du kein Halbvampir sein müssen, um alles mitzukriegen!“

„Du hättest dich auch dezent zurückziehen können!“ meinte da Beverly leise.

„Nicht, wenn ich eventuell gebraucht werden würde, Bev! Boah, ergab meine formvollendete Grammatik jetzt noch einen Sinn? Jedenfalls wussten weder Germaine noch ich in diesem Moment, was da los war! Und selbst gegenüber einer fremden Jägerin ist normalerweise nun mal Vorsicht angesagt.“

Connor unterbrach sie mit einer kleinen Handbewegung. „Wir werden ja sehen. Jetzt denke ich, sollten wir erst einmal etwas essen. Was mich angeht, könnte ich theoretisch ein halbes Rind auf einmal verschlingen! Bev hat ihr Stew zubereitet und mir knurrt der Magen…“

Das war etwas, was alle Vampire und solche, die dieses Erbe nur noch zum Teil in sich trugen, gemein hatten: Einen enorm hohen Energiebedarf! Wie meinem Vater erging es Connor als dem einzigen reinrassigen Vampir der Familie da am schlimmsten: Er konnte zwar durchaus eine Zeit lang von gewöhnlichen Nahrungsmitteln leben, aber immer wieder war er zwingend darauf angewiesen, seine Urbedürfnisse durch tierisches Blut zu befriedigen. Im Laufe seines Lebens hatte er sich so weit in den Griff bekommen, dass er nunmehr nur noch etwa zweimal im Monat darauf zurückgriff, wenn auch bei diesen Gelegenheiten ausgiebig. Praktisch, wenn man eine Schlachterei sein Eigen nennen konnte…

Beverly jedenfalls hatte auch heute entsprechend vorgesorgt. Tatsächlich dampfte kurz darauf ein wahrhaft riesiger Topf voller Stew auf dem massiven Küchentisch, um den wir uns wie meist der Einfachheit halber versammelten. Nach der langen Zeit alleine in meinem Cottage genoss ich tatsächlich die Gesellschaft meiner Freunde; nicht zuletzt weil ich wusste, dass sie mir stets und ohne zu fragen alle Rückzugsmöglichkeiten einräumten, die ich haben wollte. Sie kannten mich und mein Bedürfnis, immer wieder einmal alleine zu sein. Ein weiterer Pluspunkt, der für die O’Donnels sprach: Jeder lebte in diesem Haus in größtmöglicher Unabhängigkeit!

Der Einzige, der in dieser Runde fehlte beziehungsweise fehlen würde war Roy. Irgendwann im Laufe der Unterhaltung fragte ich Ellen leise, weshalb er bereits vor ihnen nach Australien gegangen sei, aber sie zuckte nur die Schultern.

„Er ist in diesem Jahr gegangen. Im Frühherbst, nicht lange also nachdem Germaine nach Kanada zurückgekehrt ist. Seinen Worten nach zu urteilen möchte er sich allmählich auf eigene Füße stellen. Und auch wenn wir ihm da runter folgen werden denke ich doch, dass er zukünftig etwas… Abstand zu uns einnehmen möchte.“ Sie stockte kurz, dann flüsterte sie so leise, dass selbst ich kaum mehr verstehen konnte, was sie sagte: „Ich habe allerdings das unbestimmte Gefühl, dass noch etwas anderes dahintersteckt, aber er wollte mir gegenüber nicht mit der Sprache herausrücken… Vielleicht ist er dir gegenüber ja etwas mitteilungsfreudiger.“

Ich musterte sie. War sie gekränkt, weil er sie nicht über seine Motive aufgeklärt hatte? Roy als ihr Bruder stand ihr näher als irgendjemand sonst und wenn er ihr nichts über seine Gründe erzählte, dann würde er bei mir diesbezüglich sicherlich keine Ausnahme machen.

Sie schien meine Gedanken zu erraten, denn ein kleines Lächeln flog über ihr Gesicht. „Er weiß, was er tut. Und ich habe deutlich erkennen können, dass er nicht nur seine Gründe hat, sondern auch, dass er… diesen Abstand braucht. Also lasse ich ihn gehen, selbst wenn ich ihn jeden Tag vermisse! Ich freue mich sehr, dass er herkommt! Schade nur, dass nicht auch Germaine dabei sein wird, dann wäre die ‚Familie‘ nach langer Zeit endlich mal wieder komplett.“

Ich lächelte zurück. „Weshalb wollte sie Dorian und Phoebe nicht begleiten?“ fragte ich so harmlos wie möglich. Ob sie ihrer ‚Schwägerin‘ misstraute?

Und wieder schien Ellen meine Gedanken zu kennen. Sie gluckste leise. „Dorians und Phoebes Besuch hier bei uns ist so was wie der Abschluss einer langen, spät begonnenen Hochzeitsreise. Sie waren zwar nach ihrer Heirat eine Weile in Dorians kleiner Hütte in der Nähe von Montreal, aber er hat sie anschließend ein wenig kreuz und quer durch die Welt geschleift weil sie neugierig darauf war, wo und wie er in der Vergangenheit gelebt hat – ein kleiner Ausgleich zu der unkomfortablen Bretterbude, die er Hütte nennt, wenn du mich fragst. Sie kommen direkt aus Deutschland hierher; Irland hat er sich als krönenden Abschluss aufgespart… vermutlich, weil das irische Wetter im Laufe der Zeit den Griechen aus ihm rausgewaschen hat. Er ist mehr Ire als sonst etwas – behauptet er jedenfalls. Und darüber hinaus war Germaine offenbar der seltsamen Ansicht, dass sie im Sommer schon lange genug hier herumgehangen habe… Eigenartige Auffassung“, ergänzte sie ernsthaft und mit befremdet hochgezogenen Augenbrauen, „wir sind ihre Familie!“

Ich grinste. Wieder eine von ihren typischen Anmerkungen! Sie würde nie nachvollziehen können, dass das Empfinden anderer Vampire in dieser Hinsicht mit ihrem kollidieren könnte.

Oder tat sie nur so als ob? Das Funkeln in ihren Augen jedenfalls sprach Bände, auch wenn es keine Schlüsse darüber zuließ, worüber sie sich jetzt schon wieder amüsierte.

Ich beschloss, dieses Thema ruhen zu lassen und mich ganz einfach ebenfalls auf Roy zu freuen.

Während und vor allem nach dem Essen waren die Hauptgesprächsthemen die letzten Neuigkeiten aus unseren Familien, wobei Ellen diejenige war, die am meisten redete – und am meisten gute Laune verbreitete. Connor wies mich irgendwann zwischendurch darauf hin, dass die Menschen in der Umgebung ihn unter dem Namen Braeden O’Donnel kannten. Die wenigen Personen jedenfalls, mit denen sie überhaupt in Berührung kamen. Braeden war wie ich wusste sein zweiter Vorname und ich ahnte, dass er damit ein weiteres Mal als sein eigener Nachfahre auftrat. Zumindest wusste ich, dass er bereits früher einmal hier gelebt hatte und auch wenn niemand mehr lebte, der sich noch an ihn, Roy und Ellen hätte erinnern können… Wir waren stets vorsichtig.

„Soll ich dich ebenfalls mit Braeden anreden?“

Er lächelte. „Ich denke, das ist nicht nötig. Ich wollte dich nur darauf hinweisen, damit du dich nicht verplapperst, falls du mit irgendwelchen Leuten in Kells oder Umgebung in Kontakt kommst. Aber wenn du unbedingt darauf bestehst…“

Ich lächelte ebenfalls und hörte zuletzt nur noch zu, wie sie erzählten und grinste oder nickte lediglich dann und wann. Wieder war es Beverly, der dies zuerst auffiel und die schließlich meinte, dass es so langsam an der Zeit sei, für heute Schluss zu machen. Schließlich habe ich einen langen, anstrengenden Tag hinter mir und auch sie sei müde genug.

Dankbar und möglichst unauffällig blinzelte ich ihr zu, doch als ich helfen wollte, die Küche aufzuräumen, scheuchten sie und Ellen mich gemeinsam hinaus. „Schlaf dich erstmal richtig aus, morgen ist auch noch ein Tag. Das machen wir schon. Und fühl dich um Himmels willen wie zu Hause, okay?“

„Danke. Und glaubt mir, das tue ich jetzt schon!“

Es war tatsächlich, als ob ich erst gestern zuletzt hier gewesen wäre! So war es immer: Ich hatte bei ähnlichen Gelegenheiten schon erlebt, dass wir nach langen Zeiten der Trennung einen Gesprächsfaden einfach so wieder aufnahmen, den wir bei unserem letzten Zusammentreffen nicht zu Ende geführt hatten oder eine Diskussion weiterführten, bei der wir uns nicht hatten einigen können und uns die Köpfe heißgeredet hatten; dann war es, als ob nur Tage vergangen wären, nicht Jahre!

Innerlich fast schon ein wenig erleichtert verabschiedete ich mich, wünschte allen eine gute Nacht und zog mich ins Nebenhaus zurück. Meine Koffer trug ich gleich im Erdgeschoss in ‚mein’ Zimmer. Es ging nach hinten hinaus; mir gefiel die Aussicht, die die sanften, grünen Hügel dieses Landes zeigte. Des Landes, das auch ich so liebte. Jetzt allerdings wirkten die Hügel nicht grün sondern eher grau und trist, doch selbst diese Ansicht hatte seinen eigenen Reiz und ich verlor mich für ein paar Minuten im Anblick der mehr oder weniger sanften Grauabstufungen, den vom fahlen Mond in bleiches Licht getauchten Flächen und dunklen Schatten, bevor ich mich seufzend abwandte und damit begann, meine Koffer auszupacken.

Das Zimmer hatte seit der Renovierung – im Anschluss an die Instandsetzung des Haupthauses und den Einzug der O’Donnels dort – ein eigenes, kleines Bad und war liebevoll altmodisch möbliert. Ebenso der Raum nebenan und die beiden anderen oben. Beverlys Hand! Ein Bett, ein großer Schrank und ein kleiner Sekretär mit Stuhl vor demFenster, dazu noch ein Nachttisch und ein Sessel – das war die ganze Einrichtung. Auf dem Boden war ein heller Teppichboden verlegt, die verputzten Wände in einem ähnlichen Ton gestrichen worden, kleine Gardinen an den Scheiben… Man konnte gar nicht anders als sich wohlzufühlen; es war tatsächlich fast ein wenig, als ob ich nach Hause kommen würde.

Eine halbe Stunde später lag ich, mit vom Duschen noch leicht feuchten Haaren, im Bett und fiel beinahe sofort in tiefen Schlaf. Doch als der Morgen matt heraufdämmerte und das erste Tageslicht mich weckte, waren meine Wangen tränennass. Ich hatte wieder von Ryan geträumt…

 

 

Die ersten Tage vergingen in ruhigem, wohltuendem Gleichmaß, beinahe schon träge. Die O‘Donnels ließen durch nichts erkennen, dass sie wegen mir ihren gewohnten Tagesablauf änderten. Ich wurde wie selbstverständlich in alle kleinen Alltäglichkeiten eingebunden und konnte ansonsten tun, wonach mir der Sinn stand.

So unternahm ich trotz des in diesem Jahr extrem verregneten Wetters gemeinsam mit Ellen oder auch alleine weite Spaziergänge in der Gegend, schlief lange – wenn ich konnte – hing meinen Gedanken nach ohne wirklich nachzudenken (und genoss diese gedankliche Leere für eine Weile sogar!) und half Beverly in der Küche. Meist wurde ich zwar von dort verbannt, denn sie war leidenschaftliche Köchin und sah die Küche als ihr Revier an, aber hin und wieder war sie doch ganz froh, wenn jemand ihr bei den Vorbereitungen behilflich war, während sie für das bald bevorstehende Weihnachtsfest den Endspurt im Backen aller möglichen kleinen Kuchen und Plätzchen antrat.

Ellen sträubte sich gegen keine Arbeit, doch um die Küche machte sie seit jeher und wann immer es ging einen riesigen Bogen. Insofern war sie froh, dass Beverly damit einen krassen Gegensatz zu ihr darstellte. Eine weitere typische Bemerkung von ihr war dann stets, dass wir ihr eigentlich in ewiger Dankbarkeit zugetan sein sollten dafür, dass sie die Kochtöpfe in Ruhe ließe; sie trage dabei maßgeblich zu unserer Gesundheit und der Unversehrtheit unserer Mägen bei.

Ansonsten erledigten sie alles, jede anfallende Arbeit im, am und um das Haus, gemeinsam und selbst; wie alle – zumindest alle mir bekannten – Vampirfamilien bevorzugten sie größtmögliche Zurückgezogenheit. Je weniger Kontakt wir zu den Menschen pflegten, desto weniger Aufmerksamkeit erregten wir und umso leichter fiel es uns, von irgendwo wegzugehen…

 

 

Gegen Ende der Woche wurde das Wetter dann endlich besser; die Regenwolken verzogen sich, der Wind drehte und die Temperaturen fielen. Sogar der aufge­weich­te Boden fror praktisch über Nacht fest – eher eine Seltenheit in unserem Klima! – und wie es aussah würden uns jetzt auch tagsüber die knappen Minusgrade eine Weile erhalten bleiben.

Und Ellen wäre nicht Ellen gewesen wenn sie mich nicht schon am gleichen Tag mit nach Kells zum Einkauf geschleppt hätte. Abgesehen davon, dass die durchaus umfangreichen wöchentlichen Besorgungen fällig waren, war sie der unerschütterlichen Ansicht, dass zu jedem Besuch ein ausgedehnter Einkaufsbummel gehöre und sie kündigte an, dass wir dazu baldigst noch nach Dublin fahren würden; das hier sei nur zum Aufwärmen und als Vorübung gedacht.

Da ich sowieso noch Weihnachtsgeschenke für jeden von ihnen besorgen wollte und mich dazu ebenso gut erst einmal dort umsehen konnte, stimmte ich sogar einigermaßen begeistert zu – was wiederum sie zu freuen schien.

Mir wurde bei ihrem strahlenden Lächeln erneut bewusst, dass ich nicht unbedingt der geselligste Gast und schon gar nicht die unterhaltsamste Freundin war und mein Gewissen meldete sich aus diesem Grund in regelmäßigen Abständen, aber es schien weder Ellen noch die anderen zu stören, wenn ich dann und wann in mich gekehrt und still war.

Obwohl wir im gleichen ‚menschlichen’ Alter waren, war ich ohnehin eindeutig die Ruhigere von uns beiden. Aber wie meist gelang es ihr auch heute, mich mit ihrer guten Laune ein wenig anzustecken. Sie redete und lachte, zog mich hierhin und dorthin, lud mir schadenfroh stets die schwersten Einkäufe auf…

Schon bald hatten wir auf diese Weise die meisten Besorgungen für drei immer hungrige (Halb-)Vampire und eine Menschenfrau erledigt und im Auto verstaut. Doch es gab keine Atempause, sofort schubste sie mich wieder vor sich her in ein kleines, nur wenig später schon hoffnungslos überfülltes Restaurant, das an einen Pub angrenzte. Ich seufzte leise und bemühte mich um ein Lächeln, als sie mich daraufhin musterte. Es schien jedoch nicht sehr überzeugend ausgefallen zu sein, denn kaum hatten wir uns an einen Tisch gleich am Fenster gesetzt, legte sie ihre Hand auf meinen Arm und sah mich mit einem für sie ungewohnt ernsten Blick an.

„Okay, ich habe mir das jetzt lange genug angesehen! Rhiannon, du weißt, dass ich deine beste Freundin bin. Von meiner Seite aus betrachtet jedenfalls. Und als deine Freundin muss ich dir sagen, dass… Ich mache mir echt Sorgen um dich! Ich sehe dich an und sehe in dir nur noch den Schatten deiner selbst! Hast du auch nur einen Augenblick lang geglaubt, ich hätte dir bei deiner Ankunft abgenommen, dass die Fahrt durch unser mieses Wetter oder ein Reifenwechsel dir derart zugesetzt hätten?

Wir sehen uns alle paar Jahre mal, man könnte fast schon Jahrzehnte sagen. Und jedes Mal bist du noch ein Stückchen weniger du! Wie lange willst du dich noch mit deinen Erinnerungen herumquälen und dich wie ein Eremit von allem zurückziehen? In deinem Cottage setzt du noch Spinnweben an und irgendwann müssen wir den versteinerten Staub der Jahrzehnte mit Hammer und Meißel von deiner erstarrten Gestalt abklopfen!“

Wie jedes Mal, wenn mich jemand darauf ansprach, reagierte ich abweisend. Äußerlich. Innerlich hatte ich dann größte Mühe, mein seelisches Gleichgewicht zu wahren; es fehlte in solchen Fällen nicht viel, um es zu einer Seite kippen zu lassen, die ich nicht zulassen konnte. Auch jetzt suchte ich nach Worten, um ihr eine Erklärung zu liefern ohne sie zu verletzen.

„Ellen, du bist meine beste Freundin, aber – bei aller Liebe – das kannst du nicht verstehen. Ryan war… ein Teil von mir, der aus mir herausgerissen wurde und der mir immer noch und mit unverminderter Intensität fehlt. Es ist, als ob dir Arme und Beine amputiert worden wären – nur schlimmer! Wir waren in einer Weise miteinander verbunden, die über das rein menschliche Maß hinausging.“ umschrieb ich es mit einer gewissen Distanziertheit in der Stimme.

„Du willst ewig trauern!?“ flüsterte sie kaum hörbar, halb Frage, halb Feststellung. Sie hatte sich zu mir vorgebeugt, ihre Augen blickten besorgt. „Das wird dich umbringen, wenn du so weitermachst!“

Sie gab nicht auf! Mein Lächeln fiel erneut kläglich aus, denn sie sprach aus, wonach ich mich im Grunde schon lange sehnte.

„Glaub mir, so einfach ist das nicht!“ Ich musste mich zusammenreißen, um diesen Satz nicht allzu sarkastisch klingen zu lassen.

„Hätte Ryan das gewollt? Ich habe ihn nie kennengelernt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der dich so geliebt haben muss…“

„Nein, sicher nicht.“ unterbrach ich sie mit einem knappen Kopfschütteln. Ich musste diese Thematik schleunigst beenden, denn schon fühlte ich den altbekannten Kloß in meinem Hals aufsteigen, der mir irgendwann den Atem nehmen würde. „Er nahm mir sogar noch das Versprechen ab, weiterzuleben. Und mir versprach er im Gegenzug, dass wir uns eines Tages wiedersehen würden.“ Mein kurzes Auflachen war hart und verzweifelt. „Weißt du, wie lang eine halbe Ewigkeit sein kann, wenn man auf ihr Ende wartet?“

Sie riss entsetzt die Augen auf. „Oh mein Gott! Rhiannon, du…“

Ich legte meine Hand auf die ihre. „Nein. Lass gut sein, Ellen. Ich weiß deine Sorge zu schätzen, glaub mir, aber ich kann nun mal nicht anders. Wenn du eines Tages jemanden findest, der für dich ist was Ryan für mich war, dann wirst du es verstehen. Bis dahin…“, ich schluckte krampfhaft gegen die Enge in meiner Kehle und zuckte die Schultern, „…mache ich eben weiter! Einen Tag nach dem anderen, eine Woche nach der anderen, einen Monat, ein Jahr... Und auch das geht.“

Sie musterte mich mit einem angstvollen Blick, doch nun brachte die Bedienung die Getränke und nahm unsere Bestellung auf. Indem ich mich nach hinten lehnte signalisierte ich Ellen eindeutig genug, dass ich dieses Gesprächsthema nicht weiter zu verfolgen gedachte und ohne groß nachzudenken wählte ich einen Imbiss ganz oben auf der kleinen Karte. Ellen sah erst gar nicht nach und schloss sich meiner Wahl der Einfachheit halber an.

Als die Bedienung unseren Tisch wieder verließ, griff ich nach meinem Glas und trank einenSchluck, während ich mich demonstrativ sogar noch ein wenig zur Seite drehte und einen gedankenverlorenen Blick nach draußen warf. Heute war das Wetter auch tagsüber zum ersten Mal wirklich frostig kalt, der Himmel blassblau, fast wolkenlos und sonnig. Die Leute, die an unserem Fenster vorübergingen, hatten sich warm eingepackt und schienen alle dringend irgendwohin zu müssen. Kaum jemand, der sich Zeit ließ und die ersten Sonnenstrahlen seit langem ein wenig genoss. Zugegeben, den Menschen dürfte dieser recht plötzliche Kälteeinbruch mehr zu schaffen machen als unsereinem, auch wenn ich als halber Mensch heute ebenfalls warme Klamotten trug.

Viele waren, wie wir vorhin auch, mit Einkäufen schwer bepackt, einige hatten nur, dick vermummt, die Hände in die Taschen gesteckt. Jetzt sah ich, wie schräg gegenüber eine komplette Schulklasse um die Ecke bog und lachend und schwatzend näherkam. Ich lächelte, denn ausnahmslos alle hatten hochrote Nasen und ein paar Kinder, die keine Mützen trugen, rieben sich die kalten Ohren. Sie bahnten sich ein wenig umständlich den Weg über den schmalen Gehsteig und durch die Fußgänger, die ihnen eiligst aus dem Weg gingen oder einfach geduldig stehenblieben, bis sie vorbeigegangen waren.

Während ich durstig den Rest meiner Cola austrank, geriet auch der zweite der beiden dazugehörigen Lehrer in mein Blickfeld. Und bei seinem Anblick setzte der Schlag meines Herzens für ein paar Sekunden buchstäblich aus!

Das war unmöglich! Ächzend und mit weit aufgerissenen Augen beugte ich mich ruckartig bis an das Fenster vor und verfolgte, wie er lächelnd auf eine zugerufene Frage eines der Schulkinder antwortete und gleich darauf selbst einem anderen mahnend etwas zurief.

Ohne es zu merken hatte ich das Glas in meiner Hand fester und fester gehalten, bis es mit einem hörbaren Klirren zerbarst. Ich hörte undeutlich, wie Ellen erschreckt meinen Namen zischte, aber ich war schon aufgesprungen, zur Tür gelaufen und hatte sie aufgerissen, eine blutige Spur mit meiner zerschnittenen Handfläche hinterlassend.

Draußen rempelte ich prompt einen Passanten an, der heftig mit den Armen rudernd um sein Gleichgewicht kämpfte, während er mir vergebens noch rasch auszuweichen versuchte, dann stand ich auf dem Gehweg. Und ich wäre sicher ohne zu schauen auch auf und über die Straße gerannt, wenn Ellen mir nicht unmittelbar gefolgt wäre und mich jetzt mit einem lauten, erschreckten ‚Stopp!‘ mit aller Kraft am Arm festgehalten und mit einem heftigen Ruck zurückgezogen hätte.

Die Kinder auf der anderen Straßenseite hatten von alldem nichts mitbekommen, sie waren inzwischen schon vorüber. Aber in diesem Moment schien der Lehrer am Ende des Pulkes zu stutzen. Er stockte mitten in der Bewegung, drehte hastig den Kopf und streifte mit suchendem Blick die Fußgänger um sich herum – erst die, die an ihm vorbeidrängten, dann die auf unserer Seite der Straße.

Blau! Seine Augen waren blau! Er sah zwar genauso aus wie Ryan… die Größe, der Gang, das Lächeln vorhin… aber die Augen unter den blonden Haaren waren leuchtend blau, das konnte ich sogar von hier aus erkennen!

Er war es nicht! Natürlich nicht! Es war nur eine perfide Laune der Natur, die mir heute einen Mann über den Weg geführt hatte, der bis auf diese eine Kleinigkeit aussah wie meine große Liebe… Aber wer war er? Wieso sah er beinahe genauso aus wie er?

„Rhiannon, um Himmels willen, was ist bloß los mit dir?“ schüttelte Ellen mich am Arm. „Du bist leichenblass! Geht es dir gut? Du siehst aus, als ob du ein Gespenst gesehen hättest… Komm rein, wir müssen dir erst mal die Hand verbinden!“

Sie schob und zog jetzt an mir, um mich möglichst schnell und unauffällig wieder von der Straße fort und ins Restaurant zu ziehen, aber diesmal wand ich mich aus ihrem Griff und hielt noch immer den fragenden und forschenden Blick dieses Fremden fest. Erst als dieser sich seiner Aufsichtspflicht zu entsinnen schien, sich zögerlich umdrehte und dann hastig weiterging, erwachte ich aus meinem Schockzustand.

Ich zitterte mittlerweile am ganzen Körper. Ich musste unbedingt wissen, wer dieser Mann war und wohin er jetzt ging.

„Ellen, bitte hol’ meine Sachen, ich muss dringend etwas erledigen! Ich erkläre es dir später, aber jetzt muss ich weg! Fahr dann ruhig schon nach Hause, ich rufe dich auf dem Handy an, okay?“

Bemüht, die Schulklasse nicht aus den Augen zu verlieren, entzog ich mich ihrem erneuten Griff und reckte ich mich ein wenig, um über ihre Schulter hinweg etwas sehen zu können.

„Rhiannon! Was zum Henker…“

Ich zuckte zusammen. „Ellen, bitte! Ich laufe auch ohne Jacke los, aber das erregt nur noch mehr Aufmerksamkeit! Bitte!“

Sie sah mich an und merkte, dass ich entschlossen und vor allem ungeduldig war. „Okay, warte hier! Rühr dich nicht vom Fleck, klar?“

Eilig lief sie hinein, fischte mehrere Geldscheine aus ihrer Börse, die sie auf den Tisch warf, schnappte ihre und meine Sachen und war eine halbe Minute später wieder draußen. Sie hatte ein paar Servietten mitgehen lassen, die sie mir jetzt in die verletzte Hand drückte. „Los! Was auch immer du vorhast, ich lasse dich jetzt nicht alleine, du bist im Moment offenbar nicht ganz zurechnungsfähig!“

Ich presste unwillig die Lippen zusammen, riss ihr dann aber meinen Kram aus den Händen und lief los, diesmal mit wesentlich mehr Geschick die übrigen Fußgänger umrundend. Die Jacke warf ich mir während des Laufens über und meine Tasche hängte ich einfach diagonal über meinen Oberkörper; so hinderte sie nicht. Ellen blieb die ganze Zeit mühelos an mir dran, ich hörte ihre gleichmäßigen Laufschritte gleich hinter mir.

Die Straße beschrieb eine Kurve und in nicht mal zwei Häuserblocks Entfernung hatte ich daher die Kindergruppe aus den Augen verloren. Nachdem wir die Stelle erreicht hatten und um die Kurve bogen, sahen wir, wie ein mit vielen Schulkindern besetzter Bus aus einer Seitenstraße unmittelbar hinter uns heraus-  und quer über die Kreuzung an uns vorbeifuhr.

Verzweifelt reckte ich den Hals um feststellen zu können, ob auch er darin saß. Vergebens, ich konnte nicht alle Insassen überblicken! Hastig lief ich zurück und sah mich nach der Haltestelle um, an der sie zugestiegen sein mussten. Sie war nur einen Steinwurf entfernt, aber ihn konnte ich nirgends entdecken. Er musste also wohl in den Bus gestiegen sein. Oder er hatte seinen Wagen hier geparkt und ich war zu spät!

Ich fuhr zu Ellen herum. „Die Schulkinder! Hast du die Schulkinder vorhin gesehen? Zu welcher Schule könnten sie gehören?“

„Die Schulkinder? Du verfolgst…“

„Ellen!“ herrschte ich sie ungeduldig an.

„Okay, okay! Ich glaube, ich weiß, wo die hingehören, in dieser Richtung kommt eigentlich nur eine in Frage… Lauf da rüber, los! Und halte Ausschau nach einem vorbeifahrenden Taxi, wir fallen schon viel zu sehr auf! Du läufst viel zu schnell und ich muss mir endlich unbeobachtet deine Hand ansehen können, die Servietten werden schon rot!“

Wir liefen etwas langsamer weiter und hatten Glück, das nur wenig später tatsächlich ein Taxi auftauchte, wendete und anhielt, als wir dem Fahrer beide heftig gestikulierend winkten. Andernfalls hätte ich mich allerdings mit Sicherheit vor ihm auf die Fahrbahn geworfen. Alles, nur nicht diesen Mann verlieren! Ellen nannte ihm eine Straße und wir stiegen rasch ein. Während der Fahrer sich wieder in den eher spärlichen Verkehr einfädelte, öffnete Ellen mit sanfter Gewalt meine Hand, um meine Verletzung zu begutachten. Ohne groß nachzudenken oder zu schauen stopfte sie die blutigen Tücher einfach in ihre Handtasche.

„Der Himmel alleine weiß, was in dich gefahren ist! Du bist mir echt eine Erklärung schuldig! Weißt du eigentlich…“, sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern, „…wie schnell du eben an der Tür und draußen warst? Du hast verdammt viel Glück, dass die meisten Gäste mit sich selbst oder ihrem Essen beschäftigt waren und so schnell gar nicht reagieren konnten! Du bringst uns in Teufels Küche, Rhiannon, wir sind nicht gänzlich unbekannt hier, wir kommen regelmäßig zum Einkauf her!“

Unterschwellige Gewissensbisse meldeten sich. Ich verzog das Gesicht, nicht nur wegen der zahlreichen Schnitte in meiner Hand. Es war enorm wichtig, dass Normalsterbliche nichts von unseren körperlichen Kräften mitbekamen. Alles, was uns in irgendeiner Form auffällig machte, war unbedingt zu vermeiden. Ich hatte mich zu etwas hinreißen lassen, was in einer mittleren Katastrophe hätte enden können…

Aber dieser Mann…

„Hast du mir eigentlich zugehört? Wie es aussieht, du bist mehr als nur ein wenig neben der Spur! Was willst du von den Kindern?“ Sie pickte geschickt ein paar Glassplitter aus den Wunden und tupfte das sofort nachlaufende Blut sorgfältig mit einer der übriggebliebenen Servietten fort – nicht ohne dem besorgt meine Hand musternden Fahrer ein beruhigendes Lächeln zuzuwerfen.

„Nicht von den Kindern! Hast du ihren Lehrer gesehen? Den, der die Kindergruppe am Schluss begleitete?“

„So ein Aufstand wegen eines Kerls? Mann, der muss ja enorm gut ausgesehen ha…“

Ich zischte sie wütend an. Der Fahrer sah ein weiteres Mal in den Rückspiegel und warf mir einen eigentümlichen, jetzt schon fast argwöhnischen Blick zu. Ich riss michzusammen, lächelte ihn sogar ebenfalls an. Dann wandte ich mich wieder flüsternd an meine Freundin.

„Ellen, dieser Mann hat ausgesehen wie das lebendige Abbild von Ryan! Er gleicht ihm aufs Haar: Größe, Statur, Gang, Haarfarbe… nur seine Augen sind nicht grün, sie sind blau! Und ich muss unbedingt herausfinden, wer er ist!“

„Okay, alles klar! Hm, ich bin zwar ein wenig verwirrt, aber wenn du meinst…“

„Ja, ich meine! Wenn du mir sonst schon nichts glaubst, dann glaub mir eines: Ich würde wegen irgendeines Mannes niemals solch ein Gebaren an den Tag legen. Wenn ich nicht wirklich geglaubt hätte, Ryans eineiigen Zwilling gesehen zu haben…“

Ich brach ab. Wie hätte ich ihr auch mein Erschrecken begreiflich machen sollen!

Nun, da sie sich davon überzeugt hatte, dass keine weiteren Glassplitter in der Wunde waren, drückte sie mir die letzte Serviette in die Hand. Ich presste sie in meiner Faust zusammen. Der Schmerz würde mich daran erinnern, mich zusammenzunehmen.

Dann erst musterte sie mich nüchtern, nickte und erwiderte: „Ja, allerdings, das glaube ich dir aufs Wort! Dir sähe das am allerwenigsten ähnlich, es würde schon eher zu mir passen, ich bin von uns beiden die Durchgeknallte. Also lass uns sehen, ob wir herausfinden, wer er ist!“

Schon nach wenigen Minuten hielt das Taxi am Fahrbahnrand und Ellen zahlte rasch. Ich sah mich hastig um und ließ meinen Blick über die umstehenden Häuser gleiten.

„Hier ist keine Schule, Ellen! Sind wir hier falsch?“

Sie war schon ausgestiegen und zog mich hinter sich her. „Die Schule ist gleich um die nächste Ecke, komm schon. Ich wusste ja nicht, was du vorhast und hab mir mal gedacht, dass es vielleicht besser sein könnte, das restliche Stück zu Fuß zu gehen.“

Ich spitzte die Ohren – und hörte die Kinder schon, bevor ich sie sah. Ellen brauchte mich nicht länger hinter sich herzuziehen, ich beschleunigte sofort, bog noch vor ihr um eine Hausecke – und blieb wie sie wie auf Kommando stehen. Schräg gegenüber befand sich ein größeres Gebäude, vor dem sich jetzt eine Gruppe Schüler um zwei Busse drängte. Ein Teil von ihnen bestieg gerade den vorderen, andere wieder sprangen aus dem hinteren und rannten oder gingen ins Schulgebäude. An beiden Fahrbahnseiten standen zusätzlich mehrere Autos; wahrscheinlich Eltern, die darauf warteten, ihre Kinder nach Hause zu fahren.

Suchend überflog ich die gesamte, ein wenig turbulente Szene, aber erst als sich der vordere Bus in Bewegung setzte, entdeckte ich ihn. Prompt schlug mein Herz wie rasend und ich hielt den Atem an.

„Was ist? Welcher ist es?“ flüsterte Ellen neben mir. Ihren Ohren war mein beschleunigter Herzschlag offenbar nicht entgangen.

„Siehst du den Blonden mit der blauschwarzen Jacke? Wenige Meter links neben dem zweiten Bus…“

„Jepp!“ Sie schob mich gegen meinen Widerstand wieder hinter die Ecke des Hauses, blieb selbst jedoch stehen und starrte erst den Unbekannten, dann die wartenden Eltern an.

 „Lass mich das machen und warte kurz hier.“ meinte sie und ging auf einen der nächsten wartenden Wagen zu.

„Ellen!“ zischte ich.

Sie hörte nicht. Vorsichtig vorgebeugt konnte ich zusehen, wie sie wie beiläufig eine Frau anredete, die neben dem Wagen stand. Sie wechselten ein paar Worte, dann kam sie wieder zurückgeschlendert, den Kopf stolz erhoben.

Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf Ryan zwei. Er beaufsichtigte offensichtlich gemeinsam mit einem weiteren Erwachsenen die Kinder, die nun noch in den zweiten Bus einstiegen und wandte sich dann ab, um zum Schulgebäude zurückzugehen, auf dessen Außengelände noch immer reger Betrieb herrschte. Noch war offenbar nicht endgültig Schulschluss... 

„Sein Name ist Dwyer. John Dwyer.“ teilte mir Ellen mit verschränkten Armen mit, als sie wieder bei mir war. Sie lehnte sich großspurig an die Hauswand und musterte mich neugierig.

„Wie hast du das herausgefunden? Die Frau?“

Sie zuckte lässig die Schulter. „Eine Mutter. Ich habe sie gefragt, ob dieser blonde Lehrer da hinten nicht Mr. Lewis sei, der neue Geschichtslehrer, von dem meine kleine Nichte mir schon erzählt habe. Sie hat noch nie von Mr. Lewis gehört, war aber nachsichtig genug, mich darüber aufzuklären, dass dies John Dwyer sei, der für einige wenige Wochen hier und da für einen kranken Freund, der hier arbeitet, einspringt - aushilfsweise also. Ihre Tochter schwärmt übrigens auch für ihn und redet pausenlos von ihm!“

Wider Willen musste ich über ihren Geistesblitz lächeln. Ich war normalerweise nicht auf den Kopf gefallen, aber nach wie vor viel zu geschockt; mir wäre dies überhaupt nicht in den Sinn gekommen!

„Und was willst du jetzt tun? Ihn weiter verfolgen und rauskriegen, wo er wohnt?“

Ich kaute nachdenklich auf meiner Unterlippe. Ich war ihm vorhin vor dem Restaurant schon viel zu deutlich aufgefallen, das hatte sein überraschter und misstrauischer Blick eindeutig gezeigt. Dennoch hätte ich mich gerne an ihn rangehängt, doch obwohl ich durchaus in der Lage wäre, dies unauffällig hinzubekommen, wollte ich für heute kein weiteres Risiko eingehen.

„Nein, wir haben jetzt seinen Namen und wissen, wo er arbeitet. Aushilfsweise. Wir können jederzeit wiederkommen. Lass uns gehen, ich sollte wohl mal meine Hand verarzten lassen!“ warf ich einen Blick auf die schon wieder rote Serviette. Ellens Splittersuche hatte offenbar ein paar Schnitte wieder aufbrechen lassen und meine Nachlässigkeit in punkto Vorsicht hatte wohl ein Übriges dazu getan. Es tat immer noch weh.

„Gut erkannt, ein weiser Entschluss! Bev wird sich um deine Verletzung kümmern. Da ist dein Temperament eindeutig mit dir durchgegangen, etwas, was tatsächlich eher mir ähnlich sähe als dir! Die Schnitte waren diesmal verdammt tief, es könnten durchaus Sehnen verletzt sein und sie kennt sich mit Vampirverletzungen aus. Sei froh, dass so was selbst bei uns noch ziemlich schnell heilt. Überleg dir, ob du nicht ein wenig Tier­blut trinken willst…“

Ich winkte ab und murmelte etwas von wegen, es sei weniger schlimm als es aussehe. Sie seufzte daraufhin, hakte mich unter und zog mich hinter sich her, sodass mir jetzt auch keine Wahl mehr blieb. Ich blickte noch einmal kurz zurück, dann folgte ich ihr notgedrungen und mit einem großen, schweren Stein im Magen!

 

 

 

Als er vorhin die Kinder durch die heute ziemlich angewachsene Schar von Passanten vor sich her gescheucht und gerade Simon ermahnt hatte, von der Fahrbahn zurückzutreten, hatte ihn ein eigentümliches Gefühl übermannt. Fast war es so, als ob unvermittelt und ohne äußeren Anlass eine Alarmglocke bei ihm losgegangen wäre! Instinktiv war er stehengeblieben, um sich umzusehen – im gleichen Moment, in dem irgendwer einen erschrockenen Ruf ausgestoßen hatte. Auf den ersten Blick waren da jedoch nur die Leute, die das heute seit langem noch einmal sonnige, trockene Wetter zu einem Einkaufsbummel nutzten oder zur Mittagspause nach draußen gegangen waren. Aber er hatte das seltsame Gefühl nicht abschütteln können! Er fühlte sich beobachtet und nahm daraufhin auch die andere Straßenseite in Augenschein.

Und dann hatte er sie entdeckt: Eine junge Frau mit einem langen, roten Zopf, der ihr über die Schulter nach vorne hing, mit blassem, entsetztem Gesicht und roter Farbe – Blut? – an der Hand. Sie stand nur da und starrte ihn an, als ob er der Höllenfürst persönlich wäre! Er konnte ihre Augen zwar nicht genau erkennen, aber auch so ahnte er, dass sich in ihnen wie in ihrem Gesicht Fassungslosigkeit spiegelte. Eine zweite Frau etwa gleichen Alters war von hinten an sie herangetreten und hatte sie offenbar in letzter Sekunde gewaltsam davon abgehalten, sich auf die Straße zu stürzen.

Was machten die da bloß?

Mit gerunzelter Stirn und immer noch unruhig – und zugleich verwirrt – fixierte er sie einen Moment lang. Erst als er mit einiger Verspätung registrierte, dass die Kinder sich bereits ein gutes Stück von ihm entfernt hatten, riss er sich, sein Unbehagen unterdrückend, gewaltsam los und folgte ihnen eiligst. Das Bedürfnis, sich mehrfach umzudrehen um… was zu tun? Sich abzusichern? Den Rücken freizuhalten? Wohl kaum! Jedenfalls bezwang er gewaltsam diesen Wunsch.

Kurz darauf entdeckten sie den Schulbus und nachdem sie die Kinder gemeinsam zur Eile angetrieben hatten, war der Fahrer so nett, sie alle an der nächsten Haltestelle zusteigen zu lassen.

Nachdem der Bus losgefahren war und die Hauptstraße kreuzte, meinte er, noch einmal kurz ihren roten Haarschopf zwischen den Schultern zweier Schülern hindurch gesehen zu haben, aber das bildete er sich sicher nur ein…

Er seufzte lautlos. Er war eindeutig urlaubsreif und hätte diese Samariterrolle als stundenweiser Ersatzlehrer ablehnen sollen! Was hatte er nur hier verloren?

 

IM HANDEL:

 

Band 14 schließt die Vampirreihe ab!

Im Buchregal (siehe oben) gibt es das 1. Kapitel als Lesehäppchen zum Appetit-holen. Es bleibt wie immer spannend und "romantasy"!

ISBN 978-3-7448-1642-7