KerstinPanthel

 

 

„Schatten des Jetzt“

 

Die Zweieinigkeit

 

 

 

Handlung, Namen und Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

 

 

 

© 2012 Kerstin Panthel. Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

 

‚Niemals darf Bruder gegen Bruder,

Schwester gegen Schwester,

dürfen Eltern gegen Kinder

noch Kinder gegen Eltern kämpfen!

Dies ist das höchste Tabu unter allen!’

 

 

‚So wie das Oberhaupt ein jeder Familie

für deren Wohlergehen

und Überleben verantwortlich ist,

ist er ihnen gegenüber bemächtigt,

Gehorsam von ihnen zu verlangen.

Tabu ist jeder Einspruch

und jede Feindseligkeit,

die die Familie auseinanderreißen würde…’ 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lieb ist wohl allen das Licht;

aber am liebsten denen,

die lange in finsterer Nacht wandelten.’

 

Bernhard von Clairvaux, 1091 - 1153,

französischer Zisterzienserabt und Theologe

 

 

 

 

 

‚Ein Teil der Heilung war noch immer,

geheilt werden zu wollen.’

 

Seneca, röm. Philosoph

 

 

 

Kapitel 1

 

 

Er wusste nicht, was ihn heute so lange in Fredericton aufgehalten hatte. Weder war ihm nach Gesellschaft und Menschentrubel noch nach Abwechslung oder Ablenkung. Abgesehen von ein paar Einkäufen, die er unbedingt hatte erledigen müssen und deren Reste er jetzt in einem wahrhaft riesigen Rucksack über eine Schulter geworfen trug, hatte er hier nichts verloren. Es war schon beinahe dunkel und eigentlich wollte er längst wieder auf dem Rückweg sein. Dorians Gefährtin Phoebe – genau genommen deren Mutter – hatte ihm für die Dauer seines Aufenthaltes das kleine, einsam gelegene ehemalige Haus ihrer Großeltern zur Verfügung gestellt.

Heute war er entgegen seiner Absicht länger hiergeblieben, war herumgestreift… und fand sich jetzt auf der Brücke wieder, reglos und geistesabwesend hinab auf den Fluss unter sich starrend. Offensichtlich hatte er auch darüber die Zeit vergessen.

Es war Anfang Mai, aber die in den letzten Tagen offenbar ungewöhnlich häufigen und schweren Regenfälle hatten den St. John River heftig anschwellen lassen. Umso mehr kamen ihm die Wassermassen, die jetzt unter ihm hindurchbrausten, vor wie sein eigenes Leben: Aufgewühlt und ungezähmt überbordend. Wie der Fluss durch die Regengüsse war er durch die unerwartete Begegnung mit seinem Jäger unvermittelt aus seinem ‚Bett’, seinem Gleichmaß herauskatapultiert worden. Es schien zwar keine absichtlich herbeigeführte Begegnung gewesen zu sein, aber er musste sich trotzdem fragen, was ihn dazu veranlasst hatte, nach seiner Flucht nicht nur vor seinem Jäger nicht schleunigst wieder seine selbst gewählte Einsamkeit zu suchen.

Er knurrte leise. Natürlich wusste er genau, weshalb nicht: Tatsache war, dass er sich bereits auf dem Weg nach Kanada befunden hatte, Dorian und Germaine hatten ihn kontaktiert und zu sich eingeladen. Und nach ihren Schilderungen war er tatsächlich neugierig geworden, zumal ihn ohnehin ein persönliches Anliegen früher oder später den Kontakt zu Dorian hätte suchen lassen. Zurzeit und in Anbetracht der Umstände eher später als früher, doch er glaubte, den Jäger erfolgreich abgehängt zu haben…

Nicht zuletzt war die Nachricht von Connor Braeden O’Donnels Tod im vergangenen Dezember auch für ihn ein schwerer Schock gewesen. Jetzt wollte er umso mehr wissen, was passiert war und was dahintersteckte.

Er schlug einen unauffälligen weil gemächlichen und gleichmäßigen Trab ein, um schneller zu seinem Auto zurückzukommen, warf dort angekommen den prall gefüllten Rucksack zu den anderen Einkäufen auf den Rücksitz, schlug die Tür zu, umrundete gereizt das Heck des Geländewagens und stieg ein. Zähneknirschend startete er den Motor, dann fädelte er sich in den fließenden Verkehr ein und gab Gas. Weg von den Menschen – Ruhe und Einsamkeit warteten auf ihn.

Und er hatte Hunger. Nein, er hatte Durst! Er würde bald schon wieder Tierblut benötigen. Am besten noch heute…

 

 

Die meisten Dinge aus dem persönlichen Besitz von Mrs. und Mr. Franklin George Forester hatte die Familie aus dem Haus entfernt. Wie üblich hatten die Hinterbliebenen den Großteil der Erinnerungsstücke unter sich aufgeteilt und den Rest verschenkt oder entsorgt. Das Haus, das nur aus Küche, Abstell- und Wirtschaftsraum und Wohn-Esszimmer im Erdgeschoss und drei kleinen Schlafzimmern samt dazugehöriger und noch kleinerer, beengter Bäder im oberen Stockwerk bestand, beinhaltete nur noch wenige Einrichtungsgegenstände – aber ihm war es eben recht! Er brauchte nicht viel und als er jetzt die Einkäufe in den Schränken verstaute und anschließend eine riesige Pfanne Rührei und Speck briet, musste er daran denken, dass auch er schon ähnliche Häuser entweder einfach unvermittelt Verlassen, niedergebrannt oder so leer und ihres Inhaltesberaubt zurückgelassen hatte.

Dreimal um genau zu sein, setzte er in Gedanken hinzu; die übrigen Male, in denen er einfach weitergezogen war, zählten nicht.

Er verzichtete darauf, einen Teller aus dem Schrank zu holen und löffelte im Stehen gleich aus der Pfanne, hin und wieder ein Stück Brot zum Auswischen benutzend. Der gröbste Hunger war rasch gestillt, aber das Verlangen nach etwas anderem blieb.

Nachdem er die Pfanne rasch abgespült hatte, zog er seine Jacke erneut über und trat vor die Tür. Hier draußen war es inzwischen stockfinster, aber seine Augen benötigten keine künstliche Beleuchtung. Es hatte durchaus Vorteile, ein Vampir zu sein.

Aber auch gravierende Nachteile: Das Leben währte lang! Zu lang!

Dorian hätte ihm jetzt sicherlich widersprochen, Germaine vermutlich ebenso. Und diese Phoebe hätte ihn wohl mit ihren Rehaugen groß angesehen und geschwiegen.

Aber keine seiner insgesamt drei Ehefrauen, die er im Laufe seines Lebens kennen- und liebengelernt hatte, hatte letztlich mit ihm das Blutritual durchgeführt – und so hatte er hilflos zusehen müssen, wie sie gestorben waren oder ihn irgendwann doch verlassen hatten! Was blieb war, dem jeweiligen Ort baldmöglichst den Rücken zu kehren, den Besitz und die Häuser zu verlassen oder zu verkaufen, die gemeinsamen Erinnerungen zurückzulassen…

Er biss die Zähne zusammen, schlug den Kragen seiner Jacke hoch und lief los. Vielleicht würde er Wild finden. Bestimmt sogar. Auf jeden Fall aber würde die Jagd ihn wie immer auf andere Gedanken bringen!

 

 

Am nächsten Morgen stand er schon früh wieder in der Küche, eine Tasse mit starkem, heißem Kaffee in der Hand, während er zum Fenster hinaussah. Der Himmel war immer noch wolkenverhangen, aber es sah so aus, als ob es wie angekündigt ab heute endlich wieder freundlicher werden würde.

Sein Jagdglück hatte ihn gestern nicht verlassen; er war zwar weit gelaufen, aber er hatte reichlich versprengtes Wild entdeckt. Tief in der Nacht erst war er wieder zurückgekehrt, vom noch tropfenden Laub und Unterholz völlig durchnässt, aber gesättigt und zufrieden. Für heute Nachmittag hatten Phoebe, Dorian und Germaine ihr Kommen angesagt und er war froh, dass er sich jetzt etwas besser fühlte als noch gestern.

Er sollte wohl die Wohnung ein wenig auf Vordermann bringen. Phoebe verband unangenehme Erinnerungen mit diesem Haus und dessen direkter Umgebung und er wollte seine Dankbarkeit für diese Unterkunft zumindest dadurch zeigen, dass er sie sauber und ordentlich hielt. Er wusste noch nicht,wo er sich für die nächsten Jahre niederlassen wollte, aber er fing an, sich in diesem einfachen Haus und der ruhigen Umgebung wohlzufühlen. Obwohl er es anders hätte haben können. Zum Teil sogar luxuriöser. In einem seiner leer stehenden Häuser, beispielsweise in Süd- oder Mittelamerika, den USA, Frankreich… Aber das würde bedeuten, sein Alleinsein gegen die Nähe zu anderen einzutauschen und das Risiko einzugehen, alten Bekannten über den Weg zu laufen, Vampiren. Oder besser einem ganz speziellen Vampir, der ihn in jedem einzelnen davon irgendwann aufgespürt, wenn auch nicht mehr angetroffen hatte.

Und für diese Begegnung war er noch nicht bereit, auch wenn er ihm vermutlich nicht bis ans Ende seiner Tage auszuweichen imstande war.

Ein Grund mehr, vorläufig die Einsamkeit zu bevorzugen, man wurde nicht so schnell gefunden. … Er würde all diese Häuser baldmöglichst verkaufen!

 

Am frühen Nachmittag hörte er, wie ein Auto über den holprigen Waldweg näher kam und trat vor die Tür, um sie zu erwarten.

Germaine sprang als erste aus dem Wagen und kam mit weit ausgreifenden, geschmeidigen Bewegungen auf ihn zu. Dorian und Phoebe folgten in wenigen Schritten Abstand.

„Hallo, Angus! Oder soll ich ab jetzt lieber Adrian sagen?“ Germaine lächelte bei diesen Worten.

„Das überlasse ich dir, wir sind schließlich alleine. Da ich zurzeit aber unter diesem Namen lebe, wäre es vielleicht einfacher. Hallo Germaine, schön, dass du mitgekommen bist! Du hast dich nicht verändert…“

„Ist das ein Insiderwitz? Wenn ja, muss er neu sein, ich kannte ihn noch nicht!“ grinste sie und er schmunzelte.

 „Also Adrian.“ Anstatt ihm die Hand zu reichen, umarmte sie ihn kurz, bevor sie zur Seite trat, um den anderen Platz zu machen.

„Dorian, Phoebe…“ nickte er ihnen zu.

Er bemerkte, wie Phoebe sich wie schon bei seiner Ankunft hier etwas unbehaglich vor dem Haus umsah und wie ihr Blick an der Treppe zur Haustür hängenblieb; Dorian hatte ihm erzählt, dass sie seit dem letzten Sommer nicht wieder hier gewesen sei. Offenbar hatte auch sie sich noch nicht allen Geistern der Vergangenheit gestellt…

Jetzt aber schien sie die Erinnerungen endgültig und entschieden abzuschütteln und kam nach einem entschlossenen Durchatmen die Stufen zur Veranda herauf, um ihm ebenfalls die Hand zu reichen. Und obwohl er sich nichts anmerken ließ, bildete er sich auch heute wieder ein, ihre geistige Präsenz leicht an der seinen vorbeistreichen zu spüren, bevor sie sich wieder komplett zurückzog. Aber er hatte sich ohnehin schon innerlich abgeschottet, sodass er keine neugierigen empathischen ‚Sondierungen’ zu befürchten brauchte. Mit ihrer Fähigkeit hatte sie ihn nur einmal – bei der ersten Begegnung vor einer knappen Woche – überraschen können!

Sie betraten nacheinander das Wohnzimmer und auch hier flog Phoebes Blick ein weiteres Mal kurz über das noch vorhandene Mobiliar, bevor sie neben ihrem Gefährten auf dem Sofa Platz nahm.

„Hast du dich schon ein wenig einleben können?“ fragte sie jetzt mit ihrer melodischen Stimme, der nichts von ihrer inneren Erregung anzuhören war. Sie hatte sich gut im Griff!

„Danke, es ist genau das Richtige für mich. Vorläufig jedenfalls.“ Er bemerkte selbst, wie abweisend sein Tonfall war und versuchte ein versöhnliches Lächeln. Es schien nicht sehr gelungen, denn Germaine schlug die Beine übereinander und musterte ihn.

„Ohne dir zu nahe treten zu wollen und ohne deinen Witz von vorhin aufzugreifen: Du hast dich verändert, seit ich dich zuletzt sah!“ meinte sie.

Ein mehr als deutlicher Hinweis darauf, dass sie entweder sein Benehmen oder sein Einsiedlerdasein meinte, denn sein Äußeres war seit langen Zeiten nahezu unverändert.

„Das ist das Leben, Germaine.“ erwiderte er ausweichend und bot ihnen etwas zu trinken an.

Dorian lehnte ab, aber die beiden so unterschiedlichen Frauen baten um etwas Wasser.

Germaine war unzweifelhaft Dorians Schwester: Sie war wie er groß und dunkelhaarig; darüber hinaus hatte sie eine sportliche Figur und die gleichen, beinahe schwarzen Augen, die die meisten Vampire besaßen – sie war eine auffallend schöne Frau. Phoebes Schönheit war anderer Natur: Jedem, der sie zum ersten Mal sah, fielen zuerst ihre großen, rehbraunen Augen auf, die einem bis auf den Grund der Seele zu schauen schienen! Was angesichts ihrer empathischen Befähigungen als ehemaliger Jägerin noch nicht einmal abwegig war. Auch sie hatte eine frauliche Figur, aber gleichzeitig wirkte sie zwischenden anderen Anwesenden fast elfenhaft zart und klein. Was ihrer Ausstrahlung jedoch kein Abbruch tat – im Gegenteil, sie hatte etwas an sich, das jedem sofort Vertrauen einflößte…

Weshalb er sich in ihrer Gegenwart nur noch mehr zurückhielt!

Er hatte im letzten freien Sessel Platz genommen, nachdem er ihnen Gläser und Wasser gebracht und eingeschenkt hatte. Jetzt beugte er sich ein wenig vor, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, die Hände gefaltet. Seit seiner Ankunft hier hatten sie sich noch nicht länger als wenige Minuten ungestört unterhalten können. Bislang. Phoebes Mutter wusste zwar inzwischen um die Existenz von Vampiren und Jägern, aber sie war bei weitem nicht in alles eingeweiht, was diese komplizierten Verhältnisse anging. Und sie hatten ihm zunächst etwas von der Ruhe und Abgeschiedenheit gegönnt, die er hiersuchte – was er nun zur Sprache brachte und sich dafür bedankte.

„Keine Ursache! Es ist gut, dass das Haus wieder bewohnt wird…“ erwiderte Phoebe.

„Aber deshalb habt mich nicht hierher eingeladen und seid heute hergekommen!?“ Es war mehr Feststellung als Frage und er setzte sofort nach. „Ich könnte mir vorstellen, dass ihr die näheren Umstände meiner Beinahe-Begegnung mit meinem Jäger erfahren möchtet.“

Dorian nickte. „Das auch.“

„Ich… nein, wir hatten gewaltiges Glück, dass es inmitten einer großen Menschenmenge passierte und wir beide nicht so konnten, wie wir unter Umständen gewollt hätten! Ich hatte keine Ahnung, dass er sich zur gleichen Zeit wie ich in London aufhalten würde. Heathrow Airport, ich wollte gerade einchecken. Er hat sich mir von hinten genähert… und hätte mir beinahe meine Sinne geraubt. Ich habe es gerade so eben noch geschafft, mich draußen in ein wartendes Taxi zu stürzen und ihm zu entkommen. Wenn auch ohne meinen Koffer. Auch wenn dieser keine persönlichen Papiere enthielt, den Namen Walter Darwin brauche ich jetzt nicht mehr zu verwenden! Und ein paar andere, die ich auf dem Weg hierher benutzt habe, auch nicht mehr.“

Er konnte nicht verhindern, dass sein Blick kurz zu Phoebe wanderte. Sie bemerkte es und verzog das Gesicht.

„Abgesehen davon, dass sie sich ohnehin nicht einmischen dürfte: Phoebe ist neutral – wie Germaine und ich auch!“ erinnerte Dorian ihn; auch er hatte den kurzen Blickwechsel bemerkt.

„Ich weiß. Euer Blutsbund. Tabu aller Familienangehörigen und aller anderen eurer Art, mit Ausnahme derer, die noch… Menschen jagen… Du hast es mir erklärt…“

Obwohl er um die Verbindlichkeit ihres Bundes wusste, blieb immer noch ein winziger Rest von… Unbehaglichkeit? Misstrauen? Nein, Letzteres nicht, er vertraute seinen alten Freunden blind. Aber er konnte dieses Gefühl Phoebe gegenüber nicht einfach so abschütteln, so sehr er sich bemühte. Noch nicht zumindest.

‚Du denkst schon so wie dein Vater!’ ging ihm durch den Kopf bevor er jeden weiteren Gedanken an diesen erst einmal von sich schob, um sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Das hatte Zeit bis später.

„Er hat dir die Sinne geraubt?“ Germaine sah ihn besorgt an. „Was soll das bedeuten?“

„Beinahe nur. Es muss seine Fähigkeit sein, aber auch er war wohl überrascht von meiner Anwesenheit. Ich glaube wie gesagt nicht, dass er gezielt auf der Jagd nach mir war. Diese Begegnung war vermutlich aber auch kein reiner Zufall, denn es wäre schon ein sehr großer Zufall! Er lebt in Schottland und ich wähnte ihn dort. Und ich bin mir deshalb nicht sicher, was seine Absichten angeht. Es spricht nur eines deutlich gegen einen gezielten Angriff: Er wäre ganz sicher anders vorgegangen und hätte mich wohl kaum in der Schlange vor einem Flughafenschalter gestellt, sondern eine Begegnung an einem anderen Ort herbeigeführt und mich nicht halbherzig attackiert – was mir natürlich die Chance zur Flucht gab.

Um deine Frage zu beantworten: Ich war kurze Zeit fast blind und taub und nur mein Orientierungs- und Geruchssinn haben mich aus dem Gebäude herausfinden lassen. Er wusste also zumindest, was er tat, auch wenn er diesmal wohl nur zum Selbstschutz und zum – völlig unnötigen! – Schutz der Menschen um uns herum agierte. Ich frage mich nur, weshalb ich ihn nicht früher ausgemacht habe… Ich habe wohl in meiner Wachsamkeit nachgelassen; etwas, was mir garantiert nicht noch einmal passieren wird!“

„Bist du ihm früher schon einmal begegnet?“

„Nein. Er ist jung, aber stark… Und ich bin sicherheitshalber über fünf Länder gereist und habe fünfmal meine Identität gewechselt, um ihn abzuhängen. Die kanadische Grenze habe ich darüber hinaus unbemerkt und bei Nacht überquert, meine Spuren sind verwischt, alle! Außer euch weiß nun nur einalter Freund meiner Mutter, bei dem ich vor meiner Ankunft hier zwei Nächte zugebracht habe, wo ich mich jetzt befinde und für den lege ich meine Hand ins Feuer.“

„Weiß Ashton schon davon? Von deiner Jägerbegegnung, meine ich.“

Er verzog das Gesicht bei der Erwähnung seines Vaters. Kurz angebunden antwortete er: „Ich habe ihm an üblicher Stelle eine Nachricht hinterlassen – eine entsprechend abgefasste Zeitungsannonce in den größten Zeitungen Europas und Amerikas. Aber ich bezweifle, dass er dem Jäger nachsetzen wird, er ist… anderweitig beschäftigt!“

Phoebe war blass geworden. Offenbar hatte sie –trotz der eigenen einschlägigen Erlebnisse – noch keine so direkte und ungebremst aggressive Konfrontation zwischen Jäger und Vampir miterlebt. Oder es war Teil ihres Jägerdaseins – ihres ehemaligen Jägerdaseins –  dass sie so reagierte, wenn ein Vampir auf diese Weise von anderen Jägern sprach.

„Ashton hat also seine Ansichten über Menschen, Jäger und Eingeweihte in all den Jahren nicht revidiert!“ stellte jetzt Dorian fest.

„Nein. Das, was dich und Phoebe verbindet, ist in seiner Welt… ein Frevel. Höflich ausgedrückt!“

„Darf ich dich etwas fragen?“ ließ sich da Phoebe wieder vernehmen. „Aber ich möchte dir oder deinem Vater nicht zu nahe treten!“

„Frag!“ meinte er nur.

„Ashton… Er ist wie du ein reinrassiger Vampir. Wovon… lebt er?“

Ein dunkler Schatten huschte über sein Gesicht. Mit dieser Frage hatte er spätestens jetzt gerechnet. „Hat Dorian dich nicht über ihn aufgeklärt? Er nutzt nur in Ausnahmefällen tierisches Blut – nur dann, wenn er aus irgendwelchen Gründen nicht an menschliches Blut kommen kann… und das ist ausgesprochen selten. Manchmal bricht er nach meinen Informationen auch in die Blutbanken von Krankenhäusern oder ähnlichen Institutionen ein und deckt dort seinen Bedarf an Vorräten, aber für gewöhnlich… legt er nur zu bereitwillig jegliche Hemmungen ab und… gibt seinem Durst nach frischem menschlichem Blut nach. Er genießt es viel zu sehr! Wenn er diese ‚Gepflogenheiten’ in den vergangenen knapp hundert Jahren, da ich ihm zuletzt persönlich gegenübergestanden habe, nicht geändert hat. Das ist es, was du wissen wolltest, oder?“

„Du hast dich tatsächlich verändert, An… Adrian! Du bist schonungslos offen!“ Dorians Stimme klang hart und missbilligend und er sah, wie seine Hand kurz die Hand seiner Gefährtin drückte.

„Schon gut, wirklich!“ meinte diese. „Ich glaube, er wollte mich nur testen, oder?“

Er hob anerkennend und erstaunt zugleich die Augenbrauen. Offenbar war sie härter im Nehmen als ihr Äußeres annehmen ließ! Und auf den Kopf gefallen war sie ebenfalls nicht.

„Ich entschuldige mich, wenn ich zu offen war! Aber in Anbetracht dessen, weshalb wir alle hier sind, gehört Offenheit wohl dazu.“

„Solange sie die Gefühle anderer nicht verletzt, ja!“

„Dorian, du warst es, der mich hierher eingeladen hat, um mir die angeblichen Vorteile von friedlichen Verbindungen mit… der Gegenseite schmackhaft zu machen! Auch wenn ich nicht weiß, wie das in meinem speziellen Fall gehen soll – ich kann meinen Jäger wohl kaum heiraten!“

„Richtig, aus diesem Grund haben wir dich hergebeten. Aber ich frage mich gerade, ob du überhaupt dazu bereit bist, uns anzuhören!“

„Ich bin hier, oder? Das sagt wohl genug aus über meine Bereitschaft!“

„Ich weiß es nicht, sag du es mir!“

Sie fixierten sich eine Weile gegenseitig, dann hörten sie, wie Phoebe schnaubte. „Männer! Ich sollte wohl mal das Fenster öffnen, um die dichten Testosteronschwaden aus diesem Zimmer zu lassen! Wie so manch anderes scheint ihr Vampire auch davon ein bisschen zu viel zu haben…“

Germaine kicherte und selbst auf Dorians Gesicht schlich sich so etwas wie ein kleines Schmunzeln.

Er lehnte sich zurück und versuchte, sich zu entspannen. Woraufhin auch Dorian eine etwas weniger verkrampfte Haltung einnahm.

„Rambo eins und zwei! Ihr solltet euch mal sehen! Hat einer von euch überhaupt daran gedacht, dass ihr nicht die Einzigen seid, die in diese Sache involviert sind? Und daran, dass dies bereits zwei Opfer gefordert hat? Ich glaube, Connor dreht sich gerade im Grab herum!“

Phoebe war eindeutig mehr als eine zarte Elfe! Ihre Augen sprühten regelrechte Funken bei dieser Bemerkung  und er ertappte sich tatsächlich dabei, dass er insgeheim wie ein gescholtenes Kind schluckte.

„Connor… Du hast vollkommen Recht und ich entschuldige mich in aller Form! Bitte, erzählt mir, was da in Irland passiert ist, wie er gestorben ist!“ meinte er bedrückt und legte seine Hände auf die Lehnen des Sessels.

Ein Kloß war bei der Erwähnung dieses Namens in seinem Hals entstanden und im Augenblick war alles andere vergessen. Connor Braeden O’Donnel war wahrscheinlich sogar noch etwas älter gewesen als Neill O’Brian und beinahe so alt wie Ashton, einer der ältesten Vampire, die er kannte… und ein besserer Freund als Ashton ihm je ein Vater gewesen war…

Dorian holte tief Luft, bevor er und Phoebe mit leisen Stimmen von den Ereignissen im Dezember des vergangenen Jahres zu erzählen begannen – von Rhiannon O’Brian, die in Irland in der Person von John Aidan Dwyer sowohl ihrem Jäger und Eingeweihten als auch dem ‚geistigen Echo’ ihrer ehemaligen Liebe aus ferner Vergangenheit begegnet war. Wie die beiden sich gegen alle Zwänge und trennenden Gewalten ‚wieder’ ineinander verliebt hatten und wie der innere Widerspruch Aidan zuletzt beinahe zerrissen und Rhiannon fast das Leben gekostet hatte, wenn sich nicht in letzter Sekunde Connor zwischen die Macht des Jägers und sein Ziel geworfen und sich  selbst dadurch geopfert hätte!

Zutiefst erschüttert lauschte er der eingehenden Schilderung der beiden, die mit eigenen Augen und doch machtlos diese Vorgänge hatten mit ansehen müssen! Auch er kannte  Rhiannon persönlich und konnte sich vorstellen, was es sie gekostet haben musste, widerstandslos die Attacken ihres Jägers über sich ergehen lassen zu müssen und mit anzusehen, wie einer ihrer besten und nächsten Freunde für sie in den Tod gegangen war.

„Connor wusste genau, was er tat, als er die Kräfte des Jägers auf sich zog! Er wusste um den Preis, den er dafür würde zahlen müssen – und um den Preis, um den er mit dem Einsatz seines Lebens kämpfte: Frieden zwischen den kriegführenden Mächten!“

„Es war nicht sein Kampf, nicht sein Jäger…“ murmelte er verzweifelt und starrte ins Leere. Seine Hände verkrampften sich um die Lehnen.

„Es war sein Kampf! Nicht gegen seinen eigenen Jäger, aber für seine Familie und als Beispiel für die Veränderungen, die die Vampire durchlaufen und erfahren haben! Und er hat nicht gekämpft, er hat sich ihm gegenüber passiv verhalten, sich freiwillig geopfert! Willentlich! Ich glaube nicht, dass andernfalls eine Einmischung von den Mächten überhaupt geduldet worden wäre.

Und, Adrian, an diesem Abend waren Mächte anwesend, die dieses selbstlose Opfer angenommen und anerkannt haben und für die Verbindlichkeit des Friedensbundes einstanden! Es hätte später nicht einmal mehr der beiden Blutrituale zwischen Aidan und Rhiannon und uns beiden bedurft, um dies zu besiegeln.“

Er hob den Kopf und sein eben noch gramvoller Gesichtsausdruck wich offener Skepsis.

„Er glaubt dir nicht!“ murmelte Phoebe und erntete einen raschen, misstrauischen Blick.

Sie schnaubte. „Nein, ich bin nicht in deinem Kopf! Mit dieser Unterstellung beleidigst du mich und meine Intelligenz, denn dazu brauche ich keine Empathie, das sieht ein Blinder!

Ich könnte es dir zeigen, aber du bist eindeutig noch nicht bereit dazu. Alles, was ich von dir – passiv! – empfange, sind Mauern, Adrian! Und ich bin nicht gewillt, gegen Mauern anzurennen. Ich habe auch keine Ahnung, was in der Vergangenheit dich so verbittert hat, dass du dich dazu gezwungen fühlst, dich derart abzuschotten. Dazu kenne ich dich zu wenig. Aber ich anerkenne, dass du dennoch hierhergekommen bist, denn das lässt zumindest vermuten, dass auch du dich nach etwas Anderem sehnst als du bisher erlebt hast!“

Sie seufzte und runzelte kurz die Stirn, bevor sie fortfuhr: „Wie dem auch sei, du bist hier herzlich willkommen! Und sei versichert, dass du alle Zeit der Welt hast…“, hier zuckte sie mit einemwinzigen Lächeln die Schulter, „…um dir zu überlegen, ob und wann du einen Schritt weitergehen willst. Du weißt, wo du uns finden kannst. Und was immer du brauchst, wir sind da…“

Diese kleine, zierliche Person hatte sich bei den letzten Worten vom Sofa erhoben und war, die Blicke der beiden anderen Besucher ignorierend, auf ihn zugetreten. Jetzt legte sie mit einer kurzen tröstenden Geste ihre Hand auf seine Schulter.

„Ich verstehe dich besser, als du glaubst.“ sagte sie leise. „Innere Dämonen sind nicht leicht zu bekämpfen. Wenn du soweit bist… ich bin gerne bereit, dir zu helfen…“

Dann wandte sie sich wieder an Dorian und Germaine. „Wir sollten Adrian jetzt alleine lassen, ich glaube, er hat über vieles nachzudenken!“

Ungläubig verfolgte er, wie beide sich widerspruchslos erhoben und ihr nach einer kurzen Verabschiedung zur Eingangstür folgten.

„Ach, und Adrian?“ wandte sie sich an der Tür noch einmal um, „Du kennst Beverly, Connors Witwe? Sie lässt dich herzlich grüßen. Sie ist gerne bereit, mit dir zu reden. Und… sie erwartet im Sommer ein Kind. Mit etwas Glück John oder jetzt vielmehr Aidan Connor junior…“

 

 

˜ ™

 

 

„Phoebe, wir haben ein Problem! Edith hat mich vor ein paar Minuten angerufen, Eve ist auf dem Weg hierher, sie will die Semesterferien hier verbringen, in Grandpas Haus. Edith und Sam sind der Meinung, dass, wenn es nicht bewohnt ist, wir uns um dauerhafte Mieter oder um dessen Verkauf kümmern sollen. Auch weil Eve und du das Geld für euer Studium gut gebrauchen könntet – sie wissen ja nicht, dass du ja jetzt… keine Studentin mehr bist. Und was machen wir mit… Adrian?“

Die Aufregung über und Ungeduld mit ihrerVerwandtschaft klang selbst durch den Lautsprecher ihres Handys. Auch wenn sie die Verwunderung ihrer Mom teilte, holte sie sofort tief Luft, um diese zu beschwichtigen. „Keine Panik, Mom! Germaine wollte sowieso in ein paar Tagen nach Irland aufbrechen; sie will Beverly bis zur Geburt und auch danach gemeinsam mit Ellen und Roy noch ein wenig beistehen und wird sicher nichts dagegen haben, ihren Flug ein wenig vorzuverlegen. Dann kann Eve auch zu uns kommen. Für Adrian ist es zurzeit enorm wichtig, dass er sich so gut es eben geht zurückziehen kann. Wann wird sie denn hier eintreffen?“

„Ich könnte Edith den Hals umdrehen! Eve sitzt bereits im Flieger, ich rechne damit, dass in etwa zwei Stunden ein Taxi vor unserer Haustür stehen wird… Ich habe mir soeben den Rest des Tages freigenommen – und das, obwohl zwei Leute aus unserem Büro krank geworden sind…“ Ihre Stimme klang hektisch.

„Das ist unnötig. Bleib, wo du bist, ich werde auf sie warten und sie erst einmal mit zu uns nehmen.“

„Dein Zimmer ist doch auch noch frei.“

„Und ihr beide seid den ganzen Tag arbeiten und sie wäre alleine hier! Nur die Ruhe, wir machen es erst einmal so, wie ich sagte. Dann können wir immer noch weitersehen.“

Sie hörte ihre Mutter seufzen. „Wie du meinst, Liebes! Dann sehen wir uns heute Abend? Ich mache auf jeden Fall pünktlich Schluss.“

„Klar, kommt vorbei! Bis dann.“

„Bye!“

Kopfschüttelnd beendete sie das Gespräch, dann rief sie nach Germaine und Dorian, um ihnen die Neuigkeiten mitzuteilen.

Dorian gab ihr stirnrunzelnd einen Kuss auf die Nasenspitze, Germaine nahm die Angelegenheit wie erwartet gelassen und griff sich sofort ihr Handy, um sich nach dem nächstmöglichen Flug zu erkundigen.

„Du hast in eine unmögliche Familie hineingeheiratet!“ murmelte Phoebe und wandte sich ab.

„Ich weiß.“ grinste ihr Gefährte und umarmte siezärtlich von hinten.

„Falsche Antwort, Vampir! Die Richtige hätte lauten müssen: ‚Aber nein, sie sind alle so liebenswert und…“

Er drehte sie in seinen Armen zu sich herum und verschloss ihren Mund mit seinen Lippen.

„Oder so!“ lächelte sie, als er sie wieder freigab.

„Wenn es ein Problem damit gibt, dass Adrian weiterhin das Haus deines Grandpas bewohnt…“

„Nein, kein Problem! Tante Edith und Onkel Sam haben sich all die Jahre – und auch in den letzten Monaten – nicht darum geschert, was einmal damit geschehen soll. Adrian ist ein Mieter wie jeder andere auch, also entsprechen wir sogar ihren Wünschen. Und Eve hätte vorher nur anzurufen brauchen… so herzlich willkommen sie mir auch ist. Ich freue mich schon auf sie, ich wundere mich nur über diesen überraschenden Überfall. Das sieht ihr so gar nicht ähnlich, ganz im Gegenteil…“

„Erzähl mir von ihr.“

„Sie ist ein gutes Jahr älter als ich. Wir haben leider nur noch wenig Kontakt zu ihnen; sie leben in Arizona, wie du weißt. Aber ich bin immer unglaublich gut mit ihr ausgekommen; sie hat, oft zusammen mit ihrer Schwester Grace, früher stets einen großen Teil ihrer Sommerferien und oft auch ein paar Tage über Weihnachten bei Grandma und -pa verbracht. In dieser Zeit waren wir immer unzertrennlich! Sie ist eine sehr selbstbewusste Person, die weiß, was sie will. Früher einmal also das genaue Gegenteil von mir. Du wirst ja sehen… Ich frage mich nur, was sie auf den Gedanken bringt, so plötzlich und unverhofft hier aufzukreuzen. Das ist, als ob ein Faultier spontan auf einen Tisch springen und einen Stepptanz aufführen würde! Nicht, dass Eve ein Faultier wäre, aber Eve und Spontaneität sind wie Feuer und Wasser. Ich sollte wohl mit meinen bildhaften Vergleichen aufhören…“

„Wie du schon sagtest, wir werden ja sehen.“

Germaine hatte ihr Telefonat beendet und betrat wieder das Wohnzimmer. „Ich habe noch ein Ticket für heute Abend bekommen. Leider nur Businessclass… das wird eng!“

„Du Ärmste!“ bedauerte Dorian sie spöttisch.

Sie streckte ihm die Zunge heraus und meinte dann:„Dann werde ich wohl mal meine Koffer packen!“

„Und ich richte Eve anschließend dein Zimmer her.“ seufzte Phoebe und folgte ihr rasch. „Germaine, macht es dir wirklich nichts aus, schon jetzt zu fliegen? Ich habe das einfach so über deinen Kopf hinweg entschieden und es ist schließlich dein Zuhause…“

„Deines ebenfalls! Du machst dir wie immer viel zuviele Gedanken, Phoebe! Ob ich nun heute oder erst in drei Tagen fliege… Ellen, Roy und Beverly werden sich sicherlich freuen, wo ich doch im Dezember schon nicht…“ Sie brach ab, als sie sich daran erinnerte, was im Dezember passiert war…

Ihre Augen verdunkelten sich vor Trauer und Selbstvorwürfen und Phoebe schob schnell die Tür hinter sich zu.

„Egal, was ihr alle sagt, ich hätte da sein sollen! Gerade ich hätte da sein sollen! Aber ich wusste nicht, wie ich ihnen in die Augen hätte sehen sollen, nachdem Connor… Ich war so feige und hilflos!“

Phoebe lächelte gequält, dann fiel sie ihrer Schwägerin um den Hals. „Ich weiß genau, dass auch sie eine Zeit für sich brauchten, um mit den veränderten Gegebenheiten zurechtzukommen, sich da reinzufinden. Es war richtig, Germaine, und sie verstehen, warum du noch nicht bereit warst, wirklich! Wenn man wie du so lange Zeit an einem Ort mit bestimmten Personen so viel erlebt hat und dann dorthin zurückkehren soll und jemand Wichtiges fehlt…

Jeder von uns muss mit seiner Trauer auf seine Weise umgehen. Keiner von ihnen hat dir auch nur den geringsten Vorwurf gemacht und sie freuen sich schon sehr auf dich! Alle! Du wirst jetzt für sie da sein…

So, und jetzt komm, ich helf dir Koffer packen. Nach unserer Rundreise im vergangenen Jahr bin ich Profi darin…“

 

˜ ™

 

Eine ganze Reihe Taxis stand wartend vor dem Flughafen und ich geriet glücklicherweise an eine freundliche Fahrerin, die ich auf Ende Dreißig schätzte. Breites Grinsen, breite Frisur und breiter Dialekt.

„Okay, Mädchen, wo soll es denn hingehen?“

Ich nannte ihr mein Ziel in Bedford, hievte mit ihrer Hilfe meine beiden Reisetaschen und meinen Laptop in den Kofferraum und warf mich auf den Rücksitz. Strahlender Sonnenschein und milde Temperaturen hatten mich bei der Landung empfangen; derMai hielt jetzt auch hier offenbar vollen Einzug.

Der Wagen wackelte, als die Fahrerin sich auf ihren Sitz fallen ließ und die Tür hinter sich zuzog. „Na, dann wollen wir mal! Zum ersten Mal hier?“

„Nein, im Gegenteil. Ich habe Verwandte hier, die ich besuchen möchte.“ antwortete ich höflich.

Ich hatte es Mom überlassen, meiner Tante telefonisch von meinen überstürzten Plänen zu erzählen. Und überstürzt waren sie, zumindest für meine Begriffe! Zumhundertsten Mal kontrollierte ich, ob die Ärmel meines dünnen, weichen Pullovers die blutunterlaufenen Abdrücke an beiden Handgelenken noch verdeckten, dann erst begann ich mich zu entspannen und lenkte meine Gedanken in eine andere Richtung.

Tante Reggie – Regina –war erst im vergangenen Herbst mit ihrem neuen Ehemann Ian bei uns und Onkel Sams Familie zu Besuch gewesen. Während ihrer Hochzeitsreise mehrere Wochen nach Grandpas plötzlichem Tod. Auch Phoebe war inzwischen verheiratet, sie und Dorian Pollos hatten sich am gleichen Tag trauen lassen.

Phoebe! Verheiratet! Ich war sprachlos gewesen, als ich diese Nachricht von ihr erhielt! Ich war erneut verstummt, als ich meine Cousine auf den Fotos, die Tante Reggie und Ian mitgebracht hatten, neben ihrem Mann wiedererkannte. Und ich war – fast! – ein wenig neidisch, als ich eingehend ihr glückliches Gesicht darauf betrachtet hatte. Meiner Ansicht nach wurden Bilder den Emotionen der abgelichteten Menschen niemals gerecht, aber sie hatte neben ihrem großen, dunkelhaarigen Mann so… unglaublich strahlend gewirkt und da hatte etwas in ihren Augen gelegen…

Jetzt bewohnten sie nach Auskunft von Tante Reggie gemeinsam Dorians Haus in der ‚direkten‘ Nachbarschaft meiner Tante. Ihn selbst hatte ich nur einmal kurz von weitem zusammen mit einer mir fremden Frau gesehen, als ich Phoebe im September des letzten Jahres im Krankenhaus besucht hatte – unmittelbar nach Grands Beerdigung.

Noch so etwas, was unsere Familie überraschend getroffen hatte. Nicht, dass Phoebes Hochzeit in diese Kategorie gehörte! Aber Grands unerwarteter Tod… Tante Reggie hatte uns damals auf dem Laufenden gehalten nachdem er in ein für alle unerklärliches Koma gefallen war, doch laut der Ärzte hatte nichts darauf schließen lassen, dass… es so bald zu Ende gehen würde. Er war in organischer Hinsicht kerngesund gewesen. Und dennoch…

Onkel Sam war danach noch ein oder zwei Tage geblieben, aber wir mussten am Abend nach Grands Beerdigung gleich wieder zurückfliegen und hatten nur für einen kurzen Besuch an ihrem Krankenbett Zeit gehabt. Noch heute schlug deshalb mein Gewissen, schließlich hatten Phoebe und ich uns einmal sehr nahegestanden. Beinahe näher als meine Schwester Grace und ich!

Und jetzt war ich unterwegs zu ihr, um hoffentlich für eine kleine Weile eine Auszeit nehmen zu können. Oder besser gesagt, Abstand zu gewinnen, im wahrsten Sinne des Wortes!

Ich zog zum hundertundeinsten Mal an meinen Ärmeln, die mittlerweile schon hoffnungslos ausgeleiert waren und jetzt bis zu den Ansätzen meiner Finger reichten.

Gut so!

Die Fahrerin drehte das Radio auf und fragte dann erst, ob ich etwas gegen ein wenig Musik habe. Ich verneinte und sah aus dem Fenster, während Joe Cocker sein ‚…up where we belong’ sang. Ich mochte seine kratzige Stimme und amüsierte mich insgeheim, als die Fahrerin laut, falsch und ungehemmt mitsang.

 

Die Fahrt nach Bedford war schnell vorüber; als wir in die Straße am Ortsrand einbogen, wo Reginas und Ians Haus stand, sah ich schon von weitem Phoebes blonde Haare in der Sonne glänzen. Sie saß auf der Treppe vor dem Haus und genoss offenbar die Wärme, erhob sich jedoch beim Anblick des herannahenden Taxis und winkte überschwänglich.

Sie hatte sich nicht verändert und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Bis zu diesem Augenblick hatte ich nicht gewusst, wie sehr ich sie vermisst hatte!

Rasch holte ich die Geldbörse aus meiner Handtasche, rundete den Betrag um ein angemessenes Trinkgeld auf und stolperte aus dem Wagen.

Ich hatte wegen meines überraschenden Erscheinens ganz sicher nicht mit einem Blasorchester zur Begrüßung gerechnet, aber ebenfalls nicht mit Phoebes mehr als seltsamer Reaktion auf mich! Während ich um das Auto herumlief und sie anstrahlte, sah ich, wie ihre ausdrucksvollen Augen mit einem Mal noch größer wurden und sie heftig die Luft einsog. Dann wurde ihr Blick für eine Sekunde schon fast bohrend, bevor sie ausatmete und mich wie zuvor anlachte. Und obwohl ihre Stimme warm und herzlich klang, schwang unterschwellig noch etwas Anderes darin mit.

„Eve, hi! Gott, ist das schön, dich wiederzusehen! Lass dich umarmen, ich freu mich so unglaublich!“ kam sie mir entgegen.

Ich lächelte immer noch, wenn auch etwas verwirrt über ihre anfängliche Miene, und wir fielen uns heftig in die Arme, während die Taxifahrerin breit grinsend bereitwillig die Taschen aus dem Kofferraum auf den Gehsteig stellte und sich verabschiedete. Gerade noch rechtzeitig löste ich mich von Phoebe, um ihr zu danken und weiterhin gute Fahrt zu wünschen, bevor ich mich wieder umdrehte. Sie ließ mich nicht mal zu Wort kommen!

„Es ist so toll, dass du uns besuchen kommst! Du hast Semesterferien? Wie war dein Flug? Wie geht es dir? Du siehst müde aus. Komm erst einmal mit, du bist nämlich bei Dorian und mir untergebracht.“ hob sie pausenlos redend eine der Reisetaschen an und griff nach der Tasche mit dem Laptop. Aber ich war schneller.

„Lass mal, ich mach das schon. Ich glaube, ich bin ein klein wenig kräftiger gebaut als du. Aber warum soll ich bei euch wohnen? Ich dachte, Grandpas Haus steht sowieso leer und wollte morgen oder übermorgen dorthin übersiedeln...“

„Lange Geschichte! Wir haben vor ein paar Tagen das Haus einem alleinstehenden Mann zur Verfügung gestellt. Er will es mieten – zunächst einmal vorübergehend.  Für wie lange kann er noch nicht absehen. Mom ist noch nicht dazu gekommen, es mit deiner Mom und Onkel Sam zu bereden, aber wir hatten auch nicht damit gerechnet, dass es so eilig werden könnte, darüber zu entscheiden.“

„Oh! Nein, das ist es auch nicht! Ich fürchte, ich bin der Grund für das ganze Chaos. Mom wusste bis heute früh noch nichts von meinen spontanen Reiseplänen und Grandpas Haus ist mir erst heute Morgen eingefallen. Alles andere ist noch in der Schwebe, also macht euch deshalb keine Gedanken, wenn meine Unterbringung bei euch okay ist. Und mein Flug war ganz in Ordnung, danke.“

Wir gingen nebeneinander die Straße hinunter und ich sah aus dem Augenwinkel, wie sie mir erneut einen forschenden Blick zuwarf. Eilig fuhr ich fort: „Mom denkt, dass die Vermietung oder der Verkauf ‚unsere Studienfonds ein wenig aufbessern könnte’. Ihre Worte, nicht meine.“

„Ähm… Ich habe mein Studium abgebrochen!“ meinte Phoebe da.

Ich starrte sie erstaunt von der Seite an. „Echt? Du hast… Aber du hast doch erst im letzten Herbst damit angefangen!“

Noch eine Überraschung,von der ich nichts wusste! Und ich war ziemlich sicher, dass auch Mom von Tante Reggie nichts Diesbezügliches gehört hatte.

„Richtig, aber da wusste ich auch noch nicht, dass ich so bald heiraten würde. Dorian und ich wollen erst einmal ein wenig Zeit miteinander und mit ein paar Reisen zu seinen Bekannten und Freunden in aller Welt verbringen. Aber das ist auch eine lange Geschichte… Da ist er!“ lächelte sie glücklich.

Ich sah, wie seine große, kräftige Gestalt sich aus dem Schatten eines der jüngeren Häuser in der Straße löste. Es war eindeutig der Mann, den ich vor der Klinik und auf Reggies vielen Fotos gesehen hatte – und der in natura und aus der Nähe betrachtet die Gegensätze zu meiner zierlichen Cousine nur noch mehr hervorhob.

Er war so dunkel und kräftig wie sie blond und zart war! Seine Augen schienen fast schwarz unter seinen ebenfalls schwarzen Augenbrauen und er wirkte ungeheuer energiegeladen als er jetzt mit weit ausgreifenden, federnden Schritten auf uns zukam. Selbst ich musste noch ein klein wenig die Augen heben, um in seine schauen zu können und ich war nicht eben die Kleinste!

„Herzlich willkommen, Miss Garvin. Ich bin Dorian. Schön, dass wir uns endlich persönlich kennenlernen!“ begrüßte er mich ziemlich formell.

So zurückhaltend er sich mit diesen Worten auch gab, sein Händedruck war angenehm fest und seine Stimme warm und sympathisch. Dennoch wirkte er fast ein wenig einschüchternd auf mich und ich musste erst einmal schlucken, bevor ich antwortete: „Ähm… geht mir genauso! Und bitte, ich bin Eve. Wir… sind doch jetzt alle irgendwie Familie…“

„Also Eve!“ nickte er mit einem herzlichen Lächeln, nahm erst mir, dann Phoebe die Taschen ab, die er mühelos in eine Hand nahm und deutete dann auch auf den Laptop. Bereitwillig überließ ich ihm auch diesen. Unterdessen war eine weitere Person aus der Tür getreten: Eine Frau, die nur seine Schwester sein konnte – die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Sie war die Frau, mit der ich ihn vor dem Krankenhaus gesehen hatte.

„Das ist Germaine, meine kleine Schwester.“ deutete er im Weitergehen mit einem Kopfnicken.

Ich sah, wie die so Titulierte eine Augenbraue hob; offenbar hatte sie ihn gehört.

„Von wegen ‚kleineSchwester’! Ich glaube, ich habe dir lange nicht mehr gezeigt, woher der Wind weht!“ Sie kam uns entgegen und reichte mir ihre Hand. „Hallo! Du musst Eve Garvin sein. Schön, dich kennenzulernen, auch wenn unser Treffen gleich schon wieder vorbei ist. Ich bin sozusagen im Aufbruch.“

„Hi…“ murmelte ich ein wenig überfahren. „Im Aufbruch?“

Doch wohl hoffentlich nicht wegen mir! Als sie nickend bejahte kam es mir für einen kurzen Augenblick tatsächlich so vor, als ob sie meinen Gedanken beantworten würde, aber sie wandte sich an ihren Bruder, bevor ich nachhaken konnte.

„Ich werde mich jetzt schon auf den Weg machen, denn ich will vorher noch bei Adrian vorbeisehen und mich verabschieden.“

Fragend sah ich also Phoebe an. Die hatte bei ihren Worten die Stirn in Falten gelegt.

„Du willst schon los?“

„Jepp! Ich weiß ja noch nicht, wann ich wieder zurückkomme und ob Adrian dann noch hier sein wird. Sei mir nicht böse, aber ich möchte ihn schon noch einmal vorher sehen. Ich habe ihn schon angerufen, er wird nicht überrumpelt sein.“

Da ich nicht wusste, wovon die drei da redeten, sah ich nur schweigend von einem zum anderen und zog unbewusst meine Ärmel erneut in die Länge.

Sofort drehte Phoebe ihren Kopf und musterte irritiert meine Hände, bevor sie sich wieder an ihre Schwägerin wandte. „Schade, aber ich kann dich verstehen. Wir werden im Sommer bestimmt kommen und uns das neue Mitglied der O’Donnel-Familie ansehen! Bitte grüß Beverly, Ellen und Roy von uns,  ja? Ich vermisse sie!“

Ich sah zu, wie die beiden sich herzlich umarmten und wie Germaine Phoebe eine Hand an die Wange legte. Eine Geste, die mir zwischen zwei Frauen ein wenig seltsam vorkam. Irgendwie altmodisch oder mütterlich…

„Richte ich aus. Passt ihr bitte auf euch auf, ja? Ich melde mich, sobald ich angekommen bin.“

Dann wandte sie sich ihrem Bruder zu, dem sie einen unsanften Stoß gegen den Oberarm gab. „Und du Grobian pass auf meine Schwägerin auf!“ Nach einem kaum wahrnehmbaren Zögern verzog sie das Gesicht und fiel ihm doch noch um den Hals. „Und auf dich auch, großer Bruder!“

„Mach ich! Mach‘s gut…und benimm dich!“

Sie grinste, griff sich einen Koffer und reichte nun auch mir noch einmal die Hand. „Es hat mich echt gefreut, jemanden aus Phoebes Verwandtschaft zu treffen! Hoffentlich sehen wir uns bald mal wieder und haben dann mehr Zeit, um uns wirklich kennenzulernen!“

Ich murmelte etwas und sah ihr hinterher, wie sie zu einem kleinen, alten BMW am Straßenrand ging, den Koffer mit einem Schwung in den Kofferraum warf und nach einem kurzen Winken einstieg.

„Ich hole deine geliebte Purry gleich morgen wieder vom Flughafen ab.“ meinte Dorian zu Phoebe. „Germaine konnte nur dem Nervenkitzel nicht widerstehen, einmal ein so altes, langsames und altersschwaches Modell wie deines zu fahren. Sie ist unheilbar abenteuerlustig.“

Er grinste, als er das empörte Gesicht seiner Frau sah.

„Purry?“ fragte ich.

Phoebe lächelte mich an. „Mein Auto! Eine Titulierung meiner Freundin Claire, die auch schon für den Namen meines ersten Autos verantwortlich war: Coughy. Weil er zuletzt nur noch gehustet hat. Und Purry, weil sie im Gegensatz zu ihm schnurrt wie eine Katze. Dorian übertreibt nur mal wieder wie gewöhnlich.“

„Ganz bestimmt nicht! Die Strecke nach Fredericton und zurück ist keine Kleinigkeit für diese Katze – und sie hat kapriziöse Launen!“ versetze Dorian mit einem schiefen Lächeln. „Seit du sie nicht mehr täglich fährst, weigert sie sich für gewöhnlich beleidigt, anzuspringen. Das gerade war die berühmte Ausnahme der Regel.“

„Pff! Purry ist nicht kapriziös, sie hat lediglich Charakter und sie ist absolut zuverlässig. Sie mages nur nicht, wenn man abfällig von ihr redet, schließlich kriegt sie das alles mit. Und auf so was würde ich auch nicht ‚anspringen‘.“

Ich musste lachen und der Grund meines Hierseins rückte ein weiteres Stückchen in den Hintergrund. „Gott, wie hab ich das vermisst! Und deine Freundin scheint Humor zu haben, ich sollte sie wohl mal kennenlernen.“ meinte ich spontan.

Sie seufzte auf. „Dazu musst du nach Florida fliegen. Seit dem Ende des Semesters lebt sie dort mit ihrem neuen Freund zusammen. Sie studiert jetzt dort weiter…“

„Wollt ihr zwei nicht erst einmal reinkommen?“ mischte sich jetzt Dorian ein und marschierte ein wenig schneller vor uns her, um mein Gepäck ins Haus zu tragen.

„Natürlich. Komm, Eve, wir haben uns eine Menge zu erzählen.“ zog sie mich sofort hinter sich her.

Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, aber ganz sicher nicht eine so großzügige Wohnung! Der Eingangsbereich öffnete sich direkt in ein geräumiges Wohnzimmer, an das hinter einer etwas breiteren Tür eine moderne Küche angrenzte. Gleich zu meiner Linken führte eine Treppe nach oben und rechts entdeckte ich zwei weitere Türen, die Phoebe mir jetzt einladend öffnete.

„Hier, das ist dein Reich. Das Gästezimmer und das Bad. Nicht sehr groß, aber immerhin. Unser Schlafzimmer samt Bad ist oben, du bist hier also ungestört und kannst dich nach Lust und Laune breitmachen.“

Ich trat in ein helles und freundlich eingerichtetes Zimmer. Die Möbel waren, wie auch nebenan, zeitlos modern und zwischen einem Schreibtisch und einem großen Kleiderschrank entdeckte ich noch eine direkte Verbindungstür zum Bad nebenan. Helle Fliesen, die fast bis unter die Decke reichten, eine große Dusche, moderne Ausstattung in warmen, freundlichen Farben…

„Es ist wunderschön, Phoebe! Aber das ist doch sicher das Zimmer von Dorians Schwester. Ich habe das Gefühl, dass ich sie von hier vertreibe…“

„Bestimmt nicht! Sie hatte sowieso und schon lange vor, unsere Freunde in Irland zu besuchen. Es war schon eher ein glücklicher Zufall, dass ihr euch überhaupt noch begegnet seid, mach dir also keine Gedanken. Und bitte, fühl dich hier wie zu Hause! Möchtest du dich vielleicht erst ein wenig frisch machen bevor ich dir den Rest des Hauses zeige? Ich helfe dir später beim Auspacken wenn du willst. Mom und Ian werden nach Feierabend noch herkommen, dann können wir gemeinsam essen.“

„Gerne! Aber du musst… ihr müsst mir ehrlich sagen, wenn ich euch störe! Ich hatte ursprünglich schließlich geplant, in Grandpas und Grandmas Häuschen zu wohnen…“

„Eve, so ein Quatsch! Ich bin unglaublich froh, dich hier zu haben, wir haben uns schon viel zu lange nicht gesehen und ich will alles hören, was es Neues zu erzählen gibt!“ fiel sie mir ein weiteres Mal um den Hals. „Komm einfach in die Küche wenn du fertig bist, da starten wir dann den kleinen Rundgang. Wie wäre es außerdem mit einem Kaffee?“

Ich lächelte über so viel Enthusiasmus. „Oh ja, gerne. Danke, ich komme gleich.“

 

Kaum hatte sich die Tür hinter Eve geschlossen, als Phoebes Gesichtsausdruck ein völlig anderer wurde! Sie zog Dorian hinter sich her in die Küche, was dieser besorgt zur Kenntnis nahm.

„Was ist? Ist alles inOrdnung?“ fragte er leise.

Sie schüttelte denKopf. „Eve muss irgendetwas zugestoßen sein, Dorian! Sie ist buchstäblich hierher geflüchtet!“ flüsterte sie. „Ich kenne sie kaum wieder!“

„Was? Was ist ihr zugestoßen?“

Sie schüttelte den Kopf und sah mit besorgt geweiteten Augen zu ihm hoch, woraufhin er sie sanft in die Arme nahm. „Ich weiß noch nicht, was passiert ist! Ich habe nur etwas gespürt, ganz deutlich: Sie hat Angst, panische Angst, die sie zu unterdrücken versucht! Das da nebenan ist nicht meine stets organisierte und kontrollierte Cousine, ihr Benehmen ist… nein, ihre ganze Gefühlswelt, ihre sämtlichen Absichten und Reaktionen sind für ihre Begriffe völlig irrational und durcheinander, ein einziges Chaos, das sie nur mühsam im Zaum halten kann! Ich… will jedoch nicht in ihren Geist vordringen, um herauszufinden, wovor sie solche Angst hat! Ich habe das Gefühl, dass es etwas ist, das sie mir lieber von selbst erzählen sollte! Und wir sollten ziemlich behutsam mit ihr sein, ich fürchte, dass ein winziger Anstoß eine Lawine auslösen könnte…“

Er musterte sie ungläubig und sie schnaubte.

„Glaub mir, sie gibt sich alle Mühe, das zu unterdrücken, aber bei ihr muss ich mir alle Mühe geben, nicht zu viel Offensichtliches zu fühlen! Wenn ich dir sage, dass wir uns sehr nahestehen, dann trifft das offenbar auch auf den Bereich meiner Empathie zu – auch für mich eine neue Erfahrung! Ich kann nur hoffen, dass sie mir nach wie vor vertraut und mir bald erzählt, was passiert ist.“

„Wie du meinst! Aber wirst du das bis dahin durchstehen?“

Ein schmales Lächeln vertrieb einen Teil der Sorge aus ihren Augen. „Da bin ich anderes gewohnt!“

 

 

Ich kramte meine Badutensilien aus der Reisetasche bevor ich nach nebenan ging und mir Gesicht und Hände wusch. Das kalte Wasser tat gut und nachdem ich mich abgetrocknet und die Haare durchgebürstet und neu gebändigt hatte, fühlte ich mich schon besser.

Auch meine Aufregung hatte sich endlich gelegt; die beiden hatten mich nach Phoebes eigenartigem Blick bei der Begrüßung ausgesprochen herzlich empfangen. Es war mit Phoebe auch früher schon so gewesen: Wir konnten uns ein ganzes Schuljahr lang nicht gesehen haben – bei unserem Wiedersehen war es trotzdem immer so, als ob mal eben nur ein paar Tage vergangen wären!

Ich seufzte und schob den linken Ärmel meines Pullovers ein Stück nach oben. Die Flecken begannen allmählich, an den Rändern von Dunkelblau ins Gelb überzugehen. Wenn ich den Saum des Pullis hochheben würde, dann würde ich auch dort ein paar Blutergüsse vorfinden, die entstanden waren, als er mich festzuhalten versuchte. Mir klang noch das leise, kalte Lachen in den Ohren!

Im Spiegel sah ich mein regungsloses Gesicht, als mir diese Erinnerungsfetzen wieder durch den Kopf schossen. Schaudernd schob ich diese Bilder von mir und konzentrierte mich darauf, dass ich hier in Sicherheit sein würde! Aus diesem Grund war ich hier, denn selbst zu Hause hatte ich dieses Gefühl nicht gehabt; ohne vorher großartig zu überlegen hatte ich meine Taschen gepackt, mein Konto geplündert und – nachdem ich noch für den Vormittag einen freien Platz in einem Flieger ergattert hatte – meine Eltern vor vollendete Tatsachen gestellt.

Ich machte mir nichts vor, ich war auf der Flucht und ich würde die Zeit hier deshalb auch dazu nutzen, mir über meine weitere Vorgehensweise klarzuwerden. Doch zunächsteinmal war ich hier sicher und konnte durchatmen.

Ja, genau: Ich war hier sicher! Und ich würde die Zeit nutzen und nachdenken!

Rasch bedeckte ich die Fingerabdrücke wieder und warf noch einen kontrollierenden Blick auf mein Spiegelbild. Gut so, ich hatte mich wieder im Griff, das war die alte Eve, die mir da entgegensah! Und das war auch gut so, denn meine Cousine hatte schon immer eine ganz eigene Art, hinter die Dinge zu blicken…

 

Phoebe und Dorian löcherten mich mit Fragen über den Rest der Familie, Neuigkeiten insbesondere über meine schwangere Schwester Grace und meine Zukunftspläne und ich erzählte und erzählte und erzählte. Zwischendurch berichteten sie von ihrer Reise durch Europa und vor allem zu Dorians Freunden nach Irland im vergangenen Dezember, über die Schönheit des Landes, das sie vorher ein paar Tage lang wenigstens ein bisschen ‚durchstreift’ hatten. Besonders Phoebe freute sich schon darauf, es im Sommer, wenn alles grün war, wiederzusehen, diesmal wohl für etwas längere Zeit.

Ich gestand mir zuletzt ein, dass ich froh war, nicht alleine in Grandpas Haus untergekommen zu sein. Es war so schön, hier neben ihr zu sitzen und ihre Stimme zu hören, ihr Gesicht wiederzusehen… Fast wie in alten Zeiten. Und ich gestand ihr mein schlechtes Gewissen wegen des letzten Jahres, machte ihr nun noch einmal deutlich, wie erleichtert ich sei, dass sie ihre tagelange tiefe Ohnmacht so gut überstanden habe. Sie lächelte mich jedoch nur an und winkte ab.

„Eve, das alles liegt so weit hinter mir, dass ich kaum mehr einen Gedanken daran verschwende. Tu du es auch nicht, okay? Du warst da und hast Mom danach jeden Tag angerufen und die Entfernung ist nun mal keine Kleinigkeit. Viel wichtiger ist, dass du jetzt da bist, klar?“

Ich nickte – und zog heimlich an meinen Ärmeln.

 

Abends kamen, wie schon angekündigt, Regina und Ian vorbei und Dorian verschwand in der Küche, um uns alle zu bekochen. Offenbar eines seiner Hobbys, denn ich sah ihn eifrig herumhantieren und hörte, wie er zwischendurch vor sich hin pfiff. Hilfe lehnte er kategorisch ab, wir sollten uns nicht stören lassen.

„Mom und Dad lassen euch alle herzlich grüßen.“ berichtete ich Reggie und Ian. „Ich soll euch unbedingt ausrichten, dass ihr sie bald noch einmal besuchen sollt und dass unsere Familientreffen viel zu selten stattfinden!“

„Oh, was das angeht, würde sie wahrscheinlich schnell anderen Sinnes werden, wenn sie mit ihrer Schwester wieder für lange Zeit unter einem Dach leben müsste!“ neckte Ian. Gleich darauf hielt er sich aufstöhnend die Seite und Reggie rieb sich in einer übertriebenen Geste den Ellenbogen.

Ich grinste.

„Was macht dein Studium? Was macht dein Liebesleben? Hattest du nicht im Herbst einen gutaussehenden Sportfanatiker an der Angel?“

„Mom!“ rief Phoebe vorwurfsvoll und verdrehte die Augen.

Ich kicherte. „Gut, schlecht und nein. Er hatte für meinen Geschmack die komplett falschen Prioritäten. Wenn er nicht im Fitnesscenter, im Schwimmbad oder auf dem Sportplatz war, hing er bei seinen Freunden oder über seinen Büchern und hat mich darüber zuletzt vollkommen vernachlässigt. Ich habe ihn in unserem letzten Monat zusammengenommen nicht einmal mehr an einem Tag pro Woche gesehen, und das obwohl er ebenfalls auf dem Campus wohnt. Sein Fehler!“

„Kann man wohl sagen!“ pflichtete sie mir bei, dann schnitt sie ein anderes Thema an: „Es tut mir leid, dass jetzt aus deinem Plan, eine Zeit lang im Haus deines Grandpas zu wohnen, nichts wird. Ich hoffe, du bist nicht allzu enttäuscht! Wenn wir gewusst hätten…“

Schnell beruhigte ich sie. „Keine Sorge, wirklich! Solange Phoebe und Dorian mich nicht rauswerfen, bin ich hier gut untergebracht und in bester Gesellschaft. Aber…“ ich zögerte. „Jetzt, wo das Haus vermietet ist… Denkt ihr… Ich würde es gerne noch einmal sehen, nochmal durch die Zimmer gehen. Ich bin nach Grandpas Beerdigung schon nicht dazu gekommen und es ist inzwischen schon ein paar Jahre her, seit ich zuletzt da war… Meint ihr, der jetzige Mieter hätte etwas dagegen?“

Zu meiner Verwunderung sah Reggie zuerst Phoebe und Dorian an, bevor sie antwortete.

„Ich weiß es nicht, aber ich denke nicht, dass er etwas dagegen haben kann! Weißt du, es handelt sich um einen alten Bekannten von Dorian, der mit dem Gedanken spielt, sich vielleicht dauerhaft hier irgendwo niederzulassen. Und das Haus gefiel ihm sofort…“

Ich nickte. Ich konnte mir gut vorstellen, dass es anderen da genauso ging wie mir!

Obwohl Grandpa selbst ein komischer Kauz gewesen war, mit dem ich schon als Kind so meine Probleme gehabt hatte, erinnerte ich mich dennoch an so viele schöne Tage und Wochen dort. Manchmal hatten wir ihn und Grandma für ein paar Tage über Weihnachten, jedes Jahr jedoch in den Sommerferien für drei oder sogar vier Wochen besucht. Schon bei unserem Eintreffen duftete dann das ganze Haus immer nach frischgebackenem Kuchen, Grandma hatte frische, selbst gemachte Limonade für uns Kinder kaltgestellt… Ich hatte immer in Moms ehemaligem Zimmer unter dem Dach geschlafen, das sie sich als Kind mit Reggie geteilt hatte. Das, in dem schon seit ich denken konnte die Tapete mit den kleinen blauen Blumen an der Wand hing… Ich war neugierig, ob die eine Stelle neben dem Fenster, an der sie sich zuletzt von der Wand ablöste, noch existierte oder ob inzwischen renoviert worden war…

Und ich liebte die Stille dort! Kein Autoverkehr, keine anderen Geräusche als die der Natur ringsum! Viele grüne Bäume, stille Fleckchen im Wald…

Ich riss mich gewaltsam aus meinen Kindheitserinnerungen.

„Kann ich mir vorstellen! Meint ihr, ihr könntet ihn fragen, ob ich noch mal einen Rundgang durch das Haus machen dürfte? Ich würde es ganz einfach gerne noch mal von innen sehen, bevor etwas… verändert wird.“

Phoebe sah mich mit ihren braunen Augen verständnisvoll an, aber es war Dorian, der mir antwortete. „Selbstverständlich, Eve! Ich werde ihn gleich morgen anrufen und ich bin überzeugt, dass er keine Einwände haben wird. Adrian ist in der Tat ein sehr alter Freund von mir und in dieser Sache habe ich an seiner Antwort keinen Zweifel.“

„Adrian! Fredericton! Dann ist das auch der Adrian, den deine Schwester noch mal sehen wollte, bevor sie zum Flughafen fahren wollte!?“

„Richtig. Er und wir haben uns eine lange Zeit nicht gesehen – insofern kann ich es ihr nicht verdenken, diesen Umweg vor ihrem Abflug noch gemacht zu haben!“

Ich nickte. „War er nicht auf eurer Hochzeit?“

„Nein, die Zeremonie fand wirklich nur im allerkleinsten Kreis statt.“ meinte da Phoebe und mit einem kleinen Seitenblick auf ihre Mutter setzte sie hinzu: „Mom hat dir sicher den Schrankkoffer voller Fotos gezeigt, oder? Sie hat sämtliche Bilder doppelt und dreifach ausdrucken lassen, nur damit jeder ausreichend damit versorgt wird!“ Sie kicherte, als Reggie ihr einen Klaps geben wollte, der in der Luft in einigem Abstand wirkungslos verpuffte.

Ich grinste zurück. „Nicht nur das! Ich musste sie mir nicht nur alle ansehen und mir einige aussuchen, sie wollte mir sogar ein Fan-T-Shirt mit euren Köpfen drauf aufschwatzen, aber ich konnte mich gerade noch so retten!“

Ian lachte und Reggie protestierte.

Glucksend umarmte Phoebe ihre Mom, dann meinte sie: „Soso, dann musst du jetzt Fotos von uns überall hin mitschleppen?“

Ich lächelte. „Es sind wirklich schöne Fotos, eines davon steht sogar in meiner Studentenbude auf dem Campus. Du warst eine wunderschöne Braut, atemberaubend hübsch! Ihr beide, Tante Reggie!“

„Dem kann ich nur beipflichten!“ hörte ich Dorian murmeln, der jetzt Phoebes Hand in die seine nahm.

Ich sah, wie die beiden einen langen innigen Blick tauschten und lächelte leicht verlegen – und schon wieder ein wenig neidisch. Mit einer unbewussten Handbewegung strich ich eine Strähne meiner langen, glatten Haare, die sich mal wieder selbstständig machten, aus der Stirn. Ich hatte für einen Moment nicht bedacht, dass die Flecken zu sehen sein könnten, wenn ich den Arm hob. Und Phoebe mussten sie aufgefallen sein, denn sie wandte plötzlich mir den Kopf wieder zu und ihr Blick blieb auf meinem Handgelenk liegen. Starr. Nur für einen Moment, dann fixierte sie mich kurz, bevor sie wieder wegsah. Den anderen war mit Sicherheit nichts aufgefallen…

Verärgert über mich selbst senkte ich rasch den Arm wieder, hielt den Ärmel fest und gähnte dann demonstrativ hinter vorgehaltener Hand. Woraufhin Ian und Reggie sofort reagierten.

„Du bist sicher müde, nicht wahr? Und es ist schließlich auch schon spät genug geworden, wir sollten jetzt gehen. Wir sehen uns ja morgen sicher wieder. Wollt ihr zum Essen zu uns kommen? Oder werdet ihr etwas unternehmen, erst einmal rausfahren nach Fredericton und dann nach Marysville zu Dads Haus?“

„Wir wissen es noch nicht, Mom, aber wir sagen euch auf jeden Fall noch Bescheid. Lassen wir es langsam angehen, Eve hat sich ein wenig Erholung vom anstrengenden Semester verdient.“

„Natürlich. Dann werden wir jetzt mal verschwinden. Danke noch mal für die Einladung und bis dann!“ Sie gab Phoebe und mir einen Kuss auf die Stirn und lächelte Dorian zu, Ian hob lediglich grüßend die Hand.

Ich hatte ganz offensichtlich eine allgemeine Aufbruchsstimmung ausgelöst, denn nun erhoben sich natürlich auch Phoebe, um die letzten Gläser in die Küche zu tragen und Dorian, um die beiden zur Tür zu begleiten. Ich sprang ebenfalls auf und sammelte den Rest ein.

Phoebe wartete nicht lange mit ihrer Frage. Kaum, dass sie ihre Gläser auf der Spüle abgestellt hatte, wandte sie sich um und warf mir ihren Reh­blick zu. Den, dem sich schon früher keiner so einfach entziehen konnte!

„Eve, ist alles inOrdnung mit dir? Ich habe vorhin die dunklen Flecken an deinem Handgelenk bemerkt! Und den ehemaligen Ärmeln und jetzt langgezogenen Schläuchen deines Pullis nach zu urteilen, befinden sich ähnliche Blutergüsse auch an deinem zweiten Handgelenk, hab ich Recht?“

„Ja, du hast Recht. Aber es ist nichts, eine blöde Sportverletzung, die ich meiner eigenen Dummheit verdanke. Jetzt sind die Gelenke blutunterlaufen und nicht besonders schön anzusehen. Hier, das sind die letzten Gläser…“

Sie nahm sie entgegen und musterte mich zweifelnd. Offenbar war meine Notlüge nur halb so glaubhaft wie ich mir eingebildet hatte.

„Ich glaube dir zwar nicht, aber ich werde auch nicht weiter nachfragen. Du sollst nur wissen: Was auch immer passiert ist, wenn dir jemand wehgetan hat, du kannst es mir sagen! Ich bin durchaus auch in der Lage, ein Geheimnis für mich zu behalten. Und ich vermute mal, dass ich auch damit richtig liege. Oder weiß Tante Edith davon?“

Unwillig verschränkte ich die Arme. „Natürlich hat sie sie gesehen!“ war alles, was ich entgegnete. Ich hielt ihrem Blick stand. Mit Herzklopfen und schlechtem Gewissen.

Schließlich gab sie seufzend auf als sie hörte, dass Dorian die Haustür schloss und wieder zurückkam. „Eve, ich bin für dich da. Und Dorian auch. Was immer los ist… und wann immer du es mir oder uns erzählen willst… okay? Ich bin deine Cousine…“

„Du übertreibst mal wieder maßlos, Phoebe. Wenn du… ihr nichts dagegen habt, dann würde ich jetzt wirklich gerne ins Bett gehen, ich bin tatsächlich ziemlich müde. Es war ein aufregender Tag. Und ein schöner Tag! Danke euch beiden…“

Offenbar hatte etwas in meinem Blick gelegen, das sie davon abhielt, noch etwas zu sagen. Oder es war, weil jetzt Dorian die Küche betrat. Jedenfalls nickte sie, zauberte ihr Phoebe-Lächeln auf ihr Gesicht und wünschte mir eine gute Nacht.

„Euch auch. Bis morgen dann.“

„Bis morgen.“ meinte auch Dorian.

Dann war ich auch schon aus der Küche verschwunden.

 

Als sie später alleine in ihrem Schlafzimmer waren, legte Phoebe aufseufzend ihren Arm über Dorians Brust und fragte: „Sag mal, kennst du eine Sportart, die an den Handgelenken beider Arme dunkle Blutergüsse wie von Fingern hinterlassen könnte?“

Er überlegte. „Trapezkünstler? Fänger und Flieger? Entfesselungskünstler? Sonstige Akrobaten?“ riet er irritiert.

Das bezweifele ich!“

„Dann bin ich ratlos.“

Erneutes Seufzen. „Ich auch! Also warten wir es ab.“

 

Ich hatte geduscht, meinen Pyjama übergestreift und lag jetzt zusammengerollt in dem mir noch fremden Bett. Und ich war hellwach.

Die blauen Flecken waren immer noch schmerzhaft bei jeder Berührung. Zumindest die an meiner Taille. Eine Gänsehaut überkam mich bei der Erinnerung daran, wie er mich festgehalten und aus der Tür meines Zimmers im Wohnheim zurückgerissen hatte. Schon als ich ihn an meinem Schreibtisch stehen sah, wollte ich hastig wieder verschwinden, aber es war alles derart schnell gegangen, dass ich noch nicht einmal Zeit gefunden hatte, das Licht einzuschalten! Ich hatte weder sein Gesicht erkennen noch seine Stimme jemand Bekanntem zuordnen können, denn die wenigen Worte, die er überhaupt gesagt hatte, hatte er nur geflüstert. Mir war eiskalt gewesen, als ich seinen Mund dicht unterhalb meines Ohres und an meinem Hals gespürt hatte. Und ehe ich es mich versah, hatte er mich zuletzt mit einer kraftvollen Bewegung auf mein Bett geworfen und war verschwunden.

Ich hatte bestimmt minutenlang wie gelähmt dagelegen, immer in der Erwartung, dass er eventuell wiederkommen könnte und dennoch zu keiner Regung fähig.

Noch nie in meinem Leben war ich dermaßen starr und verängstigt gewesen! Dann, nach einer kleinen Ewigkeit, hatte mein Adrenalinpegel endlich meine Betäubung gelöst. Ich war schlagartig und wie von Furien gehetzt aufgesprungen, hatte nur noch Schlüssel und Tasche geschnappt, die Tür hinter mir zugeschlagen, mit zitternden Fingern verriegelt und war verschwunden.

Erst am nächsten Mittag war ich wieder mutig genug, noch einmal zurückzugehen und einen vorsichtigen Blick in mein Zimmer zu werfen…. es war, als ob nie jemand hier eingedrungen wäre! Nichts fehlte, weder auf den ersten, noch auf den zweiten, suchenden Blick. Nichts war durcheinander gebracht oder auch nur verrückt worden, nicht einmal die beiden Dollarscheine, die in derAblage auf dem Schreibtisch gelegen hatten, waren mitgenommen worden – und es wäre ein Leichtes gewesen, sie dort zu entdecken und einzustecken! Ich konnte mir das nur dadurch erklären, dass ich ihn überrascht haben musste.

Ich hatte sogar das Fenster untersucht, aber ich hatte es wohl wie gewöhnlich einen Spalt offenstehen lassen; es waren keine Spuren eines gewaltsamen Eindringens zu sehen. Nachdem ich es sorgfältig verriegelt und mich auf den Stuhl hatte fallen lassen, musste ich eine ganzeWeile fassungslos vor mich hin gestarrt haben. Erst dann war mir wirklich aufgegangen, dass ich unverschämtes Glück gehabt hatte! Ich hatte nach wie vor keine Ahnung, was dieser Typ hier gewollt hatte, aber es hätte ebenso gut anstelle eines Einbrechers ein Verrückter oder etwas noch Schlimmeres sein können!

Das Einzige, was gegen die letzte Variante sprach, war die seltsame Frage gewesen, die er mir ins Ohr geflüstert hatte: „Hallo, kleine Eve Forester! Weißt du, wer und was ich bin, hm? Sag es! Aber schön leise, hörst du?“

Erst als er meinen Mund freigab und ich mit zitternder Stimme gewispert hatte, dass ich es nicht wisse, ich sei ihm sicher noch nie begegnet und ihn gefragt hatte, was er von mir wolle, hatte er meine Handgelenke, die er hinter meinem Rücken festgehalten hatte, losgelassen und mich von sich gestoßen, nicht ohne mich jedoch davor zu warnen, jemandem hiervon zu erzählen!

Das Ganze kam mir im Nachhinein vor wie ein einziger Alptraum. Lediglich die sichtbaren Male auf meiner Haut bewiesen, dass ich nicht geträumt hatte. Ich hatte daraufhin mein Zimmer verlassen, die Vorlesungen der beiden letzten Tage geschwänzt und mich in mein Auto gesetzt, um nach Hause zu fahren. Wo ich es nicht mal zwei Tage lang aushielt.

Rückblickend war mir natürlich klar geworden, dass ich dies eigentlich hätte melden müssen! Immerhin war ein Einbrecher von mir auf frischer Tat ertappt worden… Ich hatte keiner Menschenseele davon erzählt! Ich hatte es niemandem und nirgendwo gemeldet! Stattdessen hatte ich den nächsten Flug nach Halifax gebucht, den ich kriegen konnte, meine Taschen gepackt und war einfach so davongefahren, hatte mich für die nächsten Wochen aus dem Staub gemacht. Einfach so!

Denn nur zu gut waren mir die Worte in Erinnerung, die er mir zum Abschied noch zugeraunt hatte: „Ich war niemals hier, Eve! Denk daran, wenn ich dir oder deiner Schwester nicht einenlängeren, intensiveren und… nachdrücklicheren Besuch abstatten soll!“

…Ich dachte pausenlos daran!

IM HANDEL:

 

Band 14 schließt die Vampirreihe ab!

Im Buchregal (siehe oben) gibt es das 1. Kapitel als Lesehäppchen zum Appetit-holen. Es bleibt wie immer spannend und "romantasy"!

ISBN 978-3-7448-1642-7