Kerstin Panthel

 

 

„Fehde der Schattenwelten“

 

Bruderkrieg

 

 

Band IV der Reihe

 

 

 

Handlung, Namen und Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

 

 

 

    

© 2012 Kerstin Panthel. Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

 

 

   

   

Für

meinen Vater  

 

 

 

 

 

 

 

‚Nicht für die Ewigkeit, nicht für alle Zeiten

werden wir Sklaven unserer Wesenheit sein!

Nicht du noch ich werden es erleben,

es werden die Kinder unserer Kinder

unserer Kinder sein,

die die Früchte dieses Baumes kosten dürfen.

Und so prophezeie ich euch eine Zeit der Einsicht und des Wandels:

Eine Leuchtende wird kommen, die Schattenwesen

von ihrem Halbleben zu erlösen,

zu verbinden, was getrennt

und zu scheiden, was geeint!

Sie wird Zwänge aufheben

und Pforten aufstoßen,

durch die zu gehen nur die berufen sind,

die gleichen Sinnes sind!’

 

Aus den frühen Prophezeiungen des

Namid d. Ä.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

‚Es ist unmöglich, das Licht richtig zu würdigen,

ohne das Dunkel zu kennen!’

 

Quelle unbekannt

 

 

 

 

 

Prolog

 

 

Welche Motive treiben Menschen an? Welche Ziele verfolgen sie?

Je mehr Menschen man diese Frage stellt, desto unterschiedlicher scheinen die Antworten auszufallen. Aber vielen… nein, sicher den meisten Menschen ist doch etwas gemeinsam, wie eine Grundströmung, ein roter Faden, etwas, was noch hinter all dem steht, was sie aufzählen! Es ist nicht das, was sie aus diesen oder jenen Gründen anhäufen, erreichen, erringen oder erwerben wollen, es ist das, was sie zuletzt damit verbinden: Wenn ich dies erst besitze, wenn ich jenes erreicht habe, dann werde ich glücklich sein! Wenn ich das habe, bin ich glücklich!

Glück! Sie suchen ihr Quäntchen Glück und nur die Definition verändert sich von Person zu Person, variiert manchmal nur um eine kleine Kleinigkeit…

 

Es mochte durchaus sein, dass ich falsch lag, aber ich glaubte immer und glaube noch, dass sie alle offenkundig letztlich danach suchen, ohne daran zu denken, dass mitunter der Weg dorthin schon das Ziel sein oder dass man auf der Suche naheliegende Dinge bisweilen aus dem Blick verlieren könnte und so blindlings über das Ziel hinausschießt – eine Erkenntnis, die auch mir erst sehr spät kam und ich konnte nur hoffen, dass es nicht zu spät war. Denn auch ich versuchte offenbar schon zeitlebens, einen Zipfel vom Glück zu erhaschen.

Lief auch ich somit schon zeitlebens einem Trugbild hinterher und erkannte nicht, was ich schon besaß? Denn die Frage sollte wohl auch lauten: Gibt es ‚das Glück’? Oder geht nicht die Suche irgendwann wieder von vorne los?

In den entscheidendsten Sekunden meines Lebens musste ich mich daher zuletzt fragen, wie ich persönlich mein ‚Glück’ würde definieren wollen.

Hatte ich also zu viel gewollt oder sogar nach den falschen Dingen gesucht? Das konnte ich nicht glauben, doch wenigstens hin und wieder hätte ich vielleicht besser innehalten und mich fragen sollen, ob es nicht genügen und was es für mich beinhalten würde, zufrieden zu sein. Denn Zufriedenheit war etwas, was mitunter sogar in der Lage sein könnte, Glücksmomente aufzuwiegen. Oder sogar schwerer zu wiegen!

Nun, ich hatte mich die meiste Zeit meines Leben sals zufriedenen Menschen betrachtet! … Korrektur: Als zufriedenen und oft glücklichen Halbmenschen. Und Halbvampir. Es gab in der Tat vieles, worüber ich glücklich, wofür ich dankbar war, nicht zuletzt dafür, dass es inzwischen sogar unter den Menschen solche gab, die mich mochten… die mich als das akzeptierten, was ich nun mal war! Dies von meinem eigenen Bruder zu erwarten, war selbstverständlich. Bei meinesgleichen hatte ich bisher immer gedacht, wenigstens Akzeptanz voraussetzen zu dürfen…

Doch so wie es aussah, lernte ich jetzt, in ebendiesen entscheidendsten und erkenntnisreichen Sekunden meines Lebens, die Kehrseite der Medaille kennen und zum jetzigen Zeitpunkt konnte ich nicht sagen, ob ich noch lange genug leben würde, um diese erneut zu wenden.

Denn in seinen Augen lag blanker Hass…

 

 

 

Kapitel 1

 

 

Der Sommer hatte seinen Höhepunkt überschritten und es wurde so langsam Zeit, Beverly, Ellen und Roy von meiner Anwesenheit zu befreien. Möglichst, bevor sie mich von sich aus rauswerfen würden.

Bev hatte im Juni einen gesunden, kräftigen Jungen zur Welt gebracht: Aidan Connor O’Donnel, den jüngsten Spross einer sehr alten Vampirlinie – und den letzten Sohn von Connor Braeden O‘Donnel…

Ursprünglich hatte er als ersten Vornamen den Namen John tragen sollen, aber seit den Ereignissen kurz nach Connors Tod war aus John Aidan Dwyer, dem zweiten Namensgeber ihres Sohnes, ein im wahrsten Sinne des Wortes anderer Mensch geworden – er wurde seitdem von allen in die Geschehnisse Eingeweihten und allen direkt Beteiligten nur noch mit Aidan angeredet, um dieser Veränderung auch in rein äußerlicher Form Rechnung zu tragen.

Genau genommen hatte Rhiannon damit begonnen und alle anderen hatten sich dem angeschlossen. Jedenfalls hatte Beverly daraufhin den Namen ebenfalls geändert und gemeint, dass Connor damit sicher einverstanden gewesen wäre…

Als dieser im Dezember des letzten Jahres gestorben war… Ich sollte wohl besser sagen, als er sich freiwillig geopfert hatte, um Rhiannons Leben zu retten und für unser gemeinsames Friedensbündnis einzutreten, war ich zum ersten Mal seit dem Tod meiner leiblichen Eltern wieder zusammengebrochen! Unfassbarerweise und buchstäblich! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich eigentlich als starke Frau, als starke Persönlichkeit betrachtet. Offenbar hatte ich mich also in meiner Naivität überschätzt und noch heute trug ich daher – wenn auch nicht nur deshalb – innerlich schwer daran, wie schwach ich mich nach dem Erhalt dieser Nachricht gegeben hatte und dass ich es noch nicht einmal fertiggebracht hatte, zu Connors Beerdigung herzukommen!

In meinen Augen war es keine Entschuldigung und gab es auch keine Entschuldigung, doch es war, als ob mir mit seinem Tod erneut eine weitere Lebens­ader abgeschnitten worden wäre, die auch mich gehalten, getragen und hatte wachsen lassen! Connor war – zeitlich gesehen – länger ein Vater für mich gewesen als es mein biologischer Vater damals hatte sein können. Nicht, dass ich ihn mehr oder meinen wirklichen Vater deshalb weniger geliebt hätte, aber es war ein unglaublich schmerzhafter Schicksalsschlag, als ich diese Nachricht erhielt. Er war eines der letzten Bindeglieder zu meinen Eltern – und nun war er unwiederbringlich fort. Eine tiefe Lücke, von der ich noch immer nicht wusste, wie ich sie wieder füllen sollte und die ich beständig vor allen um mich herum geheim zu halten versuchte, klaffte seither irgendwo in meinem Inneren.

Und danach hatte ich mich mehr als alles andere davor gefürchtet, Beverly, Ellen und Roy in die Augen sehen zu müssen und darin das gleiche Leid zu sehen, wie ich es innerlich empfand. Nein, noch größeres Leid, das zu lindern ich nicht in der Lage sein würde! Ellen und Roy standen mir so nahe wie leibliche Geschwister, was mein Fehlen nur noch schlimmer machte – ich war feiger gewesen als jemals zuvor in meinem Leben!

Vier Monate hatte ich gebraucht, um mich dazu durchzuringen, hierher zu fliegen – und damit auch dazu durchzuringen, dann persönlich Aidans Bekanntschaft zu machen, der in seiner ehemaligen Rolle als Jäger damals Rhiannon angegriffen hatte. Ich wusste genau, ich wusste nicht erst seit Phoebe und ihrem Grandpa Franklin Forester ganz genau, dass er machtlos gewesen war gegen das, was da mit ihm geschah! Nicht zum ersten Mal hatte ich erlebt, was diese Mächte, Kräfte und Fähigkeiten mit einem Menschen anstellen konnten und Aidan hatte sich weiß der Himmel länger und stärker und erfolgreicher dagegen gewehrt als irgendjemand sonst! Aber Connor hatte sich während Aidans letzter Attacke gegen Rhiannon zwischen die beiden geworfen… und ich hatte Angst, dass mein Herz etwas anderes sagen könnte als mein Verstand…

Es war Roy, der mich nach diesem persönlichen Eingeständnis schon bei meiner ersten Ankunft im Mai behutsam und verständnisvoll an diese Thematik heranführte, mir Aidan vorstellte – und mir auch da hindurchhalf! Mit dem Ergebnis, dass ich Aidan nach meinen anfänglichen ängstlichen Vorbehalten aus ganzem Herzen und ohne jeden Groll sehr schnell in den Kreis meiner Freunde aufnehmen konnte.

Und mit dem Gewinn einer neuen Erkenntnis, die mich mehr irritierte als ich vor mir selbst eingestand: Aus dem jungen Mann Roy, den ich praktisch schon mein Leben lang kannte, war in den vergangenen Monaten, in denen ich ihn nicht gesehen hatte, ein zutiefst ernstes, verantwortungsbewusstes Familien­oberhaupt geworden. Er war jemand, an dem ich im Laufe meines Aufenthaltes hier erstaunt viele neue Seiten kennenlernte, der seit seinem Weggang nach Australien und somit innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit gelernt hatte, genau wie sein Vater vor ihm eine ungeheuer ruhige Verlässlichkeit auszustrahlen. Und er war es auch, der mich im Laufe der Wochen davon überzeugte, dass mein Fernbleiben im Winter bei allen hier auf mehr Verständnis gestoßen war, als ich es mir auch nur im Entferntesten hätte ausmalen können!

Meine zweite Familie würde nach wie vor für mich da sein, auch ohne Connor… und ich wieder für sie.

 

Nun war ich seit annähernd vier Monaten hier und es wurde allerhöchste Zeit, an meine Heimkehr zu denken. In ein paar Stunden würde mein Flug von Dublin aus über London zurück nach Hause gehen, aber schon seit Tagen verspürte ich eine eigenartige Ruhelosigkeit und Unzufriedenheit; etwas, was ich von mir in dieser Weise nicht kannte und das mich noch kurz vor meinem Abschied nach draußen und zu einem etwas einsam gelegenen Platz auf einem der Hügel der Umgebung getrieben hatte. Hier konnte ich ungestört nachdenken… und hier wurden mir beim Blick auf das Anwesen der O‘Donnels auch die Gründe für meine Rastlosigkeit klar: Ich musste gehen, um mein eigenes Leben zu beginnen und würde doch nach meinem Abschied nicht nur Connor, sondern auch Irland, meine zweite Heimat, vermissen! Wenn ich ehrlich war, war es mir wie Dorian mehr Heimat als jedes andere Land, da ich hier nach dem Tod meiner Eltern neue Wurzeln gefunden hatte – unabhängig davon, wo wir gemeinsam mit ihnen in der Folgezeit gelebt hatten.

Noch mehr würde mir jetzt meine zweite Familie fehlen: Bev, Ellen, Roy… neben meinem Bruder Dorian diejenigen, die dem Begriff von Familie auch rein faktisch am Nächsten kamen. Ellen und Roy waren nun einmal wie wir. Doch auch Phoebe, meine Schwägerin und deren Cousine Eve… sie waren mir wie zwei Schwestern geworden, die ich ebenso vermissen würde, wohin ich auch gehen würde. Die Größe des Planeten Erde war zwar mit Beginn der Luftfahrt geschrumpft, aber manchmal kam sie einem immer noch riesig vor. Meistens dann, wenn man nicht alle geliebten Personen gleichzeitig um sich haben konnte.

Und die vielen Veränderungen, die in den letzten zwölf Monaten eingetreten waren, machten den Abschied diesmal noch schwerer! Auch wenn die Hoffnung auf eine bessere Zukunft als Lichtblick am Horizont stand…

 

Roy war mein Verschwinden zuerst aufgefallen; natürlich hatte er mich schnell aufgespürt und kam jetzt den Hügel herauf.

„Germaine? Alles okay?“

„Hi. Ja natürlich, alles in Ordnung. Komm, setz dich zu mir…“

Er ließ sich im Schneidersitz neben mir auf den Boden fallen.

„Du bist so still… Schon die ganzen letzten Wochen warst du so ganz anders als sonst, irgendetwas ist also doch! Möchtest du darüber reden?“ Die dahintersteckende Frage war unüberhörbar.

Ich seufzte. „Ich bin schon zu lange hier! Und du bist zu scharfsichtig!“

Er zuckte schweigend die Schulter und sah mich geduldig abwartend an.

„Aber du hast Recht, ich bin irgendwie so rastlos! Wie soll ich dir das nur erklären? Ich… bin nicht nur hier schon zu lange gewesen – ein echtes Wunder, dass ihr mir nicht schon längst meine Koffer vor die Tür gesetzt habt! – ich bin überall schon zu lange: Zu lange mit Dorian alleine gewesen, zu lange bei ihm und Phoebe, sogar nach deren Hochzeit noch zu oft… Es ist, als ob ich auf einmal nicht mehr weiß, wohin ich gehöre! Ich bin eigentlich noch nie wirklich alleine gewesen in meinem Leben, aber ich weiß, dass es so nicht weitergehen kann.“

Ich sah, dass er zu einem Widerspruch ansetzte, aber ich kam ihm zuvor.

„Nein, Roy, ich weiß, dass ich überall und jederzeit und allen willkommen bin. Das ist es nicht.“ Ich suchte nach Worten. „Jetzt, wo uns buchstäblich die Welt offen steht, weil Dorian und ich unsere Jäger nicht mehr fürchten müssen, muss ich endlich sehen, was ich mit meinem Leben anfangen will. Ich muss endlich meinen Weg finden, den von Germaine! Ich habe irgendwie das Gefühl, ich war bisher immer ‚nur’ Dorians Schwester oder Phoebes Schwägerin oder Eves und Angus‘ Freundin… Ich muss endlich nach mir suchen. Mein Problem ist nur, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll! Verstehst du, was ich sagen will? Ich glaube, ich kann es überhaupt nicht richtig ausdrücken.“

Er nickte und mit einem wehmütigen Lächeln, das sogar seine Augen einen Ton dunkler werden ließ und mit dem er seinem weisen, verstorbenen Vater nur noch ähnlicher sah, griff er nach kurzem Zögern nach meiner Hand und drückte sie, hielt sie fest.

„Ich verstehe dich besser als du denkst. Wir alle definieren uns lange Zeit über alles Mögliche: Über unsere Blutlinie, unsere Familie, unsere Vorbilder, über andere, die wie wir sind… und wenn sich dann deren Leben urplötzlich ändert oder wir, aus welchem Grund auch immer, plötzlich spüren, dass es an der Zeit ist, ein eigenes Leben zu beginnen, dann müssen wir feststellen, dass wir manchmal versäumt haben, an unserer Definition von uns selbst zu arbeiten!“

„Ja! Ja, genau! Du drückst es viel besser aus als ich.“ nickte ich, sah erst ihn an und dann auf unsere Hände und betrachtete rasch den Horizont.

Eine leise Verlegenheit machte sich in mir breit. Früher, als er noch der ‚alte’ Roy gewesen war, wäre diese Geste mir weit weniger persönlich, fast schon intim erschienen, aber jetzt, wo sein Wesen diese neue Tiefe hatte…

Er musste meine Verlegenheit bemerkt haben, denn er tat einen tiefen Atemzug, ließ meine Finger wieder aus seiner Hand gleiten und wandte ebenfalls seinen Blick von mir ab.

„Germaine, im Laufe des letzten Jahres ist so ungeheuer viel passiert, dass unser aller Leben völlig auf den Kopf gestellt wurde! Damit zurechtzukommen ist alleine für sich genommen schon nicht einfach, für keinen von uns. Ich bin zwar kaum älter als du und bestimmt nicht klüger, aber ich glaube, dass Vater dir jetzt gesagt hätte, dass du dir Zeit lassen sollst, dich selbst zu finden! Und egal, wohin du gehst und damit beginnst, du wirst dich im Grunde überall finden! Selbst die Suche ist schon eine Erkenntnis und nur wer sich selbst sucht, wird auch gefunden! Kryptisch, nicht? Aber so was Ähnliches hat er mir mal gesagt… Es ist noch gar nicht so lange her…“

Ich seufzte und schluckte, lehnte dann meinen Kopf an seine Schulter. „Ich vermisse ihn! Sehr sogar! Noch heute warte ich ständig darauf, dass er plötzlich ins Haus tritt, Bev umarmt und fragt, was es zu essen gibt… Er fehlt überall…“ Ich brach ab und blinzelte.

Seine Stimme klang belegt, als er antwortete. „Wir vermissen ihn alle! Schmerzlich! Aber Bev hat Recht: Er hat uns mehr dagelassen als wir jetzt sehen können! Und wir haben eine neue Aufgabe übernommen… Wir haben viele große und kleine Aufgaben übernommen, die auf uns warten und die uns nach vorne sehen lassen sollten.“

„Ja, da hat sie wohl Recht... Danke, Roy! Wieder mal!“

„Jederzeit, das weißt du. Hoffentlich!“

„Natürlich! An wen sollte ich mich sonst wenden, wenn es um etwas geht, das ich nicht mit Dorian bereden könnte?“

Er lächelte ein wenig schief, legte leicht den Arm um meine Schultern, zog mich kurz an sich und ich seufzte traurig.

Eine Weile sahen wir schweigend zu, wie die Schatten der vorüberziehenden Wolken die Landschaft vor uns in ein Wechselspiel von Hell und Dunkel tauchten und ich hoffte in diesem Moment inständig und mit laut klopfendem Herzen, dass es in meinem Leben zukünftig weniger wechselhaft zugehen würde. Dann sah ich zu ihm hoch und fragte mit einem seltsamen Gefühl in der Magengegend: „Was wirst du jetzt tun, wo alles sich langsam wieder einspielt? Ich weiß von Ellen, dass du Ende letzten Jahres eigentlich vorgehabt hast, schnellstmöglich wieder nach Australien zurückzugehen. War da nicht ein Mädchen? Ein menschliches?“

Sein Lächeln verschwand und machte etwas anderem Platz. Wehmut? Bedauern? Wenn ich raten sollte, dann würde ich fast darauf tippen, dass er sich mit seiner Antwort zurückzog – innerlich, so als ob er nicht zu viel sagen, nicht zu viel von sich selbst preisgeben wollte.

„Eher eine Frau, Germaine, aber mehr als zwei harmlose Dates waren da nicht. Ich glaube nicht mal, dass ich es zu einer dritten Verabredung geführt hätte… Auch ich habe etwas gesucht… was ich bei ihr nicht fand!“

Er zuckte die Achseln; es war kein Beklagen hinter dieser Bemerkung zu spüren. Eher so etwas wie die Sehnsucht nach etwas.

Es ging ihm offenbar wie jedem von uns, der eine Bindung mit einem Menschen aufzubauen versuchte: Nur wenn wir uns sehr sicher sein konnten, dass wir den oder die Richtige gefunden hatten, konnten wir es wagen, uns zu ‚outen’… und bis dahin mussten wir suchend bleiben! Das Gefühl in meinem Magen blieb, aber es veränderte sich. War ich erleichtert, dass ihn nichts nach Australien zurückzog? Oder war ich einfach nur erleichtert, weil nicht gleich eine weitere Veränderung eintreten würde, kaum, dass wir eine hinter uns gebracht hatten? Vermutlich, denn wenn ich an Roy dachte, sah ich ihn hier, bei seiner Familie…

Seine nächsten Worte waren wie eine Bestätigung meines Gedankens.

„Nein, ich werde hierbleiben, solange ich in Bezug auf mein Alter noch nicht allzu sehr auffalle. Beverly möchte, dass Aidan Connor seine Kindheit hier in Irland verbringt und hier seine Wurzeln hat – wie Vater. Zur Not werden wir in den Norden gehen, aber wir werden hierbleiben, denn ich unterstütze diesen Wunsch aus tiefstem Herzen! Die beiden werden noch eine ganze Weile unsere – Ellens und meine – Unterstützung brauchen. Lass den kleinen Kerl mal seine ersten körperlichen Kräfte entwickeln, dann hat Bev das Nachsehen!“

Ich grinste. „Roy, das wird noch weit mehr als nur ein paar Jahre dauern!“ erinnerte ich ihn. „Er ist noch ein Baby!“

„Ich weiß, aber ich will es so. Ich habe es lange und sorgfältig überlegt und ich bin mir sicher. Ich habe Zeit… ich kann warten…“

Er verstummte wieder und schien ins Leere zu blicken.

Wieder nickte ich. „Ich weiß, man merkt dir an, dass du dir darin sicher bist. Ellen ebenfalls. Ich gebe zu, dass ich euch ein wenig darum beneide…“

Ich richtete mich auf, erhob mich und klopfte ein paar zerdrückte Grashalme und Moosfäden von meiner Kleidung.

„Und deshalb werde ich mich auf den Weg machen, um herauszufinden, was ich will!“

Er sprang auf und legte mir mit ernstem Blick eine Hand auf den Arm. „Germaine, eins noch: Du hast bei uns immer ein Zuhause, vergiss das nie! Auch du bist nicht wurzellos; komm wieder, wann immer dir danach ist!“

„Roy, ihr wart Dorian und mir immer eine Familie; ich kann das gar nicht vergessen, niemals!“

Ich umarmte ihn und schluckte den Kloß, der sich sofort in meinem Hals bildete, herunter. Rasch ließ ich ihn wieder los.

„So, und jetzt sollte ich mal meine Taschen holen und mich von den anderen verabschieden, sonst verpass ich zuletzt doch noch den Flug.“

Er sah mich noch einmal kurz und ernst an, dann trat ein wenig von dem alten Funkeln in seine Augen. Mit einem kleinen Rundblick vergewisserte er sich, dass niemand in der Nähe war, der uns sehen könnte und grinste schief. „Dann lass uns mal sehen, wer schneller zurück am Haus ist!“

 

 

Ich hasste Abschiede und auch diesmal kürzte ich sie so gut es eben ging ab. Aidan Connor lag in seiner Wiege und verschlief ohnehin alles; ich hatte ihn vorsichtig auf die Stirn geküsst und seinen wunderbaren, warmen Babygeruch noch einmal eingeatmet, dann war ich mit Bev und Ellen nach draußen gegangen, wo wir uns nacheinander in die Arme fielen. Obwohl ich wusste, dass ein Flieger mich jederzeit und innerhalb kürzester Frist wieder hierherbringen könnte, war mir mit einem Mal so, als ob wir uns diesmal für lange Zeit auf Wiedersehen sagen würden.

Dieses Gefühl schien abzufärben, denn Ellen umklammerte mich erneut und heftig und meinte: „Lass nicht zu viel Zeit vergehen, bis wir uns wiedersehen! Versprich mir das, Germaine!“

„Ich tue, was ich kann, Ellen. Passt auf euch auf, ihr alle!“ antwortete ich heiser und räusperte mich. Dann riss ich mich gewaltsam los und stieg zu Roy ins Auto. Ihm würde ich erst am Flughafen auf Wiedersehen sagen.

Während der Fahrt nach Dublin hatte ich dann blicklos und schweigend dagesessen und danach auch diesen Abschied so kurz wie möglich gestaltet. Er hatte mich zuletzt noch einmal wortlos, lange und ernst umarmt, Grüße an alle anderen auf den Weg mitgegeben und mir gesagt, dass er immer für mich da sei. Nicht lange nachdem ich eingecheckt hatte, war schon der letzte Aufruf für meinen Flieger ertönt – ich war geflüchtet, auch und vor allem vor meiner eigenen Wehmut…

 

Erst als ich längst in der Luft war, ließ ich es zu, dass mir ein paar Tränen über die Wangen liefen. Froh darüber, einen Fensterplatz ergattert zu haben, drehte ich den Kopf dorthin und gab vor, hinauszusehen, während ich mir rasch über die Wangen wischte. Dann stieß ich leise den Atem aus. Manchmal kam mir mein Leben vor wie eine andauernde Aneinanderreihung von kleinen und großen Abschieden, aber dieses Empfinden durfte ich wohl vornehmlich den letzten zwölf Monaten zuschreiben. Denn obwohlich meine Eltern immer noch vermisste, waren es viele andere Dinge und Abschiede, die mir durch den Kopf gingen.

Ich brauchte diesmal eine ganze Zeit, bis ich mich wieder gefangen hatte und um mich abzulenken richtete ich meine Gedanken beinahe gewaltsam auf meine nächsten Vorhaben.

Als erstes würde ich wie ohnehin geplant bei Dorian und Phoebe haltmachen und sie davon unterrichten, dass ich mich auf eigene Füße zu stellen beabsichtigte. Von Dorian als meinem großen Bruder erwartete ich als Reaktion darauf eine Predigt darüber, dass ich wahrhaftig nicht fortgehen müsse, um eigenständig zu leben! Bei dem Gedanken daran musste ich schon jetzt lächeln! Mein ‚großer’ Beschützer!

Auch bei Eve und Angus wollte ich vorbeisehen; seit ich Ende Mai zurück nach Irland geflogen war, hatte ich keinen von ihnen wiedergesehen und freute mich jetzt schon darauf.

Eve war schon etwas Besonderes. Beide Forester-Frauen waren etwas Besonderes! Wann immer ich an sie dachte, überfiel mich ein Hauch von Ehrfurcht – und tiefe Zuneigung! Mir waren noch sehr lebhaft die Dinge in Erinnerung, die sich kurz vor meiner Abreise abgespielt hatten: Die Entführung von Phoebes Eltern durch Ashton, Angus’ ‚Vater’, und später dessen Tod… Verurteilung und Hinrichtung traf es wohl eher… Und damals konnten wir alle nur von Glück sagen, dass es zu einem Happyend gekommen war! Ich kannte durch Mutter und Dorian das Gefühl, das sich in unsereinem ausbreitete, wenn man einem Familienoberhaupt Gehorsam leisten musste, aber ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben die zutiefst bedrohliche Seite und den unglaublichen Zwang eines verlangten Gehorsams am eigenen Leib verspürt! Und auch wenn dieses Verlangen laut Neill nicht von einer blutsverwandten Seite, sondern ‚nur‘ von einem alten, erfahrenen und zu allem entschlossenen Schattenwesen gekommen war, war es dennoch… bedenkenlos unterwerfend und unfassbar betäubend gewesen.

Beängstigend betäubend!

Es war sehr knapp gewesen!

Und ich würde nie vergessen können, wie knapp es vor allem für Eve und – wieder einmal – für Phoebe gewesen war! Ich war erst zusammen mit Aidan zu Reggies Rettung aufgebrochen als ich sah, dass beide nicht mehr in Lebensgefahr schwebten.

Seitdem lebten Eve und Angus im ehemaligen Haus von Phoebes Großeltern in der Nähe von Marysville, Fredericton. Und offenbar sehr glücklich! Auf Eve freute ich mich besonders; wir hatten zwar nur wenige Tage miteinander verbracht, aber sie war mir schon in dieser kurzen Zeit so etwas wie eine Seelenverwandte geworden, zumindest jedoch eine sehr, sehr gute Freundin. Eines der kleinen Wunder, die sich immer wieder überall auf der Welt abspielten, denn ich war überzeugt, dass nicht nur die ausgestandene Gefahr uns zusammengeschweißt hatte. Vom ersten Tag an hatte uns etwas verbunden…

Ob die Verbindung mit Angus sie irgendwie verändert hatte? Und Angus selbst? Aus unseren Telefonaten glaubte ich schon, darauf schließen zu können, alles Weitere würde wohl erst die persönliche Begegnung zeigen.

Ich schloss die Augen, um ein wenig zu dösen und ließ meine Gedanken treiben. Dorian und Phoebe, Nova Scotia und Halifax waren noch weit…

 

 

Umso überraschter war ich, als mich am Flughafen anstelle von Dorian Eve und Angus erwarteten. Ich hatte kaum mein Gepäck auf dem Kofferwagen durch die Absperrung gefahren, als ich Eve bereits winken und laut rufen hörte. Nur wenige Augenblicke später fiel sie mir um den Hals; wäre ich weniger groß und standfest, wären wir mit Sicherheit auf dem Boden herumgekugelt oder hätten auf dem Gepäckwagen einer hinter mir stehenden älteren Dame gelegen, die uns nachsichtig lächelnd aber kopfschüttelnd umrundete.

„Germaine! Endlich! Echt, ich hab dich mehr vermisst als ich sagen kann! Es ist so schön, dass du wieder da bist.“

„Hallo Eve.“ lachte ich und winkte dem weiter hinten stehenden und breit grinsenden Angus kurz zu, bevor ich mich wieder der Umarmung meiner Freundin widmete. „Ich habe dich ebenfalls vermisst und ich bin froh, wieder hier zu sein! Lass dich ansehen… du siehst fabelhaft aus!“

Ihr Gesicht strahlte vor Wiedersehensfreude, aber ich erkannte auch, dass die Liebe zu Angus ihr Wesen buchstäblich erhellte –von innen heraus! Sie trug ihre langen, braunen Haare entgegen ihrer früheren (Ordnungs-) Gewohnheit jetzt offen und ihre braunen Augen blitzten mich aufgeregt an.

„Offenbar bekommt Angus dir – und umgekehrt. Hallo Angus, es ist so schön, euch zu sehen! Aber wie kommt es, dass Dorian mich nicht abholt? Seid ihr jetzt extra wegen mir den ganzen Weg von Fredericton hierhergefahren?“

„Oh, das hast du Eve zu verdanken! Sie hat so lange gebettelt, bis ich eingewilligt habe, dass wir dich abholen. Sie hat dich wirklich vermisst und wollte nicht einen Tag länger warten, dich wiederzusehen. Ich allerdings auch, hallo also erst einmal und willkommen zurück! Wie war der Flug?“

„Wie üblich. Ich werde so langsam zur Pendlerin, glaube ich. Ich sollte darüber nachdenken, mir ein eigenes Flugzeug zuzulegen.“

Ich musterte auch ihn und erkannte erfreut, dass von dem ehemals so zurückgezogenen, abweisenden und zeitweise verbitterten Mann nichts mehr übrig geblieben war. Allenfalls ein kleiner Funke Wehmut – oder Leid? – in seinen Augen. Kein Wunder, gerade sein Leben dürfte kaum spurlos an ihm vorübergegangen sein. Doch selbst das wurde nun eindeutig aufgewogen durch etwas anderes, das man an ihm zuletzt vollkommen vermisst hatte: Lebensfreude! Und der Liebe zu seiner Gefährtin!

„Anscheinend behagt euch das Eheleben, ihr seht beide großartig aus!“

„Du aber auch! Ich wusste nicht, dass man in Irland braun werden kann; offenbar hat der kleine Aidan Connor dir genug Zeit gelassen, dich in der Sonne zu aalen.“

„Glaub das bloß nicht! Ich habe noch nie ein Baby erlebt, das so schnell weinerlich wird, wenn man sich nicht pausenlos mit ihm im Freien aufhält. Er ist schon jetzt ein Frischluftfanatiker und ich hab ihn fast immer mitgenommen, wenn ich draußen unterwegs war.“

„Was natürlich keinerlei Aussage darüber trifft, wie umfangreich deine Vergleiche mit anderen Babys sind!“ grinste Angus.

Ich verpasste ihm einen Hieb gegen den Oberarm und er rieb sich die Stelle sofort und mit übertrieben schmerzhaft verzogenem Gesicht, bevor auch er mich zur Begrüßung kurz und herzlich umarmte.

Eve hakte mich glücklich unter und überließ es Angus, den Wagen mit meinen Sachen hinter uns herzufahren. „Komm, das Auto steht im Parkverbot; beinahe wären wir nämlich zu spät gekommen!“ Sie warf ihrem Gefährten einen grimmigen, strafenden Blick zu. „Einer von uns beiden war mal wieder der Ansicht, dass man ruhig alle Geschwindigkeitsbeschränkungen ignorieren darf und deshalb später losfahren kann. Eines Tages sterbe ich noch den Heldentod auf dem Beifahrersitz!“

Ich sah mich zu dem Gescholtenen um und er zwinkerte mir zu.

Ich lächelte. Ich konnte ihn in gewisser Weise verstehen: Wenn man über ein enorm schnelles Reaktionsvermögen verfügte und wartende Geschwindigkeitskontrollen, Hindernisse oder Ähnliches schon von weitem sehen oder hören konnte, dann trieb es einen schon mal zur Verzweiflung, wenn man gezwungen war, langsam fahren zu müssen!

Oder ob es ihm fehlte, sich hin und wieder einmal zu verausgaben? Ich grinste in mich hinein und unterließ jeden dahingehenden Kommentar – schließlich konnte man annehmen, dass er sich in anderer Hinsicht verausgaben würde…

Wir ließen den Kofferwagen zurück, denn Angus hatte natürlicherweise keinerlei Mühe damit, alles zum Auto zu tragen; nur kurze Zeit später und nur knapp einem Strafzettel fürs Falschparken entgehend kurvte Angus uns schon durch die Straßen in Richtung Bedford, zu Dorian und Phoebe.

 

 

Sie war ihm schon vorhin aufgefallen, als sie geduldig und lässig auf ihr Gepäck wartete und es auf ihren Wagen lud! Ihre leicht gewellten, braunschwarzen Haare, die ihr bis über die Schulterblätter reichten, der Blick aus ihren dunklen, fast schwarzen Augen, der von weitem offenbar vollkommen geistesabwesend über ihn hinweggestrichen war, ohne ihn jedoch im Pulk der Menschen wahrgenommen zu haben, ihre große Gestalt, die sportliche Figur…

Er wich ihr aus, behielt sie jedoch aus angemessener Distanz aufmerksam im Auge, denn er war sich absolut sicher, dass sie, wenigstens zum Teil, Vampir war! Wie sie sich gab, wie sie sich bewegte, ihre dunklen Augen… Davon abgesehen hatte er im Laufe der Zeit ein untrügliches und sehr feines Gespür für diese Dinge entwickelt! Besser als jeder andere konnte er auch auf größere Entfernung abschätzen, ob er es mit Seinesgleichen zu tun hatte – ein echter Vorteil anderen seiner Art gegenüber!

Auch er war vorhin erst angekommen und hatte seine beiden Reisetaschen durch die Halle getragen. Er reiste niemals mit viel Gepäck; alles, was er vor Ort brauchen würde, würde er sich besorgen. Es war einfacher, wenn man so viel unterwegs war wie er zurzeit. Für diesmal war sein Ziel der östliche Teil Kanadas, aber mit dieser Begegnung hier am Flughafen hatte er nicht gerechnet!

Interessiert und amüsiert hatte er verfolgt, wie eine hübsche, junge… menschliche Frau sie zur Begrüßung stürmisch umarmte – und dann hatte er ihn gesehen! Er gehörte ganz offensichtlich dazu, war aber weiter hinten an einen Pfosten gelehnt stehen geblieben, von wo er ebenso amüsiert die gleiche Szene beobachtet hatte. Auch er musterte – Angewohnheit aller Vampire –mit einem kurzen, scharfen Rundblick die Leute sowie die räumlichen und baulichen Gegebenheiten der Umgebung, um im Notfall jederzeit handlungsbereit zu sein, aber er war entweder nicht mehr aufmerksam genug oder einfach nur abgelenkt durch die beiden Frauen.

Er selbst war dennoch sofort hinter einem weiteren Pfosten versteckt stehen geblieben und strich sich jetzt die für seine Begriffe schon ziemlich lang gewordenen blonden Haare aus der Stirn, auf der eine steile Falte aufgetaucht war – wie immer, wenn er sich voll auf etwas konzentrierte; die drei verließen nun das Gebäude und er folgte ihnen in größtmöglichem Abstand nach draußen, immer darauf achtend, eine Gruppe Menschen oder ein Hindernis zwischen sich und ihnen zu haben.

Vor dem Gebäude angekommen sah er daher nur noch, wie sie gemeinsam davonfuhren und wie ein uniformierter Mann einen gerade begonnenen Zettel zerknüllte, kopfschüttelnd fortwarf und sich entfernte. Sicherheitshalber merkte er sich Typ und Kennzeichen des Wagens, winkte eilig eines der bereitstehenden Taxis näher und warf sich und sein Gepäck kurzerhand auf den Rücksitz.

„Sehen Sie da hinten den Geländewagen? Den dürfen wir nicht verlieren! Folgen Sie ihm, aber halten Sie den größtmöglichen Abstand!“

Der junge Fahrer, dessen Wangen zahlreiche Aknenarben aufwiesen, drehte sich kurz zu ihm um und meinte mit leicht krächzender Stimme: „Mann, auf so eine Aufforderung warte ich schon, seit ich diesen Job mache!“ Er startete den Motor und fädelte sich rücksichtslos in den Verkehr ein, was prompt ein Hupkonzert zur Folge hatte.

„Wenn Sie nicht ein wenig vorsichtiger sind, dann ist diese Verfolgung für uns beide schneller vorbei als wir uns wünschen!“knurrte er.

„Schon gut, ich mach das schon! Lehnen Sie sich entspannt zurück, Sir! … Sind Sie Polizist? Privatdetektiv? Was ist es denn? Beschatten Sie einen Ehebrecher? Oder etwas Schlimmeres?“

„Dicht dran, es ist eine Art… Familiengeschichte, im übertragenen Sinn. Auch wenn es dabei nicht um Ehebruch geht. Sie haben wohl einen Blick dafür…“ versuchte er, seine neugierigen Fragen abzubiegen, ohne sich seinen Unmut darüber anmerken zu lassen.

„Danke! Das kommt wohl daher, dass ich in meinem Job viel mit Menschen zu tun habe…“ meinte der Fahrer geschmeichelt.

Er ließ dessen geistigen Ergüsse unaufmerksam über sich ergehen, antwortete nur noch einsilbig und konzentrierte sich lediglich darauf, das Auto nicht aus den Augen zu verlieren. Zweimal wäre es fast soweit gewesen, weil eine Ampel auf Rot sprang oder ein riesiger Laster ihnen die Sicht versperrte. Er wies den Fahrer dann jeweils darauf hin, in welche Richtung sie abgebogen oder weitergefahren waren und erntete beide Male eine bewundernde Bemerkung.

„Sie fahren nach Bedford…“ meinte der Fahrer irgendwann; dann, wenig später: „Wir kommen gleich in die reine Wohngegend am äußersten Randgebiet. Soll ich hinterherfahren, auch wenn wir dann gesehen werden könnten? Taxis fallen hier in der ruhigen Gegend mehr auf als anderswo…“

Der Fahrer dachte mit, gut so! „Lassen Sie sich noch weiter zurückfallen und halten Sie an jeder Ecke und Kurve kurz an. Aber so, dass wir gerade noch sehen können, ob sie abbiegen oder anhalten, ohne selbst von ihnen gesehen zu werden!“ instruierte er ihn.

Schweigend sah er zu, wie sie schließlich um eine weiter Ecke bogen, wo die Straße in einer Sackgasse enden würde.

„Okay, bleiben Sie hier stehen, ich werde aussteigen.“ forderte er und reichte ein paar Geldscheine nach vorne.

„Danke, das ist aber viel zuviel!“

„Behalten Sie’s, Sie haben Ihre Sache gut gemacht.“ murmelte er und griff nach den Taschen.

„Soll ich nicht lieber warten? Sie wollen doch wohl nicht mit dem Gepäck…“

„Nein, danke. Ich werde schon irgendwo in der Nähe ein Zimmer finden. Auf Wiedersehen.“ Jeden weiteren Einwand ignorierend warf er die Tür zu und hörte nur noch, wie der Fahrer ihm ein verwirrtes „Wiedersehen“ nachrief.

In gemäßigtem Tempo lief er zur nächsten Ecke und suchte die Straße mit Blicken ab. Der Wagen hatte vor einem der letzten Häuser auf der rechten Seite gehalten. Mit einem raschen Blick musterte er die gesamte Umgebung – die Gebäude standen hier alle relativ weit auseinander, hier und da befanden sich immer noch unbebaute Grundstücke dazwischen – und beschloss, das Haus vom nahen Waldrand aus noch eine Weile zu beobachten. Möglichst unauffällig.

Er hätte doch zuerst die hinderlichen Taschen irgendwo unterbringen sollen, aber er wollte keinen der drei schon jetzt aus den Augen verlieren… Jetzt würde er sie eben irgendwo zwischen den Bäumen verstecken müssen.

Es versprach, interessant zu werden!

 

 

Schon auf der Fahrt wollte Eve als allererstes alles über den kleinen O’Donnel-Nachkommen wissen.

„Die Bilder, die ihr geschickt habt, sind einfach hinreißend!“ meinte sie.

Ich konnte nur zustimmen. „Er hat Connors Haarfarbe und auch seine Augen. Fast sieht er ein wenig aus wie Roy in Miniaturausgabe. Und er hat Connors Hunger geerbt und wächst unglaublich schnell…“ antwortete ich leise.

Angus warf mir einen kurzen Blick im Rückspiegel zu, denn ich hatte mit Eve zusammen hinten Platz genommen. „Wie geht es Beverly mittlerweile?“ fragte er.

Ich holte tief Luft. „Körperlich gut. Seelisch… Sie scheint so langsam ihre alte Form wiederzufinden.“

Wir schwiegen eine Weile und ich hing meinen eigenen Gedanken nach.

In den letzten Schwangerschaftswochen hatte Bev sich nicht sehr wohl gefühlt, wenn auch keine körperlichen Ursachen dafür infrage kamen. Sie und das Baby waren kerngesund – wie zu erwarten war nach dem Blutritual, das ihr eine kräftige und widerstandsfähige Gesundheit beschert hatte. Es war eher eine gewisse Melancholie über sie gekommen – vermutlich, weil ihr jetzt doch zunehmend bewusst wurde, dass das neue Leben in ihr niemals seinen Vater kennenlernen würde. Eine Tatsache, der sie sich zu Beginn noch mit weit größerer innerer Stärke hatte stellen können, die aber zuletzt wohl doch mehr und mehr in den Vordergrund gerückt war.

Ellen und Roy waren froh, dass sich dies nach der Geburt wieder besserte; Beverly war immer eine zupackende und äußerst pragmatische Persönlichkeit gewesen, aber in dieser Situation brauchte wohl auch sie Zeit, um wieder zu ihrem alten Ich zurückzufinden. Mit Connor hatte sie die zehn glücklichsten Jahre ihres ganzen Lebens verbracht und er war viel, viel zu früh von ihrer Seite gerissen worden. Und durch das Blutritual, das sie unmittelbar vor seinem Tod noch durchgeführt hatten, blieb ihr neben einem langen Leben eben auch eine lange Zeit zum Trauern…

„Eines Tages möchte ich sie alle unbedingt mal kennenlernen!“

Eve riss mich mit dieser leisen Bemerkung aus meinem Nachdenken.

„Natürlich! Ich hatte eigentlich angenommen, dass ihr sie nächsten Monat zusammen mit Dorian und Phoebe besucht! Nicht?“

Eve warf mir einen seltsamen Blick zu. „Nun, das werden wir wohl noch ein wenig verschieben… Wahrscheinlich ist es auch besser, wenn nicht sämtlicher Besuch auf einmal bei ihnen einfällt!“

„Das sähe Bev aber sehr unähnlich! Und gerade jetzt kann sie ein wenig Trubel und Abwechslung gut gebrauchen – es bringt sie auf andere Gedanken. Aidan Connor ist viel zu pflegeleicht, als dass er sie jetzt, wo er noch fast den ganzen Tag verschläft oder ständig von einem von ihnen zum Spaziergang mitgenommen wird, schon auslastet! Ellen und Roy nehmen ihr alles andere Drumherum ohnehin schon ab… Ich habe mich manchmal schon gefragt, ob Letzteres wirklich so gut ist! Sie grübelt noch immer zu viel.“

„Hast du mit Ellen mal darüber gesprochen?“

„Mit Roy, erst vor ein paar Tagen. Er ist meiner Meinung und sie werden nun, wo ich wieder fort bin, verstärkt daran arbeiten, dass sie wieder ein wenig mehr unter die Leute kommt oder abgelenkt wird.“

Angus nickte leicht und konzentrierte sich wieder auf den Verkehr.

„Was gibt es bei euch denn Neues? Eve, du hast deinen Wohnsitz inzwischen endgültig hierher verlegt? Habt ihr irgendwelche Pläne? Erzählt doch mal was, ich bin so gar nicht auf dem Laufenden!“

Eve schien zu zögern. „Mit detaillierten Plänen kann ich dir nicht dienen, aber ich habe tatsächlich die meisten Brücken hinter mir abgebrochen und mein Leben hierher verlegt. Vorläufig gefällt es uns hier viel zu sehr, als dass wir uns nach etwas anderem umsehen wollten. Wir haben die meiste Zeit dazu genutzt, das Haus nach unseren Wünschen zu renovieren und herzurichten. Übrigens: Du bist eingeladen, bei uns zu wohnen wenn du willst! Dorian und Phoebe haben zwar dein altes Zimmer, aber wir haben das ganze große Haus für uns…“

„Was sich ja auch anders mit Leben füllen ließe!“ grinste ich sie an.

Sie wurde rot. Worauf ich hätte wetten können; ihre Gefühle waren schon immer deutlich an ihrem Gesicht abzulesen gewesen!

„Darüber nachzudenken ist es noch ein wenig früh, findest du nicht? Wir haben uns doch erst vor kurzem gefunden…“

„Ich ziehe dich doch nur auf, Eve! Aber ich werde darüber nachdenken, noch eine Weile zu euch zu kommen, bevor ich mich nach etwas Eigenem umsehen werde!“

„Wieso nach etwas Eigenem?“ fragte sie und wirkte entgeistert, verlor beinahe sofort wieder die Farbe. Sie war zum Teil ein Chamäleon, ganz sicher!

„Meinst du nicht, dass ich lange genug bei Dorian, den O’Donnels und euch rumgehangen habe? Nein, abgesehen davon, dass es für mich an der Zeit ist, mein eigenes Leben zu beginnen…“

Angus fuhr vor Dorians und Phoebes Haus vor und schaltete den Motor aus.

„…kann ich jetzt überall auf der Welt ein Zuhause finden, ohne stets darauf achten zu müssen, nicht versehentlich meinem Jäger über den Weg zu laufen.“

Während ich ausstieg, sah ich schon, wie die Haustür aufgerissen wurde und Phoebe herausgelaufen kam. Mein großer Bruder ließ sich etwas mehr Zeit und sah schmunzelnd zu, wie begeistert die Begrüßung zwischen mir und seiner Gefährtin ausfiel. Eine Wiederholung dessen, was sich schon am Airport ereignet hatte! Auch sie hätte mich trotz ihrer kleinen, zierlichen Gestalt beinahe umgerannt, als sie mich jetzt regelrecht ansprang. Lachend umarmte ich sie.

„Phoebe! Wie kann ein Fliegengewicht wie du nur so mitreißend sein? Oder hat Dorian dich geschubst?“

Der zu Unrecht Beschuldigte umarmte mich ebenfalls lange und kräftig, bevor er mich von oben bis unten musterte.

„Ich muss immer wieder sagen, dass dir als alter Griechin Irland außerordentlich gut bekommt! Du siehst gut aus. Hallo, kleine Schwester.“

Ich schüttelte den Kopf und strahlte ihn an. „Alte Griechin… Das sagt der Richtige! Und überhaupt: Du siehst mindestens doppelt so braungebrannt aus wie ich. Nur Phoebe hast du wohl drinnen eingesperrt, damit du sie für dich alleine hast.“

Mir war sehr wohl bewusst, dass meine blonde Schwägerin mit ihrer blassen Haut niemals wirklich sommerbraun wurde, aber diesen winzigen Seitenhieb gegen Dorian konnte ich mir nicht verkneifen. Angus und er reichten sich nur kurz und grinsend die Hand, bevor wir gemeinsam das Haus betraten.

Eve knüpfte sofort an unser Gespräch von vorhin an.

„Was hast du denn vor? Ich hatte gehofft, wenigstens ein bisschen Zeit mit dir verbringen zu können, ohne dass du gleich wieder verschwindest! Wir hatten bisher nur so wenig voneinander…“

„Wieso, sofort wieder verschwinden?“ erkundigte sich Dorian prompt und runzelte die Stirn. „Meine kleine Schwester war zwar schon immer sehr reise- und unternehmungslustig, aber ich bin ebenfalls davon ausgegangen…“

„Bevor ihr jetzt alle über mich herfallt, kläre ich euch wohl mal lieber auf!“ unterbrach ich ihn und lehnte mich mit übereinandergeschlagenen Beinen in meinem Sessel zurück. Dann erzählte ich von meinem Vorhaben, mir irgendwo eine eigene Bleibe zu suchen und hielt auch mit meinen Beweggründen nicht hinter dem Berg. Wie erwartet fing Dorian sofort an, mir lang und breit zu erklären, dass ich als Familienmitglied hierhergehöre und mich schließlich gerne woanders niederlassen könne, ohne gleich ein völlig anderes Leben beginnen zu müssen. Kanada sei groß genug… und überhaupt…

Ich lächelte. Fast wortwörtlich das, was ich zuhören erwartet hatte!

Eve und Phoebe hingegen waren still geworden und sahen sich gegenseitig schweigend an, als ich geendet hatte. Ob sie wieder interne Zwiesprache hielten? Jemand sollte den beiden mal einen Lautsprecher samt Simultanübersetzer einbauen!

Sämtliche Reaktionen hatte ich mir schon genau so ausgemalt und grinste inzwischen breit.

„Dorian!“ unterbrach ich nun auch ihn. „Erstens habe ich nicht vor, schon morgen klammheimlich und unbemerkt von hier zu verschwinden; ich will schon noch etwas von euch allen haben! Zweitens habe ich nichts davon gesagt, dass ich nach Timbuktu oder an den Südpol ziehen will, mir schwebt eher ein abgelegener chinesischer Landstrich vor oder Tibet…

Nein, mal ernsthaft: Wer weiß, vielleicht bleibe ich ja noch ein paar Jahre in Kanada, schließlich haben wir uns hier erst vor eineinhalb Jahren niedergelassen – unsere Zeit bei Montreal mitgerechnet. Es gefällt mir hier…

Und drittens… Ich weiß doch, dass ihr alle mich sogar auf unbegrenzte Zeit bei euch aufnehmen würdet. Aber habt ihr das Ganze mal von meiner Warte ausbetrachtet? Ich sitze jetzt hier mit ein paar von den Leuten, die ich auf dieser Welt am meisten liebe. Aber ich sitze hier auch mit zwei Paaren, deren Gefährtenschaften noch jung sind und die absolut kein Anhängsel wie mich brauchen können!

Nein, lass mich diesmal ausreden. Ich habe ein ähnliches Gespräch auch schon mit Roy geführt – er hat mich sofort verstanden. Tut mir jetzt bitte den Gefallen und überlegt euch mal, wie mir zumute ist, wenn ich sehe, dass ihr alle schon das gefunden habt, was… ich noch suche!“ Ich hatte eine leise Wehmut nicht ganz aus meiner Stimme verbannen können.

Angus hatte dieser Unterhaltung ohnehin nur als schweigsamer Zuhörer beigewohnt; er sagte auch jetzt nichts dazu, wenn auch tiefes Verständnis in seinen Augen lag. Dorian hatte ich offenbar den Wind aus den Segeln genommen, ihn aber auch mit meiner halben Zusicherung, nicht sofort und nicht unbedingt in ferne, unbekannte Weiten zu entschwinden, beruhigt. Manchmal fragte ich mich nicht nur scherzhaft, ob er tatsächlich immer noch meinte, mich beschützen zu müssen…

Phoebe hatte zumindest leicht genickt; von ihr wusste ich, dass sie alleine auf Grund ihrer Empathie sehr schnell und gründlich meine Motive erfassen würde.

Eve hingegen hatte von diesem Forester-Familienerbe nur eine eher gemäßigte Intuition geerbt. Na gut, eine gute Portion davon, aber anders als Phoebe konnte sie nicht einfach und ohne Weiteres andere Gefühlsregungen empfangen. Und sie war die ‚Jüngste’ in unserer Runde – nicht, was ihr Alter, sondern ihre Erfahrungen in unserer Welt anging. Und jetzt blinzelte sie tatsächlich rasch ein paar Tränen weg.

Ich beugte mich zu ihr hinüber und nahm ihre Hand in meine. „Eve, ich bin gerade erst angekommen und ich werde auch erst einmal für eine ganze Weile bleiben; schließlich weiß ich selbst noch nicht so genau, wo ich anfangen werde! Okay?“

„Klar!“ murmelte sie und lächelte schief. „Ich werde mich wohl irgendwann mal daran gewöhnen, dass auch ich jetzt in anderen Zeitdimensionen denken kann!“

„Richtig! Euer Blutsbund!“ lächelte ich sie an. „Ich bin echt froh, dass ich noch richtig lange etwas von euch haben werde. Und was hindert euch, im Gegenzug mir zukünftig Besuche abzustatten?“

„Nichts!“ konterte sie – und dann wurde aus dem Lächeln ein Grinsen. „Wahrscheinlich wirst du diese Bemerkung irgendwann noch bereuen, Germaine!“

Ich lachte. „Höchstwahrscheinlich!“

 

 

Den Rest des Tages verbrachten wir damit, die letzten Neuigkeiten auszutauschen, Bilder von Aidan Connor – und einige wenige auch von den anderen O’Donnels – auf Phoebes Laptop zu betrachten und auf der Wiese hinter dem Haus gigantische Mengen an Gegrilltem, Brot und Salaten in uns reinzuschaufeln. Dorian hatte vorgesorgt! Erst sehr spät verabschiedeten sich Angus und Eve, um noch nach Hause zu fahren. Für morgen hatten sie uns das Versprechen abgenommen, alle zu ihnen zu kommen und uns auf eine Übernachtung einzustellen.

Als ihr Auto hinter der Biegung verschwunden war, hakte Phoebe mich unter und seufzte glücklich. „Es ist schön, alle seine Küken wieder um sich zu haben!“ meinte sie. „Obwohl natürlich die irischen Küken alle noch fehlen. Wir sollten eigentlich mal über eine gigantische WG nachdenken…“

Ich grinste. „Wir würden uns schneller in die Haare kriegen als du schauen kannst! Und wie eine Glucke bist du mir bisher nicht vorgekommen, Schwägerin! Aber man lernt ja wahrhaftig nie aus, nicht wahr, Federchen?“

Sie knuffte mich in die Seite. „Untersteh dich, mich mit einer Glucke gleichzusetzen, ich werde schon genug mit anderen Dingen verglichen!“

„Du kannst dich wohl immer noch nicht damit abfinden, der Turm von Pharos zu sein, Leuchtende, trotz allem!“ Ich sah auf sie hinunter und mein Grinsen wurde noch breiter. „Obwohl… Eigentlich hast du ja Recht! Bei deiner Körpergröße wärest du allenfalls ein Glühwürmchen, bei dem bekanntlich nur der Hintern glimmt…“

Kichernd löste ich mich von ihrem Arm und lief voraus, blieb aber stehen, als ich sah, dass sie wie zur Salzsäule erstarrt stehen geblieben war und mit abwesendem Blick und wie lauschend dastand.

„Habe ich was Falsches gesagt?“ meinte ich und trat wieder auf sie zu.

Sie schüttelte den Kopf und ihr Blick wurde wieder klar. „Nein, nein… ich hatte nur kurz den Eindruck… Was hast du überhaupt gesagt?“

Ich wurde stutzig. Das kannte ich von ihr nicht! Beziehungsweise nur dann, wenn sie bewusst ihre geistigen Fühler ausstreckte.

„Ist alles in Ordnung? Ich habe dich und deine Körpergröße mit einem Glühwürmchen verglichen, bei dem allenfalls der Hintern an- und ausgeknipst werden kann! Und es ist schon seltsam, dass du mir daraufhin keinen Rüffel verpasst!“

Nun kam er prompt: Sie kicherte und stieß mir den Ellenbogen in die Seite. „Typisch Germaine! Los, unverschämte Göre, auf zum Aufräumen, sonst kündigt Dorian uns die Freundschaft!“ Sie warf noch einen letzten, kurzen Blick die Straße hinab und schob mich dann energisch vor sich her.

 

IM HANDEL:

 

Band 14 schließt die Vampirreihe ab!

Im Buchregal (siehe oben) gibt es das 1. Kapitel als Lesehäppchen zum Appetit-holen. Es bleibt wie immer spannend und "romantasy"!

ISBN 978-3-7448-1642-7