Kerstin Panthel

 

 

"DAS ZWEITE ELEMENT"

 

 

 

 

 

Band IX der Reihe

 

 

 

 

Handlung, Namen und Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

 

 

 

 

 

© 2015 Kerstin Panthel. Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-7347-8164-3

 

 

 

 

 

“Der größte Missbrauch ist,

wenn von der Macht sie das Gewissen trennt.“

 

 

Shakespeare,  Julius Cäsar (Uraufführung)

 


 

Kapitel 1

 

„Was ist los mit dir? Seit zwei Tagen hängst du nur in deinem Zimmer und redest kaum ein Wort mit irgendwem! Und wo ist Andy? Er lässt sich auch schon seit Tagen nicht mehr sehen!“

Raven hatte zwar geklopft, aber wie üblich nicht darauf gewartet, dass ich sie hereinbat. Meine ältere Schwester war die Einzige, die solche Dinge – zumindest unter Geschwistern – für unnötig hielt.

Ich lag zusammengerollt auf meinem Bett, die Decke bis ans Kinn gezogen, und starrte durch das Fenster nach draußen. Aus den feinen Regentröpfchen, die zuerst wie versprühte Gischt gewirkt hatten, waren inzwischen dicke Tropfen geworden; sie klatschten seit einer Dreiviertelstunde schon in Schwaden gegen die Scheibe.

„Mach die Tür von außen zu.“ antwortete ich und schloss die Augen, als ich ihr Schnauben hörte.

Das Unvermeidliche würde sowieso kommen. Und richtig: Sie schloss die Tür zwar, aber dann vernahm ich auch ihre leisen Schritte, als sie an mein Bett trat.

„Pearly? Was ist los? Du hast nicht mal gemeckert, als ich gestern dein Lieblingsshirt ohne zu fragen ausgeliehen habe… Na ja, nicht, dass mir das nicht recht gewesen wäre, aber normalerweise rastest du dann immer aus. Und Mum hat dich eben mehrfach gerufen – das Abendessen ist fertig. Dad isst heute nicht mit uns…“

„Raven, was an den Worten ‚mach die Tür von außen zu’ hast du nicht verstanden? Sag’s mir, damit ich es dir erklären kann und endlich meine Ruhe habe!“

Die Matratze bewegte sich, als sie sich neben mir darauf fallen ließ.

„Keine Chance, ich werde nicht aufhören, dich zu nerven! Du hast damit die Wahl, ob du es mir sofort erzählst oder ob ich dich erst noch zur Weißglut bringen soll, bevor du es mir sagst! Also?“

Ich fluchte lautlos und zog meine Beine noch ein wenig mehr an.

„Andy hat vorgestern Schluss gemacht! So, jetzt weißt du es und kannst zu Mum rennen, es ihr erzählen, damit sie auch noch hier oben aufkreuzt und mich bedauert! Bist du jetzt zufrieden?“

 Schweigen. Dann, leise: „Oh Pearl, das tut mir leid! Ich wusste ja nicht… Ich werde Mum nichts sagen, wenn du nicht willst…“

Ihre Hand zog mich am Arm zu sich herum und ich rollte genervt mit den Augen, bevor ich sie schweigend und herausfordernd anstarrte. Ihre rabenschwarzen Haare, die diese Farbe schon bei ihrer Geburt hatten und ihr ihren Namen eingebracht hatten, rutschten ihr über die Schultern als sie sich vorbeugte.

„Tu das nicht! Fühl dich wegen ihm nicht mies, Andy ist ein Vollidiot!“

„Danke, das hat mir jetzt unheimlich geholfen!“ grollte ich und drehte ihr wieder die Kehrseite zu. Das hieß, ich versuchte es, denn sie hielt mich sofort wieder fest und drehte mich zurück auf den Rücken.

„Pearly, hör mir zu: Es tut mir leid! Ich habe zwar nie verstanden, was du an Andy fandest, aber ich habe nie etwas gesagt…“

Ich schnaubte.

„Na gut, ich habe manchmal schon was gesagt, aber… Himmel, er ist ein Vollidiot! Und wenn er jemandem wie dir den Laufpass gibt… Er hat dich gar nicht verdient und du solltest ihm nicht eine Minute nachtrauern!“

„Nein, er hat nur jemanden wie Reese verdient! Sie sind zusammen im Kino gesehen worden. Letzten Monat, als er keine Zeit für mich hatte. Und Reese ist ja nur der Schwarm aller Jungs auf der Highschool! Weißt du was? Lass mich alleine, okay? Ich komme schon klar, ich trauere ihm nicht nach…“

Wieder versuchte ich vergebens, mich auf die Seite zu rollen.

Sie strich mir meine langen, braunen Haare aus dem Gesicht.

„Was meinst du damit? Soll das heißen, er hat schon was mit ihr angefangen, als ihr offiziell noch zusammen wart? Verdammt, Pearl! Wie kannst du ihm so was…“

„Verdammt, Raven, hast du nicht zugehört? Ist dir noch nicht aufgefallen, dass ich nicht verzweifelt heulend hier liege? Ich habe erst vorgestern davon erfahren, nachdem er schon Schluss mit mir gemacht hatte! Es war nicht nur ein Kinobesuch, das wäre mir ja noch egal gewesen, aber Quinn und Lisa, zwei aus meinem Jahrgang, waren im gleichen Film. Lisa hat mitbekommen, dass Andy mit mir Schluss gemacht hat; sie kam kurz darauf zu mir und erzählte, die beiden haben an diesem Abend fast die ganze Zeit über rumgeknutscht. Sie war wohl der Ansicht, ich sollte wütend auf ihn sein oder so, damit ich weniger traurig wäre… Klar, er hat mir auch wehgetan, aber ich trauere ihm nicht nach…“

Ich stockte und presste die Lippen zusammen.

„Und? Da ist doch noch was!“

„Ist das nicht offensichtlich? Reese, die Makellose! Und daneben ich, die Versponnene! Er hat gesagt – und ich zitiere wörtlich: ‚Ich mag dich, aber ich glaube nicht, dass ich damit klarkomme, dass du eine Psycho gewesen bist.‘ Zitatende.“

Sie riss die Augen auf und hielt den Atem an. Als sie ihn wieder ausstieß, klang es wie ein Zischen.

„Er hält dir vor, dass du vor Jahren mal eine Therapie gemacht hast? Jeder zweite Amerikaner rennt zu irgendeinem Therapeuten! Wie kann dieser Mistkerl…“

„Weil noch lange nicht jeder US-Bürger, der zu einem Therapeuten geht, unter Halluzinationen litt und Stimmen hörte!“ murmelte ich genervt und drehte den Kopf so weit, dass ich an die Decke starren konnte. „Er fügte noch an, dass er keine Zukunft darin sehe, ständig darauf gefasst sein zu müssen, dass es wieder passiert!“

„Ich fasse es nicht! Du hast seit über zwei Jahren keine Probleme mehr damit! Pearl, du hättest ihm nicht mal davon erzählen brauchen – nicht, dass ich das nicht befürworte und der Ansicht bin, dass es jemandem, der dich wirklich mag, nichts ausmachen sollte, aber… Er lohnt Offenheit in einer Beziehung mit deren Abbruch? Wer so was tut, hat dich nicht verdient, Schwesterchen! Und wenn er schon was mit einer anderen hatte, dann ist das nur eine faule Ausrede.“

Wir hörten beide die verärgerte Stimme unserer Mutter, die jetzt ankündigte, das Essen in längstens zwei Minuten in die Mülltonne zu verfrachten. Sofort erhob sie sich und winkte ab.

„Lass nur, ich sage ihr, du hast keinen Hunger. Ist doch so, oder?“

„Ja…“ grummelte ich und setzte ein leises „Danke.“ nach.

„Schon gut. Ich komme gleich noch mal rein, dann können wir überlegen, was wir morgen Abend machen. Freitag und der Abend gehört ganz uns!“

„Sei mir nicht böse, aber ich habe jetzt keine Lust, mich in irgendwelche Unternehmungen zu stürzen. Ich will einfach nur meine Ruhe haben. Und außerdem muss ich früh aufstehen; ich helfe morgen wieder bei Mrs. Simms im Laden, ich brauche die Kröten.“

Endlich von ihrem Griff befreit drehte ich mich wieder auf die Seite.

„Freitags früh? Ich denke, du bist nur montags und donnerstags nachmittags dort…“

„Ich hab Ferien, da kann ich öfter kommen…“ erwiderte ich müde.

Sie seufzte.

„Ich schaue trotzdem nachher noch mal rein… Schlag dir Andy aus dem Kopf, er ist es nicht wert!“

„Der ist schon raus aus meinem Kopf und ich sehe keinen Grund zur Selbstverstümmelung!“ erwiderte ich. „Hab ich von Spock gelernt, ich gehe also logisch an die Sache ran.“

„Ich hätte nie gedacht, sowas mal über deine Trekkie-Leidenschaft zu sagen und streite die folgenden Worte auch ab, sobald sie über meine Lippen gekommen sind, aber: Spock ist ein schlaues Bürschchen! Richtig so!“

Die Tür öffnete und schloss sich und ich konnte hören, wie sie die Treppen hinunterlief und kurz darauf die Küchentür laut zufiel.

Die Tropfen am Fenster wurden langsam wieder kleiner und als der Regen nach weiteren zehn Minuten endgültig aufhörte und die Wolkendecke aufriss, hingen sie im Sonnenlicht glitzernd und funkelnd am Glas. Wie hunderte von Tränen, die jemand vergossen hatte…

Ich ging tatsächlich kühl und logisch an diese Sache heran, denn ich weinte nicht. Nur: Wieso weinte ich nicht? Vor zwei Tagen hatte mein Freund, mit dem ich fast sechs Monate zusammen gewesen war, unsere Beziehung beendet. Ich müsste eigentlich haufenweise Taschentücher verbrauchen, tonnenweise Eis und Schokolade in mich reinschaufeln und alle möglichen Freundinnen anrufen, damit sie mich trösten und zusammen mit mir über Jungs im Allgemeinen und Andy im Speziellen herziehen würden. Aber nach keinem dieser Dinge stand mir der Sinn, es war eher so, als ob ich das alles aus einer weit von mir selbst entfernten Perspektive betrachten würde. Von irgendwo, wo es mich nicht wirklich verletzte…

Ich sah auf die Uhr, warf die dünne Decke von mir und öffnete das Fenster, um die jetzt feuchtwarme Luft hereinzulassen. Dann kramte ich mein altes ‚Eintritt verboten!’-Schild, das ich immer noch zwischen meinen Büchern aufbewahrte, hervor, hängte es von außen an die Tür und drehte nach kurzem Überlegen sogar den Schlüssel im Schloss um. Zur Krönung des Ganzen durchwühlte ich den Karton mit meinen CDs und erst als laute Musik durch mein Zimmer wummerte, war ich zufrieden. Auf diese Weise würde ich wenigstens heute Ravens Fragen und Ratschlägen entgehen können. Morgen war ein neuer Tag.

 

 

 

„Miss Fraser, würden Sie nach den Keksen sehen? Sie dürften jetzt soweit sein.“

Ich wischte meine Hände an der blauen Schürze ab und richtete mich auf.

„Klar. Soll ich sie gleich in die Auslage bringen?“

„Ja, es sind kaum mehr welche da… So, Mr. Krebbs, hier ist ihr Wechselgeld. Ich hoffe, ihr Thunder mag diese Leberplätzchen!“

Ich konnte durch die offene Tür hören, wie der Angesprochene sich bedankte und versprach, Bescheid zu geben.

Aus dem Backofen, in dem Plätzchen in Knochen-, Hundehütten-, Pfoten- und Herzform aufgereiht auf ihren Blechen lagen, strömte ein seltsamer Duft, als ich die Tür öffnete und die ‚Köstlichkeiten‘ vorsichtig in den mitgebrachten Behälter rutschen ließ. Ein paar waren am Rand ein wenig dunkel, aber Mrs. Simms hatte mal wieder ohne die Uhr zu beachten den richtigen Zeitpunkt abgepasst. Als der Timer jetzt rasselte, war ich längst wieder mit dem Nachschub unterwegs nach vorne.

„Sie sind gut geworden.“ meinte ich und platzierte sie zwischen den diversen anderen Leckereien, die so appetitliche Dinge wie Pansen, Leber oder ähnliche Innereien enthielten.

„Mr. Krebbs hatte Thunder diesmal gar nicht dabei!“ bemerkte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

„Er ist bei meinem Sohn in der Praxis. Ein eingetretener Dorn oder so, der sich entzündet hat…“

Ihr Sohn war einer der ortsansässigen Tierärzte – und sie ergänzte die ‚tierische Versorgung’ mit ihrem jetzt schon seit Jahren erfolgreichen Laden, in dem sie fast ausschließlich selbst zubereitete Hunde- und Katzennahrung verkaufte. Ich half ihr normalerweise an zwei Nachmittagen im Laden aus, packte an, wo immer ich gebraucht wurde und war jetzt froh, dass ihre Angestellte vor einer Woche ihre Arbeit wegen ihrer bald bevorstehenden Entbindung vorläufig unterbrochen hatte; es gab mir Gelegenheit, mein Taschengeld noch etwas mehr aufzubessern. Mein Auto, ein alter Polo, dem die Nostalgie aus so manchem rostigen Fleck leuchtete, hatte einen neuen Auspuff und neue Bremsbeläge nötig. Danach würden Auspuff und Bremsbeläge wahrscheinlich nur noch ein neues Auto benötigen…

„Danke… Wenn ich Sie nachher wieder etwas früher nach Hause schicken würde, würden Sie diese Schachtel mit Futter bei Mrs. Shoe­maker vorbeibringen? Für Sie läge es auf dem Weg und ich müsste nicht extra fahren…“

„Klar. Die Katzenlady…“

Sie nickte und wischte etwas umständlich über die Theke, um ein paar unsichtbare Krümel zu beseitigen.

„Sie hat mittlerweile acht Katzen, weil sie sie nicht vermittelt bekommt… Haben Sie kein Interesse?“

Ich lächelte unverbindlich. Diese Frage kam wenigstens einmal pro Woche.

„Ähm… Ich bin eher der Hundetyp, wissen Sie, aber für einen Hund fehlt mir die Zeit…“

Schnell hockte ich mich wieder hinter meinen Teil der Theke und fuhr fort, fertig abgepackte Tütchen aus durchsichtigem, knisterndem Cellophan nach oben in die jetzt sauber ausgewischte Glasvitrine zu räumen.

„Ja, das sagten Sie…“

Die Türglocke ging und sie war abgelenkt, sodass ich schnell nach hinten verschwinden und die Bleche säubern konnte. Und als ich etwa eine Stunde später die Schürze auszog und Tasche und Schlüssel schnappte, schob sie mir schon mit einem dankbaren Lächeln eine vollgepackte Pappschachtel entgegen.

„Hier. Wir sehen uns dann am Montagnachmittag. Und danke…“

„Kein Problem.“ murmelte ich und verließ den Laden, den nicht gerade leichten Karton ausbalancierend.

Ich hatte schon öfter kleinere oder größere Lieferungen an Mrs. Shoemaker gemacht. Sie war eine ältere, verwitwete Dame, die nur noch auf ihre Gehhilfe gestützt laufen konnte; Katzenfindlinge zu versorgen war ihr Lebensinhalt. Zwar wohnte ihr Sohn ebenfalls in Bennington und hätte ohne Weiteres mit seinem Wagen am Laden halten können, um die Futtervorräte mitzunehmen, aber offenbar hatte er ein Problem mit ihrer Tierliebe. Sie bedankte sich sicher zehnmal bei mir, drückte mir ein kleines Trinkgeld in die Hand und lächelte, als ich drei ihrer Katzen, die mir sofort um die Beine strichen, streichelte.

„Sie mögen Sie, Miss Fraser! Daran erkennen Sie, ob ein Mensch etwas taugt. Es gibt keine ehrlicheren Geschöpfe als Tiere. Sie lügen nie: Entweder sie mögen dich oder sie machen einen Bogen um dich… Die Rote ist mein jüngster Zugang. Sie wurde schwer verletzt gefunden und zu Doktor Simms gebracht; alles ist gut verheilt, aber man kann noch sehen, wo das Fell erst langsam nachwächst. Für sie habe ich schon jemand Neues, ein junges Paar, das sie nach ihrem Urlaub zu sich holen wird. Oh, und die Schwarze da ist Snowwhite und die mit dem immer etwas zerrupft aussehenden Fell ist Fuzzy. Sie ist für gewöhnlich die Stürmischste von allen. Seltsam genug, dass sie sich von Ihnen so lange und ausgiebig kraulen lässt… Hätten Sie nicht doch Interesse?“

Ich richtete mich auf und schüttelte lächelnd den Kopf, um ihr dann das Gleiche zu sagen, das ich jedes Mal auch Mrs. Simms antwortete. Zuletzt nickte ich ihr noch einmal höflich zu, wünschte einen schönen Abend und ging zurück zu meinem Auto.

„Danke nochmals! Und grüßen Sie Mrs. Simms von mir!“

„Mach ich!“ rief ich, warf die knarrende Tür zu und war froh, als der Fahrtwind mein Gesicht ein wenig kühlte. Den Luxus einer Klimaanlage suchte man in meinem Wagen vergebens. Es war wieder ziemlich schwül gewesen heute und als ich endlich vor unserem Haus in Woodford hielt, seufzte ich erleichtert auf – um sofort noch einmal zu seufzen, diesmal genervt.

Raven saß wartend auf der Treppe zur Haustür in der Abendsonne, nach hinten gelehnt und beide Ellenbogen auf der obersten Stufe aufgestützt. Als sie mich kommen sah, richtete sie sich auf, verschränkte die Arme, schlug die Beine übereinander und wippte ungeduldig mit dem Fuß.

„Hi! Machst du jetzt auch noch Überstunden? Und glaub bloß nicht, dass du mir heute entkommst! Die Nummer gestern mit der Musik war echt bescheuert. Total kindisch!“

„Weil du kein Nein akzeptieren kannst, Raven. Ich habe dir gesagt, ich will meine Ruhe haben und wenn ich dich anders nicht aus meinem Zimmer heraushalten kann…“

Ich stieg über ihre jetzt ausgestreckten Beine und schloss die Haustür auf. Sie war sofort hinter mir und schob die Tür hinter uns zu.

„Hör mal, du bist meine kleine Schwester und ich will dir nur helfen! Ich weiß schließlich wie das ist, wenn man den Laufpass bekommt. Sean hat mich nach zwei Jahren abgeschoben…“

„Und jetzt glaubst du, das ist das Gleiche?“

Ich zog meine Schuhe aus und sah sie an. Dann bemerkte ich ihren Gesichtsausdruck und schluckte.

„Tut mir leid… Andy und ich waren mal eben ein paar Monate zusammen… Raven, ich komme klar damit. Echt, ich weine ihm keine Träne nach, aber ich werde mir zukünftig zweimal überlegen, wem ich was anvertrauen werde. Oder mit wem ich noch mal was… anfange. Und jetzt will ich duschen und was essen. Sind Mum und Dad schon da?“

„Die sind schon wieder fort. Sie wollen bowlen und anschließend essen gehen. Oder umgekehrt, ich hab nicht so genau zugehört.“

Sie lief hinter mir her die Treppe hinauf und verfolgte mich sogar bis in mein Bad.

„Pearl, überleg es dir noch mal. Es ist Freitagabend! Ich will mit ein paar Leuten was unternehmen – komm mit! Es gibt nichts Besseres gegen Liebeskummer als sich sofort wieder ins volle Leben zu stürzen.“

„Heute stürze ich mich nirgendwo mehr rein. Allenfalls nach dem Duschen noch ein bissen in die spätabendliche Sonne, ich bin viel zu blass. Und jetzt mach schon, dass du verschwindest, die anderen warten sicher schon.“

Sie verzog das Gesicht und sah mit einem Mal richtig besorgt aus.

„Pearl, ich bin nicht blöd. Ich weiß, ich nerve dich, aber ich will dir wirklich nur helfen!“

Ich beförderte meine Hose in die Wäsche und stieß den Atem aus.

„Ich weiß. Ich weiß! Aber die Sache ist die: Ich habe keinen Liebeskummer!“ dehnte ich betont. „Ich bin… wütend auf ihn! Und enttäuscht, weil ich mehr von ihm erwartet hätte und ihn falsch eingeschätzt habe, aber ich hab seltsamerweise keinen Liebeskummer! Und was sagt uns das? Vermutlich, dass ich irgendwie wohl doch schon gewusst hab, dass Andy der Falsche ist, denn sonst wäre ich jetzt am Boden zerstört. Aber da ist nichts weiter als eine riesengroße Enttäuschung – und mit der komme ich klar! Ich werde ihm keine Träne nachweinen, verstehst du? Kann natürlich auch sein, dass bei mir im Kopf tatsächlich irgendwas nicht richtig rundläuft und deshalb hab ich ein, zwei Tage nur für mich haben wollen, um das erst mal selbst auf die Reihe zu kriegen. Danke für dein Angebot, aber… es ist absolut unnötig!“

Ich hatte während meines geistigen Ergusses meinen langen Zopf geöffnet und die verschwitzen Klamotten ausgezogen, sodass ich jetzt in meiner Unterwäsche dastand und sie abwartend ansah. Sie hatte mit leicht geöffnetem Mund und erstaunt hochgezogenen Augenbrauen schweigend zugehört und stieß jetzt mit einem kleinen Geräusch die Luft aus.

„Das hätte ich nicht vermutet! Ich meine… Na ja, irgendwie ist es ja vielleicht besser… Aber wie fühlst du dich denn dann jetzt damit?“

„So wie man sich fühlt, wenn man nach sechs Monaten so was gesagt bekommt! Was willst du hören? Ich kann dir nicht sagen, wie ich mich fühle, weil ich immer noch wütend auf ihn bin. Vielleicht ändert sich das ja noch, so reich ist mein Erfahrungsschatz schließlich nicht…“

Sie nickte, dann lächelte sie entschuldigend.

„Okay… Pearl?“

„Hm?“

„Versprichst du mir was?“

„Was?“ fragte ich misstrauisch.

„Wenn ich dir helfen kann, dann sagst du es mir! Ich möchte dich nur mal wieder lachen sehen… Und du willst wirklich nicht mitkommen?“

„Du hättest Zoologin werden sollen!“ seufzte ich und schob sie vor mir her aus dem Bad.

„Was?“

„Na ja, offenbar plagst du dich gerne mit ausgefallenen zoologischen Problemen herum, denn du kriegst eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als mich heute noch zum Ausgehen zu bewegen! Also hau schon ab.“

Sie kicherte.

„Okay, das klingt schon eher nach meiner kleinen Schwester! Also gut, wenn du meinst… Dann mach dir noch einen schönen Abend. Krieg ich deine Sandalen?“

„Nein!“

„Danke!“

Kopfschüttelnd schloss ich die Tür hinter ihr und atmete erleichtert auf, als ich endlich unter die Dusche steigen konnte.

 

 

Die Gelegenheit, einen ganzen Abend alleine zu Hause sein zu können, war eine seltene Kostbarkeit. Immer war irgendjemand da – und wenn nicht, konnte man davon ausgehen, dass wenigstens ein Familienmitglied nicht weit war oder gleich zurückkehren würde. Die Stille im Haus war daher allumfassend und als ich nach einer halben Stunde mit noch feuchten Haaren und nur in Top und kurzen Hosen wieder nach unten ging, um mir lustlos ein wenig Obst und ein Schälchen mit Quark zu nehmen, war es fast wie eine Andacht, als ich die Hintertür öffnete und mich damit auf einen der beiden Liegestühle warf. Tatsächlich war ich froh, noch ein paar Sonnenstrahlen abzubekommen, denn sie würde schon bald genug hinter den Bäumen verschwunden sein.

„Nicht zu fassen!“ murmelte ich glücklich, biss in einen Apfel und schloss die Augen.

Dann hob ich mit einem Arm meine Haare über die Kante der Liege, sodass sie ausgebreitet noch etwas schneller trocken würden.

Auch bei mir war es eigentlich meine Haarfarbe gewesen, die mir zu meinem Namen verholfen hatte. Sie waren bei meiner Geburt von einem derart hellen Blond, dass sie nach Ansicht meiner Mum fast wie Perlweiß gewirkt hatten. Pearl. Nur, dass sie mir schon bald, wie bei vielen Babys der Fall, nach und nach ausgefallen waren und als sie wiederkamen die Farbe hatten, die sie bis heute behalten hatten: Braun. Meine Augenfarbe war wie die von Raven braun, wir hatten sie beide von Dad geerbt.

Mum fiel daher in unserer Familie derart aus dem Rahmen, dass niemand sie für unsere Mutter hielt: Sie war blond, klein und unglaublich energisch – wenn sie wollte! Ein kleines Energiebündel. Ihre Augen waren strahlend blau und wenn man Dad zuhörte, dann waren sie es, die ihm an ihr zuallererst aufgefallen waren. Er war derjenige in der Familie, der für unsere dunklen Haare und Augen gesorgt hatte, denn er besaß einen dichten, wuscheligen, glänzend schwarzen Haarschopf. Ein Rabenvater, wenn man zu Wortspielereien neigte. Was ich natürlich nicht tat!

Träge überlegte ich, ob ich die Zeit zum Lesen nutzen sollte, aber ich war sogar zu faul, aufzustehen und mir ein Buch oder eine Zeitschrift zu holen. Dann dachte ich darüber nach, ob ich nicht besser etwas Sonnencreme auftragen sollte, aber als ich blinzelnd feststellte, dass die Schatten langsam ohnehin länger wurden und mich bald erreichen würden, ließ ich auch das bleiben.

Und dann dachte ich an Andy. Er war wie ich in der Zwölften. Nein, er würde wie ich nach den Ferien in die Zwölfte kommen. Andy J. Billings. Einsdreiundachtzig groß, dunkelblond, leidenschaftlicher Volleyballspieler. Ich sollte noch hinzufügen, dass er durchaus gut aussah, wenn auch seine Oberlippe im Vergleich zu Unterlippe ein wenig schmal ausgefallen war, was ihm ständig etwas Schmollendes gab. Vor rund sechs Monaten hatte er angefangen, sich für mich zu interessieren und ich war anfangs mehr aus Neugier mit ihm ausgegangen. Dann hatten sich unsere Dates gehäuft und ich fing an, es zu genießen. Es war… eine Abwechslung, mit ihm etwas zu unternehmen. Irgendwann war es schön, von ihm geküsst zu werden, seine Hand zu halten, meine spärliche Freizeit mit ihm zu teilen… Aber wenn ich jetzt wie auch in den letzten beiden Tagen auf die vergangenen Monate zurückblickte, erkannte ich, dass ich alles stets auch wie von mir selbst losgelöst erlebt hatte. Ich war zwar diejenige, die mit ihm eine Pizza teilte oder die es genoss, wenn er seine ausschließliche Aufmerksamkeit mir widmete wenn wir zusammen waren, die irgendwann vor wenigen Wochen auch erste Zärtlichkeiten mit ihm ausgetauscht hatte, aber auch diejenige, die nicht zu mehr bereit gewesen war. Die ganze Zeit über hatte ich mir dabei immer auch selbst über die Schulter blicken können, so als ob ich erstaunt dabei zusehen würde und… ich war nie ganz ich selbst gewesen, wenn ich mit ihm zusammen war! Immer war da etwas, was von mir fehlte, was ich ihm vorenthielt. Ich gab mich anders, wenn wir zusammen waren und ich wollte mich nicht länger verbiegen und verstellen.

Letzten Monat dann – kurz nach dem Abend, den er mit Reese im Kino verbracht hatte – hatte ich beschlossen, dass unsere Beziehung an einem Wendepunkt angelangt war, an dem sich entscheiden würde, ob er auch mit der ganzen Pearl zurechtkam; ich hatte versucht, ihm das alles zu erklären, hatte ihm gesagt, dass ich Volleyball eigentlich nicht mochte, gerne einfach mal am Wochenende nur zu Hause rumgammeln würde anstatt etwas zu unternehmen, dass ich mehr Zeit brauche, sowohl für mich selbst als auch im Voranschreiten unserer Beziehung – und ich hatte ihm von meiner Therapie erzählt. Von meinen eingebildeten Stimmen. Aber auch davon, dass diese irgendwann wieder vollkommen verschwunden waren und ich nicht mal irgendwelche Medikamente benötigt hatte. Viele Sitzungen, ja, viele Gespräche und einen gewissen Kampf mit mir selbst, dem ich heute allerdings auch meine Selbständigkeit und Konsequenz verdankte. Es war eine Phase während meiner Pubertät gewesen, mehr nicht. Die Therapie war längst beendet.

Doch ich würde niemals seinen Gesichtsausdruck vergessen, als ich es ihm erzählte. Er hatte nicht ganz verbergen können, was er davon hielt, hatte es vor drei Tagen auch nicht mehr länger verbergen wollen!

…und es kratzte an meinem ohnehin nicht sehr ausgeprägten Selbstbewusstsein, dass er von mir ausgerechnet zu Reese Kirby gewechselt war!

Stirnrunzelnd entschied ich, dass ich für heute auch keine Lust mehr haben würde, über Andy nachzudenken. Ruhe und Frieden!

Die Gelegenheit, alle meine verschwundenen Klamotten wieder einmal aus Ravens Kleiderschrank zu holen! Morgen würde ich ein dickes Vorhängeschloss für meinen Schrank besorgen.

 

 

Als ich am nächsten Morgen zum Frühstücken nach unten kam und die Küche betrat, war ich nicht weiter verwundert, Dad alleine dort vorzufinden. Das war etwas, was ich mit ihm gemeinsam hatte: Er und ich waren die Frühaufsteher in unserer Familie und ich genoss es durchaus, wenn wir morgens eine Weile für uns waren. Oft genug saßen wir aber auch nur schweigend zusammen, keiner von uns musste jede Minute mit Fragen und Antworten füllen.

„Morgen! Schläft Mum noch?“

„Morgen… Allerdings! Ich glaube, sie hat gestern Abend mit ihrem einzigen Bier ein Bier zu viel erwischt. Aber das hast du nicht von mir!“ warnte er mit einem Blick von unten herauf.

„Ehrensache!“ grinste ich.

Es gehörte erfahrungsgemäß nicht viel dazu, bis Mum angeheitert war. Sie vertrug keinerlei Alkohol und schon ein einziges Glas richtete hin und wieder so einiges bei ihr an.

„Was hat sie gestern angestellt?“ war deshalb meine nächste Frage, während ich mir ein Schälchen mit Müsli füllte und Milch hinzufügte.

„Hmpf! Sie hat mich in eine Karaokebar abgeschleppt und darauf bestanden, mit mir ein Lied von Sonny Bono und Cher zu singen: ‚I got you, babe’!“

Ich kicherte, doch als ich seinen Blick auffing, wurde ich schnell wieder ernst.

Nein!“ dehnte ich betont entsetzt. „Das übertrifft ja sogar noch die Sache, als sie die Polizei rief, weil sie dachte, jemand habe ihren Mann niedergeschlagen und wolle jetzt bei uns einbrechen!“

Ein Grunzen ertönte.

„Ich hatte mich ausgesperrt, okay? Ich hatte vergessen, das Garagentor zu schließen und hatte mich ausgesperrt!“ knurrte er. „Ich bin fast erfroren! Und seitdem bekommt sie keinen Champagner mehr, der wirkt verheerend auf ihre Synapsen!“

Ich presste die Lippen zusammen und sah ihn an. Dann prustete ich laut und fing seine Serviette gerade noch rechtzeitig auf, bevor sie in meinem Schälchen landete.

Er murmelte noch etwas Unverständliches und widmete sich dann wieder seiner Zeitung.

Ich war gerade fertig mit dem Frühstück, als Raven gähnend in die Küche schlurfte und ein kaum verständliches „Morgen!“ nuschelte. Ihr erster Weg führte zur Kaffeemaschine, und dann setzte sie sich praktischerweise gleich daneben auf die Arbeitsfläche und blies geräuschvoll in ihre Tasse.

„Und? Wie war der Abend?“ fragte ich und musterte ihre ungekämmten Haare, die ihr Gesicht fast vollständig verdeckten.

„Hmhm!“ war die ganze Antwort.

Vor der ersten Tasse Kaffee würde keine ihrer Antworten mehr als zwei Silben enthalten, aber es machte mir heute viel zu viel Spaß, sie zu reizen. Sie war von uns beiden der Morgenmuffel.

„Aha! Und wo seid ihr gewesen?“

„Weg!“

„Dann hab ich ja wohl nichts verpasst, oder?“

Sie warf mir einen finsteren Blick zu und nippte an ihrer Tasse.

„Doch!“ grummelte sie, gähnte ausgiebig und schob sich dann die wirren Haare aus dem Gesicht… was einen deutlich sichtbaren Stempel auf ihrer Stirn enthüllte!

„Ähm… Raven?“

„Was?“ knurrte sie.

„Och, nichts weiter! Aber wie mir scheint, hat dich gestern jemand abgestempelt. Kann das sein?“

Sie musterte ihren Handrücken.

„Eintrittsstempel!“ murmelte sie und nippte erneut an ihrem Kaffee.

Vier Silben! Eine Steigerung um hundert Prozent!

„Den meine ich nicht! Ich rede von dem, der auf deiner Stirn prangt! Entweder hast du keinen Platz mehr auf deinen Händen gehabt, dass sie ihn dir vor den Kopf gehauen haben oder…“

Erschrocken fuhr sie sich mit den Fingern über die Stirn und betrachtete dann ihre Fingerspitzen. „Echt? So ein Mist! Das Zeug ist doch kaum wegzukriegen! Ich muss auf meiner Hand gelegen haben… Und ich wollte heute… So ein blöder…“

Sie rutschte vom Schrank, stellte ihre halb geleerte Tasse fort und huschte eiligst Richtung Tür.

„Raven? Du hast heute deinen persönlichen Rekord aufgestellt! Drei ganze und zwei angefangene Sätze – und noch vor der ersten Koffeineinheit! Wow!“

„Hmpf!“ machte sie und verschwand.

„Werde ich es noch erleben, dass ihr euch erwachsen benehmt?“ fragte Dad hinter seiner Zeitung hervor und faltete sie dann zusammen. „Oder ist das etwas, das mit euren beiden X-Chromosomen zusammenhängt? Eure Mum hat das auch schon mal hin und wieder.“

„Ähm… Nein und ja, würde ich sagen! Und lass sie das nicht hören! Du bist rein chromosomentechnisch in diesem Haushalt hoffnungslos unterlegen, Dad!“

„Ja, das habe ich auch schon festgestellt. Und als weises Y-Chromosom werde ich mich jetzt nach draußen begeben und den Rasen mähen. Wenn ich eure Mum damit immer noch nicht wach bekommen habe, dann steht fortan auch Bier auf der roten Liste!“

Ich grinste und sah ihm nach, als er durch die Hintertür nach draußen verschwand. Dann erhob ich mich ebenfalls, räumte mein Geschirr in den Spüler und lief nach oben, um Raven Dads Hobel für ihre Stirn zu empfehlen.

 

„Du hast echt was verpasst!“ meinte sie und rubbelte mit einem nassen Lappen an ihrer schon hochroten Stirn herum. „Ich habe einen wahnsinnig tollen Typen kennengelernt! Er ist der Hammer, sag ich dir! Wir waren ziemlich spät noch Sushi essen und wollten gerade gehen, als ich in der Tür in ihn reingerannt bin. Er war unglaublich… Richtig muskulös wie ein Spitzensportler und mehr als einen halben Kopf größer als ich. Du hättest sein Lächeln sehen sollen, als ich mich bei ihm entschuldigt habe! Und erst seine Augen! Ein richtig tiefes und dunkles Blau, das manchmal – je nachdem, wie das Licht war – fast schwarz zu werden schien!“

Sie hörte auf zu schrubben und sah mich im Spiegel an. „Pearl, ich schwöre dir, ich habe noch nie solche Augen gesehen! Ich hab jedes Mal richtig weiche Knie bekommen wenn er mich ansah!“

„Aha…“ entgegnete ich.

„Sein Name ist Dan. Dan Finley. Und wir sind für heute Abend verabredet. Das heißt, ich muss irgendwie dieses blöde Zeugs von meiner Haut kriegen!“

„Du bist mit ihm verabredet?“ fragte ich erstaunt und lehnte mich in die Türlaibung.

„Ja! Himmel, du hättest ihn erleben sollen! Er hat innerhalb kürzester Zeit alle um den Finger gewickelt und sich uns dann angeschlossen; eigentlich wollten wir gar nicht so lange wegbleiben …“

„Das muss ja ein echter Wunderknabe sein.“ murmelte ich.

Sie hielt inne, offenbar selbst verdutzt.

„Ja, Pearl, irgendwie ist er das. Ich bin jetzt seit mehr als einem halben Jahr solo und er ist seit Sean der erste Mann wieder, der mir dieses Kribbeln in der Magengegend beschert. Glaub mir, wenn du ihn siehst… Ich hatte echt Herzklopfen!“

„Wow! Das klingt ernst.“

„Weiß ich nicht. Aber… ich bin ganz und gar nicht abgeneigt, ihn näher kennenzulernen! Er ist neu hier in der Gegend und ist eigentlich nur in die Sushibar gegangen, weil er wie wir spät noch Hunger bekommen hat. Er war längere Zeit im Ausland und ist auf der Suche nach einer Wohnung oder einem kleinen Haus hier in der Gegend… Ich sollte ihn fragen, ob er noch einen Bruder, einen Freund oder einen Cousin hat, dann könnten wir zu viert…“

„Untersteh dich! Im Ernst, Raven, wenn ich dahinterkomme, dass du eine solche Bemerkung…“

„Keine Angst! Ich weiß, dass du so kurz nach Andy noch nicht bereit bist für etwas Neues, ich wollte dich nur ein wenig ärgern. Schau mal: Sieht man noch was?“

Ich betrachtete eingehend ihre hochrote Stirn.

„Ich weiß nicht… Frag mich noch mal, wenn deine Haut wieder eine normale Farbe angenommen hat. … Okay, du triffst dich also heute Abend mit ihm. Was habt ihr vor?“

„Weiß noch nicht. Zunächst einmal zeige ich ihm wohl ein wenig von Bennington und dann sehen wir weiter. Kann ich deine neue Bluse haben? Die Ärmellose. Da passt mein helles Top gut zu und mein Rock.“

Ich verdrehte stöhnend die Augen.

„Bitte! Ich wasche und bügele sie dir auch wieder!“

„Das ist ja wohl das Mindeste! Und wehe, du ruinierst sie mir! Ich hab sie noch nicht mal selbst angehabt!“

„Ehrenwort! Ich werde sie hüten, als ob sie meine eigene wäre!“

„Was immer das bedeuten mag!“ grummelte ich und ließ sie dann alleine.

Auf dem Flur begegnete mir dann meine verschlafen gähnende Mum, die offenbar tatsächlich vom Geknatter des Rasenmähers geweckt worden war.

„Das zahle ich ihm heim! Es ist Wochenende und erst kurz nach Mitternacht! Wieso muss dein Vater ausgerechnet zu nachtschlafender Zeit die Wiese einem Radikalschnitt unterziehen? Alles, was lauter ist als eine Nagelschere ist zu diesem Zweck nicht zulässig! Guten Morgen, Liebes…“

Sie strich mir im Vorübergehen kurz mit der Hand über die Wange und trottete dann an mir vorbei. Eine Antwort erwartete sie überhaupt nicht, sie fuhr sofort damit fort, weiter leise auf Dad zu schimpfen und ich vernahm lächelnd Worte wie ‚Nimm dich in Acht, eines Morgens…’ und ‚Ich verschrotte den Rasenmäher, dann kannst du meinetwegen ein Schaf über die Wiese schieben’. Dann war sie dir Treppe nach unten gewankt, um sich ihre Ration an Kaffee zu holen.

Ich ging zurück in mein Zimmer, zog mich an und holte dann seufzend meine neue, weiße Bluse aus dem Schrank, um sie Raven an die Tür zu hängen. Mein Kleiderschrank hatte gestern Abend noch eine erstaunliche Füllstands- und Gewichtszunahme erfahren, denn im Laufe der Zeit hatte fast die Hälfte meiner Klamotten ihren Schrank bis zum Bersten gefüllt – sie hütete meine Sachen tatsächlich, als ob sie ihre eigenen wären. Ich sollte wirklich ein Schloss anbringen.

Als ich anschließend die Küche wieder betrat sah ich, dass Mum mit ihrem Kaffee nach draußen gegangen war und Dad gestenreich in eine laut geführte Unterhaltung verwickelte. Dad weigerte sich offenbar standhaft, den Motor auszustellen und so lief sie abwechselnd gestikulierend hinter ihm her und hielt er kurz inne, um eine Erwiderung zu geben. Aber seiner Miene nach zu urteilen war er eher erheitert als verärgert oder ungeduldig. Nach über zwanzig Jahren Ehe kannte er seine Frau… und wie er brach ich in Gelächter aus, als sie ihn und den Mäher zuletzt eiligst umrundete und sich in demonstrativem Protest der Länge nach vor ihm auf die Wiese legte, eine finstere Miene ziehend und mit Mühe ihre Tasse ausbalancierend.

Das Läuten an der Haustür entging ihnen dadurch jedoch und ich beeilte mich, die Tür zu öffnen. Und hielt erstaunt den Atem an. Vor mir stand offenbar dieser Dan – zumindest der Beschreibung nach konnte er es sein. Auffallend dunkelblaue Augen, durchtrainiert und einen halben Kopf größer als Raven oder ich.

„Dan Finley, nehme ich an?“ begrüßte ich ihn daher, als auch er mich überrascht von oben bis unten musterte.

„Und Sie sind Miss Fraser?“

„Eine davon. Ich nehme an, Sie suchen meine Schwester, Raven. Sie hat mir von Ihnen erzählt. Ähm, sie ist oben, aber sie braucht noch eine Weile… Kann ich Ihnen in der Zwischenzeit weiterhelfen?“

„Oh… Ja, möglicherweise! Ich glaube, Ihre Schwester war gestern mit meinem… Bruder aus…“

„Ihr Bruder!“ versetzte ich erstaunt. „Dann sind Sie gar nicht Dan Finley…“

Er lächelte und ich hielt kurz den Atem an, als er eine Reihe blendend weißer, gleichmäßiger Zähne entblößte. Schnell atmete ich wieder aus, denn es würde ihn wahrscheinlich verwundern, wenn ich langsam blau anlaufen würde.

„Nein, mein Name ist Bradley – meine Freunde nennen mich Brad. Und Dan ist eigentlich ein… Halbbruder, mein Nachname ist Thorne. Ich bin erstaunt, dass Sie seinen Namen kennen und mich mit ihm in Verbindung bringen…“

„Na ja, es war nur eine Vermutung.“ murmelte ich und merkte, wie ich verlegen langsam rot anlief. „Raven hat ihn mir beschrieben und… offenbar besteht eine gewisse Familienähnlichkeit…“

Irrte ich mich oder verzog er bei meinen Worten kurz kaum merklich das Gesicht? Ich hätte es nicht sagen können, denn es war sofort wieder weg.

„Ja, das ist wohl so… Oh, Entschuldigung, ich habe noch gar nicht erwähnt, weshalb ich hier bin… Eigentlich bin ich auf der Suche nach ihm. Ich wollte ihn schon gestern treffen, aber ich muss ihn wohl irgendwie verpasst haben und hatte gehofft, Ihre Schwester könnte mir sagen, wo ich ihn finde.“

Ich hob erstaunt und misstrauisch die Augenbrauen.

„Sie suchen Ihren Bruder? Hier bei uns? Haben Sie oder Ihre Eltern denn nicht seine Telefonnummer oder so was? Und wenn Sie doch wissen, dass Raven gestern mit ihm aus war…“

Er suchte offenbar nach Worten und zuletzt dehnte er:

„Das ist eine lange Geschichte… Eine lange, alte, dumme Geschichte. Er geht mir… uns aus dem Weg und ich müsste ihn deshalb dringend unter vier Augen sprechen, um das aus der Welt zu schaffen. Wenn Ihre Schwester also vielleicht weiß, wo ich ihn finden kann…“

„Pearl? Hast du meinen Rock gesehen? Den dunklen!“ hörte ich Raven von oben rufen. Dann kam sie schon die Treppe herunter gerannt – offenbar frisch geduscht und mit noch nassen Haaren.

„Das ist mein Rock von dem du redest, schon vergessen? Soviel zum Thema ‚hüten‘!“ verdrehte ich die Augen und trat beiseite, damit sie sehen konnte, wer vor der Tür stand. Sofort hielt sie inne und starrte ihn erstaunt an.

„Das ist Bradley Thorne, der Halbbruder von Dan. Das ist meine Schwester Raven.“

„Doch ein Bruder! Halbbruder!“ murmelte diese und grinste mich dann an.

Bevor sie etwas Dummes sagen konnte setzte ich nach: „Er sucht nach ihm, sie haben sich offenbar aus den Augen verloren… Woher wussten Sie dann, dass er und Raven gestern zusammen unterwegs waren?“ fragte ich erneut. „Und woher wussten Sie, wo Raven wohnt?“

Raven jedoch wischte meine Frage mit einer Handbewegung fort.

„Ist doch egal! Sie suchen nach Dan und ich sehe ihn heute Abend. Da bietet sich doch ein Abend zu viert an, finden Sie nicht?“

„Raven!“

Ich warf ihr einen wütenden Blick zu, aber er kam mir zuvor.

„Das ist… etwas ungünstig. Ich suche ihn, um ihn zu einer Aussprache zu bewegen und ein Abend zu viert ist wenig… passend.“

Sie zuckte lässig die Schultern.

„Das wird wohl die einzige Möglichkeit sein, ihn zu sehen. Ich habe ihn gestern erst kennengelernt und weiß nicht, wo er wohnt; ich weiß nur, dass er derzeit eine Wohnung sucht. Er hat erzählt, er sei längere Zeit im Ausland gewesen…“

Ihre Worte hingen in der Luft, als ob sie auf weitere Auskünfte warten würden.

„Das ist richtig…“ erwiderte er nur und sah einen Moment lang ratlos aus. „Hm… Ich weiß, es ist viel verlangt, aber… Darf ich fragen, wo Sie ihn treffen?“

Jetzt verschwand das Lächeln von ihrem Gesicht und auch sie wirkte misstrauisch. Endlich!

„Ähm… Nein, wohl eher nicht und… wenn Sie von Aussprache reden… Am Ende ist es ihm gar nicht so recht, wenn er Ihnen über den Weg läuft! Vielleicht sollte ich ihm erst mal erzählen, dass Sie hier waren.“

Sofort lächelte er wieder.

Wenn Raven ein solches Lächeln gemeint hatte, dann verstand ich jetzt, wovon sie geredet hatte: Es war nicht nur entwaffnend, es war… beunruhigend schön! Ich atmete sehr konzentriert weiter!

„Ich wollte nicht aufdringlich oder neugierig sein, tut mir leid. Ich hatte nur den Eindruck, dass Ihrer Schwester diese Idee nicht sehr angenehm gewesen ist – kein Wunder, ich bin ein völlig Fremder. Es wäre tatsächlich nett von Ihnen und vollkommen ausreichend, wenn Sie ihm etwas ausrichten würden: Ich würde ihn gerne morgen treffen. Vielleicht am Obelisken in Bennington, um zwölf? Mir ist jedoch jeder Treffpunkt recht, den er vorschlägt. Es wäre wirklich wichtig! Wenn Sie einen Stift und ein Blatt Papier haben, würde ich ihm meine Handynummer aufschreiben, unter der er mich erreichen kann. Wenn ich nichts Gegenteiliges von ihm höre, dann werde ich morgen Mittag dort warten.“

Raven zog bereitwillig los, um aus der Küche Stift und Papier zu besorgen und ich nahm mir einen Augenblick, um ihn möglichst unauffällig zu mustern. Er trug eine leichte Hose und ein blütenweißes Hemd, seine Haare waren braunschwarz und die Farbe seiner Augen unter den ebenfalls braunschwarzen Brauen bildete einen höchst eigenartigen Kontrast. Ich schätzte ihn auf höchstens fünfundzwanzig… und ihm schien jetzt doch nicht zu entgehen, dass ich ihn ansah, denn er lächelte leicht und meinte höflich:

„Die Störung tut mir leid… und meine Bemerkung vorhin tut mir ebenfalls leid.“

„Welche?“

Diese Frage war heraus, bevor ich nachgedacht hatte, aber er schien sie mir nicht übel zu nehmen.

„Meine Ablehnung. Ich wollte nicht so klingen, als ob ich nicht mit Ihnen ausgehen würde! Es ist nur enorm wichtig…“

„Hier, Stift und Papier. Seit wann haben Sie Dan nicht gesehen?“

„Eine Ewigkeit!“ murmelte er nur und notierte rasch ein paar Zahlen auf dem Zettel, den er dann ihr wieder reichte. „Vielen Dank. Bitte richten Sie ihm aus, es sei dringend nötig, Kontakt zu mir aufzunehmen.“

Er nickte uns noch einmal höflich lächelnd zu, wünschte uns einen schönen Tag und drehte sich dann um, um auf einen grauschwarzen Transporter zuzugehen. Innerhalb weniger Sekunden war er eingestiegen und davongefahren.

„Wow! Das muss ja eine Familie sein!“ meinte Raven und wedelte sich mit dem Zettel Luft zu. „Er sieht fast so gut aus wie Dan und du solltest dir ernsthaft überlegen, ob du ihn nicht anrufst und doch noch zu einem Date zu viert einlädst.“

Er sah zu gut aus um wahr zu sein, schoss mir durch den Kopf.

„Ich denke nicht mal im Traum daran!“ erwiderte ich und schloss die Tür. „Ich gehe nicht mit Haustürbekanntschaften aus und er wirkt ein wenig merkwürdig. Klingelt an fremden Haustüren und quetscht fremde Leute aus über andere Leute, die uns ebenfalls fremd sind. Er hat nicht mal gesagt, woher er weiß, dass du diesen Dan kennst und woher er weiß, wo du wohnst! Und was meinen Rock angeht: Der ist in der Wäsche, du wirst ausnahmsweise etwas von dir anziehen müssen.“

„Schon gut, schon gut. Aber du musst zugeben, dass dieser Brad was hat! Hast du seine Augen gesehen?“

Ich murmelte ein paar unverständliche Worte vor mich hin und lief hinter ihr her nach oben.

„Mein Kleiderschrank ist fortan tabu für dich, klar? Und diesmal meine ich es ernst, ich habe keine Lust, dauernd meine Sachen bei dir suchen zu müssen. Von uns beiden bist du diejenige, die eigenes Geld verdient und sich haufenweise Klamotten kaufen könnte. Ich bin eine arme Schülerin…“

„…mit dem besseren Händchen beim Einkauf! Ich finde diese Teile nicht! Ich gehe in die Geschäfte, aber was da hängt, ist nicht halb so schön wie das, was du nach Hause bringst!“

„Das ist nur der Reiz des Verbotenen und eine billige Ausrede. Meine Bluse hängt an deiner Tür und damit ist Schluss, verstanden?“

„Was ist denn jetzt mit heute Abend?“

Sie wedelte erneut mit dem Zettel, sah dann mein Handy auf dem Nachttisch liegen, schnappte es sich und fing sofort an, die Nummer einzuprogrammieren. Ich ignorierte sie; schließlich konnte ich sie gleich sofort wieder löschen und ich hatte jetzt keine Lust, mich über sie zu ärgern.

Mit einem triumphierenden Lächeln legte sie es dann auch wieder zurück, hauchte mir noch eine Kusshand zu und verschwand.

„Ich muss mir noch die Fußnägel neu lackieren. Diese Farbe passt nicht zu deinem Rock!“

Weg war sie und ich warf etwas zu fest meine Tür hinter ihr zu. Sie würde es fertigbringen, nur den Rock alleine in die Waschmaschine zu stopfen, zu trocknen und zu bügeln, bloß um ihn heute Abend tragen zu können. Mit einem Seufzen ließ ich mich auf die Bettkante fallen und fing an, meine Telefonliste nach Brad Thornes Nummer zu durchforsten, als die Tür schon wieder aufging.

„Oh, ehe ich es vergesse: Wenn du heute Abend wieder nicht mitgehen willst, brauchst du doch bestimmt auch deine Handtasche nicht… die grüne, die so gut zu dem Rock passen würde…“

„Hau bloß ab!“ grunzte ich und warf ihr ein Kissen nach, das nutzlos an die rasch zugezogene Tür klatschte und auf den Boden fiel.

Von draußen klang prompt ihre vorwurfsvolle Stimme:

„Du wirst heute Abend wieder alleine sein! Mum und Dad sind zu einem Geburtstag eingeladen. Was ist dabei, wenn du mitkommst?“

Ich warf mein Handy aufs Bett, riss die Tür auf und rief hinter ihr her: „Ich kenne ihn nicht! Ein wildfremder Typ klingelt an unserer Haustür und du willst, dass wir zusammen ausgehen!“

Mum kam die Treppe herauf, sah mich im Vorbeigehen kurz an und meinte:

„Ich weiß zwar nicht, worum es hier geht, aber: Anders lernt man keine Typen kennen, Pearl! Es gibt noch andere Hechte im Teich als nur Andy Billings!“

Ich schnappte nach Luft.

„Was hat Raven dir erzählt?“

Sie hielt inne, aber bevor sie etwas sagen konnte, öffnete sich deren Zimmertür wieder und sie rief:

„Kein Wort! Kein Sterbenswort!“

„Richtig! Was hätte sie mir denn sagen sollen?“

„Nichts! Und wenn du meinen Rock haben willst, dann will ich ihn wie die Bluse gewaschen und gebügelt zurück!“ schoss ich hervor.

Und bevor noch jemand etwas von mir wissen wollte, schob ich rasch die Tür wieder zu.

 

Am frühen Abend klopfte Raven an meine Tür und öffnete sie einen Spalt. „Darf ich?“

„Du fragst?“ konterte ich. „Bist du krank? Oder willst du schon wieder etwas?“

„He, mach mich nicht schlimmer als ich bin! Kann ich so gehen?“ kam sie herein und drehte sich einmal um sich selbst.

„Du siehst großartig aus!“ meinte ich neidlos.

Der dunkelgrüne Rock mit dem etwas helleren Top und meiner weißen Bluse standen ihr fast noch besser als mir. Sie hatte sich die langen, schwarzen Haare im Nacken lose hochgesteckt und trug ein dezentes Makeup. Der Nagellack an Händen und Füßen war jedoch milchig weiß und als ich sie darauf ansprach meinte sie nur, es wäre sonst zu viel des Guten gewesen. Dann biss sie sich auf die Lippe und ließ sich auf die Bettkante fallen.

„Es tut mir leid, Pearl, ich bin mal wieder übers Ziel hinausgeschossen. In meinem Enthusiasmus fand ich nur die Vorstellung so toll, dass wir gleichzeitig mit zwei Brüdern weggehen könnten. Die noch dazu echt gut aussehen, das musst du zugeben!“

Ich drehte meinen Schreibtischstuhl und seufzte kopfschüttelnd.

„Du wärest nicht du, wenn du so was nicht andauernd tätest. Ich wünschte mir nur, du würdest wenigstens hin und wieder selbst mal ein wenig auf die Bremse treten. Holt er dich ab oder trefft ihr euch irgendwo?“

Sie grinste.

„Nein, er ist ganz Kavalier und holt mich ab. Du kriegst ihn also zu sehen… Willst du die Tür öffnen wenn er kommt?“

„Willst du einen filmreifen Auftritt auf der Treppe hinlegen?“ fragte ich zurück. „Nein, ich möchte nicht öffnen, aber ich werde hinter der Jalousie hängen und ihn von hier oben unter die Lupe nehmen. Wann taucht er hier auf?“

Sie sah auf ihre Uhr.

„Wenn er pünktlich ist…“

Sie brach ab, denn ein Wagen fuhr vor, der Motor erstarb und als es nur Sekunden später läutete, sprang sie wie von der Tarantel gestochen auf.

„Er ist pünktlich!“

„Dann viel Spaß! Tu nichts, was ich nicht auch tun würde!“

Sie hob eine Augenbraue, lachte dann und wirbelte durch die Tür. Schnell erhob ich mich und platzierte mich so hinter dem Fenster, dass ich durch den schmalen Spalt neben der Jalousie sehen konnte, wie sie kurz darauf neben einem großen, schwarzhaarigen Mann in dunkler Hose und schwarzem, kurzärmeligem Hemd auf einen protzigen Cabrio zuging. Er hielt ihr höflich die Tür auf und während sie einstieg flog sein Blick kurz über die Front unseres Hauses.

Seine Augen schienen tatsächlich genauso blau zu sein wie die seines Halbbruders Brad, aber mich überlief ein eigenartiger Schauer, als ich den Eindruck hatte, dass sein Blick kurz an meinem Fenster hängen blieb. Als ob er mich sehen könnte!

Dann war der Augenblick vorbei und ich schnaubte. Sicher nur Einbildung, meine Fantasie ging wieder mit mir durch – etwas, was ich schon vor langer Zeit erfolgreich abgelegt hatte. Ich ignorierte also diesen Eindruck, hob die Jalousie etwas an und sah dem Wagen nach, wie er rasch um die nächste Kurve verschwand.

„Pearl? Wir müssen los!“ hörte ich Dad von unten rufen und ließ erschrocken den Rollladen fallen, als ob er mich auf frischer Tat bei meinem neugierigen Blick ertappt hätte.

„Alles klar! Viel Spaß euch beiden!“

„Bye!“ hörte ich auch Mum kurz rufen, dann ging die Haustür und alles war wieder ruhig.

Wahnsinn! Zwei Abende in Folge alleine!

 

 

Er wartete. Erneut saß er in seinem Wagen und wartete.

Es würde nicht leicht sein, an Fearghas heranzukommen. Seit er ihn endlich ausgemacht hatte, war er ständig von anderen – von Menschen! – umgeben. Er hatte also schon gestern lediglich von Weitem zusehen können, wie sie gemeinsam noch einmal zurück in die kleine Sushibar gingen und erst später – ebenfalls gemeinsam – noch in eine Tanzbar. Und anschließend hatte er ihn aufgrund der großen Distanz verloren.

Er biss die Zähne zusammen bei dem Gedanken daran, was er eventuell mit ihnen vorhaben könnte, aber er widerstand nach wie vor der Versuchung, sich ihm so weit zu nähern, dass er seine Anwesenheit spüren würde. Es war ein riskantes Spiel, das er da spielte, aber er ging zu Recht davon aus, dass Fearghas wohl kaum in aller Öffentlichkeit damit beginnen würde, sie zu beißen und ihr Blut zu trinken.

Was wollte er aber sonst von ihnen? Er selbst war erst im Laufe des Tages eingetroffen und kannte keinen der Menschen in seiner Begleitung. Für ihn hatte es gestern so ausgesehen, als wäre es eine zufällige Begegnung gewesen und als ob die Schwarzhaarige beim Verlassen des Gebäudes in ihn hineingelaufen wäre. Doch vor allem hätte er nicht angenommen, dass Fearghas sich unmittelbar nach seinem Auftauchen die Zeit auf diese Weise vertreiben würde!

Es waren insgesamt fünf Personen gewesen, drei Frauen und zwei Männer, Fearghas selbst nicht mitgerechnet. Die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen hatte er versucht, sich jedes der Gesichter möglichst genau einzuprägen, aber auf diese Entfernung war dies selbst für ihn nicht leicht gewesen. Er hatte die Zeit genutzt und sich das letzte Gespräch mit seinem Vater ins Gedächtnis zurückzurufen, denn wenn seine Vermutung richtig war, dann würde Fearghas baldmöglichst versuchen, mit einer ganz bestimmten menschlichen Familie in Kontakt zu treten.

Nein, er korrigierte sich in Gedanken: Falls die Vermutung seines Vaters zutraf! Der hatte schon vor langer Zeit damit begonnen, Simon zu beobachten und offenbar seine eigenen Schlüsse aus dessen Verhalten gezogen. Er hatte einen ganz bestimmten Verdacht gehegt, aber er wollte bis zuletzt nicht wirklich damit herausrücken, was ihm durch den Kopf ging. Doch noch kurz vor seinem Aufbruch hatte er ihm klargemacht, wie ungeheuer wichtig es sei, dass Simons Sohn Fearghas niemals zu dicht an diese Familie herankäme! Koste es, was es wolle, er dürfe auf gar keinen Fall sein wie auch immer geartetes Vorhaben in die Tat umsetzen…

 

„Was meinst du damit? Was hat er vor?“

„Ich kann es dir nicht mit absoluter Gewissheit sagen, aber wenn meine durchaus begründete Annahme stimmt, dann hat er – wie vor ihm sein Vater – ein ganz enormes Interesse an dieser Familie. Es dürfte ihm nicht weiter schwerfallen, nach und nach alle davon aufzuspüren; er hat Zeit, Geduld und auf jeden Fall ein klar definiertes Ziel. Wir müssen ihn finden; er ist gesehen worden, als er in Boston aus dem Flugzeug stieg. Was ich sonst noch weiß ist, dass er auf dem Weg nach Albany ist… Er hat es offenbar nicht für nötig befunden, seine Spuren zu verwischen... Unweit von Albany, ganz in der Nähe von Bennington, lebt ein Teil dieser Familie; ihr Name ist Fraser…“

„Er sucht eine Familie, die so heißt wie er? Vater, was hat es damit auf sich?“ beugte er sich auf seinem Stuhl vor. Ihm kam ein erster Verdacht, aber er wartete lieber auf die Bestätigung.

„Bradley, ich kann dir nur so viel mit Gewissheit sagen, dass Simon mit einer von deren Vorfahrinnen diese neue Linie gegründet hat. Als er damals fortging… Glaub mir, weder ich noch sonst jemand hätte vermutet, er würde… Als unser Vater davon hörte, hat er versucht, ihn zur Rede zu stellen…“

Er riss in plötzlichem Erkennen die Augen auf.

„Simon hat Großvater umgebracht? Er hat seinen eigenen Vater…“

Sein Vater hatte sich ungewohnt schwerfällig erhoben und seine Hände regelrecht müde auf den Tisch gestützt, den Kopf gesenkt. Dann, nach einem tiefen Atemzug, hatte er ihn wieder angesehen, einen dunklen Ausdruck in den Augen.

„Ja. Simon hat unseren Vater getötet. Ich weiß bis heute nicht, wie er es geschafft hat, sich gegen das Tabu des eigenen Blutes aufzulehnen, aber ich vermute, dass es unter anderem mit seiner vollkommenen Abkehr von den Thornes zu tun hat. Mit seiner Lossagung und seiner völligen Abkehr von allem, was unsere Gesetze und Regeln besagen. Und wenn ich richtig liege, dann hat er – aus seiner Sicht betrachtet – einen lohnenden Grund für diesen Frevel gesehen, war getrieben von einer überaus starken Motivation…

Bradley, nichts ist mir jemals so schwer gefallen wie das, was ich dir jetzt sagen werde, du bist schließlich mein eigener Sohn. Aber… etwas muss in dieser Familie liegen, was ihn in jeder ihrer Generationen wieder zu ihnen hinzieht! Und es muss um etwas anderes gehen als um Zuordnungen von Jägern! Die alten Mächte haben sich offenbar dafür entschieden, nicht die Familie, denen Simon ein Mitglied geraubt hat, zu ihren Jägern zu machen…“

Er hatte erneut tief Luft geholt und als er weiterredete, klang seine Stimme unerbittlich fordernd:

„Fearghas ist trotz allem ein Abkömmling auch unseres Blutes und wenn du wüsstest, was ich weiß, würdest du mir zustimmen, dass wir für sein Handeln die Verantwortung tragen. Eben weil nur wir wissen, was er beabsichtigt! Du musst mir schwören, alles daranzusetzen, ihn aufzuhalten – auch wenn ich nicht mehr bin! Wenn Fearghas auch nur annähernd Simons Machtbesessenheit geerbt hat, hat er mehr als gute Gründe für sein Handeln, davon zumindest bin ich felsenfest überzeugt!“

„Mir gefällt nicht, was du da sagst, Vater. Was soll die Andeutung ‚wenn ich nicht mehr bin’?“

Er richtete sich wieder auf.

„Das heißt, ich meine es todernst wenn ich sage, dass Fearghas unter allen Umständen Einhalt geboten werden muss. Glaub mir, es zerreißt mir das Herz, meinen eigenen Sohn darin zu verwickeln, aber sollte mir etwas zustoßen, bist du der vorläufig Letzte, der noch etwas von diesen Verwirrungen weiß. Ich werde noch heute Abend abreisen und Fearghas folgen und ich möchte, dass du Enja in einen Flieger nach Belfast setzt. Dort in der Nähe lebt ein… alter Freund von Vater, der mir versprochen hat, sich um sie zu kümmern; sein Name ist Neill O’Brian. Enja ist in diesem Moment bereits damit beschäftigt, ihre Koffer zu packen. Da ich ihr aber lediglich klargemacht habe, dass es um den Schutz unserer Familie geht, weiß sie weiter nichts und kennt ausschließlich ihr Reiseziel, kann sich aber auch nicht wirklich gegen meinen Wunsch wehren.“

Ein Stein schien in seinem Magen zu liegen; wenn ihr Vater die Stellung als Familienoberhaupt ins Spiel brachte und Gehorsam im Interesse der Familie forderte, war die Situation mehr als ernst. Das Gesicht ihm gegenüber war darüber hinaus fast schon maskenhaft, als er ihm diese Eröffnungen machte und dann zog er eine Schublade seines Schreibtisches auf, nahm einen Umschlag heraus und schob ihn nach kurzem Zögern energisch über die Platte.

„Hier. Für euer Auskommen ist gesorgt wie du weißt. In diesem Umschlag findest du die Adressen aller mir bekannten menschlichen Frasers dieser Blutlinie, zuoberst die von John Ethan Fraser und seiner Frau Trinity, die er offenbar zurzeit als erste aufsucht. Ich möchte, dass du unser Haus schließt und mir so bald wie möglich folgst. Ich werde mich täglich bei dir melden. Sollte mein Anruf jedoch ausbleiben… Du findest da drin noch einen kleineren Umschlag, in dem ich alles weitere dargelegt habe. Ich betone, ich habe keine Beweise dafür, aber versprich mir dennoch, diesen zweiten Umschlag nur zu öffnen, wenn du länger als achtundvierzig Stunden nichts von mir gehört hast!“

Er hatte den Umschlag nicht angerührt

„Ich werde sofort mit dir kommen! Wenn du derart besorgt bist, dass dir etwas zustoßen kann, solltest du nicht alleine…“

„Nein! Enja hat Vorrang! Sie ist anders als du nur Halbvampir und gerade erst erwachsen; ich möchte sie nach Möglichkeit aus dieser Geschichte heraushalten.

Neill O’Brian ist nur soweit wie unbedingt nötig informiert, ich habe jedoch Vorkehrungen getroffen, dass er von allem erfährt, falls auch dir etwas zustoßen sollte. Du hättest bis Ende dieses Jahres Zeit… Wenig genug möglicherweise, aber länger kann und werde ich nicht mehr verantworten können, dass nur wir davon wissen. Ich halte Neill für absolut vertrauenswürdig und werde dir noch sagen, wie und wo du ihn erreichen kannst. Wenn er jedoch bis spätestens Ende des Jahres nichts von dir hört, wird er Enja auf ein weiteres Kuvert ansprechen, das sie ihm dann aushändigt. In diesem Fall jedoch werden sich wohl auch die Ältesten einschalten!“

Fassungslos hatte er sich vorgebeugt.

„Die Ältesten? Was kann von solch eminenter Bedeutung sein, dass sich die Ältesten in eine Familienangelegenheit einmischen würden?“

„Ich versuche dies mit allen Mitteln zu vermeiden, aber es geht um weit mehr als um eine Familienangelegenheit!“ erwiderte er streng. „Simons Abtrünnigkeit und Lossagung von seiner Blutlinie und vor allem der Mord an seinem eigenen Vater ist ohnehin ein aufsehenerregendes Vorgehen und Vergehen gewesen und die Tatsache, dass er es war, der auf diese Weise eine neue Vampirlinie gründete, ist… bestenfalls… unerhört. Und wenn bekannt wird, welche Ziele er und sein Sohn möglicherweise noch verfolgen…

Neill gehört zu den Ältesten und Vater hat ihm immer blind vertraut; ihm und Enja wird zeitgleich bekannt werden, was vorgefallen ist und was ich vermute – und glaube mir, wenn es sich bewahrheitet, werden sie einschreiten! Ohne zu zögern! Ich habe all die Jahre getan, was ich konnte, aber selbst mir war es unmöglich, Simon und später Fearghas ständig im Auge zu behalten; er ist mir ständig durch die Maschen geschlüpft und immer wieder für sehr lange Zeit untergetaucht. Jetzt ist wieder eine neue Fraser-Generation in Vermont herangewachsen, die er offenbar aufzusuchen gedenkt und das könnte unsere letzte Chance sein… Ich weiß nicht, wohin er sich danach wendet und es könnte unmöglich sein, ihm auf den Fersen zu bleiben.“

Sein Magen schnürte sich zusammen und er warf einen Blick auf den jetzt fast bedrohlich wirkenden Umschlag.

„Tu was ich dir aufgetragen habe! Schütze Enja, verwische hier alle Spuren und folge mir dann. Lass nichts zurück, was Fear­ghas Rückschlüsse auf Enjas Existenz und ihren Aufenthaltsort geben könnte, meinetwegen brenne hier alles nieder, es ist mir vollkommen egal. Aber sorge dafür, dass jemand von den Thornes überlebt und für uns Rechenschaft vor den Ältesten ablegen könnte! Sie könnten der Ansicht sein, dass ich zu lange gezögert habe!“

Spätestens jetzt war ihm bewusst geworden, wie ernst es seinem Vater war! Er hatte sich erhoben, ohne zu zögern den Umschlag an sich genommen und nach einem tiefen Atemzug geschworen:

„Was in meiner Macht steht, wird getan werden, das schwöre ich dir! Was auch immer Fearghas vorhat, ich werde ihn nicht als Familienangehörigen betrachten und tun, was immer getan werden muss, um ihn aufzuhalten! Und Enja wird nichts zustoßen, die Thornes werden überleben!“

Sein Vater hatte genickt und in seinen Augen hatten gleichzeitig Stolz und tiefe, brodelnde Sorge gestanden.

„Ich habe nichts anderes von dir erwartet!“

 

Er tauchte aus seinen Gedanken wieder auf. Langsam nur und mit zugeschnürter Kehle. Doch die Sorge um seinen Vater musste jetzt zurückstehen, wenn er einen kühlen Kopf bewahren wollte.

Letzte Nacht noch – nur kurz vor Beginn der Morgendämmerung – hatte er dem Haus von John Fraser einen Besuch abgestattet. Alles war ruhig gewesen und er hatte sich damit begnügt, das Haus einmal zu umrunden und einen kurzen Blick durch die Fenster im Erdgeschoss ins Innere zu werfen. Und war zutiefst erschrocken, als er auf dem  schmalen Kaminsims im Wohnzimmer unter mehreren, teilweise vom Fenster abgewandten Bildern eines entdeckte, das offenbar die schwarzhaarige Frau zeigte, mit der Fearghas alias Dan vor wenigen Stunden in der Tür der Sushibar zusammengestoßen war.

Fearghas hatte bereits Kontakt zu der Familie aufgenommen. Alles war eine abgekartete Sache gewesen, täuschend echt inszeniert. Wenn er ihm noch zuvorkommen wollte, dann musste auch er hier einen Fuß in die Tür stellen – er hatte lange überlegt, aber dann überwog seine Sorge und er hatte sich persönlich ins Spiel gebracht; er würde Fearghas über Raven Fraser wissen lassen, dass er da war und ihn beob­achtete.

Jetzt hatte er sich erneut an seine Fersen geheftet. Wie vermutet war am frühen Abend ein Wagen vor John Frasers Haus in Woodford vorgefahren und ausgestiegen war Fearghas. Unverkennbar, trotz der großen Entfernung. Er hatte beobachtet, wie er zur Haustür ging, läutete und nur wenige Augenblicke später die ältere der beiden Töchter die Tür geöffnet hatte und ihm gefolgt war.

Zähneknirschend hatte er daraufhin die Verfolgung angetreten – und sie kurze Zeit später im Verkehr der Stadt aus dem Blick verloren. Vorsichtig steuerte er seitdem seinen Wagen durch die Straßen, immer darauf gefasst, plötzlich von dem Eindruck seiner Präsenz überrascht zu werden. Dann aber sah er von Weitem, dass der Sportwagen verlassen unweit des Obelisken stand, den er für ein Treffen vorgeschlagen hatte.

Seitdem stand er hier und hielt permanent Umschau, sämtliche Sinne angespannt bis zum Zerreißen, war mehrmals versucht, auszusteigen und so unauffällig wie möglich die Gegend abzustreifen. Sie waren schon viel zu lange fort. Als er bemerkte, dass er ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad trommelte, hielt er inne, holte tief Luft und versuchte, sich zu beruhigen. Er atmete jedoch erst auf, als er sah, wie sie nebeneinander her zwischen den Bäumen wieder auftauchten.

Hatten sie sich den Schauplatz des Kampfes angesehen? Wohl eher nicht, der war seines Wissens zu weit entfernt. Zumindest für einen Menschen innerhalb der verstrichenen Zeit. Oder hatte Raven ihm schon von seinem ‚Bruder’ erzählt und ‚Dan’ hatte die Gelegenheit genutzt, das Gelände zu inspizieren? Gleichgültig, denn jetzt hielt er ihr wieder zuvorkommend die Tür auf und umrundete dann den Wagen, nicht ohne vorher einen prüfenden Rundblick gemacht zu haben.

Er verhielt sich absolut ruhig und wartete, bis der Sportwagen gewendet hatte und in Richtung Stadt davonfuhr.

Erstaunt erkannte er, dass, was auch immer Fearghas mit Raven Fraser vorhatte, er sie offenbar nicht beißen und ihr Blut trinken wollte, denn eine bessere Gelegenheit als sie da draußen rasch vom freien Feld zwischen die umliegenden Bäume auf den sanften Hügeln zu schleppen würde sich ihm kaum bieten. In welchem Fall er, Brad, versagt hätte!

Doch da war noch eine weitere Tochter: Pearl. Kurz gestattete er sich den Gedanken, wie passend dieser Name angesichts ihrer makellosen, leicht blassen Haut war. Dann jedoch runzelte er die Stirn, startete den Motor und folgte dem Wagen… In nur zwei Stunden würden die von seinem Vater anberaumten achtundvierzig Stunden abgelaufen sein, doch noch immer verbot er sich die damit verbundene Überlegung… und jeden Blick zum verschlossenen Handschuhfach, in dem ein kleiner, weißer Umschlag darauf wartete, geöffnet zu werden!

 

Mehrfach verlor er das Auto aus dem Blick, doch diesmal brauchte er nicht lange zu suchen; offenbar fuhren sie jetzt einfach durch die Gegend, hier und da verlangsamend, so als ob Raven die Fremdenführerin gab und ihm alles zeigte. Erst nach Ablauf von über einer Stunde steuerten sie wieder die Innenstadt an und hielten schließlich vor einem kleinen Restaurant.

Gut, sie befanden sich immer noch in der Öffentlichkeit. Er parkte den Wagen, stellte den Motor ab und sah auf die Uhr. Es dämmerte längst und er überlegte rasch, ob er es wagen konnte, sich ebenfalls irgendwo etwas zu Essen zu besorgen. Er hatte seit mittags nichts zu sich genommen und spürte langsam, wie auch sein Körper sein Recht verlangte. Dann aber ignorierte er das leere Gefühl und den damit verbundenen leisen Durst und sah erneut auf die Uhr, kontrollierte schließlich unnötigerweise das Display seines Handys.

Kein Anruf! In weniger als einer halben Stunde würden die achtundvierzig Stunden verstrichen sein!

Mit den Zähnen knirschend betrachtete er den geparkten Wagen und den Eingang zum Restaurant. Was immer mit… Nein, so wollte er nicht denken! Wo immer Vater jetzt war, auch er würde tun, was immer er tun konnte!

Keine zwei Minuten später öffnete er mit einer heftigen Bewegung das Handschuhfach und holte den Umschlag heraus, legte ihn vor sich auf sein Bein und schloss das Fach wieder. Dann nahm er ihn erneut in die Hand und drehte ihn im schwächer werdenden Licht. Er war weiß; unschuldiges, reines Weiß… und er wog Tonnen!

Fearghas saß jetzt da drin im Restaurant, zusammen mit einer jungen Menschenfrau mit Nachnamen Fraser…

Entschlossen riss er die Lasche des Kuverts auf und entnahm ihm einen beidseitig eng beschriebenen Bogen Papier – Vaters Handschrift. Das Restaurant im Blick behaltend entfaltete er das Blatt und nach einem kurzen Schlucken fing er an zu lesen…

 

Mein geliebter Sohn!

Wenn du diese Zeilen liest, musst du davon ausgehen, dass meine Begegnung mit Fearghas für mich tödlich ausgegangen ist! Ich sage das auch, weil ich andernfalls – wenn ich mich innerhalb der vereinbarten Zeit nicht gemeldet habe – zumindest außerstande bin, noch weiter meiner Aufgabe zu folgen und es liegt fortan in deinen Händen, ihn zu stoppen. Jetzt ist es wichtiger denn je, dass du erfährst, was ich weiß oder zumindest ahne. Du musst beenden, was ich nicht mehr beenden konnte.

Meine Person und mein Wohlergehen sind jetzt unwichtig und du musst all deine Bemühungen darauf richten, die jeweils jüngsten Frauen der Fraser-Familien ausfindig zu machen… Selbst jetzt, wo ich dies schreibe, stockt mir die Hand, denn was ich dir jetzt mitteilen werde, ist kaum glaublich…

Mein Großvater hat Simon und mir einmal eine Geschichte erzählt, wir waren noch halbe Kinder. Sie stammte noch von seinem Großvater und soll aus gutem Grund nur jeder zweiten oder dritten Generation mitgeteilt werden – und auch da möglichst nur einem Familienmitglied der Enkelgeneration, damit sie nicht in unser genetisches Gedächtnis aufgenommen wird. Wer auch immer damit anfing, er hat wohl bereits die ungeheure Möglichkeit dahinter gesehen, die sich einem langlebigen Vampir damit eröffnen würde:

Vor mir unbekannter Zeit muss ein Thorne bereits einmal einer Frau aus der reinen Blutlinie der heutigen Frasers begegnet sein – einer Frau mit einer unglaublichen Macht! Sie war angeblich weder außergewöhnlich schön noch sonst irgendwie auffällig, aber sie beherrschte etwas, was unser Urahne niemals zuvor gesehen hatte: Sie konnte über den Wind gebieten.

Ich sehe deinen ungläubigen Gesichtsausdruck vor meinem geistigen Auge, Sohn, aber ich versichere, ich würde in der derzeitigen Situation nicht scherzen!

Er war Zeuge, wie sie offenbar ein paar Übungen absolvierte und dabei eine Macht entfesselte, die ihresgleichen sucht…

In der Folgezeit hat er sie beobachtet. Er trank anders als wir Menschenblut, aber er bezwang sich in diesem Fall, nur um sie weiter im Auge behalten zu können. Er muss sich vollkommen klar darüber gewesen sein, dass selbst er als Vampir nichts gegen ihre Macht würde ausrichten können. Und als sie älter wurde und irgendwann starb, wollte er sich schon enttäuscht abwenden, doch dann stellte er fest, dass eine ihrer jüngsten Töchter, nachdem sie herangewachsen war, hin und wieder ein seltsames Verhalten an den Tag legte. Damals nannte man es Besessenheit, heute würde man wohl eher von einer Störung im Gehirn ausgehen. Sie war nicht wie ihre Mutter, wurde es nie, aber das gab ihm dennoch den Anstoß, diese Familie auch weiter immer wieder zu beobachten.

Er musste lange warten, sehr lange; er war selbst schon alt geworden, zählte zu den Vampirältesten, als er eines Tages eine junge Frau in dieser Familie fand, die die gleichen Übungen absolvierte wie die Erste, wie ihre Ahnin. Das war der Zeitpunkt, an dem ihm klar wurde, auf welches Geheimnis er hier gestoßen sein könnte!

Unter einigen der damaligen Ältesten kursierten Legenden von vier Frauen, die die Elemente beherrschen können. Niemand glaubte daran, heute sind sie wohl vergessen und er tat meines Erachtens gut daran, niemandem von seiner Entdeckung zu erzählen. Es wäre besser gewesen, wenn er sie sogar mit in sein Grab genommen hätte!

Alles, was ich dir sagen kann ist, dass diese Frauen offenbar immer wieder und in wenigen, wenn nicht immer in den gleichen Blutlinien auftreten – und dass die Linie, die sich inzwischen schon seit langer Zeit Fraser nennt, dazugehört! Zumindest zuletzt und solange diese Macht ruhte also weitergegeben durch die Väter, hervortretend jedoch stets nur in den Töchtern, sobald sie zu Frauen herangewachsen sind – damit also nicht zwingend patrilinear in der Familie verbleibend, sondern vielmehr immer wieder irgendwo bei einer Tochter oder Enkelin auftauchend.

Die Geschichte von Simon ist dir hinlänglich bekannt; was du bisher nicht wusstest ist, dass er deshalb damals die erste der Frasers, die ähnliche Auffälligkeiten zeigte, entführt, sie zu unseresgleichen gemacht und mit ihr ein Kind gezeugt hat: Fearghas. Und seither tritt der in seine Fußstapfen. Mir ist bekannt, dass in einer Seitenlinie eine weitere Frau verschwand, aber ich weiß nicht, ob er dafür verantwortlich ist, denn meiner Information zufolge litt diese lediglich an dem, was im medizinischen Sinn als Migräne bezeichnet wird. Du siehst, die Frauen… nein, im Grunde sind alle Mitglieder dieser Familie in gewisser Weise absolut sicher vor ihm; ihre Familie und somit diese Fähigkeit soll nicht aussterben. Aber sobald er eine weitere Frau findet, die eine Auffälligkeit zeigt, sobald auch nur die geringste Hoffnung in ihm geweckt wird, eine solche Macht in seinen Händen halten zu können… Er wird nicht zögern, sie vor dem endgültigen Erwachen ihrer Macht zu seiner Gefährtin zu machen, sie zu verwandeln und mit ihr Kinder zu bekommen. Er will seinem eigenen Blut zu einer gewaltigen Machtfülle verhelfen und was das bedeuten würde, brauche ich dir nicht zu erklären.

Schütze die Fraser-Frauen vor diesem Schicksal! Halte ihn auf! Tu, was immer getan werden muss, damit diese Macht von ihm nicht angetastet wird! Ich weiß nicht, wohin seine Suche ihn von Vermont aus führen wird, falls sich diese Spur für ihn als die falsche erweisen wird; es wird zudem immer schwieriger, ihn zu verfolgen und ich habe dir gesagt, dass ich nicht verantworten kann, ihn noch länger als bis zum Ablauf dieses Jahres gewähren zu lassen – die Ältesten müssen dann davon erfahren, denn dann können nur sie ihn meiner Ansicht nach noch aufhalten.

Ich war nie gläubig, aber wenn es auch für uns einen Gott gibt, dann bete ich zu ihm, dass er seine Hand schützend über dich hält, mein Sohn. Was immer du tust und wo immer du bist, meine Liebe begleitet dich.

Es muss ein Ende finden! Auch in der Linie der Thornes!

Ich bin stolz auf dich.

 

Dein Vater’

 

Erschüttert legte er seine freie Hand vor die Augen. Mehrere Sekunden verharrte er so, dann starrte er wieder aus dem Fenster zu dem immer noch wartend dastehenden Auto.

Ein zweites, dann ein drittes Mal las er die Zeilen, dann ließ er den Brief endgültig sinken. Selbst wenn nur ein Funke dessen wahr wäre, was sein Vater da schrieb… wenn es möglich wäre, dass jemand imstande wäre, den Wind zu beherrschen…

Fearghas musste es von Simon erfahren haben! Simon hatte mehr als nur eine Ungeheuerlichkeit begangen, als er mit der ersten dieser Frauen eine eigene Vampirlinie begründet hatte! Sogar ihren Namen hatte er also nur deshalb angenommen, damit diese unbekannte Macht innerhalb der gleichen Linie bleiben würde… Beim Himmel, er hatte Unsägliches verbrochen und in Kauf genommen mit seinem Handeln! Und all das nur aus Machtgier und Gründen des Selbsterhalts und Fortbestehens in zunehmend schweren Zeiten?

Zahllose Gedanken tobten durch seinen Kopf und er brauchte zum ersten Mal in seinem Leben mehrere Minuten, um sie einigermaßen zu sortieren und wieder zu klaren Überlegungen fähig zu sein.

Derzeit galt Fearghas’ offensichtliches Interesse wohl Raven Fraser und obwohl er sicher an die Unterlagen ihres Arztes kommen könnte, um eventuelle Auffälligkeiten zu recherchieren, hatte er sich jetzt offenbar darauf verlegt, sie persönlich kennenzulernen.

Bei allen Göttern, und es waren hier gleich zwei Frauen, die infrage kämen! Was sollte er tun? Er konnte unmöglich gleichzeitig bei beiden sein und Fearghas beschatten! Doch wenn er ausschließlich ihn beschatten würde, was wäre, wenn er ihn wie gestern und vorhin erneut verlieren würde? Von hier aus konnte er in weniger als zehn Minuten in Woodford sein, zu Fuß auf dem direkten Weg quer durch das Gelände innerhalb von drei, vier Minuten – unter Umständen zu lange!

Sollte er ihn stellen? Heute Nacht? Morgen? Falls er dem Treffen überhaupt zustimmen und dort auftauchen würde!

Und was wäre, wenn auch er dabei versagte? Wenn er schon seinen Vater… Fearghas hätte in diesem Fall noch Monate, um seinen Plan ungestört weiterzuverfolgen!

Und wenn er ähnlich wie sein Vater verfahren und Enja anweisen würde, täglich auf seinen Anruf zu warten und nach achtundvierzig Stunden ohne Nachricht ihren Umschlag an Neill O’Brian zu übergeben?

Er stöhnte auf.

Raven und Pearl Fraser auf der einen Seite…  Enja, die in diesem Fall Letzte der Thornes, die ängstlich auf seinen Anruf warten würde auf der anderen, dazwischen Fearghas, der im Falle seines Versagens in der Zwischenzeit freie Bahn hätte…

Es gab noch eine weitere Möglichkeit: Was, wenn er die Frauen von hier fortbringen würde? Was würde Fearghas dann wohl tun? Würde er ihr Verschwinden dahingehend interpretieren, dass sie beide potentielle Kandidatinnen waren und sie suchen oder würde er einfach weitermachen wie bisher und auf der Suche nach weiteren Frasers verschwinden?

Dieses Risiko war zu hoch!

Er konnte versuchen, das Vertrauen der beiden zu gewinnen und sie gegen Fearghas… Dan! einzunehmen. Womit er wenigstens erreichen würde, dass sie nicht so bereitwillig in seinen Wagen steigen würden. Aber auch das war absolut unzureichend. Er konnte nicht gleichzeitig an zwei Orten sein, konnte nicht auf Hilfe von außen hoffen, weil dies unter keinen Umständen Kreise ziehen durfte…

Ihm blieb nichts weiter übrig als seinerseits und noch vor Fearghas herauszufinden, ob eine von ihnen die nächste ‚Windfee’ sein könnte. Und er konnte nicht vorsichtig genug sein, ‚Dan’ ging über Leichen!

 

IM HANDEL:

 

Band 14 schließt die Vampirreihe ab!

Im Buchregal (siehe oben) gibt es das 1. Kapitel als Lesehäppchen zum Appetit-holen. Es bleibt wie immer spannend und "romantasy"!

ISBN 978-3-7448-1642-7