„Erbin des Schattenjägers“

 

 

 

Band V der Reihe

 

 

 

Handlung, Namen und Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

 

 

 

    

© 2013 Kerstin Panthel. Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

       

  
    

    

"Wenn ich loslasse, was ich bin,

werde ich, was ich sein könnte."  

 

Laotse, chin. Philosoph (6. oder4. - 3. Jh. v. Chr.)

        

                
     

       

Prolog

 

Manche Dinge im Leben kann man sich aussuchen. Manche nicht. Eine einfache Tatsache. Und das ebenso einfache Fazit aus dieser Erkenntnis: Man sollte wenigstens aus den Dingen, unter denen man wählen kann, das Beste heraussuchen.

Ich hatte irgendwann eingesehen, dass ich in dieser Hinsicht lange Zeit ziemlich zögerlich und unsicher gewesen war.

Eine zweite Erkenntnis: Vieles, aber längst nicht alles ist planbar oder vorhersehbar. Das Leben überrascht einen also wenigstens hin und wieder und wenn man darauf gefasst ist, kommt man im Allgemeinen wesentlich besser damit zurecht.

Idealerweise aber sollte man wohl eine gesunde Balance suchen zwischen Planung, Wahl und der gelassenen Hinnahme von Überraschungen, denn jemand hat mal gesagt: Je genauer du planst, desto härter trifft dich der Zufall.

Doch hatte ein anderer nicht mal gesagt: Alles, was passiert, geschieht aus einem besonderen Grund?

Eine Ereigniskette, angestoßen durch eine Überraschung, zieht meist noch weitere unerwartete Dinge hinter sich her – so auch in meinem Fall. Der Auslöser war ebenfalls ein unerwartetes Ereignis: Der plötzliche Tod meines Grandpas vor über einem Jahr. Mum und ich waren seitdem die Letzten unserer kleinen Familie, die für mich nie aus mehr als aus uns dreien bestanden hatte und in der jeder seiner eigenen Wege ging – mehr oder weniger zumindest. Nach seinem Tod jedenfalls erfuhr ich – zufällig, alles andere als gewollt! – dass unserer Familie ein kleines Haus gehörte. Eher ein Häuschen. Unbewohnt seit Generationen, erbaut von meinen Vorfahren vor rund hundert Jahren.

 

Das war die erste Überraschung in einer Reihe von vielen und schon da dachte ich, es könne wohl kaum eine größere geben. Erstaunt war ich vor allem deshalb, weil ich damals zum ersten Mal davon hörte. Fast mein gesamtes Leben hatte ich in Kingston, Ontario, verbracht und obwohl es dort, relativ gesehen, sicher ziemlich geradlinig verlaufen war, hatte ich mir doch schon länger einen Wandel herbeigesehnt, um mich wieder wohl in meiner eigenen Haut fühlen zukönnen, endlich meinen eigenen, freien Willen ausleben zu dürfen.

 

Kam diese Neuigkeit da nicht wie gerufen? War sie nicht ein Wink des Schicksals, ein paar Dinge, mit denen ich ohnehin nicht zufrieden war, zu ändern? Alleine war ich auch hier, dort aber könnte ich vielleicht wenigstens ich sein!

Wer auch immer ich sein würde, denn ich wäre zum ersten Mal im Leben ich!

 

Es war an der Zeit, eine Wahl zu treffen und ich entschied mich, das Unerwartete nicht nur gelassen, sondern freudig hinzunehmen. Ich würde damit beginnen, auszuwählen, welche Brücken ich hinter mir abbrechen und welche ich zukünftig benutzen wollte…

 

 

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Kapitel 1

 

Schon als ich die Augen aufschlug wusste ich: ‚Das wird ein schöner Tag! Nein, das wird eine ganze Reihe schöner Tage, Lil!’

Urlaub! Ersehnter, wohlverdienter, lange zusammengesparter Urlaub! Ich wollte ihn nutzen, um endlich letzte Hand an verschiedene Arbeiten im und um das Haus zu legen. Ich hatte dazu nicht ganz vier Wochen – genaugenommen drei Wochen und drei Tage – Zeit. Und ich war Optimistin. Sogar von der Sorte, die Realisierbares von Utopie unterscheiden konnte.

Gutgelaunt schwang ich meine Beine aus dem Bett und summte ein Lied vor mich hin, das mir bei meinem Blick aus dem Fenster in den Sinn kam – und dann sang ich es sogar, wenn auch nur leise. Schließlich musste ich auf die arme Miss D. Rücksicht nehmen.

‚I’m walking on sunshine’, ein absolut passendes Lied bei wunderbarem Spätsommerwetter!

Miss Doubtfire, meine alte Katzendame, beäugte mich träge und misstrauisch, als ich an ihr vorbei ins Bad marschierte. Sie thronte erhaben im Wäschefach meines Kleiderschrankes, dessen Schiebetür deshalb immer halb offen stand; sie hatte sich diesen Schlafplatz gleich mit ihrem Einzug gesichert, als sie im Herbst letzten Jahres – durchnässt, mager und mit verfilztem Fell – vor meiner Tür gestanden hatte. Ich wollte eigentlich nur etwas aus meinem Wagen holen, als sie an mir vorbeiwischte, hocherhobenen Hauptes meine kleine Wohnstätte inspizierte und sowohl diese als auch mich ganz offensichtlich für würdig genug befand, sie für den Rest ihres wohl schon lange währenden Lebens zu beherbergen und zu versorgen. Mit einem Satz, der selbst einer noch jungen Katzendame Ehre gemacht hätte, war sie auf mein Bett und von dort in das offene Fach mit der bis dahin frischen, sauberen Bettwäsche gesprungen, wo sie damit begonnen hatte, sich ausgiebig den Matsch aus dem Fell zu putzen.

Das war jetzt schon fast ein Jahr her. Sie hatte neben dem Fach im Schrank – welches allerdings seither bis auf eine Plüschdecke leer war – auch mein Herz im Sturm erobert. Und nachdem sie sauber, die Knoten aus ihrem Fell entfernt und sie wieder aufgepäppelt war, war die alte, seitdem ein wenig zur Pummeligkeit neigende, immer eine Spur zu akkurat wirkende, in meiner Vorstellung jedoch unverheiratete und daher auch niemals verwitwete (einen Kater zu ehelichen wäre unter ihrer Würde gewesen!) Katzendame zu ihrem Namen gekommen… Sie wirkte auf mich auch heute immer noch wie die vermeintlich schrullige Haushälterin Mrs. Doubtfire, die Robin Williams im gleichnamigen Film so großartig verkörpert hatte – auch in ihr steckte etwas, was niemand hinter ihrem unscheinbaren Äußeren vermuten würde. Nur hin und wieder meinte ich so etwas wie uralte Katzenweisheit, etwas von dem Erbe ihrer mäusefangenden Ahnen in ihren Augen aufblitzen zu sehen, wenn sie mich ansah oder mit ihren Blicken verfolgte… Auf jeden Fall beherbergte sie etwas Besonderes, da war ich mir sicher.

‚I’m walking on sunshine, oh, oh; I’m walking on sunshine… and don’t it feel good, hey!’

Jetzt allerdings schloss sie die Augen wieder, vermutlich angesichts meiner völlig unnormalen weil überbordenden Laune. Tatsächlich war ich im Alltag eher jemand, der alles dafür tat, nicht aufzufallen!

Ich lächelte, freute mich, dass sie ihre wunderschönen Augen nicht erst noch genervt verdreht hatte, band meine feldmausbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz hoch und sang unter der Brause weiter. Den Luxus einer echten Dusche hatte ich nicht.

 

Ich bewohnte jetzt seit letztem Sommer dieses winzige, komplett zugewachsene, abgelegene alte Häuschen; meine nächsten Nachbarn am Rand von Marmora waren zu Fuß sicher zehn Minuten entfernt. Ich konnte sie von hier aus nicht mal sehen, was allerdings nur durch mehrere Wegbiegungen hier herauf und den Wald zwischen meinem Haus und ihnen bedingt war.

Die bislang von mir halbwegs freigehaltene Gartenfläche um das Haus herum war im Verhältnis zur Grundstücksgröße kaum größer als die Fläche einer Briefmarke im Verhältnis zur Postkarte, auf der sie klebte: Der Platz vor dem und der Zugang zum Haus und zum Stehplatz meiner Luxuskarosse, eines alten, klapprigen VW-Busses. Daneben und dahinter war alles immer noch verwildert, voller Buschwerk, Gestrüpp und Unkraut. Alles hier war wirklich uralt und hatte eine gründliche Renovierung und Rodung mehr als nötig – bei meinem schmalen Gehalt als Angestellte von Mr. Sanders kleiner Buchhandlung ein utopisches Wunschdenken! – aber es gehörte mir! Es hatte vor mir meiner Ururgroßmutter –plus/minus ein weiteres Ur – gehört, und jetzt lebte ich hier! Alleine! Mit Miss Doubtfire!

Mum und Grandpa hatten mir unfassbarerweise nie davon erzählt, dass wir hier ein Haus besaßen und dies somit jetzt schon seit Generationen in unserer Familie ungenutzt weitergereicht wurde (und seit fast ebenso langer Zeit verfiel). Als ich davon erfuhr, war vor meinem geistigen Auge sofort das Bild eines in eine malerische, sanfte, grüne Hügelwaldlandschaft eingebetteten kleinen, geduckten Häuschens entstanden. Ein bisschen romantisch und mit ein bisschen Wald drum herum…

Wie naiv ich war! Ich hatte wegen dieses Bildes im vergangenen Frühsommer ein paar Tage Urlaub dazu genutzt, hierherzukommen, um mir das Schmuckstück anzusehen, zwei, drei Tage zu bleiben und dann wieder nach Hause zurückzukehren. Laut Mum wohl ähnlich wie sie und Grandpa vor mir. Wer wolle schon hier wohnen, weit weg von den angenehmen Dingen, die eine große Stadt wie Kingston zu bieten habe! Vielleicht wolle ich es ja endlich übernehmen, es zu verkaufen oder abzureißen. Und meine Arbeit habe ich sowieso hier…

Ich war so ernüchtert, als ich hier ankam und es zum ersten Mal sah. Kurz war ich auch frustriert und wütend wegen der verschwendeten Urlaubstage. Dann regte ich mich wieder ab und amüsierte mich über mich selbst. Ich hatte sogar laut gelacht! Doch irgendwann hatte ich innegehalten und noch ein zweites und drittes Mal hingesehen, diesmal genauer. Und zuletzt, nach einem Rundgang durch das Innere, war ich verliebt! Ich war in dieses baufällige, winzige, muffige, staubige, kaum der Bezeichnung Haus würdige Etwas samt Umgebung verliebt!

Unglaublich!

Meine Ur?-Großmutter war laut meiner Mutter wohl so etwas wie das schwarze Schaf der Familie. Ich wusste nicht allzu viel von ihr, nur dass sie – Skandal! – mit einem jungen Mann durchgebrannt war, der zu damaligen Zeiten unter der Würde der Familie gewesen war. Ihre Eltern seien mehr oder weniger wohlhabende Kaufleute gewesen, er nur so etwas wie ein Tagelöhner oder so – jedenfalls, wenn man der Familiengeschichte Glauben schenken dürfe. Genaues sei ohnehin nicht bekannt. Oder wurde meiner Ansicht nach wohlweislich unter den Teppich gekehrt, bis es über die Jahre in Vergessenheit geraten war. Jedenfalls hatten diese beiden sich eigenhändig dieses Haus geschaffen. Etwas mysteriös war noch das, was über die etwas später folgenden Jahre dieser Ehe bekannt war, denn eines Tages verschwand ihr Mann spurlos und sie blieb mit ihrem einzigen, halbwüchsigen Sohn alleine zurück. Einmal in Ungnade gefallen wurde sie von ihrer Familie auch nicht wieder aufgenommen, sie blieb offenbar hier wohnen. Das war alles, was ich wusste.

Von ihrem Sohn stammte irgendwann Mum ab. Und danach ich, ein nichteheliches Kind mit unbekanntem Vater. Sie rückte jedenfalls nicht mit dessen Namen heraus und mir war es eigentlich auch egal. Womöglich war sie ja früher auch nicht ganz so steif, überkorrekt und distanziert wie heute. So was sollte es selbst nach den Zeiten von Woodstock ja noch gegeben haben, auch wenn es mir schwerfiel, mir dies bei meiner Mum vorzustellen; es passte nicht zu ihr, ganz und gar nicht! Im Gegenteil, manchmal hatte ich sie im Verdacht, in langen Nächten die englische Hofetikette ersonnen zu haben. Ich fragte jedenfalls nicht nach ihm, denn ich hatte trotz allem eine ziemlich glückliche, wenn auch nicht immer völlig sorglose Kindheit und Jugend – selbst mit einer desillusioniert wirkenden, immer etwas zu ernsten und überbesorgten Mutter, die mit den Jahren immer mehr versuchte, ihre einzige, immer eigensinniger werdende Tochter in Watte zu packen.

Und ich?

Unspektakulär, unauffällig, uninteressant. Drei Worte, die nacheinander mein Leben, mein Aussehen und meine Ausstrahlung beschrieben. Ach ja, nicht zu vergessen: Ich war ein Freak!

Aber ich war seit einem Jahr ein glücklicher weil freier und selbstverantwortlicher Freak! ‚…walking on sunshine…’

Miss D. sah mir aus schmalen Augenschlitzen zu, wie ich eine unförmige, halblange Hose und ein beinahe noch unförmigeres T-Shirt überstreifte und meinen Pferdeschwanz erneut festzog. Ich ging zu ihr hin, kraulte ihr linkes Ohr und murmelte: „Guten Morgen, altes Mädchen! Was hältst du davon, wenn du heute mal ein wenig nach draußen gehst, hm? Aber so wie ich dich kenne, liegst du lieber wieder faul auf dem Fensterbrett und lässt dir die Sonne auf den Pelz scheinen. Komm, ich gebe dir dein Futter…“

Sie rührte sich jedoch nicht, als ich barfuß in die Küche ging; erst als die vertrauten Geräusche des Dosenöffnens, Schälchenklapperns und Gabelkratzens ertönten, kam sie mit aufgerichtetem Schwanz um die Ecke und strich um meine nackten Unterschenkel. Als ich in die Hocke ging, um ihr den gefüllten Fressnapf hinzustellen, schaute sie mit ihren leuchtend gelbgoldenen Augen einen Moment lang in meine, maunzte und setzte sich dann, den langen Schwanz um ihr Hinterteil gewickelt, vor den Napf und begann ihre Mahlzeit.

Es war wie ein Ritual, als ob jemand – ihr Vorbesitzer – sie darauf gedrillt hätte. Jedes Mal, wenn ich ihr das Futterschälchen auf den Boden stellte, war es dasselbe: Sie sah mich kurz an, maunzte und setzte sich dann zum Fressen hin.

Sachte, um sie dabei nicht zu stören, strich ich ihr über den Kopf. „Ja, Lady, ich dich auch! Wir beide halten zu…“

In diesem Moment klingelte mein Handy. Seufzend richtete ich mich auf, ging zur Anrichte und griff nach dem vibrierenden Wunder der Technik.

Mum! Wer sonst! Ich hörte sie schon: ‚Kind, willst du nicht wenigstens im Urlaub herkommen? Du verrottest da draußen noch mitsamt dieser Schuhschachtel von Haus!’

Ich seufzte noch einmal, bevor ich den Anruf annahm. „Hi Mum!“

„Hi Liebes! Habe ich dich geweckt? Wenn ja, dann tut es mir leid.“

„Nein, keine Sorge. Auch wenn ich mein Frühstück noch vor mir habe…“

„Oh! Ähm, apropos ‚vor mir habe’: Ich wollte eigentlich nur nachhören, was du jetzt, wo du doch Urlaub hast, so geplant hast…“

„Mum“, dehnte ich, „heute ist mein… Lass mich nachzählen, damit ich mich nicht verhaue… Oh, mein erster Urlaubstag! Und du rufst schon an, um mich zu etwas ganz Bestimmtem zu überreden, stimmt‘s? Tut mir leid, aber ich verbringe meine freien Tage nicht in Kingston!“

Schweigen.

Dann: „Wieso mache ich mir eigentlich die Mühe, dich anzurufen, wenn du mich von vornherein abwürgst?“ Sie schnaubte, bevor sie fortfuhr: „Hör zu, ich wollte dir nur sagen, dass ich am Wochenende nichts vorhabe und wollte fragen, ob ich vorbeikommen darf. Du kannst mich für deine Malerarbeiten oder zum Gartenumgraben einplanen. Oder zur Dachbodenreinigung. Oder meinetwegen auch für sonst was. Oder um den Kasten doch endlich abzureißen, ich bringe einen riesigen Hammer oder ein bisschen Dynamit mit. Oder du sagst mir, dass du wenigstens am Wochenende nicht zwischen den Spinnweben herumkriechst und doch herkommst…“

Ich verdrehte die Augen. Eine tolle Wahl!

„Mum, du kannst gerne herkommen. Aber du musst mir nicht helfen und auch nicht zwischen den Spinnweben auf dem Dachboden herumkriechen, das krieg ich schon selbst hin. Lass also ruhig die Arbeitshosen zu Hause, ja?“

Wenn sie so etwas überhaupt besaß!

„Und noch mal: Ich freue mich, wenn du kommst!“

„Auch gut!“

Sie schwieg einen Moment und ich wartete auf das Unvermeidliche. Dann hörte ich das die immer wiederkehrende Predigt einleitende Seufzen.

„Lil, warum nur verkriechst du dich da draußen in dieser Hütte? Ich verstehe dich nicht, du hattest hier doch einen gutbezahlten Job, ein Leben, Freunde…“

Langsam zählte ich bis fünf, dann ging es wieder.

„Mum, das haben wir schon hundertmal diskutiert: Mein Job hier bringt mir weniger ein, aber dafür gefällt er mir! Mr. Sanders mag mich, er ist ausgesprochen nett als Chef, gerecht, freundlich und unglaublich warmherzig. Mein Leben zu Hause fand bestenfalls am Rande des Geschehens statt… und meine Freunde existieren nicht. Es sind allenfalls Bekannte und Leute, die zufällig mit mir in die gleiche Schule gingen, mehr nicht. Sie haben mich als Person niemals wirklich wahrgenommen. Und selbst Drew hat von sich aus den Kontakt abgebrochen, seit sie mit ihrem Freund voll ausgelastet ist, schon vergessen?“

Was nur die halbe Wahrheit war, aber das wusste Mum nicht.

„Wieso kannst du nicht verstehen, dass ich das gar nicht zurückhaben will? Was soll ich noch tun, um dir begreiflich zu machen, dass ich hier glücklich bin? Urururgroßmutters Haus…“

„Nur Urur!“ unterbrach sie mich. Jetzt wusste ich’s endlich!

„Meinetwegen. Es ist… toll! Bezaubernd! Genau wie für mich und Miss Doubtfire gemacht! Ich lebe gerne hier!“ dehnte ich die letzten Worte.

„Und was ist mit Freunden? Wie willst du jemals welche finden, wenn du dich da versteckst?“

Ich verzog das Gesicht. Sie schaffte es immer wieder!

Ich hatte in Drew eine Freundin gehabt. Wir hatten sogar nach dem Abschluss, obwohl ich in Kingston eine Ausbildung anfing und sie nach Belleville zog, noch intensiven Kontakt – bis zu jenem Abend im Kino…

„Gib es auf! Du bist herzlich eingeladen, das Wochenende hier zu verbringen. Ich werde das Sofa vorher von den Spinnweben und allen darin hausenden Mäusen befreien, damit du eine Schlafgelegenheit hast. Und ich werde mein letztes Huhn schlachten und wohl auch noch einen Kaffee auf dem Lagerfeuer vor der Tür zusammenbrauen können, dessen Glut ich arme Eingeborene ja sowieso Tag und Nacht bewachen muss. Wasser hole ich vom Fluss, sofern der verfeindete Eingeborenenstamm, der zwischen ihm und mir lebt, mich nicht davon abhält. Also wirst du wohl nicht verhungern und verdursten.“

Ich hörte, wie sie laut und langsam durch die Nase ausatmete. „Dir ist nicht zu helfen!“

„Stimmt!“ meinte ich betont fröhlich und sang in Gedanken ‚Walking on sunshine‘!

„Na gut, wie du willst… Soll ich mich nochmal melden, wenn ich weiß, wann ich ankommen werde?“

„Nicht nötig, komm einfach.“

„Auch gut. Oh: Falls das Sofa unter mir zusammenbricht, werde ich im Wäschefach bei deiner Katze schlafen – sie nennt den wohl stabilsten Platz im ganzen Haus ihr Eigen!“

Ich schmunzelte. Meine Mum war manchmal echt unglaublich! Wir konnten uns verbal die Köpfe einschlagen, wenn wir verschiedener Meinung waren, aber wenn sie eines nicht war, dann nachtragend. Nicht lange jedenfalls.

Nur so enorm hartnäckig!

Nein, dickköpfig und stur!

Nein, hartnäckig! Wie ich! Meinen festen Willen und meine Entschlossenheit hatte ich eindeutig von ihr und auch wenn ich diesbezüglich ein Spätzünder war, sollte ich mich wohl besser nicht beschweren.

„Alles klar. Ich werde Miss Doubtfire sagen, dass sie ihre Decke mit dir teilen muss. Das kriegt sie hin, solange du ihr ihren Napf nicht streitig machst. Bis dann, Mum, ich hab dich lieb.“

Seufzen. „Ich hab dich auch lieb. Pass auf dich auf dort in der Wildnis! Bye…“

Ich schüttelte den Kopf. „Wildnis! Marmora ist keine fünf Autominuten entfernt, auch wenn die Strecke durch gottverlassenes, totes Ödland voller Outlaws führt. Vergiss also Revolver, Patronengurt, Wegzoll und deine Feldflasche nicht wenn du kommst. Bye, Mum.“

Ich beendete das Gespräch nach ihrem erneuten Schnauben, sah meine Katze an und meinte: „Richte dich auf ein laaanges Wochenende mit wenig Platz im Schrank ein!“

 

 

Eine halbe Stunde später kroch ich tatsächlich auf Händen und Knien im gefühlt zentimeterdicken Staub und zwischen den vorhin erst beschrienen Spinnweben herum. Das, was ich so großartig als Dachboden bezeichnet hatte, war in Wirklichkeit ein nur in der Mitte unter dem First knapp mannshoher Raum, der wohl seit Abraham nicht mehr zum Zwecke des Aufräumens und Reinigens betreten worden war.

Die Dachsanierung, die ich unmittelbar vor meinem Einzug hier hatte vornehmen lassen (und die fast zwei Drittel meines Ersparten verschlungen hatten, inklusive meines Sparbuches aus Kindertagen! Mum war vielleicht sauer!), hatten den Zutritt von hier aus nicht erfordert. Die Dachbalken waren zwar inspiziert worden, aber da sie in erstaunlich gutem Zustand waren, musste nur von außen die Dachabdeckung erneuert werden.

Anfangs hatte ich sogar wochenlang ohne Strom überdauert, weil ich den alten Leitungen nicht traute. Bis Mum ein Einsehen hatte und auf ihre Kosten und gerade noch rechtzeitig vor dem kühlen Herbst einen Elektriker beauftragte, neue Kabel zu legen. Wasserversorgung und Boiler in Bad und Küche hatten zuletzt nämlich den Rest meines Geldes aufgezehrt. Womit mir nichts anderes übrig blieb, als bis zu Mums Erbarmen und dem Auftauchen des Elektrikers kalt zu duschen und an den Wochenenden und Feiertagen alles Übrige nach und nach selbst zu machen.

Das kleine Zimmer und die Abstellkammer direkt unter dem Dachboden hatte ich daher bis heute noch nicht gestrichen, aber sie würden in den nächsten Tagen endlich auch an die Reihe kommen. Und der Dachraum hatte mich noch gar nicht gesehen; ihn musste ich jedoch zuerst auf Vordermann bringen, damit ich anschließend die Farbreste, Pinsel, Leiter und was sich sonst so angesammelt hatte, dort oben unterbringen konnte.

Es lag überraschend wenig Gerümpel herum. So wie das Haus bei meinem Eintreffen bis auf die alte Küchen- und ‚Badezimmereinrichtung’ ohnehin leer gewesen war. Was Mums Bemerkung über die Couch überflüssig machte; es war meine, die ich hierher mitgebracht hatte. Sowie die wenigen anderen Möbel auch.

Aber hier oben waren wohl ein paar Dinge einfach vergessen oder übersehen worden. Ich stieg durch die Falltür und richtete mich in eine gebückte Haltung auf, um die einzige Dachluke aufzustoßen. Ihr Riegel war verbogen und ließ sich nicht mehr richtig schließen – vermutlich passiert,als sie inspiziert wurde. Die Luft war stickig und es war ziemlich warm hier oben. Der Hauch, der jetzt von draußen hereinkam, war zwar immer noch ziemlich warm, aber wenigstens frisch und sauber. Ich sah mich um. Unzählige Staubpartikel, vor allem jetzt, da ich sie aufgewirbelt hatte, tanzten in dem schmalen Streifen Tageslicht, der von draußen hereinfiel. Das Gebälk war in derTat voller verstaubter Spinnweben und ich begann seufzend damit, mir den Weg durch sie hindurch zu bahnen.

In der hintersten Ecke lag, natürlich im Einheitsgrau, ein kleiner Haufen Stoffe oder Decken auf dem Boden. Sicher mottenzerfressen. Daneben ein morsch aussehendes Seil, ordentlich aufgewickelt. In der gegenüberliegenden Ecke stapelten sich ein paar Bretter, offenbar die gleichen, aus denen der Boden hier bestand. Eine kleine, graubraune Schachtel, deren Ränder wie angeknabbert aussahen, stand darauf; sie enthielt rostige Nägel.

Ich nieste und machte ich mich daran, die Lumpen zu einem Haufen zusammenzuschieben. Eine löchrige Decke, in die ich sie einwickeln und nach unten befördern konnte, zerriss beinahe beim Zuknoten. Das Seil kam mit hinein. Nachdem ich dieses erste, staubige Bündel nach unten und zum Entsorgen nach draußen befördert hatte, nahm ich mir die beiden übrigen Winkel vor. Die Bretter durften bleiben, nur die Nägel würde ich fortwerfen.

In der dritten Ecke stand lediglich eine große, alte Pappschachtel, sorgfältig verschnürt; ich brauchte eine Weile, den Knoten zu lösen und ärgerte mich, dass ich kein Messer oder eine Schere mit heraufgebracht hatte. Sie beinhaltete anscheinend allen möglichen Krempel, eigentlich wertlose Sachen, aber sie schienen einmal meiner Ururgroßmutter gehört zu haben. Ein morsches, mottenzerfressenes Tuch lag zuoberst. Darunter, weit weniger verstaubt, ein Stapel vergilbter Bücher… Schulbücher. Aber weder in englischer noch in französischer Sprache. Das waren deutsche, wenn ich mich nicht sehr irrte. Dazwischen ein Bilderrahmen ohne Bild, dessen Farbe an denSeiten der Umrandung völlig abgegriffen war… jemand musste ihn oft in die Handgenommen haben… Papierschnipsel… und zwei, nein, drei Briefe, niemals abgeschickt!

Ich stutzte, als ich sie in die Hand nahm und so hielt, dass ich besser sehen konnte. Und jetzt sah ich auch, dass einer von ihnen nicht zugeklebt und offensichtlich leer war und dass die zugeklebten Umschläge weder Adresse noch Absender trugen. Ich hockte mich auf die Fersen und sah einen Moment auf die Umschläge in meiner Hand. Dann warf ich alles zurück in die Schachtel, klappte sie wieder zu und schob sie etwas mühsam in Richtung Luke. Ich wusste noch nicht, wie ich sie da hinunterbekommen sollte und würde wohl mehrfach rauf- und runterklettern müssen, doch meine Neugier war geweckt. Zuvor aber besah ich mir die letzte Ecke des Dachbodens. Hier wiederlag tatsächlich nur Abfall. Zerrissene Kartons, Stofffetzen, zwei alte, verbeulte Laternen, denen noch heute ein gewisser Petroleumgeruch anzuhaften schien (Meine Güte, hatten die hier oben tatsächlich noch mit Petroleumlaternen alles ausgeleuchtet? Na gut, auf dem Dachboden gab es keine Stromkabel…), ein einzelner Kerzenhalter… Den sortierte ich aus; mal sehen, wie der im gesäuberten Zustand aussehen würde! Und ein Haufen anderer Dinge, die aus unerfindlichen Gründen nicht sofortentsorgt, sondern hier heraufgebracht worden waren. Ich musste mehrere Male die schmale Leiter hinunter- und wieder hinaufklettern, bis diese Ecke ebenfalls freigeräumt war.

Dann begann ich damit, den Inhalt des Kartons in die Küche zu tragen. Die Bücher ließ ich an einer dicken Kordel in einem Korb von oben herab, den ich dann wiederum nach unten trug, im freien Arm einen weiteren Stapel. Zuletzt die restlichen in dem leichtgewordenen Karton.

Miss D. flüchtete aus der Küche, nachdem sie interessiert an den staubigen Sachen geschnuppert und ein paarmal geniest hatte.

Als ich endlich fertig war, war der Mittag bereits vorüber. Und noch war der Dachboden nicht gesäubert!

 

 

Mittlerweile war es ein volles Jahr her, seit er ihr beinahe über den Weg gelaufen war. Präziser ausgedrückt: Sich versehentlich zeitgleich mit ihr in einem großen Raum wie dem Vorführsaal eines Kinos befunden hatte. Überraschend, denn sie lebte mit ihrer Mutter schon seit ihrer Geburt in Kingston, dort, wo er sie schon immer in kurzen und regelmäßigen Abständen ‚observiert’ hatte. Er hatte sich also zu Recht und ziemlich entgeistert gefragt, was zum Henker sie dazu veranlasst hatte, ausgerechnet an diesem Abend hier aufzukreuzen, es gab genügend andere Kinos zur Auswahl! Was hatte sie hier verloren?

Nein, warum bloß war er an diesem Tag in ein Kino gegangen? Er suchte sonst doch auch kaum einmal solche Zerstreuung, noch dazu unter Menschen, also hätte er auch heute gut darauf verzichten können und stattdessen lieber etwas essen gehen sollen! Oder auf die Jagd! Irgendetwas halt, vollkommen egal, nur eben nicht ins Kino gehen!

Er hatte sie, kaum dass er Platz genommen hatte, entdeckt, war sofort trotz der verwunderten Blicke der Menschen um ihn herum wieder aufgesprungen und den Gang hinaufgehechtet. Doch anstatt das Gebäude geradewegs wieder zu verlassen, hatte er noch einmal innegehalten und wider besseres Wissen einen Blick zurück geworfen, um sie unter den Kinobesuchern nochmals ausfindig zu machen, sich zu vergewissern.

Er fand sie sofort. Sie war offensichtlich in Begleitung einer Frau und eines Mannes etwa gleichen Alters und bei deren Anblick musste er sich eingestehen, dass der Fehler alleine bei ihm gelegen hatte. Die junge Frau, die neben ihr gesessen hatte und gerade durch den zweiten Eingang nach draußen verschwand, war ihre einzige enge Freundin, der Mann offenbar deren Freund, wahrscheinlich von hier oder aus der näheren Umgebung. Das war ein Freundschaftsbesuch, einfach ein Abend zu dritt. Er war schlampig und unverzeihlich unvorsichtig gewesen!

Im Dunkel des Saales hatte er beobachtet, wie sie unruhig in ihrem Sessel hin und her rutschte, die anderen um sich herum damit regelrecht ansteckte und zuletzt wie suchend den Kopf hin und her drehte; zähneknirschend lief er los. Anscheinend hatte er gerade miterleben müssen, dass soeben zum ersten Mal in ihrem Leben die Sinne einer Jägerin angesprochen hatten! Er war heute und hier vermutlich zu nahe an sie herangekommen und hatte noch dazu offenbar zu rasch und zu heftig reagiert. Zu rasch für einen Menschen und genau richtig, um die Aufmerksamkeit eines Jägers auf sich zu lenken! Wäre er wohlüberlegt, langsam und ruhig aufgestanden, gemächlich nach draußen spaziert, wäre vielleicht gar nichts passiert. Jetzt konnte er nur hoffen, dass sie ihn nicht gesehen hatte. Er ganz alleine hatte es vermasselt. Da war auch die Tatsache, dass er nun die Gewissheit hatte, dass noch etwas von einer Vampirjägerin in ihr vorhanden war, kein Trost.

Zu seinem Glück wusste sie damals wohl noch nichts damit anzufangen. Er hatte keine Ahnung, wie ihre Fähigkeiten aussehen mochten, aber auch nicht länger gewartet, um das inmitten der vielen Menschen herauszufinden!

Nach dieser Beinahebegegnung hatte er genauere Erkundigungen eingezogen und sie verfolgt – und so auch in Erfahrung gebracht, dass sie damals gerade begonnen hatte, Elisas Haus zu renovieren; sie war tatsächlich dort eingezogen. Ihre Mutter, neben ihr die Letzte ihrer Familie, behielt hingegen ihren ursprünglichen Wohnsitz.

Ein schmales Lächeln huschte über sein Gesicht. Anna war diesem Ort schon immer lieber ferngeblieben, ahnte wohl zumindest noch den wahren Kern hinter der Vergangenheit dieses Hauses und der Geschichte von dessen Erbauer; wenn sie nicht sogar eine Eingeweihte war – wovon er beinahe ausging.

Anders ihre Tochter! Er bezweifelte allerdings bis heute, dass sie über ihre eigentliche Aufgabe informiert war. Nicht nach dem, was er beobachtet hatte und nicht, wenn er ihre Mutter richtig einschätzte. Aber darin konnte er sich bis heute nicht hundertprozentig sicher sein. Noch nicht!

Er hatte ihr Zeit gelassen. Ihr und ihrer Mutter. Seit ein paar Wochen lebte er jetzt in der Nähe, nun wieder unter seinem richtigen Namen, und verschaffte sich seither unbemerkt beinahe täglich einen kurzen, persönlichen Überblick über ihre Lebensumstände, beobachtete manchmal einfach nur fasziniert, wie hingebungsvoll sie sich jeder Tätigkeit, die mit dem winzigen Haus zu tun hatte, widmete. Und er gewann zunehmend den Eindruck, dass sie sich, alleine hier draußen, in den letzten zwölf Monaten verändert hatte. Sie wirkte gelassener. Oder ausgeglichener… Mit sich selbst im Reinen…Entschlossen! Ja, das war das richtige Wort.

Aber davon durfte er sich jetzt nicht länger ablenken lassen. Sie hatte den Grundstein zu ihrem Leben gelegt, war alt genug und es war daher endlich an der Zeit, sich über den Stand ihrer Instinkte einen Eindruck zu verschaffen. Er musste wissen, ob mit ihr wieder eine vollwertige Jägerin in dieser Familie existierte. Sie mochte nicht für ihn ‚zuständig‘ sein, aber dennoch konnte in diesem Fall seine Aufgabe endlich zu einem Ende gebracht werden…

 

 

Erst am späten Nachmittag war ich soweit, mich mit dem Inhalt des Kartons näher befassen zu können. Ich hatte alleine eine Ewigkeit gebraucht, bis ich den Dachboden vollständig vom Staub von Generationen befreit und zu meiner Zufriedenheit gesäubert hatte. Durch die Dachluke war jetzt sogar wieder zu erkennen, dass es draußen so etwas wie einen Himmel gab. Er sah nicht nach Regen aus und ich ließ sie einen Spalt weit geöffnet, damit über Nacht ein Luftzug für ausreichende Frische sorgen konnte. Und nachdem ich mich selbst ebenfalls einer erneuten Reinigung unterzogen und meinen gröb­sten Durst gelöscht hatte, begann ich in der Küche damit, die Bücher zu entstauben und einer ersten Musterung zu unterziehen. Die Briefe würde ich mir bis zuletzt aufheben.

Ich sprach kein Deutsch. Ich konnte es bis auf eine Handvoll Worte daher auch nicht lesen, aber ich konnte dennoch ohne Probleme eine Fibel und ein Lesebuch, einen kleinen Gedichtband und etwas, was sehr nach christlicher Religion aussah, identifizieren. Dann zwei Bücher, die sich mit Fauna und Flora befassten, eines über Geografie, eines voll mit Kurzgeschichten verschiedener Autoren und eines mit historischen Ereignissen. Ein Geschichtsbuch. Ein paar Bände waren einfach nur Werke verschiedener Schriftsteller, deren Namen mir nichts sagten. Und zuletzt ein Buch voller Lieder. Geistliche Lieder, ein kirchliches Gesangbuch. Es trug ein abgegriffenes, mattgoldenes Kreuz auf dem Einband. Alle waren vergilbt, abgegriffen und voller Eselsohren, mit morschen Einbänden und Rücken, geknickten und wohl auch fehlenden Seiten. Ich hatte sie jeweils nur wahllos irgendwo in der Mitte aufgeschlagen und sie dann auf einen neuen Stapel gelegt. Die Neugier ließ mir zu mehr keine Ruhe. Der leere Bilderrahmen wurde ebenfalls entstaubt und wanderte an die Seite.

Dann griff ich endlich nach den Briefen und schob den bis auf ein paar Papierschnipsel geleerten Karton mit dem Fuß zur Seite, als ich aus dem Augenwinkel etwas bemerkte. Ich legte die Briefe noch einmal fort und zog den Karton zurück.

„Was…?“

Die Papierfetzen, die jetzt komplett verstreut in der Pappschachtel lagen, waren mir zuerst vollkommen uninteressant erschienen. Ein Teil von ihnen war von einer gelbbraunenFarbe. Einfach nur vergilbt wie alles alte Papier. Aber nun sah ich, dass auf einem von ihnen hellere und dunklere Flecken zu sehen waren. Ich nahm ihn heraus und hielt ihn ins Licht. Neben braunen Flecken, die die Oberfläche bedeckten, erkannte ich eindeutig eine Hand. Sofort bückte ich mich und sammelte die übrigen Fetzen aus der Schachtel. Ich hielt ein altes, zerrissenes Foto in den Händen, was mir vorhin im diffusen Licht unter dem Dach völlig entgangen war!

Meine Aufregung stieg. Miss Doubtfire, die inzwischen längst wieder ihren Aussichtsposten auf dem Fensterbrett eingenommen hatte, musterte mich und schlug nach wenigen Augenblicken ebenfalls aufgeregt mit dem Schwanz.

„Ja, ist schon gut! Ich werde mich zusammenreißen in deiner Gegenwart! Du kannst ganz beruhigt sein…“

Ihre Augen wurden wieder schmal und ihr Schwanz kam zur Ruhe. Mit einem tiefen Seufzer wandte ich mich wieder meinem Puzzle zu. Behutsam begann ich damit, jedes einzelne Stück mit einem trockenen Tuch von Staubresten zu befreien und legte sie vor mir auf dem Tisch aus. Und dann fing ich an, sie zusammenzusetzen. Stück für Stück…

Es stellte sich heraus, dass ein paar Stücke fehlten, sie lagen auch nicht mehr im Karton herum. Aber glücklicherweise war die abgebildete Person dennoch fast zur Gänze zu erkennen. Die Fotografie zeigte einen ernsten, relativ kräftig gebauten jungen Mann mit einem kurzen, gepflegten Vollbart. Seine akkurat gescheitelten Haare mussten wie der Bart dunkelblond bis hellbraun gewesen sein, seine Augenfarbe schien ebenfalls ein eher helles Braun oder vielleicht Grün gewesen zu sein. Blaue Augen wären meiner unzulänglichen Meinung nach auf dem Bild vermutlich noch heller erschienen. Und wenn ich mit meiner Vermutung richtig lag, dann hatte ich die gleichen Augen wie er!

„Sieh mal, Miss D., was wir hier gefunden haben!“ murmelte ich.

Der junge Mann, der in starrer, hoch aufgerichteter Positur vor einer hellen Wand stand, eine Hand auf die Rückenlehne eines neben ihm stehenden Stuhls gelegt, übte eine eigenartig faszinierende Wirkung auf mich aus. Er trug einen dunklen Anzug, der nicht ganz richtig zu passen oder in dem er sich nicht recht wohlzufühlen schien, sein Hemd war bis ans Kinn zugeknöpft. Alles an ihm wirkte steif, kontrolliert und gestellt, fast bieder! Nur seine Augen sprachen eine andere Sprache, sie wirkten selbst auf dem Foto eigentümlich eindringlich. Irgendwie fesselnd oder beschwörend!

Ich schüttelte denKopf. „Jetzt geht meine Fantasie eindeutig mit mir durch!“ schnaubte ich laut.

Dann fiel mein Blick auf den leeren Bilderrahmen. „Was denkst du? Ich glaube, das gehört da hinein!“

Ich nahm den seines Sinnes beraubten Rahmen und legte ihn vorsichtig auf das Bild… sie waren nahezu deckungsgleich!

„Irgendjemand hat dieses Bild aus dem Rahmen genommen und es zerrissen. Aber anstatt die Schnipsel fortzuwerfen, hat er sie zuletzt zwischen all den Büchern aufbewahrt. Oder zumindest mit in den Karton gepackt.“ murmelte ich und lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. „Ob auf der Rückseite irgendwo ein Name steht? Oder eine Jahreszahl?“

Schnell hob ich den Rahmen wieder ab und drehte jetzt sämtliche Stücke um. Auf einem der zum unteren Teil des Fotos gehörigen Schnipsel stand in einer energischen, mitleicht schräg gestellten Buchstaben ausgeführten Handschrift den Anfang einesWortes:

Jon

Der Rest fehlte.

Sofort nahm ich mir erneut den Karton vor, zerlegte ihn zuletzt sogar in seine Einzelteile. Dann schüttelte ich jedes einzelne Buch mit nach unten gerichteten Seiten aus. Aber außer ein paar gepressten Blumen, die sofort in ihre Einzelteile zerfielen, zerbröselnden und losen Buchseiten und noch mehr Staub war nichts zu finden.

„Toll! War das jetzt der Name? Jonathan, Jonny, Jonah, Jonas, Jones,…“

Ich musterte den Schriftzug erneut. Oder war das ‚o’ ein ‚a’? Sollte es Januar heißen und den Zeitpunkt der Aufnahme benennen? Nein, es war definitiv ein ‚o’…

Es war wohl an der Zeit, die Briefe zu öffnen, vielleicht würden sie weitere Hinweise geben!

 

 

Was machte sie da? Er konnte von seiner erhöhten Warte auf dem Ast eines Bergahorns durch das Fenster erkennen, dass sie nacheinander einen ganzen Stapel von Büchern ausschüttelte, nachdem sie vorher einen alten Pappkarton zerpflückt hatte. Sie suchte eindeutig nach etwas, aber er konnte nicht ausmachen, was genau da vor ihr auf dem Tisch lag, dazu müsste er näher heran. Doch das Risiko, dass sie ihn sah oder wieder ‚wahrnahm’, war groß! Er würde für Ablenkung sorgen müssen.

Jetzt ließ sie sich wieder auf den Stuhl fallen und griff sich etwas anderes vom Tisch. Einen Briefumschlag?

Ihr ganzes Treiben heute Vor- und Nachmittag deutete darauf hin, dass sie den Dachboden entrümpelt hatte. Er hatte sich nie darum gekümmert, ob dort oben noch etwas gelagert, etwas nicht aus dem Haus geschafft worden war. Er war davon ausgegangen, dass damals mit den Möbeln und dem privaten Besitz dieses Haus geleert worden war – vor allem, dass Elisa hier nichts zurücklassen würde! Vielleicht hätte er sich selbst davon überzeugen sollen…

Heute war während ihrer Aufräum- und Reinigungsaktion ihr Gesicht zwischenzeitlich immer wieder in der kleinen Luke im Dach aufgetaucht. Amüsiert hatte er verfolgt, wie immer mehr staubige Streifen ihr Gesicht überzogen und wie ihre braunen Haare immer grauer geworden waren. Auch ihre Kleidung, die lose um ihre schmale Gestalt herumschlabberte, war mit jedem Mal, wenn sie wieder einen Müllsack nach draußen und in ihren Bus befördert hatte, grauer und schmutziger geworden. Sie legte eine außerordentliche Ausdauer an den Tag, was ihre Aufräumarbeit anging!

Jetzt sah es danach aus, als ob sie die Fundstücke durchging, die sie aufzubewahren gedachte. Er bemerkte, wie sie einen zweiten Umschlag wieder fortlegte, sich erhob und aus einer Schublade ein Messer hervorholte. Aber dann schien sie zu zögern. Die Spitze des Messers steckte schon unter der Falz, aber anstatt diese aufzuschlitzen hielt sie inne und er sah, wie sich ihr Mund bewegte, konnte jedoch auf diese Entfernung und vor allem wegen des geschlossenen Fensters nicht verstehen, was sie sagte. Redete sie wieder mit ihrer Katze? Nun, er wusste, dass viele Menschen mit ihren Haustieren redeten, sie bildete offenbar keine Ausnahme. Rasch und geschmeidig ließ er sich auf einen tiefergelegenen Ast herab. Die Katze hatte den Kopf ins Innere des Hauses gedreht, lauschte offensichtlich der Stimme ihrer Besitzerin.

Er ließ sich einen weiteren Ast tiefer gleiten und sprang dann lautlos zu Boden. Mit einem raschen Blick suchte er zwischen den Wurzeln und las drei mittelgroße Steine auf, musterte dann mit abschätzendem Blick die Entfernung zum Haus und zu dessen Dach, bevor er ausholte und gekonnt einen der Steine in die Luft warf. Mit lautem, durchdringendem Klackern fiel er auf das neu gedeckte Dach und rollte polternd herab, landete zuletzt knapp neben dem Küchenfenster lautlos auf dem weichen Boden.

Er sah, wie sie zusammenzuckte und ihr Kopf horchend nach oben ruckte. Erneut holte er aus und warf den zweiten Stein. Er fiel beinahe genau dorthin, wo auch der Erste gelandet war.

„Los, geh nach oben und sieh nach dem Rechten! Nicht vor das Haus, geh die Treppe rauf!“ murmelte er.

Es klappte. Sie legte Brief und Messer zurück auf den Tisch. Dann sah sie sich um und trat aus seinem Blickfeld heraus. Als er sie durch die Küchentür verschwinden sah, bemerkte er den Schürhaken des alten Herdes in ihrer Rechten.

Er schmunzelte. Dann aber, während er so schnell er konnte auf das Haus zulief, musste er sich eingestehen, dass sie in keiner Weise verängstigt, sondern vielmehr mutig und entschlossen gewirkt hatte. Ihr Erbe, da war er sicher! Im Lauf warf er geschickt den letzten Stein, den er jetzt ganz am Ende des Daches auftreffen ließ.

Und dann stand er vor dem Küchenfenster und sah, was dort auf dem Tisch lag: Neben drei offenbar ungeöffneten Briefumschlägen und zwei Stapeln alter Bücher – deutschsprachigen! Was sonst hätte sie hierlassen sollen? – lag ein leerer Bilderrahmen, daneben mehrere zusammengesetzte Papierschnipsel. Auf einem dieser Schnipsel, am unteren Rand, erkannte er eine Handschrift. Ihre Handschrift.

„Jonas!“ murmelte er.

 

 

Das Klappern auf dem Dachboden hatte mich unglaublich erschreckt! Ich hatte die Dachluke offengelassen und offenbar hatte sich jetzt ein Tier da oben hinein verirrt. Mit dem Schürhaken bewaffnet, den ich mir nach kurzem Rundblick gegriffen hatte, machte ich mich auf den Weg nach oben. Ich war gerade am Fuß der Leiter angekommen, als erneut dieses Klackern ertönte, diesmal aber lauter – und offenbar nicht aus dem Inneren sondern oben vom Dach! Jetzt mehr irritiert als alarmiert stieg ich die ersten Sprossen hinauf, als mir beinahe das Herz stehenblieb: Miss Doubtfire fauchte und schrie unten in der Küche derart laut und aggressiv auf, dass ich fast die nächste Sprosse verpasst hätte! Auch so hatte ich Mühe, meinen Halt nicht zu verlieren und die Metallstange nicht fallen zu lassen. Sofort sprang ich von der Leiter, hetzte die Treppe hinab und stürzte in die Küche… Meine Katze stand mit gesträubtem Fell, den Schwanz hoch aufgerichtet und dick wie eine überdimensionale Flaschenbürste mitten auf dem Küchentisch und machte einen Buckel, der jeden kampferprobten Straßenkater vor Neid hätte erblassen lassen! Ihr Blick war unverwandt auf das Fenster und offensichtlich nach draußen gerichtet und auch jetzt noch hörte ich ein tief aus ihrem Bauch kommendes Knurren. Mit ausgefahrenen Krallen legte sie den Rückwärtsgang ein, sprang vom Tisch und fegte an mir vorbei ins Schlafzimmer.

Vergessen war der Dachboden! Dieses Geräusch meiner Katze hatte bewirkt, dass mir sämtliche Haare zu Berge standen und mein Herz sich irgendwo hinter meinen Kniekehlen versteckte!

Den Schürhaken fester umfassend trat ich zurück in den winzigen Flur und öffnete die Haustür. Sofort umfasste ich auch mit der zweiten Hand meine ‚Waffe’, hob sie schlagbereit hoch und sah mich um.

„Zeit, freaky zu sein!“ murmelte ich und machte einen ersten Schritt vor die Haustür.

Einen zweiten, dritten… dann sah ich mich um…

Nichts. Weder auf dem schmalen Weg, der zu meinem Haus führte, noch auf dem Trampelpfad, in den er von hier aus nahtlos überging, war jemand oder etwas zu sehen. Ich ließ meinen Blick zu den Bäumen schweifen, äugte misstrauisch zu meinem alten VW-Bus, der ungerührt von den Geschehnissen neben dem Haus stand und weiter ergeben vor sich hin rostete und bemühte mich, meinen Schrecken zu vergessen und mein klopfendes Herz zu beruhigen. Dann wandte ich mich zum Küchenfenster wenige Schritte neben mir. Ebenfalls nichts. Selbst auf dem Boden davor konnte ich keine Spuren entdecken – aber das war kein Wunder, weil hier sowieso alles zertrampelt war. Erneut musterte ich die umstehenden Bäume mit zusammengekniffenen Augen, dann ließ ich den Schürhaken langsam sinken.

„Du hast mir völlig umsonst eine Heidenangst eingejagt, Miss D.! Aber irgendetwas muss dich erschreckt haben…“ murmelte ich.

So hatte ich sie noch nie erlebt. Sie war immer die Souveränität ‚in Person’, durch nichts aus der hoheitsvollen Ruhe zu bringen. Na ja, jedenfalls nicht derart! Ob ich einmal ums Haus gehen sollte? Nein, das war albern. Was auch immer sie erschreckt haben mochte, war längst fort und sie hätte sicher nicht das rückwärtige Zimmer zu ihrem Schutz aufgesucht, falls dieses Etwas ums Haus herum verschwunden war!

Ich runzelte die Stirnund lauschte in mich hinein. Unterschwellig, ganz, ganz am Rande meines Empfindens, fühlte ich mich wieder so wie schon einmal – damals im Kino…

So ein Unsinn! Seufzend wandte ich mich um, schulterte meine ‚Waffe’ und begab mich wieder zurück ins Haus.

„Hoffentlich war das ein einmaliges Zwischenspiel, Miss Doubtfire! Mich so zu erschrecken!“ rief ich. Dann schob ich die Haustür hinter mir zu, lehnte den Stab in die Türöffnung zur Küche und betrat mein Schlafzimmer.

Mit weit aufgerissenen, funkelnden Augen, das Nackenfell immer noch gesträubt, sah sie mir aus ihrer gewohnten Schlafhöhle entgegen. Ich trat vor sie, hob langsam die Hand und strich ihr über den Rücken.

„Was war denn nur los? Was hat dich so erschreckt? Wenn du doch nur reden könntest! Aber keine Sorge, ich habe nachgesehen; was es auch war, es ist fort.“

Ich fuhr fort, leise auf sie einzureden und bemühte mich, ganz entspannt zu sein. Und tatsächlich färbte es auch diesmal wieder auf sie ab. Ihre Lider schlossen sich halb, ihr Schwanz schlug nicht mehr aufgeregt hin und her und ihr Fell glättete sich wieder. Ein paar Sekunden später fing sie sogar an zu schnurren, leise, tief und wohlig, legte sich auf die Seite und bot mir Kehle und Bauch zum Kraulen.

Ich lächelte. „Siehst du, wir sind ein tolles Team! Du bist besser als jeder Wachhund und mancher Mensch und ich passe dafür auf dich auf und sorge für dich. So, und jetzt will ich endlich mal sehen, was in diesen Briefen steckt.“

 

 

Wenn er richtig gesehen hatte – und etwas anderes konnte er sich nicht vorstellen! – dann hatte sie eine alte, zerrissene Fotografie von Jonas gefunden. Höchstwahrscheinlich die, die in den danebenliegenden Bilderrahmen gehörte. Sie hatte lange Jahre immer auf dem kleinen Sekretär im Wohnzimmer gestanden, bevor Elisa sie in dessen Schublade verbannt hatte…

Nur zu gerne wäre er vorhin ins Haus eingedrungen und hätte diese Briefe in seinen Besitz gebracht, aber das wäre zum einen viel zu riskant und zum anderen zu diesem Zeitpunkt hirnverbrannter Unsinn gewesen. Er brauchte nur abzuwarten, bis sie das Haus einmal verlassen würde und sich dann Zutritt verschaffen. Je weniger er dabei von seinen übermenschlichen Kräften einsetzte, desto weniger würde sie vermutlich seine Anwesenheit ahnen. Nur die Katze könnte ein Problem werden, denn Tiere waren noch zu anderen Sinneswahrnehmungen fähig als Menschen. Oder als Vampirjäger!

 

 

Ich stellte den schweren Metallstab wieder in die Ecke neben dem Ofen und warf noch einen letzten, forschenden Blick durch das Fenster nach draußen. Die Sonne schickte ihre Strahlen inzwischen schon schräg durch die Bäume, deren Schatten nur noch wenig länger werden und dann verblassen würden, sobald die Sonne unterging. Ich registrierte, dass vereinzelte Blätter an ihren Rändern schon anfingen, sich rot und gelb zu verfärben. Ein Anfang nur, aber bald schon würde hier alles in leuchtenden Farben aufflammen. Jedes Jahr aufs Neue leerten irgendwelche malenden Götter ihre bunten Farbeimer über den Wäldern Kanadas aus und schufen für kurze Zeit ein grandioses Farbenmeer, in dem man am liebsten ertrinken mochte. Und ich war hier sozusagen mittendrin.

Aber erst einmal war ich mitten in etwas anderem, das meine Aufmerksamkeit fesselte. Ich wandte mich ab, ließ mich wieder am Tisch nieder und nahm den ersten Brief… und warf ihn sofort entnervt wieder hin. Mit einem weiteren Griff angelte ich nach meinem Handy und stöhnte, als ich die Nummer auf dem Display erkannte.

„Hi Mum! Na, hast du heute Morgen vergessen, mir zu sagen, dass ich warme Socken…“

„Lil, ist bei dir alles in Ordnung? Geht es dir gut?“ Sie klang, als ob sie kurz vor einer Panikattacke stünde!

Ich richtete mich kerzengerade auf. Meine ironischen Bemerkungen waren vergessen. „Was ist los? Natürlich ist hier alles okay! Was ist mit dir, du klingst, als ob…“

„Bist du sicher? Ich meine, ist bei dir wirklich alles klar?“

„Mum! Ja! Was bitte soll das? Mir scheint, du bist diejenige, die nicht ganz okay ist! Was ist los mit dir?“

Am anderen Ende wurde erleichtert ausgeatmet. Ich runzelte die Stirn, strich mir abwesend die Haare hinter die Ohren und wartete darauf, dass sie sich wieder ein wenig fing; dann hakte ich nach.

„Mum? Ich warte auf eine Erklärung! Wie zum Geier kommst du bloß darauf, dass hier bei mir etwas nicht in Ordnung sein könnte?“

„Ich weiß nicht… Ich hatte mit einem Mal ein… komisches Gefühl… als ob dir was passiert wäre…“

Ich schnaubte. Das konnte sie sonst wem erzählen!

„Das kannst du sonstwem erzählen! Meine Güte, du hast mir gerade fast einen Herzstillstand beschert! Als ich die Panik in deiner Stimme hörte, dachte ich… Ich weiß nicht, was ich dachte! Aber wenn du nicht damit herausrücken willst… bitte! Jedem seine Geheimnisse, nicht wahr?“

„Geheimnisse? Wieso Geheimnisse?“

Ich verdrehte die Augen. „Lassen wir das. Oder nein, da wir einmal beim Thema sind: Du kannst mir vielleicht bei der Lösung eines Geheimnisses helfen.“

Stille. Dann: „Was für eines?“

Ich bildete es mir nicht ein, ihre Stimme klang misstrauisch! Beide Beine auf den leeren Stuhl neben mir legend fing ich an, die einzelnen Teile des Fotos wieder umzudrehen. Eins nach dem anderen. Nur das mit dem angefangenen Wort auf der Rückseite behielt ich zwischen den Fingerspitzen meiner Linken und drehte es immer wieder herum.

Vorderseite, Rückseite.

Bild, Schriftzug.

Hosenbein…

Jon

„Ich habe heute haufenweise alten Kram auf dem Dachboden gefunden. Größtenteils Lumpen und Schrott. Aber in einer Ecke stand ein Pappkarton, der voll war mit allem Möglichen; Zeug, das eventuell sogar Ururgroßmutter gehört haben könnte.“

Es dauerte einen kurzen Augenblick, bevor sie antwortete: „Was war denn drin?“

Ich fuhr fort, den Schnipsel hin und her zu drehen. „In der Hauptsache alte Bücher, vor allem Schulbücher. Und alle waren in deutscher Sprache abgefasst, ausnahmslos.“

Sie räusperte sich. „Naja, wirklich weiterhelfen kann ich dir da auch nicht. Ich glaube mich dunkel erinnern zu können, dass Ururgroßmutters Mann ein Deutscher war. Aber das ist alles andere als sicher. Das war alles?“

„Nein. Ich habe auch noch einen alten Bilderrahmen und ein zerrissenes Bild gefunden, das ich wieder zusammengesetzt habe. Es zeigt einen ziemlich steifen aber nicht uninteressanten jungen Mann… Du weißt nicht zufällig, wie Ururgroßmutters Mann mit Vornamen hieß?“

„Ähm, nein, tut mir leid. Dazu müsste ich nachforschen. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass dein Grandpa ihn mal genannt hätte.“

Ich nickte, was sie am anderen Ende natürlich nicht sehen konnte. Wenn die Geschichte stimmte, dann war er schließlich eines Tages verschwunden und hatte seine Frau samt Sohn sitzen gelassen. Keine Ruhmestat, früher wie heute! Und sicher nichts, was ihn in die ehrenvolle, namentliche Erwähnung der Vorfahren erheben würde. Ein Schandfleck in den Annalen der Familie! Ich konnte nur froh sein, dass sich diese Zeiten geändert hatten, schließlich war ich nichtehelich.

Meine hehren Kaufmannsfamilien-Vorfahren rotierten sicher jetzt in ihren Gräbern. Ich grinste kurz schief bei diesem Gedanken.

„War nur so eine Idee. Er könnte vielleicht der Mann auf dem Bild sein, auf der Rückseite ist was notiert worden…“

„Und was?“ Sie klang echt eigenartig.

„Mum, bist du wirklich sicher, dass du in Ordnung bist? Du klingst so seltsam! Warum regt dich das alles so auf?“

„Ach was, wieso sollte mich das aufregen? Also, was steht da hinten drauf?“

In diesem Augenblick beschloss ich, ihr noch nichts von den Briefen zu erzählen; warum wusste ich selbst nicht.

„Wie gesagt, das Bild ist zerrissen. Deshalb steht nur noch der Anfang eines Namens auf einem der Schnipsel, der Rest fehlt. ‚Jon…, J, o, n’“, buchstabierte ich. „Klingelt da was bei dir?“

„Nein, leider. Da kommen ja einige Namen infrage. Und sonst nichts?“

Ich biss die Zähne zusammen und log: „Nein, nichts, was der Rede wert wäre jedenfalls. Ich bin zwar noch nicht ganz durch, aber…“

Eine halbe Lüge nur, denn immerhin wusste ich ja noch nicht, ob die Briefe etwas enthielten, das ‚der Rede wert’ wäre.

„Hmhm. Na ja, wenn du noch was findest…“

„Ich glaube nicht, aber ich werde mal sehen. Also, wenn das alles war…“

„Ja. Hauptsache, bei dir ist alles okay. Ich sag’s ja, du solltest nicht so ganz alleine…“

„Okay, Mum, ich werde jetzt mal wieder weitermachen. Mach‘s gut, wir sehen uns!“ würgte ich sie ab.

„Na gut. Bis dann, Lil. Pass auf dich auf, ja?“

„Mach ich. Und jag mir nicht wieder so einen Schrecken ein. Bye…“

„Ich werd’s versuchen! Bye…“

Ich beendete das Gespräch und musterte den Papierschnipsel zwischen meinen Fingern. „Ich krieg schon noch raus, wer du bist, Jon!“

 

 

Die Katze war verschwunden. Und sie saß jetzt, nachdem sie offenbar ein Telefonat geführt hatte, einen Moment lang reglos da. Er konnte sehen, wie sie etwas zwischen den Fingerspitzen hielt, vermutlich einen Teil des Bildes. Ihre Haare, die sie vorhin hinter ihre Ohren gestrichen hatte, rutschten schon wieder nach vorne und verbargen halb ihr Gesicht.

Als sie vorhin mit dem Schürhaken vor die Tür getreten war, hatte er schon befürchtet, sie würde ihn entdecken, aber sie hatte versäumt, in die höheren Baumregionen zu schauen. Dort hatte er still hinter einem Stamm verharrt und zugesehen, wie sie eingehend die Gegend und das direkt vor dem Fenster liegende Stück Garten abgesucht hatte.

Erstaunlich und faszinierend! Eigentlich fiel sie rein äußerlich nicht großartig auf. Sie war ziemlich klein – etwa eins fünfundsechzig, schätzte er – und schlank, wenn auch die weiten, viel zu großen Sachen, die sie heute trug, nicht viel von ihren körperlichen Proportionen ahnen ließen. Sie hatte glatte, hellbraune Haare, die ihr knapp über die Schultern reichten, ein schmales Gesicht, etwas zu blasse Haut – sie war in letzter Zeit wohl nicht häufig draußen – und feine, ebenmäßige Gesichtszüge. Die legere, schlichte Kleidung, die sie im Allgemeinen bevorzugte, trug außerdem noch dazu bei, dass sie eher unauffällig wirkte. Sie fiel nicht mal durch ihre Stimme oder ihre Gesten oder Bewegungen besonders auf; inmitten mehrerer Menschen würde sie wahrscheinlich schnell übersehen werden. Sie wäre prädestiniert dafür, rasch irgendwo unbemerkt unterzutauchen – eine ideale Jägerin!

Nein, nicht ganz: Das Einzige, was wirklich Aufmerksamkeit erregte, waren ihre Augen! Nicht durch ihre Größe, Form oder Farbe, sie waren von einem hellen, warmen Braun. Aber wenn sie etwas fixierte, wenn sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf etwas richtete – so wie eben, als sie aufmerksam die Umgebung beobachtet hatte oder wenn sie mit ihrer Katze sprach – dann schien eine Art leuchtendes Funkeln darin zu liegen, dem man sich bestimmt nur schwer entziehen konnte… Es waren eindeutig Jonas’ Augen, auch wenn sie einem anderen Familienmitglied noch wesentlich mehr ähnelte…

Er sah, wie sie erneut zu einem der Briefe griff, ließ sich auf dem Ast nieder, auf dem er abwartend gestanden hatte, und kniff konzentriert die Lider zusammen, blendete alles um sich herum aus…

 

Der Brief bestand aus einem einzigen, beidseitig eng beschriebenen Papierbogen. Auch er war wie der Umschlag gelblich verfärbt, aber bei weitem nicht so sehr wie die Blätter in den Büchern oder das Foto. Offenbar handelte es sich hierbei um hochwertigeres Papier, so wie es heute kaum mehr hergestellt wurde. Wofür auch dessen Dicke und Schwere sprach: Gutes, mit Sicherheit schon damals nicht eben billiges Briefpapier… wie es gut situierte Kaufmannstöchter wie meine Ururgroßmutter wohl benutzt hatten.

Mit angehaltenem Atem entfaltete ich das Blatt. Die Handschrift war ganz offensichtlich die Gleiche wie auf der Rückseite der Fotografie. Akkurat, leicht geschwungen und ein wenig schräg gestellt. Er trug kein Datum und keine Ortsangabe, sondern begann gleich mit dem Text. Der Grund dafür wurde mir klar, als ich ihn las:

 

‚Liebster Jonas!

Es ist jetzt fast ein Jahr her, seit du fortgegangen bist! Zwölf Monate, in denen ich nichts von dir gehört habe, obwohl du versprochen hast, mir Nachricht zu geben sobald du in Deutschland eingetroffen seiest. Das Schiff ist heil in Hamburg eingelaufen und ich weiß, dass du dort von Bord gegangen bist. Doch von da an verliert sich jede Spur.

Ich habe seither unzählige Briefe an die Adresse geschickt, die du mir gegeben hast, aber sie sind nach Monaten, die letzten dann in unregelmäßigen Abständen alle wieder zurückgekommen. Ungeöffnet, ohne Absender und lediglich mit einer Notiz, dass der Adressat dort unbekannt sei und die Anschrift nicht mehr existent. Meine bescheidenen Mittel erlauben mir keine intensiven Nachforschungen; alles, was ich weiß ist, dass niemand dort deinen Namen kennt.

Ich weiß inzwischen nicht mehr, was ich denken soll, die Ungewissheit zerreißt mich innerlich! Du hast gesagt, du liebst Jake und mich und hast versprochen, wieder zurückzukehren, sobald du deinen Auftrag, deine Aufgabe dort erledigt hättest. Ich habe nicht gefragt, aber ich habe geahnt, dass es keinen ‚Auftrag’ gab. Ich kenne dich und habe deine Verschwiegenheit respektiert, ich habe dir vertraut. Aber nach all den Monaten weiß ich nicht mehr, was ich Jake noch sagen soll, wenn er nach dir fragt. Ich weiß nicht mehr, wie ich unserem Sohn dein Fernbleiben noch erklären kann.

Niemand hat dich gesehen, niemand weiß etwas von deinem Verbleib. Und vermutlich wird dieser Brief deshalb auch niemals abgeschickt werden, denn ich weiß nicht, welches Ziel ich jetzt noch auf dessen Umschlag schreiben sollte. Ich schreibe ihn also für mich selbst, um mich endgültig von dir zu verabschieden…

Vater hat mir letzte Woche in einer kurz und geschäftlich gehaltenen schriftlichen Nachricht angeboten, für Jakes Ausbildung zum Kaufmann aufzukommen; er hat dieses Jahr die Schule mit ausgezeichneten Noten beendet – du wärest stolz auf ihn! Gestern habe ich Vater zugesagt und werde unseren Sohn am Wochenende zu ihm schicken. Mir selbst bleibt der Heimweg verwehrt, Vater ist unversöhnlich. Aber ich komme zurecht und will es gar nicht anders haben.

Nächste Woche werde ich eine Arbeit in einem Hotel in Belleville antreten. Dort werden Zimmermädchen gesucht und dort werde ich dann auch wohnen, aber wann immer ich Zeit finde, werde ich hierherkommen – ich kann die Hoffnung noch nicht vollends aufgeben, dass du eines Tages wohlbehalten, heil und gesund vor der Tür stehen und mich (und Jake) in den Arm nehmen wirst. Diesen Tag sehne ich herbei, Jonas, denn was auch geschehen sein mag, ich habe nie aufgehört, dich zu lieben!

 

Und wenn es Gott doch gefallen haben sollte, dich zu sich zu nehmen, dann weiß ich, dass wir uns wenigstens im Jenseits einmal wiedersehen werden.

 

In Liebe,

deine Elisa‘

 

Ich las den Brief ein zweites und ein drittes Mal, bevor ich ihn sinken ließ. Das, was bis vor wenigen Minuten noch eine alte, unbewiesene und weit von meiner kleinen Welt entfernt geschehene Geschichte war, hatte soeben Gestalt angenommen. Die Menschen, die dahinterstanden, ihre Namen, ihre Sorgen und Ängste waren mit einem Mal real und greifbar geworden, lebten und atmeten und litten in meiner Vorstellung. Okay, nicht greifbar weil nicht mehr am Leben, aber dennoch hier in diesem Haus, in diesem Zimmer! Wie viele Tränen sie wohl hier vergossen hatte…

Der Mann auf dem Foto war mein Ururgroßvater Jonas, dessen war ich mir jetzt ganz sicher. Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie seine junge Frau sein Bild in einer verzweifelten Anwandlung aus dem Rahmen nahm und es wütend oder verletzt in viele Einzelteile zerriss. Aber gleich danach musste sie es bereut haben, denn die Papierfetzen hatten schließlich in der Schachtel gelegen, hatten zumindest überdauert…

Der Brief selbst zeugte in jeder einzelnen Zeile davon, wie zerrissen und zwischen Hoffen und Bangen gefangen sie gewesen sein musste. Hatte sie in einem Satz noch davon gesprochen, diesen Brief nur für sich zu schreiben, um endlich Abschied nehmen zu können, so schrieb sie zuletzt, dass sie die Hoffnung nie aufgegeben habe und nie aufgeben werde.

Ich faltete das Blatt behutsam wieder zusammen und steckte es in sein Kuvert zurück. Miss Doubtfire schlich heran und blieb misstrauisch in der Tür stehen. In ihrem Blick lag wieder dieser weise Ausdruck. Dann aber machte sie kehrt und marschierte zur Haustür.

„Alles klar, du möchtest doch noch mal nach draußen. Kaum zu glauben, dass du es dir anders überlegt hast!“

Ich erhob mich, froh über die kleine Ablenkung, und hob sie auf den Arm, bevor ich die Tür öffnete. Dann strich ich ihr über den Kopf und meinte: „Na, dann sieh mal zu, dass du eine Maus erwischst. Oder bist du dafür doch zu sehr Dame? Ich muss mir irgendwann den Film nochmal ansehen, denn ich könnte mir vorstellen, dass deine Namenspatin sich nicht zu fein dafür wäre! Obwohl sie die Mäuse wahrscheinlich anders fangen würde, mit einem Besen oder so. Wenn nicht gerade ihre Bluse brennt!“

Schmunzelnd ließ ich sie auf den Boden hinunter und sah zu, wie sie ein paar Schritte vorwärts tat und sich dann erst einmal umsah.

Ich reckte die Arme über den Kopf und atmete tief die frische Luft ein. Dann bückte ich mich ächzend nach vorne soweit es eben ging und rollte jeden einzelnen Wirbel im Hochkommen wieder langsam ab. Das Herumkrabbeln in den Ecken und die gebückte Haltung beim Putzen unter dem Dach hatten mir heute gehörige Rückenschmerzen beschert und während ich mich nach hinten ins Hohlkreuz durchbog und beide Hände in die Seiten stützte, ahnte ich, dass ich dies morgen sicher noch mehr bereuen würde.

Miss D. schlich auf ihren Samtpfoten durch die Büsche und das hohe Gras vor dem Haus und verharrte hier und da, um zu lauschen oder an etwas zu schnuppern. Hin und wieder verlor ich sie aus dem Blick, aber sie entfernte sich nie weit vom Haus und tauchte immer wieder auf, wie um sich zu vergewissern, ob ich noch da sei.

„Na, du Sherlock, denkst du, du findest etwas, was ich übersehen habe? Na dann viel Glück! Wenn du wieder rein willst, komm ans Küchenfenster, okay? Und verputz deine Beute bitte draußen! … Mein Rücken bringt mich um; was gäbe ich heute für eine Massage!“

Die letzten Worte murmelte ich nur noch und begab mich zurück ins Haus. Aber noch bevor ich die Tür wieder schließen konnte, war meine Katze wieder drin. Durch den letzten Spalt hereingehuscht. Automatisch zog ich die Tür wieder auf und blickte nach draußen. Und schob sie wieder zu, kopfschüttelnd.

„Heute weißt du echt nicht, was du willst! Dann komm, leiste mir bei dem zweiten Brief Gesellschaft. Ich bin schon gespannt, was da drinsteht.“

 

‚Liebster Jonas!

Dies wird das letzte Mal sein, dass ich dir schreibe. Ich habe aufgehört, auf deine Rückkehr zu warten und auf Anraten des Arztes, der besorgt ist über mein körperliches und seelisches Wohlbefinden, damit begonnen, unsere gemeinsamen Erinnerungen zu begraben.

Jake hat im letzten Herbst eine wundervolle jungeFrau geheiratet, ihr Name ist Verina. Und in wenigen Wochen erwarten sie ihr erstes Kind. Aus unserem Sohn ist in den vielen Jahren ein starker, verantwortungsvoller und ernster Mann geworden, eine große Stütze in all der Zeit! Oh, du wärest so stolz auf ihn!

Vater hat ihn offenbar nie spüren lassen, dass er dich für einen unwürdigen Schwiegersohn gehalten hat, aber selbstverständlich ist Jake klug genug um zu wissen, wie er über dich denkt. Es war nicht einfach für ihn und nach seiner Lehre ist er daher nur eben so lange in Vaters Geschäft geblieben, bis er gerade genug zusammengespart hatte, um die Anzahlung für einen kleinen Laden leisten und einen Kredit zu günstigen Konditionen aufnehmen zu können. Sein eigenes, kleines Geschäft, das ihm und seiner Familie ein Auskommen sichert – er wird seinen Weg machen, er hat eine starke Frau an seiner Seite. Und auch ich habe ihm seither geholfen, wo ich konnte, schließlich bin ich immer noch die Tochter eines Kaufmannes und habe nicht alles verlernt.

Nun hat Jake mich dazu überredet, dieses Haus hier aufzugeben und zu ihnen zu ziehen. Auch um Verina jetzt, so kurz vor der Geburt, ein wenig beizustehen. Letzte Woche hat er damit begonnen, die Möbel von hier fortzuschaffen und ich, die letzten persönlichen Dinge von dir, die er nicht behalten möchte, wegzugeben. Das Haus ist eigentümlich leer geworden darüber und ich weiß nicht, ob mir das den Abschied erleichtert oder schwerer macht.

Ich werde diesen Brief zusammen mit dem, den ich dir ein Jahr nach deinem Verschwinden schrieb, zu deinen Büchern auf dem Dachboden legen – sie sollen als letzter Gruß dort bleiben, ich werde sie nicht mitnehmen. So wie ich auch vieles andere nicht mit mir nehmen werde, ich habe nicht mehr die Kraft dazu. Bitte verzeih mir,dass ich so schwach bin!

Heute werde ich also zum letzten Mal in diesem Haus übernachten. Und hoffentlich auch zum letzten Mal von dir träumen – ich hoffe, du kannst mir auch diesen Wunsch verzeihen!

Ich bin alt geworden über diese Jahre, jedenfalls fühle ich mich so. Und ich bin müde geworden darüber. Doch ich möchte, dass du eines weißt: Ich habe niemals aufgehört, dich zu lieben! Du warst und wirst immer der einzige Mann sein, den ich in mein Herz gelassen habe! Und ich verzeihe dir! Ich weiß, du hättest mir die wahren Gründe für deine Abreise genannt, wenn du gekonnt hättest. Wie ich auch weiß, dass du zu mir zurückgekommen wärest, wenn es in deiner Macht gestanden hätte.

 

Wo auch immer du bist und wo auch immer ich hingehe, ich trage dein Bild zuletzt doch in meinem Herzen, wo ich es fortan tief, tief verschließen werde – mehr muss ich nicht mehr mit mir nehmen, denn dort bist du auf immer bei mir.

 

Für immer dein!

 

Im Mai 1909 in Liebe,

E  Lisa‘

 

Ich fuhr mit der Hand über mein Gesicht, um die Tränen, die mir unwillkürlich über die Wangen liefen, fortzuwischen. Auch diesen Brief las ich noch ein zweites und drittes Mal, bevor ich ihn sorgfältig zurück in den Umschlag steckte. In der Unterschrift war der ursprünglich begonnene Name, das E von Elisa, durchgestrichen und durch die Abkürzung Lisa ersetzt; offenbar hatte er sie stets bei diesem Kosenamen genannt.

Wie tief musste diese Liebe gewesen sein! Sie hatte jahrelang darauf gewartet, dass ihr Mann wieder zu ihr zurückkehren würde, zuletzt zwar die Hoffnung darauf aufgegeben, aber nie die Gewissheit, dass er sie nicht absichtlich sitzen gelassen hatte.

Und ihr einziger Sohn, Jake? Sie schrieb nur wenig über ihn und seine Einstellung zu den Umständen des Verschwindens seines Vaters. Sie schilderte ihn zwar als starken, verantwortungsvollen und ernsten Mann – und er musste darüber hinaus sehr strebsam und ehrgeizig gewesen sein, sonst hätte er wohl kaum in vergleichsweise jungen Jahren schon ein eigenes Geschäft eröffnen können! – aber nichts ließ darauf schließen, ob er seinem Vater verziehen oder ihn gehasst hatte. Oder wie er überhaupt zu ihm gestanden hatte. Diesen Teil seiner Person sparte sie in beiden Briefen völlig aus.

Wie mochte es wohl damals für einen Heranwachsenden gewesen sein, ohne seinen Vater aufzuwachsen, zumal wenn dieser plötzlich und ohne jemals wieder von sich hören zu lassen verschwand? Wenn sich anschließend der Großvater meldete und ihn zu sich holte, aber nicht die verstoßene Mutter?

Gleich, ob er seinen Enkel nie spüren ließ, was er über Jonas gedacht hatte, ich war überzeugt davon, dass Jake eine Art Hassliebe mit seinem Großvater verbunden haben musste. Auf der einen Seite bekam er durch ihn die Möglichkeit, zurückzukehren in seine eigentliche Familie, einen angesehenen Beruf zu erlernen und so seine Mutter zu unterstützen, auf der anderen Seite wusste er in dieser Zeit seine eigene, verlassene und als Zimmermädchen arbeitende Mutter zu Hause, den Rückweg versperrt, weil sie es gewagt hatte, gegen den elterlichen Willen und offenbar unter ihrem Stand zu heiraten! Liebe hin oder her!

Was hatte wohl Elisas Mutter zu alldem gesagt? Ob auch sie gegen deren Rückkehr in den Schoß der Familie gewesen war? Oder ob sie zumindest alles darangesetzt und ihren gesamten Einfluss geltend gemacht hatte, dass ihre Tochter, meines mehr als lückenhaften Wissens ihr einziges Kind, zusammen mit dem Enkel wiederkommen durfte? In der streng patriarchalischen und überaus moralischen Gesellschaft dieser Zeit ein Unterfangen mit wenig Aussicht auf Erfolg, mutmaßte ich.

Vor allem aber fragte ich mich, was diese Umstände einem jungen Menschen antaten. Elisas Sohn musste einen starken Charakter besessen haben, sich all die Jahre da durchzubeißen…

Ich nahm den leeren Umschlag zur Hand. Er war nicht zugeklebt und enthielt fühlbar auch keinen Brief. Ich wollte ihn schon wieder weglegen, doch dann überlegte ich es mir anders. Weshalb lag ein leerer Umschlag zwischen all diesen Dingen? Ich hob die Klappe hoch und sah hinein.

Er war nicht leer, jedenfalls nicht ganz! Ein winziges, bedrucktes, gelbliches Papierstück lag darin, sonst nichts. Vorsichtig zog ich es heraus…

Ein Zeitungsausschnitt, fein säuberlich an den Rändern zugeschnitten und einfach tief in das Kuvert gesteckt:

 

‚In tiefster Trauer geben wir den Tod unserer über alles geliebten Mutter, Schwieger- und Großmutter,

 

Mrs. Elisa Christine White,

geboreneFairdale

 

bekannt.

 

Sie schied aus diesem Leben in der gleichen Hoffnung und Zuversicht, in der sie es zeitlebens und in tiefem Glauben an Gott geführt hat. Möge der Herr sie auf ihrem letzten Weg geleiten und ihrer Seele gnädig sein!

Ihre Bestattung fand auf ihren eigenen Wunsch hin in aller Stille und im engsten Kreise ihrer Familie statt; von nachträglichen Beileidsbekundungen persönlicher und schriftlicher Natur bitten wir höflichst, Abstand zu nehmen!

 

Belleville, im Juli 1910

 

Für die Familie der Verstorbenen: Jake D. White’

 

Ich ließ den Ausschnitt entgeistert sinken. Diese Anzeige war nur ein Jahr nach Elisas letztem Brief aufgegeben worden. Ein Jahr also, nachdem sie dieses Haus – mein Haus! – aufgegeben hatte und zu Sohn und Schwiegertochter gezogen war. Nach Belleville! Offenbar hatte er dort sein Geschäft gegründet…

Wer in aller Welt hatte diese kleine Annonce ausgeschnitten und zu den anderen Briefen gelegt? Ihr Sohn? Wohl kaum. Er hätte in diesem Fall von den Sachen auf dem Dachboden wissen müssen. Oder ob er es doch gewesen war? Ob er sie mit Absicht dort oben gelassen hatte? Mit einem tiefen, inneren Groll, als unerfüllte, unerfüllbare Rache, nachträglich dort bei den Sachen seines Vaters deponiert? Für den unwahrscheinlichen Fall, dass dieser eines fernen Tages doch zurückkommen und dann dies alles, inklusive des zerrissenen Fotos dort vorfinden würde… als einziges höhnisches Überbleibsel eines gramerfüllten, verstrichenen Menschenlebens…

Meine Fantasie ging offensichtlich mit mir durch. Auf jeden Fall musste es aber jemand gewesen sein, der das gleiche Briefpapier oder wenigstens die gleichen Umschläge wie Elisa benutzt oder freien Zugang zu ihren gehabt hatte. Ihre Eltern? Ihre Schwiegertochter? Ich würde es wohl nie erfahren!

Ich kannte mich mit den damaligen Gepflogenheiten und den Formulierungen solcher Anzeigen nicht aus, aber selbst mir fiel auf, dass sie weder den Geburts- noch den genauen Todestag enthielt; etwas, was wohl auch damals üblich gewesen sein dürfte. Oder nicht? Und bei der zweiten Durchsicht schien mir auch die Formulierung über die Hoffnung und Zuversicht, die sie zeitlebens gehabt habe, ein wenig seltsam. Sie schien sich weniger auf den zweiten Teil des Satzes, in dem von ihrem Glauben an Gott die Rede war, zu beziehen, als vielmehr auf etwas anderes…

Natürlich war auch das nur ein Bauchgefühl, aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihr Sohn beim Verfassen dieser Todesanzeige genauestens gewusst hatte, dass Elisa tief im Inneren immer noch auf ihren Mann gewartet hatte und bis zuletzt davon überzeugt war, dass er zurückgekommen wäre, wenn er gekonnt hätte!

Bewegt schob ich den Zeitungsausschnitt zurück in den Umschlag, nahm die drei Briefe und erhob mich, um sie vorsichtig in die Schublade der Anrichte zu legen.

Das Foto würde ich noch zusammenkleben, aber ansonsten hatte ich für heute genug von diesen erschütternden Ausflügen in die Vergangenheit. Und erschüttert hatten sie mich! Elisa und ein wenig auch mein Urgroßvater Jake waren in meinem Kopf lebendig geworden – in einer Weise, die mir eine Mischung aus betäubtem Staunen und mitfühlender Trauer bescherte.

Dieser Tag endete so ganz anders, als ich es mir am Morgen ausgemalt hatte!

 

 

Er konnte genau sehen, dass sie nach der Lektüre des zweiten Briefes Tränen aus dem Gesicht wischte! Was auch immer in den beiden Nachrichten stand, es nahm sie eindeutig mit – was er mit einiger Verwunderung und wachsender Neugier registrierte. Von wem auch immer diese Briefe stammten, sie waren längst tot und vergessen. Dass sie solchen Anteil daran nahm… Manche würden wohl sagen, dass sie einfach nur zu sentimental sei, aber er wusste, wie mitreißend Erinnerungen an die Vergangenheit sein konnten, selbst wenn sie zu Menschen gehörten, die man niemals kennengelernt hatte.

Dann wurde er noch einmal aufmerksam, als sie zu dem dritten Umschlag griff, ihn umdrehte und ihn, anstatt ihn wieder fortzulegen, aufschob. Er war nicht zugeklebt. Sie holte ein kleines Papier heraus…

Bei der nächsten Gelegenheit würde er ihr Haus betreten und sich Gewissheit darüber verschaffen, was sie da gefunden hatte!

IM HANDEL:

 

Band 14 schließt die Vampirreihe ab!

Im Buchregal (siehe oben) gibt es das 1. Kapitel als Lesehäppchen zum Appetit-holen. Es bleibt wie immer spannend und "romantasy"!

ISBN 978-3-7448-1642-7