„Erbe(n) der Prophetin“

Teil 1 

 

 

 

Band VI der Reihe

 

 

 

Handlung, Namen und Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

 

 

 

    

© 2013 Kerstin Panthel. Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

       

  
    

    

"Wenn der Wind des Wandels weht,

bauen die einen Schutzmauern,

die anderen bauen Windmühlen."  

 

Chinesisches Sprichwort 

        

                
     

       

Prolog

 

Spätestens, wenn man an einem Punkt anlangt, wo man etwas zu einem Ende bringen, endgültige und unwiderrufliche Entscheidungen treffen muss, deren Auswirkungen man nicht kennt, stellt sich die Frage, ob man auf seinem Weg bis dahin alles richtig gemacht hat. Hatte man nichts versäumt oder unterlassen, das man vielleicht noch hätte tun können und das alles in eine andere Richtung gelenkt hätte? Von den vielen Möglichkeiten, die das Leben, das Schicksal, die Geister oder was auch immer einem boten, hatte man die richtigen ergriffen? Oder hätte man womöglich – mit ein wenig mehr Überlegung und ein wenig mehr kluger Einsicht – andere ergreifen sollen?

Sie hatte in den letzten beiden Jahren mehr als alle anderen in Schicksale und Verhältnisse eingegriffen, immer in der Annahme oder wenigstens der Hoffnung, dass ihre Taten zumindest im weitesten Sinn die Zukunft in positive Bahnen lenken würde. Und damit auch die Leben derer, die darin verwickelt waren. Sie hatte vertraut, wo sie dachte, vertrauen zu können und sogar zu müssen, hatte nachgegeben, wo es sich ihr als richtig und wichtig dargestellt hatte und gelitten und getrauert, wo die Schicksale ihr unabänderlich erschienen waren und zugunsten von etwas ungleich Größerem und Mächtigerem hatten zurücktreten müssen. Ihr Rechtsempfinden, das sie sich bewahrt hatte und ihr Vertrauen, das in all dieser Zeit eher noch gewachsen war, waren ihr dabei immer wie Stützpfeiler erschienen. Wie Wegweiser, gleichzeitig richtungweisend und zielsetzend …

Aber wie es aussah, stand sie nun vor einem Trümmerfeld, das noch dazu offenbar sie selbst hinterlassen hatte! Wo waren die Versprechungen der Mächte? Wo waren ihre Weisheit, ihre Nachsicht und ihr Entgegenkommen? Und wozu war all das Leid und all die Mühe eines langen Lebens gut, wenn doch Rechtschaffenheit, Ehrgefühl und Selbstlosigkeit so bestraft wurden?

 

Hatte sie alles falsch gemacht?

      

    

 

Kapitel 1

 

 

„Woran denkst du?“ flüsterte er ihr ins Ohr, als sie wieder einmal im Dunkeln am Fenster stand und nach draußen sah.

Ihre schmale Silhouette zeichnete sich weich gegen das blasse Mondlicht ab, das von draußen hereinfiel. Er legte zärtlich seine Arme von hinten um ihre Mitte und spürte ihr Schaudern.

Sechs Wochen war es jetzt her, seit sie aus Marmora zurückgekehrt waren – und seit ebenso langer Zeit trug sie an etwas, das sie ihm verschwieg. Er war es gewohnt, dass sie ihm manchmal, wenn es zum Beispiel um die persönlichen Dinge anderer Personen ging, um das, was sie durch ihre Gabe erspürt hatte, etwas vorenthielt. Aber dieses Mal wares anders.

Rein äußerlich und oberflächlich betrachtet hatte sie sich in dieser Zeit nicht verändert; sie lachte und scherzte, sie widmete sich mit einer unglaublichen Liebe und Hingabe ihrer kleinen Tochter, sie war ihm immer noch liebevolle und leidenschaftliche Gefährtin, Vertraute und Frau… und doch zehrte in ihrem Inneren etwas an ihr, das ihr keine Ruhe ließ! Manchmal nachts, wenn sie sich im Schlaf unruhig träumend in seinen Armen regte und vor sich hinmurmelte, manchmal, wenn sie – so wie gerade auch – in Gedanken weit weg von hier war, dann schien sie ihm auch äußerlichso weit entrückt, dass er mitunter Angst bekam und sie am liebsten mit beiden Händen da herausgerissen hätte! Doch er schwieg jedes Mal und fragte höchstens so wie jetzt danach, was ihr durch den Kopf gehe. Denn er wusste, dass sie ihm, wenn sie erst einmal selbst mit sich im Reinen war, sicher davon erzählen würde…

Noch einmal erschauerte sie und fasste dann mit ihren schmalen Händen seine Unterarme, lehnte den Kopf nach hinten gegen seine Brust und seufzte leise als Antwort.

„Frierst du?“ flüsterte er wieder und hob sie sanft in seine Arme, um sie zum Bett zurückzutragen.

„Ceridwen!“ murmelte sie. „Ich wollte noch nach ihr sehen.“

„Sie schläft noch. Sobald sie wach wird, bringe ich sie zu dir.“

Nachdem er die Decke über sie beide gebreitet hatte, zog er sie vorsichtig in seine Arme. Sie legte ihren Kopf auf seine Brust, horchte auf seinen regelmäßigen Herzschlag, aber es verging sicher eine weitere Viertelstunde in absolutem Schweigen bis er hörte, wie sie tief durchatmete.

„Es ist falsch!“ flüsterte sie.

Es war soweit: Sie war zu einem Entschluss gekommen und würde ihm nun ihre Gedanken mitteilen.

„Was ist falsch?“ fragte er leise.

Sie bewegte sich in seiner Umarmung und stützte sich auf ihrem Ellbogen auf.

„Das alles stimmt nicht mehr, Dorian, es ist aus dem Ruder gelaufen! Wo Gleichmaß herrschen sollte, Gerechtigkeit, Frieden und das, was man so schön mit Barmherzigkeit und Humanität bezeichnet, ist ein riesiges Loch entstanden! Ich habe lange darüber nachgedacht und ich glaube nicht, dass mein Gerechtigkeitssinn so sehr gestört ist, dass ich damit so danebenliegen kann. Und… Dorian, ich habe einen schweren Fehler gemacht.“

Ein Stein bildete sich in seiner Brust und ihm wurde kalt. Innerlich. Dennoch zwang er sich dazu, ruhig zu bleiben.

„Was ist aus dem Ruder gelaufen? Was glaubst du, falsch gemacht zu haben? Ich kann dir dieses Mal nicht folgen.“

Sie sah auf ihn hinab.

„Okay, berichtige mich, wenn ich fehlinterpretiere, aber alle Welt, diese Wächter eingeschlossen, haben mich immer für die Leuchtende gehalten, für diese Figur aus dieser Prophezeiung.“

„Richtig!“ versetzte er erstaunt.

„Und wir sind von ihnen bestätigt worden in dem, was wir getan haben und ansteuern.“

Er strich ihr sacht mit den Fingerspitzen über die Wange.

„Ja, natürlich! Was…“

„Nein, warte. Ich kann es dir anders nicht verständlich machen… Zuletzt haben sie uns gesagt, dass wir auf uns gestellt sind und sehen sollen, wie wir klarkommen.“

„Ja.“

Sie seufzte. „Wieso gängeln sie uns dann immer noch?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich verstehe immer noch nicht…“

„Wenn wir in ihren Augen erwachsen genug sind, um unserer eigenen Wege zu gehen und eigenständig entscheiden zu können, warum schreiben sie uns immer noch vor, was wir zu tun und zu lassen haben? Was wir entscheiden dürfen und was nicht? Wo wir helfend eingreifen dürfen und wo nicht? Und vor allem…“ Sie unterbrach sich und holte tief, tief Luft. „Warum sagen sie uns immer noch, was Recht ist und was Unrecht? Wieso richten sie noch und schreiben uns die Richtungen vor? Wieso indoktrinieren sie uns? Selbstbestimmung ja, aber nur zu ihren Bedingungen? Wozu dann noch Gesetze als Rahmenbedingungen, innerhalb derer wir uns nach den erreichten Veränderungen frei bewegen und entscheiden dürfen, wenn sie doch alles rigide vorgeben?! Dann hätte alles beim Alten bleiben können, ich bin genauso überflüssig wie die Prophezeiung von Orendas Vorfahren!“

„Phoebe, du hast doch selbst einmal gesagt, dass wir außerstande sind, das große Ganze zu überblicken und diese Dinge in den Händen der Mächte belassen sollen. Woher kommen deine Zweifel?“

Sie legte ihre flache Hand auf seine Brust.

„Ich weiß, dass ich das gesagt habe. Und im Prinzip stimmt das ja auch – aber nicht hierbei! Nicht bei dem, was Lil und Gideon angeht! Alles, wirklich und buchstäblich alles in mir sträubt sich gegen diesen ‚Richterspruch’, den die Mächte da über die beiden verhängt haben! Es ist falsch! Anders als ich zu Lil gesagt habe – dass ihre Liebe erhaben ist über alles andere und nicht bestraft werden kann – ist es eine Strafe! Und sie ist ungerecht und ungerechtfertigt!

Beide haben mehr als man von ihnen hätte verlangen können dafür getan, um alles zu einem friedlichen Ende zu führen. Ich fand Lils Entscheidung voreilig und radikal, vor allem nach so kurzer Zeit als Jägerin und im Hinblick auf Gideon und seine mögliche Reaktion. Aber trotz all meiner Befürchtungen, die sich Gott sei Dank nicht bewahrheitet haben, konnte ich fühlen, dass es für sie die richtige Entscheidung war. Sie ist stark genug dafür wie ich oft genug betont habe, denn sie ist brillant! Dazu diese tiefe Sehnsucht in ihr, selbst Gideons Wesen mit ihm zu teilen… Und ich konnte es anschließend auch bei ihm sehen und fühlen! Sogar als sie hörten, was wir… nein, was im Grunde ich ihnen sagte, haben sie es beinahe klaglos hingenommen – nicht nur um ihres Zusammenseins willen, sondern auch um des Friedens willen. Man stelle sich nur einmal vor, worauf sie dafür zu verzichten bereit sind!

Weiter: Gideon hat den Großteil seines Lebens damit verbracht, etwas gutzumachen, wofür er nichts konnte. Alle, die Mächte inklusive, haben ihm dafür Absolution erteilt!

Und da ist noch mehr: Der Fluch galt als erfüllt! Interpretation, klar, aber sie haben nun mal so interpretiert und können jetzt nicht einfach einen Rückzieher machen! Ob der Fluch nun an die Jägerin in Lil gebunden war oder nicht ist meiner Meinung nach inzwischen irrelevant, denn erfüllt ist erfüllt und die Jägerin in ihr lebt genauso lange wie der Vampir, der sie beherbergt; sie stellt im Grunde genommen ähnlich wie Ceridwen eine Verschmelzung zweier verschiedener Seiten in dieser Welt dar, nicht mehr und nicht weniger. Das Risiko trägt sie… nein, tragen sie und Gideon, der die Verwandlung abgeschlossen hat, und niemand anderes braucht nach Lils Tod nachzurücken und die Aufgabe der Jägerin zu übernehmen! Oder aber die Mächte sollen Lilith davon entbinden, wie mich auch! Wozu diese Halbheiten? Messen sie mit zweierlei Maß?

Ebenso Gideons Schwur, Lil zuschützen: Er kann vor allem jetzt mit einem winzigen bisschen gutem Willen als vollendet oder überflüssig gelten – Lil als Vampir kann sich jetzt wahrhaftig selbst schützen, als ihr Gefährte würde er sowieso immer an ihrer Seite stehen und kein anderer Jäger ist mehr hinter den beiden her, vor dem sie noch geschützt werden müsste, weil sie friedlich ist. Sie wird nicht morden, denn da ist ihre innere Stärke vor, das Erbe ihrer Vorfahren. Wozu bitte haben sie sie innerlich so stark gemacht, wenn nicht deshalb, um die Kontrolle über sich behalten zu können, gleich, ob zunächst und zuerst einmal über die Jägerin in sich oder hinterher, nach ihrer Verwandlung, über ihre Vampirinstinkte?

Sie hat laut Gideon in den letzten Wochen unglaubliche Fortschritte gemacht! Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich sage dir: Ihre mentale Disziplin ist einfach atemberaubend, ich glaube nicht, dass es noch einen Menschen auf diesem Planeten gibt, der seinen Jäger so vollständig auszuschalten imstande war! Und sie ist längst nicht der erste Vampir mit so hohen Befähigungen und einer so überaus großen Verantwortung, denk nur an Orenda! An Namid!

Ich bin es in den letzten Wochen wieder und wieder durchgegangen, aber egal wie ich es gedreht und gewendet habe, nie passte es, bei jeder Version der Auslegung sprach irgendetwas dagegen. In meinen Augen ist das Festhalten an dieser Pattsituation grottenfalsch – und das macht mich wütend! Sie haben sich für die friedliche Seite entschieden noch vor all diesen Ereignissen. Die Jägerin in ihr ist also sogar in zweifacher Hinsicht überflüssig geworden, denn die O’Brians sind schon lange davon befreit, gejagt zu werden. Doch auch wenn die Jägerin in ihr verbleibt: Wohin soll der Waagbalken denn noch ausschlagen? Solange sie friedlich bleiben doch immer in die richtige Richtung, vor allem, wenn man es aus der neutralen Position betrachtet, die die Wächter von sich selbst ja immer so deutlich einzunehmen behaupten!

Dorian, die Logik der Mächte ist so was von fadenscheinig! Das alles ergibt überhaupt keinen Sinn, nicht, wenn sie wirklich noch immer neutral sind und erst recht nicht, wenn sie das Friedensbündnis und das Eintreffen dieser Prophezeiung bestätigen! Denn dann wäre ich keine ‚Leuchte‘ und sie hätten diese Veränderungen niemals zugelassen.“

Er sah, wie ihre Augen im diffusen Licht aufgebracht funkelten und hörte, wie sie nun den Atem anhielt, um auf eine Reaktion von ihm zu warten. Er ließ sie nicht lange darauf warten!

„Das also trägst du seit unserer Rückkehr mit dir herum! Das verfolgt dich sogar noch nachts in deinen Träumen! Engel, was hättest du anders machen können? Dir waren die Hände gebunden und du hast getan, was du konntest! Du weißt doch, dass nicht immer alles nach unseren Wünschen verlaufen kann…“

Sie schnaubte. „Das weiß ich! Leider! Aber dennoch habe ich einen Fehler gemacht.“

Er richtete sich auf und zog sie an sich.

„Das glaube ich nicht.“

„Dorian! Sie haben uns deutlich gesagt, dass wir fortan auf uns gestellt sind!“

„Ja, aber ein Rest von ihnen ist in dir verblieben und zeigt dir, was du sehen sollst, gibt dir manchmal die richtigen Worte ein. Immer im rechten Moment erhältst du Einblick in Dinge, die dir und uns sonst verborgen bleiben würden. Sie sind… die Mächte über uns, immer noch!“

Sie schüttelte den Kopf. Dann seufzte sie und flüsterte kaum hörbar: „Du verstehst nicht… Sie sagten uns, dass wir auf uns gestellt sind. Warum haben sie mir dann gezeigt, was möglich und machbar ist, wenn sie mich weiterhin davon abhalten wollen, etwas zu tun, um es möglich zu machen, um es auch anderen zu offenbaren? Warum sind mir immer noch die Hände gebunden und ich darf nicht eingreifen, wenn sie mir das schon zeigen? Das ist, als ob du einem Gefangenen die Tür öffnest, ihm sagst: ‚Schau, das da draußen ist die Freiheit, aber halte dich ja fern davon!’. Und dann schlägst du ihm die Tür wieder vor der Nase zu und alles ist wie vorher. Wozu soll ich einen Schritt vor­aus sein, wenn es nichts bringt?!“

Sein Herz setzte einen Schlag lang aus und schlug dann umso rascher weiter.

„Du denkst, sie haben dir damals etwas gezeigt, damit du eingreifen sollst? Weil du nicht mehr länger passiv zuschauen sollst? Warum sollten sie dir eine solche zusätzliche Verantwortung aufbürden? Du kannst doch nicht Richterin sein über das, was geschieht oder geschehen ist! Noch viel weniger kannst du in die Zukunft sehen, welche der Alternativen, die sie dir da zeigen, wahr werden und welche verhindert werden soll! Ob es richtig ist, etwas dagegen zu unternehmen oder alles dafür zu tun, dass es eintrifft!“

„Nein, das kann ich nicht und ich glaube auch nicht, dass es das ist, was sie von mir wollten. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass das so was wie eine Bewährungsprobe für mich war. Ich wusste, dass Lil und Gideon eine zweite Möglichkeit offen gestanden hätte und habe geglaubt, dass sie wie wir alle alleine darauf kommen und aus freien Stücken und vor allem gemeinsam entscheiden müssten. Ich habe nicht darüber nachgedacht, ob ich ihnen ihre Möglichkeiten diesmal vielleicht hätte aufzeigen sollen und es dann nur noch ihre Wahl gewesen wäre. Was also, wenn ich Schuld daran trage, was mit…“

„Nein, Phoebe! Nein! Es sind trotz allem immer noch freiwillige Entscheidungen, persönlich getroffen! Schicksal spielen kommt uns nicht zu, wir würden manipulieren, wenn wir…“

„Tun wir das nicht laufend? Auch, indem wir ihnen ihre Wahlmöglichkeiten vorenthalten? Indem wir tatenlos dabei zusehen, was sie tun?“

„Spitzfindigkeiten, die du nicht zulassen darfst wenn du deine Aufgabe weiterhin wahrnehmen willst! Und tatenlos zusehen trifft ja wohl auch nicht ganz, denn wir – wir beide, nicht du alleine, Phoebe! – handeln stets nach bestem Wissen und Gewissen; mehr kann niemand von uns verlangen. Und wenn du Recht hättest, dann hättest du Lilith auch nicht so vehement von der Verwandlung abraten dürfen.“

„Ich glaubte, ihr die immensen Risiken aufzeigen zu müssen, auch um sie mit der Nase darauf zu stoßen, dass es noch eine andere Alternative gibt, die sie zumindest erwägen sollte, auch ohne dass ich sie ihr benenne. Zusammen mit Gideon erwägen.“

„Und trotzdem wäre es letztlich ihre Wahl gewesen, nicht deine! Ich kann nicht glauben, dass es deine oder unsere Aufgabe ist, uns in die Dinge der Mächte einzumischen. Sie hätten dir eine klare Anweisung gegeben, wenn du es ihnen hättest sagen sollen.“

Sie hielt kurz den Atem an. Dann flüsterte sie gepresst zurück: „Und was, wenn das der nächste, logische Schritt gewesen wäre auf dem Weg in die Selbstbestimmung und Selbstständigkeit? Selbst zu erkennen, was meine Aufgabe gewesen wäre? Was, wenn sich die Mächte wirklich wieder dahin zurückziehen wollen, woher sie gekommen sind? Ja, ich weiß, sie haben gesagt, dass sie sich wieder zu Wort melden, wenn wir gegen unser Friedensbündnis verstoßen. Aber was, wenn sie bis dahin endlich einmal ‚pausieren’ wollen? Oder wenn das schon immer ihr Ziel war?

Aber darum geht es mir gar nicht, es geht mir im Augenblick vorrangig darum, dass sich alles in mir dagegen sträubt, dass Lilith und Gideon so bestraft werden sollen. Hätten die Mächte bei ihnen auf eine Bewährungszeit bestanden, okay; das wäre nachvollziehbar. Aber für den Rest ihres Daseins…“

Seine Sorge steigerte sich noch.

„Phoebe! Weißt du überhaupt, was du da sagst? Ich höre dir zu und kann doch kaum glauben, was du sagst! Rufst du zu einer Revolte gegen die Mächte auf?“

Sie erzitterte wieder. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Nein, Dorian! Niemals! Ich habe schließlich erlebt, wie gewaltig sie sind und ich glaube, ich habe nur mal eben durchs Schlüsselloch gesehen weil ich mehr gar nicht verkraften könnte! Nein, was ich damit sagen will ist, dass sie uns möglicherweise… ein Mitspracherecht einräumen – jedes Mal, wenn sie uns zeigen, was möglich ist, zwischen welchen Alternativen wir wählen können. Möglicherweise sogar, damit wir noch etwas weiterdenken und selbst nach anderen Alternativen suchen. Und dass ich mich schuldig gemacht habe, weil ich hierbei etwas unterlassen habe.“

Er fuhr mit seinem Daumen über ihre zitternden Lippen.

„Wenn du damit Recht hast…“ begann er, aber sie vollendete den Satz:

„…dann bin ich Schuld daran, dass Lilith nicht hinreichend und vor allem ohne vorherige Rücksprache mit Gideon zwischen zwei Möglichkeiten abgewogen hat und ich wäre Schuld daran, wenn die beiden tatsächlich für ihr ganzes Leben kinderlos bleiben würden!“

Er schüttelte den Kopf.

„Du bist nicht allwissend! Woher hättest du wissen sollen, dass das plötzlich von dir verlangt wurde? Woher solltest du auf einmal wissen, dass sich die Spielregeln derart geändert haben könnten? Haben sie es dir gezeigt? Nein.

Nein, ich sage dir: Falls du Recht mit deiner Vermutung hast, dann trifft dich genauso wenig oder genauso viel Schuld wie uns alle. Du kannst nicht hellsehen, nicht voraussehen, was auf einmal von dir gefordert wird. Und davon abgesehen: Falls sie uns jetzt ein Mitspracherecht einräumen und ich dich richtig verstanden habe, dann war Lils Entscheidung, sich verwandeln zu lassen, tatsächlich auch eine der möglichen Optionen?!“

„Ja, schon, aber die Allerletzte und weit Schwerere!“

„Das ist gleich, es war eine Option! Und damit war meiner Ansicht nach auch diese Entscheidung von vornherein von ihnen abgesegnet, dich trifft keine Schuld.“

„Da bin ich mir nicht sicher! Da bin ich mir absolut nicht sicher!“ flüsterte sie und ließ es zu, dass er sie in seinen Armen wieder mit sich herabzog.

„Die Würfel sind gefallen, Engel! Was willst du noch tun?“

„Ich weiß es offen gestanden nicht. Aber ich bin mir sicher, dass dieses Thema noch nicht ausgestanden ist. Wenn ich tatsächlich in irgendeiner Weise noch Einfluss nehmen kann auf das Schicksal der beiden, dann werde ich es tun!“

Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen! Wie immer nahm sie ungeheuren Anteil an den Dingen um sie herum. Wie schon so oft hätte er ihr gerne einen Teil ihrer Verantwortung abgenommen, würde sie am liebsten – wenigstens für eine kleine Weile – in eine andere, heile Welt entführen, damit auch sie einmal Abstand gewinnen könnte und ein wenig Frieden für sich fände.

Aber das war ihm nicht möglich. Alles was er tun konnte war, immer an ihrer Seite und ihr Halt und Stütze zu sein, während er hilflos dabei zusehen musste, wie tief und immer noch tiefer sie in all diese Dinge verstrickt wurde. Kein Wunder, dass sie ihm manchmal zu entgleiten drohte, sodass es ihm das Herz im Leib umdrehte wenn er sah, wie sie mit anderen litt.

Und nun das auch noch? Rein objektiv betrachtet entbehrte ihre Argumentation nicht einer gewissen Logik, aber wie konnte das sein? Wie konnten die Mächte jetzt auch noch das von ihr verlangen? Trug sie nicht so schon eine immense Bürde?

Er zog sie noch ein wenig dichter an sich heran, strich über ihren Rücken und flüsterte ihr zärtliche Worte ins Ohr. Und nach einer Weile spürte er, wie sie sich entspannte und ihre Gedanken wieder auf das Jetzt und Hier lenkte…

 

„Hm, Mr. Pollos, mir scheint, dass du mich schon wieder erfolgreich abgelenkt hast.“ lächelte sie an seinem Mund und fühlte, wie seine Lippen sachte über ihre streiften.

„Das war meine Absicht, ich gestehe.“

„Reumütig?“

„Ganz sicher nicht! Eher… eigennützig!“ Seine Hände fuhren erneut über ihren Rücken und legten sich dann um ihre Mitte.

Sie schob ihr Bein über seine Hüfte und lächelte. „Tut mir leid, aber das wird wohl warten müssen, Ceridwen schickt sich gerade an, wach zu werden und ihre nächste Mahlzeit einzufordern.“ Dann strich sie mit der flachen Hand über seine Brust und seinen Hals, fasste in sein volles Haar und lächelte noch ein wenig breiter. „Und habe ich schon gesagt, dass sie, wenn sie hungrig ist, genauso ungeduldig sein kann wie du?“

Er knurrte leise und tief, als sie sich noch etwas dichter an ihn heranschob. Dann flüsterte sie in sein Ohr: „Ich liebe dich, Dorian Pollos! Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben!“

 

 

Gedankenverloren rührte sie in ihrem Kaffee und blickte nach draußen auf die noch regennasse Fahrbahn. Der Oktober neigte sich ganz allmählich dem Ende zu und die Regenfälle hatten sich in den letzten Tagen ziemlich gehäuft. Jetzt jedoch hatte die Sonne erneut die Oberhand gewonnen und ihr Licht wurde von den Pfützen gespiegelt, hier und da verdunstete die Nässe sogar in kleinen Dampfwölkchen.

Dorian werkelte mit einer Hand am Herd und bereitete wieder einmal ein gehaltvolles spätes Frühstück, während Ceridwen in seinem Arm lag und schlief. Sie wandte ihren Kopf zu den beiden und lächelte liebevoll.

Ihre kleine Familie! Ihre Mom und Ian waren regelrecht aus dem Häuschen gewesen, als sie ihre Enkelin zum ersten Mal zu Gesicht bekamen! Reggie hatten sogar Tränen in den Augen gestanden und sie musste mühsam ein Schluchzen unterdrücken, bevor sie das winzige Päckchen in die Arme genommen hatte…

 

… „Mein Gott, sie sieht aus wie du damals, Phoebe, es ist kaum zu glauben! Wenn ihre Augen jetzt auch noch die Farbe deiner Augen bekommen…“

Dorian hatte geschmunzelt. Und Regina hatte ihm daraufhin einen kleinen Seitenblick zugeworfen und sofort eingeschränkt: „So war das nicht gemeint, ich hätte nur damit gerechnet… na ja, dass deine Gene sich irgendwie eher durchsetzen würden und bin so überrascht, das ist alles!“

„Schon gut, ich weiß, wie du es gemeint hast. Aber was aus den blauen Augen wird, werden wir wohl abwarten müssen. Mir würde es sehr gefallen, wenn sie Phoebes Augen bekäme.“

‚Und mir, wenn sie deine abgrundtiefen, dunklen und geheimnisvollen Augen geerbt hätte, die ich so liebe!’ hatte sie ihm in Gedankenbildern geantwortet.

Liebevoll lächelnd hatte er sie daraufhin an sich gezogen und ihr je einen Kuss auf beide Lider gegeben. „Ein weiterer blonder Engel mit deinen samtig rehbraunen Augen wäre wohl besser!“ hatte er geflüstert.

Woraufhin sie geschnaubt hatte. ‚Ich bin kein Engel!’

„Wie seid ihr auf diesen Namen gekommen? Nicht, dass er mir nicht gefiele, er ist sehr schön!“

„Wieder mal eine lange Geschichte, Mum.“ hatte sie gemeint.

Nach und nach hatten sie den beiden dann die Ereignisse berichtet, diesmal auch von der Verwandlung Lils in einen Vampir erzählt. Wie zu erwarten war waren beide, gelinde gesagt, geschockt, aber ihre Bemerkungen waren – wohl mit Rücksicht auf Dorian – eher zurückhaltend ausgefallen, wenn Phoebe ihre Gefühle auch voll abbekommen hatte.

„Mom, Ian, es ist nicht so furchtbar wie ihr jetzt denkt! Auch wenn es in all den Zeiten wohl nur selten vorkam, so ist es doch ein möglicher Weg – und Lil hat ihn freiwillig eingeschlagen. Glaubt mir, ich hatte die gleichen Bedenken wie ihr jetzt, aber ich konnte sehen und fühlen, wie glücklich sie damit ist. Sie ist eine starke Persönlichkeit und kommt damit klar. Sie ist glücklich, in ihrem Wesen nun so zu sein wie der Mann, mit dem sie jetzt den Rest ihres Lebens verbringen wird und sie teilen buchstäblich die gleiche Welt miteinander.“

Mit einem raschen Blick auf Dorian war Ian ihr ins Wort gefallen: „Freiwillig… Entschuldigt, aber das ist dennoch für uns kaum nachzuvollziehen! Nichts für Ungut, Dorian, aber… wie kann sich jemand freiwillig dafür entscheiden, ein Vampir zu werden? Wenn ich euch recht verstanden habe, dann hat sie diese Entscheidung ziemlich… übereilt getroffen, oder? Wie kann jemand nach so kurzer Zeit schon wissen, ob das das Richtige ist?“

„Ihr vergesst, dass sie wie ich eine Jägerin war und dass auch ich – wie vermutlich alle Jäger der Welt – sehr, sehr schnell in diese Gegebenheiten hineinwachsen; vermutlich naturgemäß, es liegt an und in unseren Rollen. Und Lilith ist eine sehr gefestigte Person, die genau weiß, was sie will…“

Ihre Gesichter zeigten überdeutlich ihre Zweifel. Seufzend hatte sie ihnen daraufhin ihre Hände gereicht und ein wenig von dem gezeigt, was Lils Person und Wesen vorher und nachher ausgemacht hatte.

„Sie lieben sich! Und Lils Bedenken, dass der Blutsbund alleine nicht ausreichend gewesen wäre, entbehrten nicht einer gewissen Grundlage… Was würdet ihr beide füreinander tun, wenn ihr einander zu verlieren drohen würdet?“

Sie hatten sich angesehen und nur eine Sekunde später schweigend ihre Hände ineinander verschränkt.

„Man nimmt viel in Kauf, wenn man dadurch mit dem Menschen, den man über alles liebt, zusammenbleiben kann, nicht wahr?“ hatte Phoebe hinzugefügt.

Und in zwei Augenpaare geblickt, die halb zustimmend, halb ängstlich schauten…

 

Jetzt tauchte sie aus der Erinnerung an dieses Gespräch wieder auf, stellte die Kaffeetasse ab und wandte sich vollends ihrem Mann zu. „Dorian, ich habe nachgedacht.“

„Hm, wieso wundert mich das nicht? Ich habe eine echte Denkerin und Philosophin zur Gefährtin!“ lächelte er ihr zu, aber nach einem forschenden Blick in ihr ernstes Gesicht verschwand sein Lächeln. „Eine Fortsetzung deiner nächtlichen Überlegungen!“ mutmaßte er.

Sie nickte und fragte leise: „Kannst du es mir verübeln?“

Er seufzte, schaltete die Herdplatte aus und bettete Ceridwen in die Liege neben dem Tisch. Dann wandte er sich ihr wieder zu.

„Wie könnte ich!“ erwiderte er. „Es ist ein Teil deines Wesens, Phoibe, und wird es immer sein. Ich liebe dich so, wie du bist. Ich wünschte nur manchmal, ich könnte es dir ein wenig leichter machen, wünschte, dass du nicht stets und ständig in dieser Pflicht stehen würdest! Hätte ich damals geahnt, was ich dir damit aufbürde, als ich dich …“

Rasch trat sie vor ihn und legte ihm ihre Finger an die Lippen.

„Dorian, nicht du hast mir das aufgebürdet! Ich bereue nichts, hörst du? Ich möchte nichts von alldem vermissen! Alles, was ich tue, tue ich freiwillig – weil ich daran glaube und weil ich weiß, dass du immer bei mir bist und hinter mir stehst. Ich bin ein Teil von dir, schon vergessen? Wenn es mir zu viel wird, dann werde ich mich schon daraus zurückzuziehen wissen. Wie Orenda. Du hast doch ihre Abschiedsworte gehört!“

Natürlich hatte er sie gehört, er war Vampir!

„Aber bis dahin werde ich meiner Verantwortung nachkommen! Und ich habe das starke Gefühl, dass ich zurück muss, um etwas geradezubiegen – wenn das denn überhaupt noch möglich ist. Oder wenigstens, um zu beichten…“

Er sah in ihre klaren, warmen Augen und las darin alles, was ihre tiefe Seele bewegte. Allem voran jedoch ein solches überbordendes Maß an Liebe…

„Du hast so viel zu geben, Phoebe! Wie könnte ich mich dem verschließen, etwas dagegen haben? Deine Aufgabe ist so groß… und wenn du sagst, wir müssen dazu an den Nordpol, dann folge ich dir auch dahin, dicke Socken im Gepäck!“

Sie lächelte.

„Okay, so weit werden wir wohl nicht fahren müssen! Aber du hast schon den Kern meiner Gedanken erfasst: Wir müssen noch einmal zurück nach Marmora…“

„Wann?“ fragte er nur.

Sie lehnte aufseufzend ihren Kopf an seine Brust. „Noch nicht direkt. Lil ist vielleicht noch nicht soweit… aber ich denke, dass es bald sein wird.“

 

 

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„Du warst schwimmen? Das Wasser muss doch mittlerweile eiskalt sein!“

Fassungslos musterte sie ihn von oben bis unten. Tatsächlich war sein Haar noch feucht und das Grinsen in seinem Gesicht sprach Bände.

„Keineswegs, wir können einiges ab. Du hättest mitkommen und es ausprobieren sollen; wie ich schon sagte, du brauchst keine Angst mehr vor dem Wasser zu haben – jetzt nicht mehr. Du kannst gar nicht ertrinken, der Schwimmreflex und das nötige Können sind eingebaut! Serienmäßig!“

„Danke, aber das werde ich frühestens dann ausprobieren, wenn ich nicht zu einem Eiszapfen gefriere, sobald ich auch nur einen Zeh ins Wasser stecke!“

Er zog sie an sich und küsste sie ungestüm und leidenschaftlich, so als ob er sie seit Tagen nicht gesehen hätte. Dann ließ er sie langsam wieder los und meinte leise: „Na gut, aber ich werde dich daran erinnern! Du hast noch so vieles zu entdecken, ich will dir noch so vieles zeigen…“

Er strich eine Strähne ihrer Haare hinter ihre Ohren und wurde ernster. „Lilith, ich habe nachgedacht. Glaubst du nicht, es ist an der Zeit, endlich Anna einzuweihen? Ich denke nicht, dass du sie noch länger hinhalten kannst und wenn sie nicht eines Tages überraschend vor der Tür stehen soll…“

Sie fühlte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich, schnappte nach Luft und hielt dann den Atem an. Vorsichtig legte er ihr einen Finger unter das Kinn und hob es sanft an.

In den letzten Wochen hatte sie es mit viel Mühe geschafft, ihre Mutter von hier fernzuhalten und ihre Kontakte auf vereinzelte Telefonate zu reduzieren, auch wenn sie dadurch deren Misstrauen eher geschürt hatte. Anna hatte sich aufgrund der Ereignisse der letzten Zeit – und sicherlich auch wegen Phoebes Ermahnungen! – allerdings stark zurückgenommen und es Lil überlassen, sich hin und wieder bei ihr zu melden. Mittlerweile wusste sie immerhin, dass es im Leben ihrer Tochter einen Mann gab, hatte auch akzeptiert, dass ihre eigene Aufgabe als Eingeweihte – die sie nie hatte haben wollen! – überflüssig geworden war, unter anderem weil die O’Brians unter dem Schutz des Familientabus standen, und hatte sogar angefangen (zumindest angstvoll und aus ihrer sicheren Entfernung) zu dulden, dass Lilith sich offenbar bereitwillig mit Massen von Vampiren und deren Gefährten umgab.

Aber dieses Eine, dieses Letzte war noch übrig zu tun! Sie hatten die vergangenen sechs Wochen ausschließlich dazu genutzt, Lils Umstellung auf ihre neue Wesenheit zu forcieren… mit Erfolg! Unglaublich rasch fand sie sich in all das Neue ein, lernte, ihre Instinkte zu beherrschen und zu kontrollieren, ihr Verhalten und ihre Bewegungen bei alltäglichen Tätigkeiten wieder auf menschliches Tempo zu drosseln und in neuen Kategorien zu denken. Sie kannte die Verantwortlichkeiten eines Vampirs, die Regeln, die Grenzen… und sogar schon die Verlockung! Doch bereits das erste Fasten, der Verzicht auf tierisches Blut – trotz ihres zu diesem Zeitpunkt bereits quälenden Durstes! – und die kontrollierte Nähe zu Menschen während dieser Zeit hatte sie gemeistert! Sie kannte ihre persönlichen Grenzen und hatte sie so weit wie irgend möglich auszudehnen gelernt. Und waren ihr anfangs die neuen Gedanken, Erkenntnisse und Sinneseindrücke noch fremd, so waren sie ihr rasch in Fleisch und Blut übergegangen – buchstäblich!

„Du bist ein echtes Naturtalent als Vampir, Lilith. Ich hätte nie geglaubt, dass du dich so schnell in alles einfinden würdest.“

Sie blinzelte, als sie ihm in seine dunklen Augen sah.

„Gideon“, murmelte sie mit schwankender Stimme, „ich weiß nicht, ob ich schon… soweit bin!“

„Aber ich! Glaub mir, du hast alles gelernt, was wichtig ist. Alles Weitere kommt mit der Zeit und ist für deine Begegnung mit Anna irrelevant. Mit jedem Tag, den du jetzt noch vergehen lässt, wird deine Angst davor nur noch wachsen und die Tatsache, dass du ihr etwas verschwiegen hast, würde umso schwerer wiegen! Die einzige Alternative wäre, ihr und diesem Ort für den Rest ihres Lebens den Rücken zu kehren, ohne dass sie es jemals erfährt und ohne dass sie erfährt, wohin du verschwunden bist.“

Sie schloss seufzend die Augen und lehnte ihre Stirn an seine Schulter.

„Ich weiß! Ich weiß! Aber es macht es nicht leichter!“

„Ein Grund mehr, es endlich hinter dich zu bringen. Wenn du dich allerdings für die zweite Alternative entscheiden solltest, dann stehe ich auch dabei hinter dir…“

„Nein. Du hast ja Recht. Ich will es wenigstens versuchen! Aber ich weiß nicht, ob es so klug ist, nach Kingston zu fahren. Soll ich sie nicht lieber hierher bitten? Vielleicht wenn sie sieht, was wir uns hier gemeinsam aufgebaut haben…“

Er runzelte nachdenklich die Stirn.

„Anna würde sich wahrscheinlich sicherer fühlen, wenn eure erste Begegnung nicht an einem so einsamen und abgelegenen Ort stattfände. Aber ich denke andererseits auch, dass es vielleicht genauso hilfreich sein könnte, dich in deiner gewohnten Umgebung zu sehen… Es ist deine Entscheidung, du kennst sie in dieser Hinsicht besser.“

Der Schlag seines Herzens klang ruhig und gleichmäßig an ihr Ohr. Sie drehte den Kopf und sah ihre Katze auf dem Fensterbrett sitzen; ihre Augen verfolgten nach wie vor jede von Gideons Bewegungen. Näher als bis auf ein, zwei Schritte ließ sie ihn allerdings bis heute nicht an sich heran, auch wenn sie ihn inzwischen tolerierte.

„Was denkst du, Miss D.? Soll ich Mum hierherkommen lassen?“

Ihre goldgelben Augen lagen für einen Moment auf ihrem Gesicht, dann gähnte sie und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem zweiten Vampir im Zimmer zu.

„Ich denke mal, das war ein Ja.“ murmelte Lil und löste sich aus seiner Umarmung. „Und wenn der Entschluss schon einmal steht, dann rufe ich sie am besten auch gleich an – bevor ich es mir wieder anders überlege.“

Nach einem tiefen Atemzug nahm sie ihr Handy und sah ihn fragend an. „Gleich morgen? Dann hat sie das Wochenende, um sich wieder zu beruhigen.“

Er nickte einmal kurz und zustimmend.

„Noch etwas, Gideon: Du solltest nicht dabei sein, zumindest nicht von Anfang an. Ich denke, es wäre besser…“

„Ich lasse dich nicht alleine, wir wissen nicht, wie sie darauf reagieren wird.“

„Was sollte sie schon tun? Im Grunde bin ich immer noch ihre Tochter!“

Sein Gesicht verzog sich schmerzerfüllt und mit einem raschen Schritt war sie wieder bei ihm.

„Nicht, Gideon, du weißt doch, dass ich es so haben wollte! Bitte! Alles, was wirklich für mich zählt, bist du! Siehst du denn immer noch nicht, wie überglücklich ich bin? Wenn Mum damit zurechtkommen würde, wäre das so was wie ein… Sahnehäubchen oben drauf, aber wenn sie es nicht verstehen kann, dann werde ich auch das akzeptieren und mit dir von hier fortgehen. Solange ich dich an meiner Seite habe gibt es nichts, was ich bereue. Und mir wird nichts geschehen.“

Er presste kurz die Lippen zusammen, dann nickte er erneut.

Sie drückte ein paar Tasten und wartete darauf, dass die Verbindung zustande kam.

„Lil?“ hörte sie nach mehreren Klingeltönen.

„Hi Mum! Störe ich dich bei irgendwas?“

„Nein, natürlich nicht! Ich bin froh, dass du dich endlich mal wieder meldest, ich habe seit einer Woche nichts von dir gehört!“ Der Vorwurf klang deutlich durch und Lil verzog das Gesicht. „Geht es dir gut? Ist etwas vorgefallen?“

„Mir geht es blendend! Muss denn immer etwas passiert sein, wenn ich dich anrufe?“ Sie verzog das Gesicht noch ein bisschen mehr.

„Nach den Begebenheiten dieses Sommers…“ Ihre Mutter ließ den Satz unvollendet.

Lilith seufzte tief, dann meinte sie: „Ich wäre echt froh, wenn du mir glauben würdest, dass es mir gut geht! Und zwar unglaublich gut! Mum, weshalb ich anrufe… Morgen ist Freitag – hast du schon etwas vor?“

„Nein. Ich sollte mich mangels Alternative mit Brenda und Susan, meinen Kolleginnen, zu einem Kinofilm verabreden. Irgendwas Gruseliges – und das begeistert mich verständlicherweise nicht sonderlich, ich sage gerne ab. Warum?“

„Na ja, ich denke, ich sollte dir mal ein paar Neuerungen in meinem Leben vorstellen.“

„Was für Neuerungen?“

Ihre Stimme klang sofort wieder misstrauisch.

„Mum, bitte! Kannst du nicht mir zuliebe wenigstens versuchen, ein wenig unvoreingenommen zu sein? Hat Phoebe dir nicht noch vor ihrer Abreise eingehend gezeigt, dass in meine… nein, unsere Welt der Vampire und Jäger längst Frieden eingezogen ist? Wieso machst du es dir und mir immer noch so schwer? Sie sind Freunde, zum Teil Mitglieder unserer Familie – im weitesten Sinne.“

Sie schloss die Augen und betete still, dass Phoebes Abschiedsbesuch bei ihr nachhaltig Wirkung gezeigt hatte.

Ihre Mutter stieß hörbar den Atem aus.

„Ja, sie hat es mir gezeigt. Und denke nicht, dass ich nicht beeindruckt von ihr gewesen wäre! Aber auch ich bin, wie ich bin, Lil. Mein ganzes Leben hat dein Grandpa darauf verwandt, mich vor diesen… übernatürlichen, nicht menschlichen Dingen und Wesen zu warnen, mich davon fernzuhalten und ich kann mich nicht mal eben um hundertachtzig Grad drehen und lächelnd versprechen, dass plötzlich alles gut ist. Was erwartest du?“

„Nur ein wenig Offenheit, Mum, dass du hinter die Fassaden blickst und erkennst, was dahintersteckt. Das kann ich dir gar nicht deutlich genug machen, denn nachdem sich in meinem Leben so vieles… verändert hat und ich jetzt ein Teil davon bin, möchte ich, dass auch du mir sagst, dass du irgendwann zumindest an einen Punkt gelangen wirst, wo du das alles wenigstens akzeptieren kannst. Du musst mit alldem gar nicht auf Tuchfühlung gehen, musst all das nicht freudig umarmen. Versprich mir nur eins: Eine möglichst objektive, ruhige und aufgeschlossene Sicht der Dinge. Mehr kann und werde ich nie von dir verlangen. Und wenn du dann trotzdem nicht damit klar­kommst… werden wir auch einen anderen Weg finden…“

Eine ganze Zeit herrschte Schweigen, dann kam eine weitere misstrauische Frage:

„Das Ganze klingt ein wenig suspekt! Versuchst du, mir wieder mal etwas durch die Blume zu sagen?“

„Mum, komm morgen nach Feierabend einfach her, ja? Ich fände es wirklich schön, wenn wir nicht alles per Telefon besprechen müssten.“

„Geht es um diesen Mann, den du kennengelernt hast? Willst du ihn mir vorstellen? Dann solltest du mit ihm eigentlich hierherkommen!“

„Nein, er wird morgen wahrscheinlich gar nicht hier sein…“

„Oh mein Gott, du bist schwanger!“

Im letzten Moment konnte sie ein kleines Geräusch unterdrücken, das sich den Weg durch ihre Kehle nach oben bahnen wollte. Dann hatte sie sich wieder im Griff und schaffte es sogar, Gideon beruhigend zuzulächeln.

„Nein, Mum, ich bin nicht schwanger! Wirst du morgen also kommen?“

„Ja, natürlich komme ich, was für eine Frage! Ich habe dich seit Wochen nicht gesehen und bin froh, wenn ich mich endlich mit eigenen Augen davon überzeugen kann, dass du heil aus dieser Sache heraus…“

„Mum! Bitte! Aufgeschlossenheit! Wenn du dazu nicht bereit bist, dann werden wir zukünftig echt Probleme miteinander haben!“

„Ja, ich weiß, sie sind supertolle ‚Freunde’! Also gut, ich werde eine hohe, eiserne Halskrause anziehen und mich voll auf Offenheit einstimmen, okay?“

„Ein blöder Scherz! Es ist mein Ernst!“

„Meine Güte, ja, Lil! Ich werde morgen die Ruhe und das Verständnis in Person sein! Also…“

„Okay… Dann sehen wir uns morgen. Bye.“

„Bye. Und pass auf dich auf!“

Lil beendete die Verbindung und legte, das Handy noch in der Rechten, die Linke vor das Gesicht. Gideon konnte ihre Aufregung und Verzweiflung nicht entgehen und nahm sie behutsam in den Arm.

„Lilith! Lil! Unterschätze niemals das Herz einer Mutter! Auch wenn es vielleicht eine Zeit dauern wird, bis sie sich damit abfindet – irgendwann wird sie es schaffen, hinter alldem ihre Tochter wiederzufinden.“

„An diese Hoffnung klammere ich mich! Aber ich glaube nicht, dass diese Mächte es mir leichter machen werden, im Gegenteil. Wenn Mum immer noch eine Eingeweihte ist – so wie ich auch immer noch die Jägerin in mir trage – dann wird sie sofort erkennen, was ich bin.“ Sie legte ihre Arme um seine Mitte. Und in Gedanken fügte sie hinzu: ‚Morgen wird sich entscheiden, ob ich noch eine Mum habe. Und der Countdown wurde soeben gestartet.’

 

Gideon war erst aufgebrochen, als er hörte, wie sich ein Wagen über den Weg näherte. Er würde in Rufweite bleiben, sich aber ansonsten vollkommen zurückhalten und ihr die Entscheidung überlassen, ob sie ihn später noch hinzuholen würde.

Lilith hatte in der Nacht kaum geschlafen und war den ganzen Tag über ruhelos umhergelaufen. Je später es wurde, desto aufgeregter war sie. Und die Zeit rückte nur schleppend voran, das Warten machte alles nur noch schlimmer für sie.

Eine etwas fahle Oktobersonne senkte sich zum Horizont und färbte den Himmel blassrot, als sie mit Miss Doubtfire auf dem Arm in die Haustür trat. Ihr Herz schlug wie rasend und sie schluckte ein paar Mal, konzentrierte sich dann darauf, vollkommen ruhig zu wirken. Sie schaffte es gerade so, bevor Anna den Motor ausstellte und die Wagentür lächelnd öffnete.

„Hi, Mum!“ rief sie leise… und musste zusehen, wie das anfänglich freudige Lächeln kleiner und kleiner wurde, Anna ihre Schritte verhielt und dann stocksteif und entgeistert stehen blieb. Ihr Gesicht wurde weiß wie eine Wand und sie schwankte.

„Nein! Nein! Oh mein Gott! Was… Sie haben dich… Du bist nicht…“ Sie lallte diese Worte regelrecht und hielt sich nur mit Mühe aufrecht, indem sie sich an der Motorhaube ihres Wagens abstützte.

„Mum? Ich bin es immer noch! Und erinnere dich: Du wolltest aufgeschlossen sein!“ Langsam bückte sie sich und ließ die Katze auf den Boden hinab. Gleichzeitig sah sie jedoch, wie sich ihre Mutter keuchend vorbeugte und ihre Hand in die Magengrube presste, als ob sie krampfartige Schmerzen habe; dann ging sie mehrere Schritte rückwärts und suchte fahrig nach dem Türgriff, ohne sie auch nur für eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

„Mum, bitte, geh nicht! Ich bin es, Lil! Bitte, sieh mich an!“

„Du bist… nicht Lil! Meine Tochter war ein Mensch!“ stieß sie würgend hervor und fingerte am Griff, zog zitternd die Tür auf. „Du bist… eine von ihnen! Wer hat das getan? Einer von deinen neuen ‚Freunden’? So danken sie es dir also! Sie haben ein… Monster aus dir gemacht!“

„Nein, Mum, ich bin kein Monster! Und ich bin nichts, was ich nicht werden wollte! Ich bin immer noch Lilith White, deine Tochter – und tief in dir drin weißt du das auch! Wir haben in den letzten Wochen miteinander telefoniert, noch gestern. Denk nach! Ich bin immer noch ich und du hast am Telefon keinen Unterschied bemerkt, nicht wahr?“

„Weil meine Sinne so weit nicht reichen! Aber jetzt stehe ich hier und sehe… Was haben sie mit dir gemacht?“ schrie sie immer lauter werdend und krallte zuletzt ihre Hände vor der Brust in ihre makellose Bluse. Vornübergebeugt schrie sie ihr Entsetzen heraus und wiederholte immer wieder: „Was habt ihr mit meiner Tochter gemacht? Was ist aus ihr geworden? Wie konntet ihr? Welches Ungeheuer hat dir das angetan?“

„Mum! Hör auf! Hör endlich auf!“ rief Lilith laut, trat ein paar Schritte auf sie zu und verhielt dann wieder, biss angstvoll auf ihre Unterlippe. „Phoebe hat es dir doch gezeigt! Du weißt genau, dass es nicht so ist, wie wir anfangs geglaubt haben und ich habe mich freiwillig dafür entschieden, niemand hat mir Gewalt angetan! Ich wollte all das in mir vereinen, damit ich vollkommen in diese Welt hineinpasse und wie in einer neuen Gussform alles in mir zu etwas Neuem gestalten konnte; ich habe sämtliche Zwänge, die auf mir und unserer Familie lagen, damit ausgelöscht!“

Tränenüberströmt hob Anna ihren Kopf und starrte sie mit verzerrten Gesichtszügen an.

„Was denn vereinen? Was denn? Sieh dich an! Sieh, was aus dir geworden ist! Ein Vampir! Eine blutsaugende, mordende Bestie!“

„Wie kannst du nur glauben, dass ich jemandem auch nur ein Härchen krümmen könnte? Wie kannst du von mir glauben, dass ich zu so etwas fähig wäre? Mum, ich bin Lil! Und ich bin immer noch das, was ich schon vorher war! Alles ist noch da, sogar die Jägerin!“

„Du lügst! Das alles wäre niemals möglich gewesen, wenn die Jägerin in dir noch da wäre!“

„Sie ist noch da, glaub mir! Sie ist nur zu unser beider Gunsten zurückgetreten und hat sich tief in mein Innerstes zurückgezogen, damit der neue Teil meines Wesens Platz findet und wir alle überleben können…“

„Das hätte sie niemals zugelassen! Das hätte sie niemals zulassen können!“

„Sie hatte keine Chance, Mum, ich war stärker als sie. Sie konnte nicht gegen meine Entscheidung ankommen und hat den Rückzug angetreten, aber sie ist noch da.“

Wimmernd beugte sie sich wieder nach vorne und presste jetzt beide Unterarme vor den Bauch.

„Meine Tochter! Ihr habt mir meine einzige Tochter geraubt!“

Verzweifelt trat Lil einen weiteren Schritt vor.

„Nein, deine Tochter steht hier. Bitte versuch doch wenigstens, mich hinter alldem, was du jetzt fühlst, zu sehen. Du hast mir gestern am Telefon versprochen, dass du unvoreingenommen sein würdest!“

„Wie soll ich unvoreingenommen sein? Dein Leben ist zerstört, unwiderruflich dahin! Ich bin alleine… du bist schon jetzt tot…“ schrie sie wieder, dann presste sie die Lippen so fest zusammen, als ob nie wieder ein Laut darüber kommen sollte. Ihre ganze Haltung wirkte vollkommen verkrampft, selbst die Sehnen an ihrem Hals traten hervor, so sehr bemühte sie sich nun, ihre Panik wenigstens annähernd unter Kontrolle zu bekommen, um zumindest handlungsfähig zu bleiben.

„So muss es nicht sein!“ rief Lil flehend und hob in einer bittenden Geste beide Hände. „Ich bin doch da, fühlst du das denn nicht auch? Versuch es doch wenigstens, du bist doch meine Mutter!“

Zuerst kurz und in abgehackten Bewegungen, dann immer länger und bestimmter schüttelte Anna den Kopf. Mit tränennassem Gesicht richtete sie sich jetzt auf, stieß aufschluchzend den Atem aus und holte ein paar Mal keuchend Luft, bevor sie hart und kalt hervorstieß: „Nein! Wie sollte es auch wahr sein können? Meine Tochter hätte mir das niemals angetan, niemals! Sie wusste genau, welchen Schmerz sie mir damit zufügen würde. Du bist nicht mehr Lilith, du bist… Ich weiß nicht mal genau, was du bist, aber ganz sicher nicht mehr mein Kind, ich habe nicht dich geboren! Freiwillig oder nicht, das war die Abkehr von dem, was mich und meine Welt ausmacht!“

„Mum, bitte!“ wimmerte Lil. „Tu das nicht, weise mich nicht ab! Ich liebe dich doch immer noch!“

Anna wich mit einem Ruck zurück, dann schüttelte sie erneut den Kopf. „Wie kannst du von Liebe reden, Vampir? Noch dazu vor mir?“

„Weil es die Wahrheit ist!“ rief sie verzweifelt. Und jetzt liefen auch Lil die Tränen über die Wangen, als sie sah, dass sie verlieren würde, schon verloren hatte. Ihre Mutter war gefangen in ihrer eigenen Welt, aus der sie, anders als ihre Tochter, niemals würde ausbrechen können. Hastig auf sie einredend ballte sie die Hände zu Fäusten, um sie nicht flehend auszustrecken.

„Es ist die Wahrheit! Aber die hast du noch nie sehen wollen, nicht wahr? Du hast schon immer den Weg der Verleugnung bevorzugt: Nur aus allem heraushalten, alles ignorieren und verleugnen, dann kommt das alles auch nicht zu dicht an dich heran. Und wohin hat es dich gebracht? Dich und Grandpa? Doch nur in eine Sackgasse, in eine selbst gebaute Falle, in der wir alle gesteckt hätten, wenn wir nicht Hilfe von denen erhalten hätten, denen du so angewidert und misstrauisch gegenüberstehst! Selbst ich hätte darüber draufgehen können, Mum, ist dir das klar? Ich rede nicht mal von deinen Pflichten als Eingeweihter, denen du nicht nachgekommen bist. Hättest du dich mit dieser Welt befasst, dann hätte ich nie in der Gefahr geschwebt, unwissentlich ein Tabu zu brechen. Diese Pflichten unserer aufgezwungenen Rollen und das Dilemma, in das du und Grandpa uns… nein, mich mit diesem Fluch gestürzt habt, sind mit meiner freiwilligen Verwandlung hinfällig geworden, ich benötige keinen Schutz mehr und der Fluch gilt als erfüllt. Niemand ist mehr gebunden, selbst du nicht, Mum!

Aber das willst du alles nach wie vor nicht sehen, du verschließt auch weiterhin deine Augen vor der Realität. Sogar noch nach dem, was Phoebe dir durch ihre Fähigkeiten eröffnet hat. Lieber weist du weiterhin alles, was nicht in deine Vorstellung von akkurater, nach Schwarz und Weiß kategorisierter und heiler Welt passt, weit von dir!

Oh, dann muss ich ja schon immer eine riesige Enttäuschung für dich gewesen sein, da ich ja nie war, was und wie du dir mich erträumt hast. Aber ich sage dir etwas: Ich bin in den letzten Wochen so glücklich gewesen wie noch niemals zuvor in meinem ganzen Leben! Weil ich mich nicht länger dem Leben verschließe, so wie du! Weil ich dessen Vielfalt akzeptiere, all den neuen Möglichkeiten offen gegenüberstehe und das Leben, so wie es nun einmal ist und wo immer ich ihm begegne, bejahe! Mehr als das: Ich wurde reicher beschenkt als du es dir überhaupt vorstellen kannst. Ich lebe, ich liebe und ich lache, ich habe Freunde, die mit mir durch alle Schicksalsschläge hindurchgehen! Was wirft das für ein Bild auf sie, die du so verabscheust? Und was wirft es für ein Bild auf dich, Mum?

Du hast dir selbst deinen Käfig gebaut, in dem du jetzt hockst, und hast freiwillig den Schlüssel dazu fortgeworfen. Die Gitter um dich herum bestehen aus alten, überholten Ängsten, Scheuklappendenken, Vorein-genommenheit und an Fanatismus grenzender Intoleranz. Du bist blind! Und du hast Recht, da drin bist du jetzt alleine! Mehr als dir die Tür von außen zu öffnen kann ich nicht tun; hindurchgehen, wenn du der Einsamkeit müde bist, musst du alleine. Du bist meine Mutter und ich werde dich immer lieben, aber ich kann nicht länger in dieser geistigen Enge leben, die du mir immer überzustülpen versucht hast.

Ich habe meine Bestimmung und meinen Weg gefunden. Wenn du irgendwann erkennst, wie falsch du liegst – ich werde da sein! Und ich werde auch für dich da sein, wenn du mich brauchen solltest, aber wenn du diesen einen Schritt auf mich zu nicht machen kannst, dann hast du dich heute tatsächlich von deiner noch lebenden, atmenden und liebenden Tochter losgesagt.“

Ein schwerer Fels war mit diesen Worten von ihrer Seele gewälzt – und ein neuer, kaum leichterer rollte jetzt darauf zu, als sie wartete, ob sie eine Erwiderung erhalten würde.

Anna hatte den Worten schweigend gelauscht. Zuletzt wischte sie mit den Händen ihre versiegenden Tränen aus dem Gesicht, richtete sich steif und sehr gerade auf und holte tief Luft. Ihre Stimme schwankte ein wenig, aber dem Nachdruck ihrer Worte tat dies keinen Abbruch:

„Wo auch immer meine Tochter jetzt ist: Sie weiß, dass ich sie geliebt habe und alles nur tat, um sie zu beschützen. Aber sie weiß auch, dass ein Menschenleben nicht mit dem eines Vampirs austauschbar ist; beides ist zu verschieden und kann nicht gleichzeitig existieren. Lilith ist fort, unwiederbringlich, und ich muss jetzt lernen, damit zu leben. Wer auch immer dort vor der Tür ihres Hauses steht: Sie ist es nicht!“

Mit einer raschen Bewegung stieg sie ein, aber noch bevor sie die Tür hinter sich zugezogen hatte und den Schlüssel im Zündschloss umdrehen konnte, war Lilith herangehuscht. Auch ihre Stimme bebte.

„Eines noch, Mum: Bevor du gehst möchte ich dich daran erinnern, was du Phoebe geschworen hast!“

„Keine Sorge, Vampir, ich habe es nicht vergessen. Ich werde mich daran halten, denn ich werde Nathans Fehler nicht wiederholen. Aber ich werde mich nur so lange an diesen Schwur gebunden fühlen, wie ich von euch allen unbehelligt bleiben werde! Hast du das ebenfalls verstanden?“

Sie nickte. Dann, zur Seite tretend, meinte sie noch: „Ich werde dich immer lieben, Mum! Und ich werde warten!“

„Dann wartest du vergebens, Vampir!“

 

Als er nur wenige Sekunden später zurückkam, fand er eine wie erstarrt wirkende Frau vor, die auf der kleinen Bank vor dem Haus saß. Die Katze strich von ihr unbemerkt oder ignoriert fortwährend um ihre Beine und sprang zuletzt neben ihr auf die Bank, rieb ihren Kopf an ihrer Seite. Aber erst als er Lilith vorsichtig an der Schulter berührte, erwachte sie aus ihrem abwesenden Zustand und sah zu ihm auf.

„Sie hat sich entschieden, Gideon.“ hauchte sie. „Anna White hat keine Tochter mehr.“

Er fasste ihre kalte Hand und ging vor ihr in die Hocke.

„Lass ihr Zeit, das alles war nur ein bisschen zu viel auf einmal für sie. Ich konnte trotz der Entfernung teilweise hören, was ihr gesprochen habt und denke, dass sie, sobald sie ein wenig Abstand gewonnen hat, vieles hat, worüber es sich nachzudenken lohnt. Und wie immer wird auch hier die Zeit die Wunden heilen, hab ein bisschen Vertrauen…“

„Mum hat schon immer ihre unverrückbaren Grundsätze gehabt. Um wie viel mehr wird sie jetzt daran festhalten, wo es um mich geht!“

„Das glaube ich nicht. Sie wird viel eher einen Anreiz zum Umdenken haben, Lilith. Wenn sie dich wiederhaben will, dann wird sie einlenken, glaub mir! Aber du musst geduldig sein.“

Ihr Blick wirkte immer noch wie verschleiert, aber er sah auch, dass sie sich ihm zuliebe schon jetzt bemühte, sich aus diesem Tief wieder hochzuarbeiten.

Wortlos stand sie auf, legte ihm ihre Arme um den Nacken und den Kopf auf seine Schulter.

„Ich hoffe es! Oh ja, ich hoffe es! Daran möchte ich glauben!“

Er strich ihr sanft über den Rücken und zog, von ihr unbemerkt, besorgt die Augenbrauen zusammen. Wieder einmal bangte er, dass sie ihren Schritt bereuen könnte, aber als ob sie seine Gedanken gelesen hätte murmelte sie:

„Ich liebe dich, Gideon, weißt du das? Mehr als mein Leben, mehr als alles auf der Welt! Und daran wird sich nichts ändern, du brauchst keine Angst zu haben! Auch wenn mir das hier sehr schwergefallen ist, wiegt meine Liebe doch alles andere auf. Ich kann damit leben, weil ich dich habe.“

„Ich werde immer für dich da sein!“ flüsterte er an ihrem Ohr und sah ihr dann tief in die Augen. „Was hältst du davon, wenn wir heute Abend gemeinsam auf die Jagd gehen und morgen deine Freundin besuchen? Drew, nicht? Und ihren Freund Peter…“

Sofort wurde ihr Blick wieder etwas lebhafter.

„Ja. Ja, ich denke, ich bin soweit!“

„Und noch etwas, Engel: Ist dir noch nicht aufgefallen, dass Miss Doubtfire gerade nicht nur dir, sondern auch mir permanent um die Beine streicht? Ich glaube, sie hat mich endlich akzeptiert!“

Ungläubig blickte sie nach unten und begegnete dem Blick aus zwei goldgelb funkelnden Augen.

„Na, das wurde aber auch Zeit, Lady, findest du nicht? Schließlich ist Gideon der Mann meiner Träume!“

 

 

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Sam sah von seinem Buch auf, als seine Gefährtin das kleine gemeinsame Wohnzimmer betrat. Ihre schlanke, drahtige Gestalt zeichnete sich kurz dunkel und scharf gegen das vom Sonnenlicht hell erleuchtete Panoramafenster ab, bevor sie sich neben ihm niederließ. Ruhig und abwartend sah er sie mit seinen braunen Augen an.

„Du hast wieder mit den Geistern gesprochen.“ meinte er nur leise.

Eine Feststellung. Aber diesmal schüttelte sie sachte den Kopf und eine kleine Falte entstand zwischen ihren Augenbrauen.

„Nein, Sam. Ich habe es versucht, aber zum ersten Mal in meinem Leben haben sie sich mir vollkommen entzogen.“

Er beugte sich vor und wirkte nun halb irritiert, halb besorgt.

„Was meinst du damit, sie ‚haben sich dir entzogen’?“

„Ich meine, dass sie sich mir in der Vergangenheit noch nie verwehrt haben! Sie haben mir – aus meiner Sicht betrachtet – unverständliche Antworten gegeben, unbefriedigende oder unzureichende. Oder sie haben mir andere Dinge gezeigt anstelle derer, die ich eigentlich erbeten hatte, irgendetwas eben. Aber noch nie habe ich vergebens um eine Vision gebeten – wenn ich von meinen allerersten Versuchen in meiner Kindheit absehe, als ich es einfach noch nicht beherrscht habe.“

„Und nun bist du besorgt.“

„Ich… weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob ich mir Sorgen machen sollte, zumal ich nicht weiß, woran es liegt. Möglicherweise liegt es an mir, nicht an ihnen, aber auf jeden Fall ist dies eine ungewöhnliche, neue Situation…“

Abwartend sah er sie an. Sicher würde sie nach einigem Nachdenken noch etwas sagen, zu einer Entscheidung kommen. Und richtig: Nachdem ein paar Minuten verstrichen waren, blickte sie ihm wieder in die Augen.

„Ich werde es in den nächsten Tagen nochmal versuchen. Wenn es weiterhin nicht funktionieren sollte, dann werde ich Phoebe aufsuchen. Denn dann werde ich vielleicht ihren Rat und ihre Hilfe brauchen.“

Er nickte kurz zustimmend bevor er leise hinzusetzte: „Und diesmal werde ich dich begleiten!“

Sie blinzelte nicht einmal als sie nach ein paar Augenblicken ebenfalls nickend antwortete: „Ja, diesmal wirst du mich begleiten…“

 

 

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IM HANDEL:

 

Band 14 schließt die Vampirreihe ab!

Im Buchregal (siehe oben) gibt es das 1. Kapitel als Lesehäppchen zum Appetit-holen. Es bleibt wie immer spannend und "romantasy"!

ISBN 978-3-7448-1642-7