„Erbe(n) der Prophetin“

Teil 2

 

 

 

Band VII der Reihe

 

 

 

Handlung, Namen und Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

 

 

 

    

© 2014 Kerstin Panthel. Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

       

  
   

Kapitel 1

 

„Du kannst sagen, was du willst: Es gibt keine romantischen Männer mehr, die sind längst ausgestorben! Oder ist dir jemals einer begegnet, der dir in wirklich romantischer Weise eine Liebeserklärung gemacht hätte?“

Keine Antwort.

„Nein! Siehst du?! Diese billigen Anmachen vorhin…“

„Oh, Michael hält mir die Tür auf, rückt mir im Restaurant den Stuhl zurecht…“

„Hallo-o! Es ist ein Unterschied zwischen Höflichkeit und Romantik! Wie hat er dich angesprochen, als er dich zum ersten Mal gesehen hat?“

„Gar nicht, ich habe ihn angesprochen.“

„Ha!“

„Nichts ‚ha’! Und jetzt komm, wir müssen gleich aussteigen!“

Ich saß, mein Gepäck teils zwischen meinen Füßen und teils auf dem Sitz neben mir, mit verschränkten Armen da, hatte meinen Kopf an die Scheibe gelehnt, eine entspannte Position eingenommen und die Augen geschlossen – es war immer wieder erstaunlich, was man in einer solchen Haltung an Gesprächsinhalten der anderen Mitfahrer mitbekam. Die meisten setzten geschlossene Augen mit Schlafen gleich. Oder gleich mit Taubheit.

Die beiden Stimmen, die zu zwei jungen Frauen gehörten, entfernten sich, während der Bus heftig wackelnd und schaukelnd verlangsamte. Ich öffnete die Augen, blickte nach draußen in die Dunkelheit und konnte gleichzeitig im Spiegelbild in den Fenstern sehen, dass sie sich krampfhaft an den Sitzen festhielten, um nicht durch den Gang zu stolpern als der Bus schlingernd an die Fahrbahnseite fuhr und ruckartig zum Stehen kam.

Der Busfahrer, ein mürrischer älterer Kerl, der noch dazu nicht sonderlich gepflegt aussah, scherte sich nicht darum, wie seine Fahrgäste mit seinem Fahrstil zurechtkamen. Vor rund zwanzig Minuten erst war es mir in letzter Sekunde gelungen, eine ältere Frau, die nur mühsam ihr Gleichgewicht bewahren konnte, festzuhalten, bevor sie der Länge nach auf den Boden geschlagen wäre. Sie hatte sich bedankt und war mit weichen Knien zur offenen Tür gewankt, durchaus den Eindruck erweckend, als ob sie tatsächlich ihr Heil in der Flucht suchen würde.

Nachdem ich ihr nach draußen geholfen hatte, hatte ich den Fahrer höflich um eine etwas nachsichtigere Fahr- und Bremsweise gebeten – was mir nur eine halb abschätzige, halb verächtliche Musterung eingebracht hatte samt der Bemerkung, ich solle mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern; er war in der gleichen Weise an der nächsten Haltestelle verfahren, wo die zwei Frauen zustiegen waren. Ich hatte meinen Ärger heruntergeschluckt, mich in den Sitz gelümmelt und beschlossen, nicht weiter auffallen zu wollen.

Das nächste Mal würde ich jedoch einen Flieger nehmen, wie es auch diesmal meine Absicht gewesen war. Doch Schneefälle und heftige Windböen hatten sämtliche Starts und Landungen zuletzt unmöglich gemacht; die Flughäfen waren dicht. Oder hätte ich wenigstens einen komfortablen Greyhound-Bus genommen! Aber nein, ich musste ja in den Nächstbesten steigen, der in die richtige Richtung fuhr, nur weil ich sonst hätte warten müssen. Jetzt war ich irgendwo im Nirgendwo unterwegs, nur um halbwegs bequem vorwärtszukommen. Bequem, obwohl es inzwischen nicht mehr schneite…

Die Gegend, in der die beiden aussteigen wollten, war ziemlich einsam. Sherman stand auf einem Hinweisschild, 11 Meilen bis Island Falls, 38 bis Houlton. Offenbar eine kleine Ansiedlung, zumindest das, was von hier aus zu sehen war… Die beiden Frauen kamen, ihrer abgesehen von den Jacken kaum wintertauglichen Kleidung und ihrem eher auffälligen Makeup nach zu urteilen, entweder von einer privaten Feier oder aus einer Disco oder Bar; sie schwiegen jetzt und sahen sich beim Aussteigen automatisch sorgfältig um, bevor sie sich anschickten, den Bus endgültig zu verlassen. Ich war damit der letzte Fahrgast und hatte eigentlich noch weitere Haltestellen vor mir, bis ich aussteigen, mir eine Unterkunft in einem Motel suchen und für ein, zwei Tage einen Stopp einlegen würde. Aber abgesehen davon, dass ich die Nase voll hatte von diesem Fahrstil, der selbst hartgesottene Mägen durcheinanderbringen konnte, hatte ich gerade vor ein paar Sekunden aus dem Augenwinkel unweit der Haltestelle draußen neben dem Fahrbahnrand ein Auto und ein paar Männer bemerkt, von denen sich einer hinter einen Baum übergab, während die anderen ungeduldig warteten…

Es wäre besser, wenn ich mich da heraushalten würde…

Besser ja, aber…

Rasch schnappte ich mir meinen riesigen Rucksack und die Umhängetasche und huschte die drei Reihen nach vorne zum Fahrer.

„Warten Sie, ich steige hier aus!“

Er drehte den Kopf ein wenig und meinte mürrisch: „Das hätten Sie sich auch ein bisschen früher überlegen können! Hinten aussteigen, los, los! Ich hab‘ keine Lust, auf Leute wie Sie dauernd warten zu müssen, ich muss ‘nen Fahrplan einhalten und will auch irgendwann mal Feierabend machen…“

Ich warf einen Rundblick durch die Fenster nach draußen, um mich zu versichern, dass ich keine Zeugen haben würde, dann ließ ich den Rucksack fallen, packte ihn ruckartig an seinem nicht besonders sauberen Kragen und zog ihn halb zu mir herum.

„Hören Sie mir jetzt ganz genau zu, Sir! Ich habe Sie schon vorhin freundlich darum gebeten, ein wenig rücksichtsvoller zu fahren und vor allem zu bremsen; die alte Lady vorhin hatte eine lange Fahrt hinter sich und hätte sich sämtliche Knochen brechen können! Jetzt sage ich Ihnen das Gleiche noch einmal, mit etwas mehr Nachdruck: Sollten Sie sich nicht ab sofort eines höflicheren Tons Ihren Fahrgästen gegenüber befleißigen und ein wenig achtsamer sein, wenn die Leute hier ein- und aussteigen wollen, dann werde ich Ihnen einen… Besuch abstatten und Ihnen mit Freuden demonstrieren, wie sich ihre Fahrgäste fühlen. Etwas, das Sie so schnell nicht wieder vergessen werden!“

Ich hatte meine Stimme mehr und mehr zu einem tiefen Grollen herabgesenkt und ich wusste, dass meine Augen jetzt beängstigend schwarz funkelten, während ich meine Zähne zu einem unheimlichen Lächeln voller finsterer Versprechen entblößte.

Er griff nach meinem Handgelenk, um sich aus dem immer noch relativ harmlosen Würgegriff zu befreien, aber ich hielt ihn umso fester. Er keuchte auf.

„Haben Sie das verstanden, Mr. … Santos? Ich werde Sie im Auge behalten und hin und wieder einmal vorbeisehen. Wenn Ihnen also Ihr Job lieb ist…“

Ich hatte aus der Jacke, die hinter ihm über der Lehne des Fahrersitzes hing, mit der Linken geschickt seine Brieftasche gezogen, in der sein Ausweis steckte und seinen Namen vorgelesen. Jetzt schlug ich ihm beides mit der flachen Hand vor seinen Brustkorb, sodass er bei dem heftigen Schlag und dem dumpfen Laut unwillkürlich erneut keuchend den Atem ausstieß.

„Haben Sie mich verstanden?“ fragte ich nach und hob ihn mühelos ein wenig aus dem Sitz, wodurch er dunkelrot anlief.

„Madre de dios, ja!“ ächzte er. Ja!“

„Gut! Sehr gut, Mr. Santos!“ Ich ließ ihn langsam wieder los, zupfte ein wenig an seinem Hemd als ob ich es wieder richten wollte und meinte leise: „Ach, und übrigens: Es schadet nicht, hin und wieder zu duschen, sich die Haare schneiden zu lassen und die Kleidung zu wechseln; Sie wären überrascht, wie viel angenehmer Ihren Mitmenschen Ihr Anblick dann wäre! Dann bis zum nächsten Mal, ich weiß ja jetzt, wo ich sie finden kann.“

Ich ließ ihn nicht aus den Augen, als ich meinen Rucksack wieder aufnahm und ihm mit einer Kopfbewegung zu verstehen gab, dass er die vordere Tür für mich öffnen solle.

Er fingerte nervös an seinem Kragen herum und betätigte mit zitternden Fingern den Türöffner. Während ich mühelos halb seitwärts, halb rückwärts aus dem Bus stieg, nickte ich ihm mit einem unheimlichen Lächeln noch einmal zu.

„Vergessen Sie meine Ermahnung nicht! Bis bald!“

Ich blieb stehen, bis er die Tür geschlossen hatte und nach einem letzten, verängstigten Blick in meine Richtung so schnell wie mit einem Bus überhaupt möglich davongefahren war.

Dann wurde ich wieder ernst, ließ aufseufzend den Rucksack erneut fallen und zog mir als erstes den Reißverschluss der Jacke zu, drehte meine Haare zusammen und steckte sie hinten in den Kragen der Jacke, damit die Windböen sie mir nicht ständig ins Gesicht wehen konnten. Es war kalt und würde sicher noch kälter werden. Vielleicht hätte ich doch besser daran getan, wenn ich noch bis zu meinem heutigen Tagesziel mitgefahren wäre; hier eine Unterkunft zu finden war sicher nicht einfach und im Anschluss hieran würde ich bis Houlton laufen müssen.

Egal, bis dorthin war es nicht mehr weit…

Mir war nur zu bewusst, wie riskant diese Spielchen waren. Ich hatte einem Menschen einen winzigen Einblick in das gegeben, was da eventuell noch unter meinem Äußeren verborgen sein könnte. Aber Typen wie dieser Fahrer gingen mir nun mal gegen den Strich und diese Lektion war nötig und offenbar überfällig gewesen. Auch wenn sicher nicht sehr nachhaltig, denn ich würde mit Sicherheit weder diese Linie noch einmal benutzen noch seinen Fahrer jemals im Leben wiedersehen.

‚Du hättest besser Pfadfinder werden sollen!’ dachte ich, ‚Jeden Tag eine gute Tat.’

Geistesabwesend wischte ich meine Hände an der Hose ab, als ob ich sie mir tatsächlich an ihm schmutzig gemacht hätte. Dann sah ich mich aufmerksam um.

Die Straße war nur spärlich beleuchtet und die hohen Bäume auf dieser Seite der Fahrbahn hielten zudem viel vom heute kargen Mondlicht ab – der Himmel war zu bewölkt. Auf der anderen Straßenseite hingegen gab es kaum Baumbestand und eine Abzweigung, keine fünfzig Meter entfernt, führte zu weiteren Häusern. Es war nicht weit bis dorthin, aber auch auf diesem Weg war die Straßenbeleuchtung nicht viel besser als hier. Bei Tageslicht betrachtet war es hier sicher schön, aber jetzt…

Die Frauen waren bereits ein gutes Stück entfernt. Beide hatten die Kragen ihrer Jacken hochgeschlagen, die Köpfe zwischen die Schultern gezogen und stapften eiligst gegen den Wind davon, als ob sie im Dunkeln hinter sich eine Bedrohung spüren würden. Aber vermutlich war ihnen einfach nur zu kalt…

Besaßen die Leute hier denn keine Autos, dass sie auf den Bus angewiesen waren, um nachts nach Hause zu kommen? Allerdings hatte ich, als sie vorhin an mir vorbeigegangen waren, deutlich riechen können, dass zumindest eine von ihnen Alkohol getrunken hatte; sie hatten sich beide ziemlich beschwipst und albern gegeben und sich erst nach und nach ein wenig beruhigt. Ihr derzeitiges Unbehagen hatte sie nun allerdings wohl wieder vollkommen nüchtern werden lassen.

Ich sah mich weiter um und blickte dann mit zusammengekniffenen Augen in die Richtung, aus der der Bus gekommen war. Und lauschte…

Ich hatte recht: Von dort näherte sich jetzt das Fahrzeug, das ich vorhin im Vorbeifahren am Straßenrand bemerkt hatte, während die zwei Mitfahrerinnen sich mutig zur Tür gehangelt hatten. Wenn ich die Ohren spitzte, konnte ich jetzt sogar schon ein Grölen hören – die Insassen waren allesamt Männer.

Und sie waren eindeutig betrunken!

Ich seufzte erneut. Dann hob ich den Rucksack auf, um ihn an die Seite hinter die Bäume zu tragen, wo er von niemandem gesehen werden konnte. Die Tasche stellte ich daneben. Dann drehte ich mich um und wartete, die Hände in die Taschen vergraben.

Das Auto verlangsamte, als es sich der Abzweigung näherte. Jemand leuchtete mit einer starken Taschenlampe die Straße und die Stelle, an der der gute Mr. Santos angehalten hatte, ab, dann schwenkte der Lichtkegel von mir aus gesehen nach rechts und folgte den Spuren, die die Frauen in der frischen Schneedecke hinterlassen hatten.

Ich hörte, wie jemand nörgelnd und mit schwerer Zunge sagte: „Ach, lass doch, Derek! Lass uns fahren, mir ist immer noch speiübel!“

„Halt die Klappe, ich hab genau gesehen, dass da zwei Schnecken aus dem Bus aussteigen wollten als der an uns vorbeifuhr, ich bin doch nicht blind! Was hast du gegen ein bisschen Vergnügen, hä? Wer weiß, vielleicht sind die auch in Feierlaune! Da hinten sind sie!“

Die Taschenlampe wurde ausgeschaltet und der Wagen rollte ein Stück zurück, bevor er in die Nebenstraße einbog.

„So eine Scheiße!“ murmelte ich, als ich die zotigen Bemerkungen hörte, die nun folgten.

Ich verließ mein Versteck zwischen den Baumstämmen und trabte los. Jetzt musste ich darauf achten, dass ich nicht zu schnell lief, denn wenn sich einer von ihnen auch nur kurz umdrehen oder in den Rückspiegel schauen würde…

Das Gegröle wurde kurz lauter, dann verstummte es, als der Wagen sich den beiden jungen Frauen näherte. Der Fahrer senkte die Scheibe seines Fensters und ich konnte schon von hier aus nur zu deutlich hören, wie er die beiden in einem schleppenden Tonfall anrief: „Hallo, ihr Hübschen! Ihr solltet so spät nicht mehr alleine unterwegs sein! Wo wollt ihr denn hin? Können wir euch ein Stück mitnehmen?“

Anstelle einer Antwort machten die Angesprochenen einen möglichst großen Bogen um das Auto und beschleunigten ihre Schritte. Ihre ganze Haltung signalisierte Beklommenheit, wenn nicht Angst. Ich lief ein wenig schneller.

„He, jetzt habt euch nicht so! Wir wollten nur höflich sein! Es ist schließlich kalt und überhaupt… Könnt ihr uns sagen, wo wir hier in der Gegend… Jetzt bleibt doch wenigstens mal stehen, wir wollen euch doch nur was fragen! Wir sind nicht von hier und hier ist weit und breit niemand, den wir nach dem Weg fragen können…“

Ohne stehen zu bleiben aber ihren Schritt verlangsamend fragte die eine: „Wo wollt ihr denn hin?“

Die andere zischte: „Bist du verrückt? Halt den Mund und komm!“

Ich beschleunigte erneut als ich sah, wie der Wagen jetzt anhielt und die Fahrertür geöffnet wurde.

„Na ja, wir müssen irgendwo falsch abgebogen sein! Der Bus eben, der an uns vorbeigefahren ist…“

Er machte Anstalten, hinter den beiden herzugehen und jetzt öffnete sich auch die Beifahrertür. Beide Männer, sowohl der Sprecher als auch sein Beifahrer, waren von mittlerer Statur und nicht eben schmal gebaut.

„He, jetzt wartet doch! Wo fuhr der Bus denn hin? Vielleicht können wir ihm ja hinterherfahren…“

Auf dem Rücksitz bewegte sich der Dritte und riss jetzt die Tür ebenfalls auf, ohne jedoch sofort auszusteigen. Ich hatte vielleicht noch sechzig, siebzig Meter vor mir… und sah, wie der Fahrer die kleinere der beiden Frauen am Arm festhielt, woraufhin jetzt auch die andere stehen blieb.

„Lass sie los, Mistkerl! Verschwinde mit deinem betrunkenen Kumpel…“

„Hab dich doch nicht so, kleine Wildkatze!“ mischte sich jetzt auch der Zweite ein und zog sie an der Jacke nach hinten, fort von ihrer Freundin und dem Fahrer.

Lass mich los!“

Dreißig Meter… sie mussten meine Schritte jetzt schon hören! Und gerade wankte der Dritte aus dem Auto und übergab sich erneut in den Graben. Na toll!

„Ich würde an eurer Stelle tun, was sie sagen!“ rief ich und verlangsamte, bleib schließlich in wenigen Schritten Entfernung stehen und stellte mich so, dass ich alle drei im Blick behalten konnte. Der dritte und schmächtigste Typ würgte zwar immer noch, aber man konnte nie wissen!

„Hallo, hallo, hallo! Da kommt ja noch so eine! Und… wow, ein heißer Blondschopf! Was macht ihr drei Hübschen auch so spät noch draußen, hm? Oder besser so früh! Sollen wir euch nicht doch irgendwo absetzen? Oder wollen wir irgendwo noch zusammen feiern?“

Vollkommen ruhig erwiderte ich: „Ihr habt schon mehr als genug! Und jetzt lasst die Ladys los, ihr habt gehört, was sie gesagt haben! Steigt in den Wagen und verschwindet, und zwar schleunigst!“

„Oder was?“

Trotz der heftigen Gegenwehr der jetzt vollkommen verängstigten Frau zog er sie dichter an sich und fasste mit der freien Hand in ihre offenen Haare.

„Das hängt von euch ab, würde ich sagen! Wenn ihr sie freiwillig gehen lasst, geschieht euch nichts. Wenn ihr auf Ärger aus seid, dann könnte es womöglich ein paar Knochenbrüche und blaue Flecken geben…“

Er grinste und musterte mich von oben bis unten. Offenbar hielt er mich nicht für eine allzu große Gefahr, zumal ich bisher vollkommen ruhig und gelassen dagestanden hatte. Mit einem heftigen Ruck stieß er die Frau von sich, sodass diese schliddernd und vergeblich mit den Armen rudernd ein Stück weiter mit einem leisen Aufschrei auf dem Boden landete. Gleichzeitig kam er auf mich zu und meinte leise:

„So eine freche, kleine Göre! Das wollen wir mal sehen… Will, hör auf zu kotzen und komm endlich, jetzt ist für jeden eine da!“

Im letzten Moment, er war nur noch zwei Schritte von mir entfernt und verdeckte so den anderen die Sicht auf mich, beugte ich mich vor, suchte einen festen Stand zu bekommen… und funkelte ihn finster an. Aber ob er zu betrunken, zu streitlustig und selbstsicher oder ob es für seine Augen einfach zu dunkel war, er erkannte die Bedrohung nicht, auf die er gerade zuging! Und als er sich auf mich stürzen wollte, machte ich eine rasche Bewegung zur Seite, die ihn ins Leere greifen ließ, verlagerte das Gewicht auf mein linkes Bein und hob das rechte, um ihm mit aller Kraft einen Tritt in die Magengrube zu verpassen! Offenbar hatte ich ein wenig zu hoch gezielt, denn dem Knacken nach zu urteilen hatte ich wenigstens eine der kurzen Rippen miterwischt!

Er ächzte laut auf – schreien konnte er nicht, denn er japste gleich darauf mühsam nach Luft – und lag noch nicht auf dem Boden, als ich schon wieder auf beiden Füßen stand, mich neben ihn hockte und mit den Fingern in seine Haare griff, um seinen Kopf weit in den Nacken zu ziehen, meine andere Hand um seinen Kehlkopf gelegt, sodass ich nur zudrücken musste, um ihm die Luft abzuschnüren.

„Eine falsche Bewegung, Freundchen, und du kannst dich von deinem Leben verabschieden! Ich drücke dir den Kehlkopf ein, hast du kapiert? Du hast dich mit der Falschen angelegt!“ zischte ich leise in sein Ohr.

Dann hob ich den Kopf. Der Dritte hatte tatsächlich endlich aufgehört, seinen Mageninhalt lautstark auf den Boden zu leeren und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund, kam näher, sichtlich unsicher auf den Beinen.

„Da rüber, wo ich dich sehen kann!“ rief ich ihm zu. „So, und wenn ihr euren Freund hier halbwegs gesund wiederhaben wollt, dann lass jetzt die Frau los und steig ein! Und zwar ein bisschen schnell!“

Der Kerl unter meinen Händen stöhnte zur Bekräftigung laut auf, als ich an seinen Haaren zog und meine Fingernägel in seine Haut grub.

Will, der bis hierher nach Erbrochenem roch, blieb stehen und schien zu überlegen, ob er wohl schnell genug wäre, um sich auf mich zu stürzen.

„Denk nicht mal daran!“ meinte ich grollend.

Meine Stimme klang jetzt wie ein Knurren. Er wich einen Schritt zurück und hielt wieder inne, schwankte leicht. Die Frau, die immer noch von dem zweiten Typen festgehalten wurde, stieß ein Wimmern aus, als der sie jetzt vor sich her in meine Richtung schob, seinerseits ihre kurzen Haare packte und daran zog.

„Du solltest lieber Derek loslassen, wenn ich ihr nicht ein paar Blessuren beibringen soll! Was willst du tun, hä? Es steht drei zu eins!“

Was für ein Tag! Wieso musste immer ich in so was reingeraten?

„Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, ich habe meine Hand an der Kehle deines lieben Derek! Lass sie los!

Mit den Fingerspitzen tastete ich nach den Halsschlagadern und drückte… und fühlte, wie Derek Sekunden später unter mir unmerklich erschlaffte. Er war bewusstlos und ich lockerte sofort meinen Griff wieder, um die Blutzufuhr wieder zu ermöglichen. Offenbar war mein Manöver unbemerkt geblieben – lange anhalten würde es allerdings vermutlich nicht, dazu war Derek zu kräftig. Ich schätzte die Entfernung zwischen dem anderen und mir auf weniger als drei Schritte. Dann bemerkte ich, wie Will wieder einen Schritt näher wankte und wie die Größere der Frauen sich endgültig aufrappelte und mich ängstlich ansah. Sie war von ihrer Position aus näher an Trunkenbold Will als ich, aber ich wusste nicht, ob ich mit ihrer Geistesgegenwart rechnen konnte.

Was gäbe ich für eine Ablenkung!

„Und falls es dir fernerhin ebenfalls noch nicht aufgefallen ist…“ fuhr ich fort und nickte an ihm vorbei in Richtung der Häuser. „Es sieht ganz so aus, als ob wir Verstärkung und weitere Zeugen bekommen!“

Es funktionierte: Er drehte hastig den Kopf, genau wie Will und die größere Frau, während die andere, die sich noch in seiner Umklammerung befand, nur die Augen verdrehen konnte in der Hoffnung, etwas zu sehen.

Es war nur für eine Sekunde, aber die genügte mir, da keiner zu mir hinsah. Lautlos aus der Hocke hochkommen, die drei Schritte zurücklegen und dem Typen die Faust ins Gesicht rammen, in dem sich für einen winzigen Augenblick Unglaube spiegelte, war fast eins. Mit einem lauten Aufschrei ließ er die Frau los und griff sich mit beiden Händen ins Gesicht – ich hatte ihm seine Nase gebrochen und das Blut spritzte im ersten Moment in alle Richtungen. Rasch hielt ich den Atem an. Die entsetzte Frau torkelte durch den Ruck gegen mich, aber ich konnte mich noch nicht um sie kümmern. Im Gegenteil, sie behinderte mich jetzt und ich schob sie hastig fort, um mich diesem Will zuwenden zu können.

Der jedoch hatte eine für seinen Zustand unerwartet schnelle Reaktionsfähigkeit, denn er hechtete bereits auf mich zu und stieß mich seitlich, seinen angewinkelten Arm voran und wie einen Rammbock benutzend mit­samt der fremden Frau zu Boden. Er selbst hatte danach allerdings ebenfalls Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Ich konnte gerade noch zur Seite rollen, um seinem Fußtritt zu entgehen, dann stieß ich schon wieder auf das Hindernis, das die andere Frau bildete.

„Verschwinde!“ zischte ich ihr zu. „Nimm deine Freundin und verschwinde! Schnell!“

Rasch kam ich hoch und ging in die Hocke, eine Hand vor mir zwischen meinen Beinen auf den Boden gestützt, die andere leicht zur Seite gestreckt um mein Gleichgewicht schneller wiederzufinden.

Der Zweite brüllte wie ein wild gewordener Stier und presste sich jetzt mit einer Hand ein Taschentuch unter die Nase, während er sich suchend umsah. Offenbar suchte er etwas, das er als Waffe benutzen konnte.

Will entging dies ebenfalls nicht, aber er beschränkte sich jetzt darauf, in einem Bogen um mich herumzugehen, damit sie mich in die Zange nehmen konnten. Die zwei Frauen waren inzwischen wenigstens ein paar Schritte weit gelaufen, blieben zu meinem Ärger dort aber abwartend stehen.

Mit der Linken drehte ich rasch meine Haare wieder zusammen und schob sie zurück in den Kragen, erhob mich und huschte zur Straßenmitte, damit ich beide im Blick behalten konnte; dann ging ich langsam auf Will zu, der sich offenbar mittlerweile darüber wunderte, dass ich immer noch keine Angst zeigte.

Ich war schon fast auf Armlänge an ihn herangekommen, als er in einem kläglichen Versuch eines plötzlichen Angriffs nach vorne stürzte – es kostete mich nur einen kleinen Schritt zur Seite und ein ausgestrecktes Bein, um ihn zu Fall zu bringen. Sofort war ich über ihm und presste sein Gesicht auf den Boden, mein Knie in seinem Rücken.

„Das war’s, Mistkerl! Sag ‚Gute Nacht’!“

Er ächzte und sogleich wehte der säuerliche Geruch nach Erbrochenem noch intensiver zu mir herauf. Ich verzichtete darauf, ihm eins überzuziehen und legte auch ihn lediglich schlafen wie zuvor seinen Kumpanen. Dann schrien beide Frauen auf und ich wandte den Kopf… und sprang hastig zur Seite, rollte mich ab und war schon wieder auf den Beinen, bevor der inzwischen mit einem dicken Ast bewaffnete dritte Kerl sich vollständig wieder zu mir gedreht hatte.

„Jetzt reicht es mir!“ brüllte er näselnd und spuckte etwas von dem Blut, das ihm nach wie vor aus der Nase in den Mund lief in meine Richtung – ich hielt ein weiteres Mal den Atem an. Dann hob er den Ast und holte aus.

„Mir auch!“ murmelte ich, duckte mich unter dem Schlag, dessen Schwung ihn sich halb um sich selbst drehen ließ, hindurch und versetzte ihm einen heftigen Tritt in die Kniekehle, die ihn mit einem Schrei zu Boden gehen ließ. Der Ast rutschte ihm halb aus den Händen, als er sich abzustützen versuchte und ich half nach, indem ich ihm auf die Finger seiner Rechten trat und ihm dann seine Waffe aus der anderen riss.

Es knackste mehrmals… offenbar waren ein paar Finger gebrochen. Sein lauter Schmerzschrei ertönte, woraufhin ich zurücktrat. Er hielt sich ächzend mit der gesunden Hand seine verletzte und wie es aussah hatte er auch Probleme, aufzustehen. Mein Tritt in die Kniekehle!

„Ich habe euch gewarnt! Ihr solltet euch niemals…“ stellte ich mich so, dass der Lichtkegel der Scheinwerfer mich anstrahlte, die anderen mein Gesicht jedoch nicht sehen konnten und beugte mich vor; dann näherte ich mein Gesicht dem seinen noch ein bisschen mehr und probierte auch an ihm mein bedrohlichstes Grinsen und finsterstes Augenfunkeln aus, „…mit jemandem wie mir anlegen! Sollte ich eure Gesichter oder was davon noch übrig geblieben ist hier oder in der Nähe noch einmal sehen, dann kommt ihr nicht mehr so… unbeschadet davon, denn ich kann auch noch ganz anders! Und das ist keine Drohung, das ist ein Versprechen!“

Ich sah, wie das Entsetzen in seinen Augen wuchs, als ihm klar wurde, dass er gerade vor etwas stand, das er nicht mit seinem Verstand erfassen konnte. Morgen würde er das zwar als Hirngespinst und Folge seines Alkoholkonsums abtun, aber ein Schaudern würde bleiben – und ihn hoffentlich zukünftig von ähnlichen Aktionen abhalten!

Mit einer raschen Bewegung richtete ich mich auf, schleuderte den Ast in die Dunkelheit und zog ihn rücksichtslos auf die Füße. Seinen unverletzten Arm auf den Rücken drehend schob ich ihn zum Wagen und stieß ihn hinein. „Deine Kumpels leben noch, sie sind nur bewusstlos. Sobald sie wach sind, werdet ihr auf Nimmerwiedersehen von hier verschwinden!“ meinte ich und klopfte mir gelassen den Schnee von der Kleidung.

Er nickte nur und ich konnte sehen, wie er einen kurzen Blick auf die beiden Frauen warf, die immer noch abseits standen und sich gegenseitig an den Armen hielten. Überlegte er tatsächlich, was ich mit ihnen anstellen könnte?

Der erste der beiden Männer regte sich und kam nach lautem Stöhnen auf die Knie, dann, beide Arme vor Brust und Bauch gepresst, auf die Füße. Schwankend sah er mich an.

„Verschwinde!“ zischte ich und funkelte auch ihn an.

Die Scheinwerfer gaben echt gute Spots ab – er gehorchte widerspruchslos! Und ein paar Minuten später sah ich zu, wie der Wagen mit Will am Steuer vorsichtig wendete und die Straße auf dem gleichen Weg, auf dem sie auch gekommen waren, wieder davonfuhren.

„So eine verdammte Scheiße!“ murmelte ich leise vor mich hin. „Wieso immer ich?“

Ich lauschte und behielt die Rücklichter so lange im Blick, bis das Dunkel und die Bäume sie verschluckt hatten. Dann erst drehte ich mich zu den beiden Frauen um und fragte: „Alles in Ordnung? Seid ihr unverletzt?“

Die Kleinere von beiden nickte nur, die Größere meinte: „Ja, alles klar! Und bei dir?“

Ich musste wider Willen lächeln.

„Ja, alles klar. Jetzt solltet ihr beide aber sehen, dass ihr nach Hause kommt; in den dünnen Fähnchen seid ihr sonst innerhalb kürzester Zeit erfroren. Kommt ihr alleine klar? Es ist ja nicht mehr weit…“

„Ja… Nein, warte! Wo willst du hin? Um diese Zeit fährt kein Bus mehr, das eben war der letzte für diese Nacht! Der Nächste geht erst morgen früh um halb sechs… nein, es ist ja Sonntag. Da geht glaub ich erst wieder einer um neun oder so, ich weiß nicht genau…“

Na toll!

„Du bist die Frau aus dem Bus! Du hast geschlafen…“

Ich nickte und musterte die wenigen Häuser hinter ihnen. Hier gab es nichts!

„Wie weit ist es bis zum nächsten Motel?“ fragte ich anstelle einer Antwort.

„Du hast doch wohl nicht vor, an der Straße lang zu laufen, bis zu zum nächsten Motel kommst!? Hör mal, wenn du sowieso eine Übernachtungsmöglichkeit suchst, wieso schläfst du dann nicht bei uns? Das sind wir dir ja wohl schuldig! Danke übrigens, das hätte echt richtig übel ausgehen können!“

Es war nicht zu übersehen, dass die beiden mittlerweile vor Kälte zitterten. Sie trugen tatsächlich nur dünne Klamotten und ihre Stiefel waren eher Stiefelchen zu nennen und passten eher in eine beheizte Wohnung als in den Schnee.

„Ich soll bei euch übernachten?“

„Klar, warum nicht? Wir haben eine kleine, gemeinsame Dreizimmerwohnung da drüben. Die Couch ist noch frei…“

Ob sie dauernd fremden Leuten ein Nachtquartier anboten? Andererseits hatte ich ihnen gerade eben wohl den Hals gerettet…

„Wenn ihr das ernst meint… gerne. Aber ihr solltet schon vorgehen, ich muss noch mal zurück, meinen Rucksack und meine Tasche holen. Ich hole euch schon ein, ich bin eine gute Läuferin…“

„Bist du sicher?“ schnatterte die Kleinere, trat von einem Bein auf das andere und rieb sich beide Oberarme.

„Geht schon, ich komme nach! Ihr solltet euch bewegen…“

Schon hatte ich mich umgedreht und war losgelaufen, ohne darauf zu warten, ob sie meinem Rat folgen würden.

„Dass immer mir so was passieren muss! Dagegen müsste man sich versichern können!“ murmelte ich.

Wenigstens würde ich heute Nacht nicht mehr bepackt durch die Gegend laufen müssen.

 

Sie waren offenbar absichtlich langsam weitergegangen, denn ich erreichte sie schon wieder, als die ersten Gebäude kaum hinter ihnen lagen. In keinem der teils weit auseinanderstehenden Häuser brannte noch Licht – kein Wunder, es ging mittlerweile auf zwei Uhr nachts zu.

„Da vorne ist es, wir müssen hintenrum rein… Ich bin übrigens Corinna und das ist Sabrina. Kann ich dir was abnehmen?“

„Danke, geht schon.“

Sie bogen zwischen dem zweiten und dritten Haus nach rechts in einen schmalen Durchgang. Hinten hinaus befand sich ein Nebeneingang, den die Größere, Corinna, jetzt mit vor Kälte zitternden Fingern aufschloss.

Behagliche Wärme schlug uns entgegen und sie seufzten erleichtert auf, schlossen hinter mir die Tür sofort wieder ab und schälten sich aus ihren Jacken.

Ich sah mich mit einem raschen Blick um. Die Wohnung war, dem ersten Eindruck nach zu urteilen, mehr als winzig – es sei denn, die drei Türen, die sich dicht nebeneinander an der gegenüberliegenden Seite dieses Zimmers befanden, führten in größere Räume als diesen. Denn ich stand, gerade erst durch die Tür eingetreten, sofort in einem kleinen und hoffnungslos vollgestellten Raum, der gleichzeitig als Wohnzimmer und Küche diente – wobei die ‚Küche’ gerade mal aus Kochgelegenheit, Kühlschrank und Spüle nebst zwei schmalen, hohen Einbauschränken bestand, die sicherlich neben den Vorräten auch sämtliche Küchenutensilien beherbergen mussten. Ich konnte mir also ausrechnen, dass hinter den drei Türen ihre Schlafzimmer und ein Bad zu finden sein würden.

„Seid ihr sicher, dass ich heute Nacht hierbleiben soll? Ich meine damit, dass ich nicht die Verantwortung dafür tragen möchte, wenn dieses Zimmer aus allen Nähten platzt, weil ich mich hier auch noch breitmache…“

Sabrina, die immer noch und trotz der Kälte draußen ziemlich blass aussah, kicherte.

„Natürlich! Fühl dich wie zu Hause! Das da, die Tür in der Mitte, führt ins Bad. Falls du keine Handtücher und so dabei hast, bedien dich, du findest alles in dem Regal hinter der Tür.“

Ich unterdrückte jede weitere Reaktion, stellte Rucksack und Tasche auf dem Boden ab und zuckte dann ergeben mit der Schulter. „Wie ihr meint! Dann… danke für eure Gastfreundschaft!“

Corinna winkte ab und schob sich mit einem erneuten Kälteschaudern die Schuhe von den Füßen, während jetzt auch ich langsam meine Jacke öffnete und von den Schultern streifte.

Die Couch war zu kurz für mich, das erkannte ich mit einem Blick. Ich würde diagonal darauf liegen müssen, wenn ich nicht meine Füße in erhobener Position lagern wollte. Sabrina hatte sich bereits zwischen Sessel, Tisch, Couch, Regal, Grünpflanze und einem seltsamen Gebilde, das ich erst jetzt als ein aus mehreren verschieden großen Holzkisten zusammengeschraubtes CD- und DVD-Regal erkannte, hindurchgeschlängelt, war in das rechte der beiden hinteren Zimmer verschwunden und kam, Kissen, Decken und Bettwäsche auf den Armen balancierend, auf dem gleichen Weg wieder zurück – offenbar kannte sie ihren Weg blind, denn sie folgte ihm mit traumwandlerischer Sicherheit: Vorbei an Kistenregal, Grünpflanze, Regal und Couch zum Sessel, den sie mit den Beinen mühevoll in Richtung Wand schob, bevor sie ihre Ladung darauf fallen ließ. Ich folgte ihren Bewegungen mit großen Augen, denn die schmalen Passagen zwischen den Möbelstücken waren die einzigen Freiflächen in diesem Raum! Und die wurden jetzt noch mehr minimiert, indem sie den zweiten Sessel und den Tisch aneinanderschob, um die Couch auseinanderklappen zu können. Corinna ging ihr nun zur Hand – was mich daran erinnerte, dass ich immer noch mit offenem Mund dastand, meine Jacke in der herabgesunkenen Hand.

„Lasst mal, ich mach das schon.“ meinte ich, aber sie zeigten eine eingespielte Routine.

„Habt ihr öfter Übernachtungsgäste?“ fragte ich daher, inzwischen eher amüsiert und hängte endlich meine Jacke an den letzten freien Haken neben der Tür.

„Dauernd!“ meinte Corinna und richtete sich auf.

Sie waren zwei höchst unterschiedliche Frauen: Corinna war fast so groß wie ich, dunkelhaarig und mit üppigen Kurven ausgestattet, während Sabrina leuchtend rote Haare hatte, einen halben Kopf kleiner war und eine eher knabenhafte Figur besaß.

„Hast du Hunger? Wir haben auf der Party gegessen, aber wir haben noch was da… Wenn du willst…“

„Nein, danke, ich hatte auch schon was…“ deutete ich an.

Party. Wie ich vermutet hatte.

„Wieso hat euch von der Party aus niemand begleitet und wie kommt es, dass ihr nachts auf den Bus angewiesen seid, um wieder nach Hause zu kommen?“

Sabrina war fertig mit dem Bettenbauen und ließ sich auf dem Couchtisch nieder.

„Waren wir nicht, aber unsere blöde, altersschwache Kiste hat unterwegs den Geist aufgegeben. Wir hatten Glück, dass noch ein Bus kam.“

„Habt ihr denn keine Freunde oder Bekannte, die euch hätten fahren können? Oder bei denen ihr hättet übernachten können?“

Es fiel mir wie immer schwer, mich in solche Verhaltensweisen hineinzudenken.

Corinna verzog den Mund.

„Glaub mir, niemand auf dieser Party wäre noch wirklich imstande gewesen, Auto zu fahren und uns aufzulesen! Selbst wir mussten uns vor den Bullen in Acht nehmen, auch wenn wir uns sehr zurückgehalten haben und jede nur ein Bier hatte. Und da der Bus gerade vorbeikam… Ähm… sag mal, wie heißt du eigentlich?“

„Oh, entschuldigt. Ich heiße Meg…“

Wie die beiden auch beschränkte ich mich auf den Vornamen – das genügte. In meinem Fall nannte ich ihnen sogar nur die Kurzform meines Vornamens, Megan. Ich ließ ihre Antwort bezüglich ihres angeblichen Alkoholkonsums unkommentiert und verkniff mir sogar ein Kopfschütteln über so viel menschliche Unvernunft, hob meinen Rucksack hoch und stellte ihn vorsichtig auf den Sessel.

Und bekam mit, wie Sabrina mich verstohlen musterte, während sie sich ihren Schmuck – geschmackvolle Ohrhänger und ein paar schmale Ringe – auszog.

„Wo hast du das gelernt?“ fragte sie und machte ihrer Neugier damit Luft. „So zu kämpfen!“

„Mein Vater war der Ansicht, dass es nicht schaden könnte, wenn ich mich zur Wehr setzen kann. Das kann ich auch euch nur empfehlen!“

Corinna nickte.

„Ich glaube, nach dem heutigen Erlebnis schreibe ich mich in einen Judo- oder Karatekurs ein! Oder so was in der Richtung… Oder ich gehe nur noch bewaffnet vor die Tür!“

Ich hatte meinen Pyjama aus dem Rucksack gekramt und sah sie ernst an.

„Das kann nach hinten losgehen, buchstäblich! Wenn dein Gegner dir deine Waffe abnehmen kann, wird er nicht zögern, sie anschließend gegen dich zu nutzen. Und um ihm diese Gelegenheit erst gar nicht zu geben, musst du sehr schnell sein – oder dich anders zu wehren wissen. Womit wir wieder bei der Selbstverteidigung wären…“

Sabrina nickte einsichtig, aber Corinna gähnte jetzt hinter vorgehaltener Hand.

„Wenn ihr nichts dagegen habt, dann könnten wir das Gespräch ja morgen beim Frühstück fortsetzen. Ich husche nur rasch ins Bad, gebt mir zehn Minuten…“

Weg war sie!

Sabrina sah zu mir hoch und zuckte die Schultern.

„Corinna.“ meinte sie nur, als ob das alles erklären würde. „Sie steckt alles immer ziemlich rasch weg…“ ergänzte sie dann.

Ich ließ diesen Kommentar unkommentiert, zog den Beutel mit meinen Badutensilien hervor und fragte stattdessen: „Und du?“

Sie biss sich auf die Unterlippe und schüttelte leicht den Kopf.

„Ich nicht! Ich werde noch nächtelang davon träumen, was hätte passieren können… Wir können dir gar nicht genug danken!“

„Schon gut. Dafür darf ich ja hier schlafen, nicht wahr?“

Sie sah sich um.

„Ich weiß, es ist nicht sehr viel und alles andere als komfortabel – aber uns genügt es. Du bist sicher anderes gewohnt.“

Erstaunt hob ich eine Augenbraue.

„Wie kommst du darauf?“

Jetzt lächelte sie schief.

„Das war nicht schwer zu erraten: Deine Reaktion beim Reinkommen! Und vor allem deine Klamotten, der hochwertige Rucksack und deine riesige Umhängetasche aus edlem Leder! Ich kann mir so etwas nicht leisten, aber ich erkenne teure Sachen wenn ich sie sehe.“

Unwillkürlich sah ich an mir herab. Bisher war mir meine zeitlose Aufmachung nie aufsehenerregend vorgekommen. Ich achtete immer auf sehr schlichte, einfache Schnitte und unauffällige Ausstattung…

„Du hast vielleicht recht, aber auch wieder nicht. Glaub mir, ich habe auch schon unter Brücken geschlafen.“ meinte ich und biss mir sofort auf die Lippen. Ich hatte schon zu viel gesagt, wie ich an ihren großen Augen sah.

„Vergiss einfach, was ich gesagt habe, okay?“ meinte ich rasch. „Ich bin echt dankbar, dass ich hier übernachten darf!“

Sie legte den Kopf schief.

„Im Bus… Du hast nicht wirklich geschlafen, nicht wahr? Schon nicht, als wir einstiegen, du wolltest nur in Ruhe gelassen werden. Aber du wolltest eigentlich auch nicht hier aussteigen, du bist sitzen geblieben! Woher wusstest du, dass diese Kerle Ärger machen würden? Sind sie dir schon vorher irgendwo aufgefallen? Und bis wohin wolltest du heute ursprünglich noch?“

Ich wandte mich ab und zog meinen Rucksack zu. „Ich bin auf dem Weg Richtung Houlton und wäre am nächstmöglichen Motel ausgestiegen.“ war meine knappe Antwort. Je eher diese ziemlich aufmerksam beobachtende Sabrina merkte, dass ich Auskünfte über mich nicht machen wollte, desto besser!

„Houlton… Du willst nach Kanada?!“

Ich presste die Lippen zusammen und schwieg.

„Du musst mir nicht antworten, es geht mich auch nichts an. Und wenn du willst, dann werde ich jedem sagen, dass ich dich hier nie gesehen habe. Und auch Corinna kann durchaus die Klappe halten, wenn ich sie darum bitte!“

„Ich werde nicht… verfolgt.“ presste ich hervor.

Sie schüttelte den Kopf.

„Das habe ich auch nicht angenommen. Aber selbst wenn es so wäre oder für den Fall, dass ich dir damit Unannehmlichkeiten ersparen könnte…“

Sie zuckte erneut mit den Schultern und ließ den Satz unvollendet. Dann erhob sie sich.

„Ich leg mich aufs Ohr, ich hab in meinem Zimmer noch eine Waschgelegenheit, du kannst also nach Corinna das Bad benutzen… Gute Nacht!“

Sie hatte sich schon abgewandt, drehte sich jedoch noch einmal um. „Du wirst nicht mehr hier sein wenn wir aufstehen, hab ich recht?“

Konnte die kleine Rothaarige hellsehen? Oder standen meine Gedanken inzwischen schon für jeden lesbar auf meiner Stirn? Ich schwieg, was sie zu einem leisen Lächeln veranlasste.

„Ist schon in Ordnung. Auch wenn ich es schade finde, ich hätte dich gerne ein wenig besser kennengelernt! Aber falls du morgen… nein, heute früh fort bist und wir uns nicht mehr sehen: Ich habe mich gefreut, dass wir uns begegnet sind, nicht nur, weil du uns unsere Hintern gerettet hast! Und alles Gute, Meg, wirklich!“

Ich sah ihr wortlos nach, als sie in ihrem Zimmer verschwand. Und als nur wenige Augenblicke später Corinna in ein Badetuch gewickelt aus dem Bad kam, mir eine gute Nacht wünschte und in ihrem Zimmer verschwand, murmelte ich nur ein leises „Ja, Nacht.“

Zehn Minuten später lag ich geduscht, ein Handtuch um die noch feuchten Haare gewickelt, auf der Couch, hatte meinen Pyjama wieder weggepackt und mir stattdessen frische Kleidung übergezogen, alles für meinen raschen Aufbruch vorbereitet. Spätestens, sobald ich die ersten Geräusche von nebenan hören würde, würde ich verschwinden.

Zu viele Fragen waren des Vampirs Verderben!

 

 

Es war für mich eine Kleinigkeit, die Grenze nach Kanada unbemerkt und in übermenschlichem Tempo zu überqueren. Es war eigentlich sogar unnötig, dazu die Nacht abzuwarten, doch ich wollte absolut sichergehen, dass mich niemand sah.

In den vergangenen beiden Tagen waren mir mehrfach Corinna und vor allem Sabrina durch den Kopf gegangen – ein seltsames Pärchen mit auffällig gegensätzlichen Charakteren wie mir schien. Und doch schienen sie miteinander auszukommen. Für einen Menschen war Sabrina tatsächlich eine sehr aufmerksame Beobachterin. Eine Fähigkeit, die ich zuerst nicht hinter ihr vermutet hätte, zumal ihrem anfänglich albernen Gebaren im Bus nach zu urteilen! Doch womöglich gehörte sie zu den Menschen, die sich nicht nur den jeweiligen Gegebenheiten, sondern auch den Personen in ihrer Umgebung, ihrem jeweiligen Gegenüber im Verhalten anpassten – eine mögliche Erklärung auch für ihre Wohngemeinschaft; der Umstand, dass sie miteinander harmonierten, war sicher eher ihr Verdienst als Corinnas…

Ich hatte die kleine ‚Wohnung’ schon vor sechs Uhr verlassen, sicher lange bevor eine von ihnen überhaupt ans Aufwachen gedacht hatte. Irgendwo unterwegs hatte ich eine Pause eingelegt, ein reichhaltiges Frühstück verputzt und dann einen Bus Richtung Houlton genommen, hatte mich selbst und vor allem meinen nicht gerade großen Bestand an Kleidung dort jeweils einer ausgiebigen Reinigung unterzogen…

Jetzt stapfte ich, meinen Rucksack über einer, die Tasche über der anderen Schulter durch gut knöcheltiefen Schnee. Ich würde erst wieder Halt machen, wenn ich den St. John River erreicht oder sogar hinter mir gelassen hatte – dann war es nicht mehr weit bis nach Fredericton…

Beim nächsten Mal würde ich fliegen!

Nicht zu fassen, ich war tatsächlich schon zu verweichlicht! Als Vampir hatte ich naturgemäß keinerlei Probleme mit meinem Fortkommen, es war nur mein Geist, der mich solche Wünsche hegen ließ!

 

Die Straßen boten keinen schönen Anblick wenn sie so wie jetzt nur schmutzig graubraunen Schneematsch aufzuweisen hatten. Aber in meinen Augen war keine Stadt der Welt schön, wenn der reinweiße Schnee auf deren Straßen und Plätzen sich zum Matschbraun verfärbte. Ich mochte es, wenn die Welt dick und weiß verschneit war, doch das hier…

Unwillkürlich warf ich einen Blick zum Himmel. Wenn das, was da oben in den Wolken noch hing, alles herunterkommen würde, dann würde die Sache innerhalb kürzester Zeit sicher anders aussehen.

Ich nestelte mein Handy aus der Hosentasche – und musste feststellen, dass der Akku schon fast vollständig entleert war. Seufzend schaltete ich es ganz aus, um möglichst für den Notfall zu sparen, zumal das Ladegerät sich irgendwo in den tiefsten Tiefen des Rucksacks befand. Das wäre wieder so etwas, was mein Vater jetzt kritisiert hätte: Ich war immer noch zu nachlässig in solchen Dingen! Und mittlerweile war ich soweit, dass ich ihm recht gab, denn immer wieder geriet ich in Situationen, in denen ich Ärger bekam – oder andere, die sich gerade in meinem Umfeld befanden. Immer wieder agierte ich zuerst und dachte dann erst nach! Und immer wieder ertappte ich mich dabei, wieder einmal zu viel gesagt, mich zu auffällig verhalten oder etwas getan oder unterlassen zu haben, das mein Inkognito gefährdete oder meine Sicherheit! Angefangen bei solch banalen Dingen wie darauf zu achten, ein funktionstüchtiges Handy zu haben.

Ich blieb stehen, als ich die Mitte der Fußgängerbrücke über den St. John River erreicht hatte und blickte hinab auf das Wasser, auf dem vereinzelt ein paar kleine, dünne Eisschollen trieben.

Wieso machte ich mir Gedanken über mein Handy? Wer sollte mich noch anrufen? Dad war tot, Mum hatte die Erstürmung des Marktes durch das Handy gar nicht mehr erlebt und meinen wenigen Freunden hatte ich meine neue Handynummer nicht – besser gesagt noch nicht – mitgeteilt, auch wenn ich deren Nummern nach wie vor im Kopf hatte. Ich war bei Nacht und Nebel aufgebrochen, hatte alles zurückgelassen, was mich an mein altes Leben erinnerte… und hatte damit hoffentlich auch ihnen Ärger erspart und meinen Jäger abgehängt!

Nach und nach ließ ich unauffällig die winzigen Schnipsel meines letzten Passes, der noch auf den Namen Anna Victoria Houston lautete, ins Wasser wehen – eine Art Ritual, das ich irgendwann einmal für mich eingeführt hatte: Wenn ich ein neues Leben anfing, ließ ich mein altes in Scherben und Trümmern hinter mir – und zuletzt in Papierfetzen eben. Sehr symbolisch flatterte und schwamm damit jedes Mal auch mein altes Dasein unter mir davon. Anna Victoria hatte ausgedient, sie war im Nirgendwo verschwunden, existierte nicht mehr. Ich war jetzt Megan Orelly, diesmal geboren in Kanada, hatte die kanadische Staatsbürgerschaft und neben allen möglichen anderen Dokumenten und Unterlagen einen meisterhaft gefälschten und vor allem ‚jungfräulichen’ Pass, da ich laut ihm Zeit meines Lebens Kanada nicht verlassen hatte, war – einmal mehr – gerade mal zweiundzwanzig Jahre alt und würde nach beendetem Hin- und Herschieben meines verteilten Vermögens durch die bargeldlose Onlinewelt über mehrere Länder der Erde und nachdem es zuletzt für jeden, der nachforschen würde, irgendwo verschwunden war, in hoffentlich wenigen Tagen wieder über ein paar wohlgefüllte Konten bei mehreren Banken verfügen… Paps sei Dank, er hatte vorgesorgt! Aber auch er hatte sicher nicht damit gerechnet, dass ich schon so bald dazu gezwungen sein würde, seine Notfallmaßnahmen zu testen! Bis auf je ein Haus in Italien und Frankreich, die ich wohl besser für eine kleine Ewigkeit nicht mehr betreten sollte, war unser gesamtes Vermögen jetzt flüssiggemacht…

Meine alte Wohnung am Stadtrand von Boston war, unmittelbar nachdem ich sie verlassen hatte, planmäßig ausgebrannt – natürlich nachdem ich vorher akribisch sämtliche Unterlagen und Dokumente, die Rückschlüsse auf mich, meine Herkunft, mein Wohin oder auch nur mein Aussehen zuließen, eigenhändig vernichtet hatte! Oh, ich war diesmal sehr gründlich vorgegangen, man würde nach dem Brand nicht mal mehr DNS oder Fingerabdrücke von mir finden können – entsprechende Vorbereitung, einen Tag Arbeit, ein paar Stunden unbemerkt Wache halten, damit niemand unbeabsichtigt zu Schaden kam. Ich hatte sehr zurückgezogen gelebt in Boston, niemals jemanden zu mir nach Hause eingeladen und meine notwendigen menschlichen Kontakte – anders ausgedrückt: meine direkten Nachbarn innerhalb des Hauses – wussten nur, dass ich ‚freischaffend’ und auf ‚Auftragsbasis’ vorwiegend zu Hause arbeitete. Fast zwei lange Jahre! Paps wäre stolz auf mich gewesen…

Ich hatte in Bangor Halt gemacht, mir dort neue Kleidung besorgt, meine bis dahin gut rückenlang gewachsenen Haare bis auf untere Schulterblatthöhe abgeschnitten und sie wieder blond gefärbt – meine eigentliche, natürliche Haarfarbe. Meinen ursprünglichen Namen hatte ich diesmal nur leicht verändert: Aus Meaghan war die geänderte Schreibweise Megan geworden, aus O’Reilly Orelly. Was mir jedoch unter Umständen einen Strich durch die Rechnung machen könnte: Es gab drei Trunkenbolde, zwei Frauen und einen ‚Busfahrer’, die mich wiedererkennen, eine aktuelle und zum Teil sehr detaillierte Beschreibung von mir liefern könnten…

‚Oh, Paps, ich hoffe, ich habe keinen Mist gebaut, als ich den beiden geholfen habe!’

Ich seufzte und musterte das letzte Erinnerungsstück an meine zurückliegenden Leben an meinem Finger – aber von dem würde ich mich nicht trennen solange ich lebte: Es war ein Ring meiner Mutter, ein silberfarbener, außen fein gravierter, breiter Reif! Ein Geschenk von Paps an sie… Wenn man genau hinsah, dann konnte man in der verschnörkelten Gravur zwei Buchstaben erkennen – G und K, die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen: Gwendolen und Kean. Der Ring war jetzt zwar schon über zweihundert Jahre alt, aber Mum und er würden auch heute noch fast genauso aussehen wie damals, als sie ihn zum Geburtstag erhielt – wenn sie noch am Leben wären! Vampiräußeres war nun einmal extrem haltbar, die menschliche Kosmetikindustrie würde sicher sonst was dafür geben, wenn sie die Inhaltsstoffe unseres Blutes vermarkten könnte!

Ich steckte meine Hand wieder in die Jackentasche. Hier würde ich ein neues Leben anfangen, also hatte es wenig Sinn, es mit den Gedanken an Vergangenes zu beginnen. Die Welt wartete auf Megan Orelly. Oder besser: Irgendwo in der Gegend nördlich von Fredericton und unweit von Marysville wartete ein Haus, in dem meines Wissens ein alter Bekannter meines Vaters lebte, der mir – hoffentlich – ein wenig Starthilfe geben würde!

 

Ich musste jedoch rasch feststellen, dass meine Informationen entweder veraltet oder unvollständig waren, denn niemand in Marysville kannte das Haus von Mr. McPherson! Wen auch immer ich nach dem Weg fragte, gab mir zur Antwort, dass der hier unbekannt sei. Erst als ich in einen kleinen Lebensmittelladen marschierte und endlich auf den glorreichen Gedanken kam, nach einem Haus zu fragen, das einmal einem Mann namens Franklin George Forester und seiner Frau gehört habe, erntete ich ein „Aaah! Franklins Haus!“. Und eine zumindest halbwegs genaue Richtungsangabe sowie Beschreibung samt der Frage, ob das Paar, das dort jetzt lebe, etwa McPherson heiße! Er jedenfalls habe sich mit dem Nachnamen Hawk vorgestellt. Sie seien gute Kunden…

Ich murmelte etwas von ‚Verwechslung’ und ‚Nachname seiner Mutter’, hoffte, ihn nicht in Schwierigkeiten gebracht zu haben und machte mich mit ein paar Dankesworten wieder auf den Weg.

„Mist, Mist, Mist!“ murmelte ich, während ich schleunigst das Weite suchte. Ich konnte vor meinem geistigen Auge sehen, wie Paps entnervt mit den Augen rollen würde! Ob ich es wohl jemals schaffen würde, mein Gehirn zu benutzen? Gerade ich hätte es doch besser wissen müssen: Angus war damals, als ich ihn kennengelernt hatte, auf dem Weg hierher und ebenfalls auf der Flucht vor seinem Jäger gewesen… Mir war also klar, dass ich soeben den größtmöglichen Fehler gemacht haben könnte, auch wenn ich den Eindruck gewonnen hatte, dass die Verkäuferin hinter der Kasse mir meine Version abgekauft hatte. Jedenfalls hatte sie verständnisvoll genickt, abgewinkt, etwas von ‚Kenn ich! Mein Mann hat auch einen Doppelnamen!’ erwidert und sich sofort mit einem ‚Hi Tory…‘ der nächsten anstehenden Kundin gewidmet, einer kleinen, misstrauisch dreinschauenden, aschblonden jungen Frau, deren prüfender Blick sich in meinen Rücken zu bohren schien, bis ich wieder auf der Straße stand.

Dennoch: Wieder eine vermeidbare Entgleisung! Und nur, weil ich niemals nachdachte und nicht versucht hatte, mehr über Angus zu erfahren! Wenn mich in meinen fast zwei Jahren als Eremitin auch andere Sorgen geplagt hatten, ich hatte mich zu sehr darauf konzentriert, unerkannt hierherzukommen. Und alles, was ich sonst noch wusste war jetzt, dass er offenbar nicht mehr alleine lebte… ‚das Paar, das jetzt dort lebt’

Ich würde Angus sicher ziemlich überraschen!

 

Nachdem ich einmal die richtige Richtung kannte, war es nicht mehr allzu schwer, die Gegend abzugrasen und das abgelegene Haus zu finden. Diese Art der Einsamkeit hatte ich in den letzten Monaten vermisst! Es war mir mit der Zeit immer schwerer gefallen, entgegen unserer Gewohnheit inmitten vieler Menschen zu leben, wo unsereins auf irgendeine Weise früher oder später doch nur auffallen konnte. Aber nachdem unser Jäger Paps ausfindig gemacht und ihn umgebracht hatte, hatte ich Hals über Kopf fliehen müssen und unsere Einsamkeit zugunsten einer Wohnung ‚mitten’ in einer Stadt aufgegeben, wo man mich hoffentlich nicht vermuten würde. Anna Victoria Houston tauchte erstmals auf der Bildfläche auf und bezog eine Wohnung in Boston.

Meine Rechnung war aufgegangen: Mein ‚Notfallquartier’ hatte sich bewährt und ich hatte die Zeit, die sich nichtsdestotrotz gezogen hatte wie ein unendliches Gummiband, dazu genutzt, nach und nach behutsam sämtliche übrig gebliebenen Spuren aus der Vergangenheit zu verwischen oder zu vernichten und mein nächstes Leben vorzubereiten. Ich hatte alleine, still und geduldig abgewartet, niemandem meinen neuen Aufenthaltsort und meine neue Identität mitgeteilt…

Jetzt legte ich die letzten Meter durch den verschneiten Wald zurück – ich hatte recht behalten, die schwarzen Wolken, die den Tag bereits jetzt, nicht lange nach Mittag, zu einem dämmrigen Abend werden ließen, schneiten sich inzwischen heftig ab. So würden selbst die Spuren, die ich im Wald hinterlassen hatte, innerhalb kürzester Zeit zugedeckt sein.

Doch das Haus lag verlassen da. Es wurde eindeutig bewohnt, aber niemand war zu Hause, kein Wagen parkte vor der Tür.

Ich näherte mich vorsichtig, doch selbst aus wenigen Metern Entfernung konnte ich keine Präsenz eines anderen Vampirs ausmachen. Rucksack und Tasche über den Schultern umrundete ich das Haus, sah mich in der näheren Umgebung um, doch es blieb dabei.

Aufseufzend stellte ich daraufhin mein Gepäck hinter den Stufen zur Veranda ab und musterte das Vordach, probierte sämtliche Fenster des Erdgeschosses aus, aber alles war verschlossen. Natürlich!

„Mist!“ murmelte ich einmal mehr.

Nichts ließ Rückschlüsse darauf zu, ob die Bewohner für längere Zeit oder nur noch für ein paar Stunden wegbleiben würden. Also würde ich zunächst einmal davon absehen, mir gewaltsam Zutritt zu verschaffen und überzeugte mich stattdessen davon, dass meine Sachen nicht entdeckt werden konnten. Mir stand ohnehin der Sinn nach einer Jagd, am besten sehr ausgiebig! Sollte bis zu meiner Rückkehr immer noch niemand anwesend sein, konnte ich immer noch ausprobieren, ob ich noch in fremde Häuser gelangen konnte, ohne dass es anschließend jemand bemerkte.

 

Vollkommen durchnässt stand ich gute drei Stunden später wieder vor dem Haus, das jetzt in der tatsächlichen Dämmerung, die schon beinahe ins Nachtschwarz überging, wie tot dalag. Die Jagd war erfolgreich, wenn auch im dichten Schneefall kein reines Vergnügen gewesen; doch ich war zum ersten Mal seit langem wieder vollkommen gesättigt und energiegeladen.

Mühelos sprang, kletterte und schwang ich mich auf das Vordach und probierte zwei der oberen Fenster aus, aber auch diese waren verriegelt. Da ich keines beschädigen wollte beschloss ich, mich erst einmal am Schloss der Hinter- oder Vordertür zu versuchen… Bei der Hintertür hatte ich Glück, die Vordertür besaß einen zusätzlichen Sperrriegel, der vorgelegt worden war und den ich aus der Verankerung hätte reißen müssen. Schnell holte ich meine Sachen unter der Veranda hervor, musterte noch ein letztes Mal aufmerksam die Umgebung und zog mich dann ins Innere des Hauses zurück.

Ich stand in einer kleinen Küche, die neben einer aus Platzgründen eher spärlichen, wenn auch zweckmäßigen Ausstattung einen offenbar nagelneuen Geschirrspüler aufwies, ansonsten aber mit eher altem, abgenutztem Mobiliar bestückt war. Alt und Neu nebeneinander – eine Reminiszenz an die Vergangenheit? Vermutlich. Meine nasse Jacke, die ich bereits vor der Tür vom gröbsten Schnee befreit hatte, tropfte und meine Stiefel hinterließen schon jetzt auf dem blankgeputzten Boden hässliche Spuren. Rasch zog ich beides aus und stellte die Stiefel auf eine offenbar für solche Zwecke vorgesehene Matte neben der Tür, um auf Strümpfen anschließend das übrige Haus zu erkunden – ausschließlich hell und freundlich und mit viel Liebe zum Detail eingerichtete Zimmer. Überall standen alte und neue Möbelstücke einträchtig beisammen.

Das obere Stockwerk bestand in der Hauptsache aus drei Schlafzimmern, von denen nur eines, das größte – wenn man von Größe reden konnte – benutzt wurde. Jedes, auch die beiden anderen, die augenscheinlich als Gästezimmer genutzt wurden, hatte ein eigenes, winziges Bad. Dreißig Minuten später hatte ich eines davon mit Beschlag belegt, mich geduscht und umgezogen und den Küchenboden saubergewischt. Jetzt jedoch stand ich vor der Entscheidung, was ich als nächstes tun sollte. Ich konnte natürlich in den persönlichen Sachen herumwühlen, um nach Hinweisen auf den derzeitigen Aufenthaltsort von Angus und seiner Gefährtin zu suchen, aber aus begreiflichen Gründen widerstrebte mir dies. Gewaltig sogar! Ich war schon widerrechtlich in sein Haus eingebrochen, was mir ungeheures Unbehagen bescherte und ihn wohl kaum zu Begeisterungsstürmen hinreißen würde…

Also entschied ich, es für heute einfach dabei bewenden zu lassen, auf den morgigen Tag zu warten und allenfalls die Bilder an den Wänden und auf den Regalen zu betrachten – und eine nicht geringe Anzahl davon zeigte Angus mit einer jungen Frau im Arm oder einfach nur ihre lachenden Gesichter vor wechselnden Szenerien im Hintergrund.

Rein äußerlich hatte er sich natürlich nicht verändert, aber er wirkte auf den Fotos um einiges lebhafter und fröhlicher als damals, als ich ihn durch Paps kennengelernt hatte! Er war seinerzeit ein ausgesprochen ernster, fast finsterer Mann gewesen. Paps und er mussten sich schon gut gekannt haben, denn er hatte mir gesagt, dass, sollte jemals etwas geschehen, ich mich getrost an ihn würde wenden können. Und Angus hatte mir mit Handschlag versichert, er werde mir jederzeit helfen, falls ich einmal Hilfe benötige – wohl kaum ahnend, dass dies schon so bald der Fall sein könnte. Genauso wenig wie ich es hatte ahnen können!

Er hatte damals gerade mal zwei Tage bei uns verbracht, um seine Kraftreserven aufzufüllen, aber er war äußerst schweigsam und ruhelos gewesen und bald wieder aufgebrochen, war auf dem Weg hierher. Nach Kanada, wo er sich wegen irgendwas mit einem Freund namens Dorian treffen und mit dessen Hilfe auch eine neue, vorübergehende Bleibe suchen wollte. Er war sehr wortkarg gewesen!

Diesen Dorian kannte ich nicht, aber Paps hatte mir später berichtet, dass Angus sich in der Nähe von Fredericton ein Haus gemietet habe… und dass dieser Dorian aus der Linie der Pollos‘ stamme und seine Gefährtin eine in Vampirkreisen inzwischen schon bekannte Persönlichkeit sei: Phoebe Forester – die erste Jägerin, die eine Gefährtenschaft mit ihrem zugeordneten Vampir eingegangen sei! Und wenn man den Gerüchten Glauben schenken könne, eine… nein, die Person aus einer wohl uralten Prophezeiung! Aber das Letztere waren allenfalls Gerüchte für mich, denn meine absolute Zurückgezogenheit in Boston hatte zwangsläufig auch einen erheblichen Mangel an Informationen mit sich gebracht. Das Neueste vom Neuesten war es daher sicher nicht, aber selbst bis zu mir waren ein paar vereinzelte Andeutungen darüber vorgedrungen, welche umwälzenden Veränderungen wohl stattgefunden hatten. Ich hoffte, von Angus auch darüber bald erschöpfende Auskunft zu erhalten.

Auf dem Sekretär, der sich im Wohnzimmer befand, stand gleich eine ganze Reihe von Bildern, die mehrere mir fremde Personen zeigten. Wenn ich raten sollte, dann waren gleich mehrere davon Vampire. Natürlich gab es auch unter den Menschen große, kräftige und athletisch Gebaute, aber da ich mich derzeit in einem Vampirhaushalt befand, lag der Schluss nahe…

Zwei der Bilder erregten meine besondere Aufmerksamkeit. Eines davon zeigte einen großen, schwarzhaarigen Mann im Anzug, neben sich, in einem zart cremefarbenen Kleid, eine vor allem neben ihm zierlich wirkende Frau mit blonden, kurzen Haaren und auffälligen Augen; beide lächelten glücklich in die Kamera.

„Pollos… Wenn du Grieche bist, dann bist du Dorian Pollos! Und das neben dir ist dann diese Phoebe! Mann, die sieht ja aus wie Tinker Bell! Und das soll deine Jägerin gewesen sein?“

Ich griff mir das Foto daneben. Es zeigte ebenfalls die beiden, jedoch aus einem anderen Blickwinkel, in normaler Alltagskleidung – und einen Säugling im Arm, der verschlafen den Fotografen anzusehen schien. Und das Kind sah aus wie eine Miniaturausgabe der Mutter!

„So was von Ähnlichkeit!“

Ich musterte mehrmals Mutter und Kind und kam zu dem Schluss, dass die Gleichartigkeit, abgesehen von der Haarfarbe, vor allem auf den Augen beruhte, alles Weitere würde die Zeit zeigen müssen.

„Was für ein Blick! Ich wäre neugierig, dich kennenzulernen, vor allem, wenn du tatsächlich Phoebe Forester bist!“

Sorgfältig stellte ich die gerahmten Bilder wieder auf ihren Platz und sah mich weiter um. Aber je länger ich damit fortfuhr, desto mehr kam ich mir wie ein Eindringling vor.

„Ich hätte mir in Fredericton ein Zimmer suchen sollen, nachdem hier niemand zu Hause ist. Meg, das war mal wieder selten blöd von dir und wenn du deshalb hier rausgeworfen wirst, brauchst du dich nicht zu wundern!“

Ich löschte die Lichter und huschte im Dunkeln die Treppe hinauf, um mir trotz meiner Bedenken seit Langem noch einmal eine ausgiebige Nachtruhe zu gönnen! Vorerst war ich hier sicher und morgen würde ich weitersehen. Und vielleicht diese Phoebe ausfindig machen können?

 

 

Als ich aufwachte, herrschte draußen blendende Helle! Nicht nur der Himmel spannte sich heute ohne hindernde Wolken klar und blau über der Gegend, auch eine dicke Schneedecke lag weiß und alle Geräusche dämpfend auf der Lichtung und dem umgebenden Wald. Er reflektierte glitzernd und schimmernd das Licht der knapp handbreit über den Bäumen stehenden Sonne; es musste den Großteil der Nacht über weitergeschneit haben. Und als ich kurz darauf in der Küche das Radio einschaltete, hörte ich, dass in den nächsten Tagen durchweg klares, kaltes Wetter vorherrschen werde.

Ich begutachtete die Vorratskammer und den Kühlschrank. Und seufzte. Noch war ich satt und die Vorräte würden wohl noch für eine Woche reichen, wenn auch keine frischen Lebensmittel darunter waren – offenbar waren die Hausbewohner doch für mehrere Tage verreist. Sobald sie aber zur Neige gingen, würde ich das Haus verlassen müssen – und unweigerlich Spuren überall da draußen hinterlassen. Aber wie schlimm konnte das sein? Niemand konnte wissen, dass ich hier war und sie hinterließ! Nur nicht paranoid werden!

Ich biss mir auf die Unterlippe und überlegte. Der Jahreswechsel lag jetzt fast eine Woche zurück. Falls Angus und seine Frau so etwas wie einen Winterurlaub irgendwo verbrachten, dann konnte ich nicht abschätzen, wann sie wieder hier sein würden. Falls sie jedoch Freunde oder Verwandte besuchten, erst recht nicht! Denn wenn man anlässlich eines Festes oder des Jahreswechsels einige davon abklappern wollte…

Ich beschloss, es darauf ankommen zu lassen, das unterschwellig unbehagliche Gefühl, ohne das offizielle ‚Willkommen’ des Eigentümers hier zu verweilen, weiterhin unterdrückend, hoffend, dass Angus und auch seine Gefährtin meine Entschuldigung akzeptieren würden, wenn ich ihnen die Umstände meiner ‚Flucht’ hierher erst einmal erklärt hatte. Die Vorräte, die ich wegfuttern würde, waren das Geringste, sie konnte ich später leicht ersetzen.

Und wenn ich ehrlich zu mir selbst war, dann gefiel es mir hier. Ich hatte zum ersten Mal seit Paps’ Tod das Gefühl, wieder frei durchatmen zu können. Erst jetzt, da ich mich wieder in einer solchen Abgeschiedenheit befand, noch dazu an einem Ort, wo mein Jäger mich sicher nicht vermuten würde, spürte ich, wie sehr mir dies wirklich gefehlt hatte! Ich konnte mich nicht mehr darauf verlassen, in einem unserer Häuser sicher zu sein, denn wenn unser Jäger uns schon einmal gefunden hatte…

„Angus, ich werde deine ungewollte Gastfreundschaft noch ein wenig ausdehnen! Hoffentlich nimmst du mir mein Verhalten nicht krumm!“

 

Es war wieder einmal unglaublich, wie lang ein Tag sein konnte, wenn man ausgeschlafen und satt war und nichts zu tun hatte! Ich hatte mich in ‚meinem’ Zimmer ein wenig breitgemacht, sogar das Bügeleisen, das ich in der Küche in einem Schrank fand, benutzt, um meine wenigen Klamotten etwas vorzeigbarer zu machen, hielt die benutzten Zimmer sauber und ordentlich und ging nur nach draußen, um von dem unter dem rückwärtigen Dach und im Schuppen gelagerten Holz hereinzuholen. Die einzigen Spuren, die auf die Anwesenheit eines Bewohners schließen lassen würden.

Aus Langeweile verbrachte ich dann den Donnerstag damit, zuerst Staub zu wischen und als das innerhalb kürzester Zeit erledigt war, das ganze Haus samt der Fenster zu putzen und mir abends aus den vorhandenen Vorräten eine ziemlich reichliche Mahlzeit zu kochen. Doch als auch diese Spuren in der Küche beseitigt waren und ich seufzend meine Fingernägel so gründlich wie lange nicht mehr manikürt hatte, hielt ich es nicht länger aus. Mit überaus schlechtem Gewissen ließ ich mich am Sekretär im Wohnzimmer nieder, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne – und fing damit an, den Papierkorb zu durchwühlen. Die wenigsten Leute achteten in ihren eigenen vier Wänden darauf, ob in ihrem Abfall etwas zu finden sein würde, was neugierige Einbrecher wie mich interessieren könnte.

Anders allerdings Angus, denn neben einer alten Zeitschrift, ein paar Werbeprospekten – offenbar mitgebracht aus den Geschäften in Fredericton – mehreren angefangenen und zerknüllten Briefen in einer klaren, schwungvollen Handschrift, die an eine Grace gerichtet waren und abgerissenen Kalenderblättern gab dieser nichts her. Nur die Tatsache, dass sie am zwanzigsten Dezember das Haus verlassen haben mussten. Ich hätte es mir denken können!

Zögernd musterte ich die beiden kleinen Schubfächer im Aufbau des Sekretärs, fuhr mit den Fingern über den dicken Holzknopf des ersten – und zog es auf. Es enthielt lediglich Briefpapier, Umschläge, Briefmarken und ein paar Postkarten von Fredericton. Etwas mutiger geworden zog ich am zweiten Schubfach… ein Album voller Fotos von den beiden Personen, die ich für Dorian und Phoebe hielt! Offenbar Bilder von ihrer Trauung. Ein paar davon zeigten auch ein etwas älteres Paar, zuletzt alle vier gemeinsam. Waren sie verwandt? Oder nur befreundet? Jedenfalls konnte ich keine große Ähnlichkeit zwischen ihnen feststellen… vielleicht in der Haltung und der Mund- und Kinnpartie von Tinker Bell und der braunhaarigen Frau…

Ich schob die Lade wieder zu.

Die offenen Fächer waren bis auf Schreibutensilien und Notizblöcke alle weitgehend leer. Ich rückte mit dem Stuhl ein Stück nach hinten. Die große Schublade war nicht verschlossen. Aber ich zog sie lediglich ein paar Millimeter weit auf, um sie sofort wieder zuzuschieben.

„Wie tief kannst du noch sinken?“ murmelte ich. „Nicht genug, dass du einbrichst, musst du jetzt auch noch in deren Sachen herumwühlen? Wenn sie wiederkommen, kommen sie wieder, ob du nun weißt, wo sie sind oder nicht! Und Angus ist nicht so selten blöd wie du und lässt irgendwo Hinweise rumliegen…“

Ich hielt es tatsächlich für unwahrscheinlich, hier irgendwo noch etwas zu finden, was mir ihren derzeitigen Aufenthaltsort bezeichnen könnte, schon gar keine Telefonnummern. Wir schrieben diese Dinge nirgendwo nieder, wir hatten unser hervorragendes Gedächtnis für so etwas. Wenn also Angus’ Partnerin nicht ebenso idiotisch wie ich war und schriftliche Unterlagen für jeden zugänglich aufbewahrte…

„Morgen werde ich meine Klamotten packen, ihnen ein paar erklärende Zeilen auf den Tisch legen und verschwinden.“ knurrte ich. „Was ich hier mache ist… abstoßend! Und ich unterhalte mich schon wieder mit mir selbst!“

Ich rückte den Stuhl wieder zurecht, kontrollierte sämtliche Türen und Fenster und löschte das Licht. „Zeit, dich wie eine erwachsene Person zu benehmen!“ murmelte ich auf dem Weg nach oben.

 

Ich hatte mein Bett frisch bezogen, schon vor dem Frühstück die Waschmaschine mit der benutzten Wäsche gestartet und anschließend sämtliche Spuren meines Aufenthaltes so gut es ging beseitigt. Der Holzvorrat neben dem Ofen war aufgefüllt, das Geschirr wieder im Schrank… nur die Vorräte würde ich zurzeit nicht ersetzen können. Nachdem ich den Wäschetrockner gefüllt und gestartet und im ganzen Haus noch ein letztes Mal Fenster und Türen kontrolliert hatte, nahm ich mir aus dem offenen Fach des Sekretärs ein Blatt und einen Stift und setzte mich in der Küche an den Tisch, um ein paar Zeilen zu schreiben.

Doch wie sollte ich das alles in wenigen Worten erklären? ‚Hallo Angus! Tut mir leid, dass ich bei euch eingebrochen bin, aber ich bin auf der Flucht vor meinem Jäger! Schöne Grüße, Meg’… Sollte ich wider besseres Wissen einfach meine Handynummer hinterlassen? Nein, keine schriftlichen Notizen, die zu mir führen konnten!

Dann kam mir eine Idee. Ich ging zurück ins Wohnzimmer, tauschte den Kugelschreiber gegen einen Bleistift und marschierte wieder in die Küche… wo ich mit wenigen, raschen Strichen eine grobe Skizze fertigte, die ich anschließend mit einigen wenigen ausführlicheren Details versah. Niemand außer Angus würde damit etwas anfangen können. Und unten drunter schrieb ich lediglich die Worte: „Mein Eindringen tut mir leid, aber ich brauchte Hilfe. Ich werde in unregelmäßigen Abständen wieder vorbeisehen in der Hoffnung, dich irgendwann anzutreffen. M.“

Nachdem ich etwa eine Stunde später die getrocknete Wäsche gebügelt, zusammengelegt und mein Gepäck geschultert hatte, verließ ich das Haus auf demselben Weg, auf dem ich gekommen war. Allerdings nicht in Richtung Stadt, sondern in den Wald, wo ich meine Spuren zu verwischen wissen würde.

IM HANDEL:

 

Band 14 schließt die Vampirreihe ab!

Im Buchregal (siehe oben) gibt es das 1. Kapitel als Lesehäppchen zum Appetit-holen. Es bleibt wie immer spannend und "romantasy"!

ISBN 978-3-7448-1642-7