Kerstin Panthel

 

 

„Die Konvergentin“

 

 

 

 

 

Band VIII der Reihe

 

 

 

 

Handlung, Namen und Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

 

 

 

 

 

 

 

© 2014 Kerstin Panthel. Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-7357-5762-3

 

 

 

 

 

Für meine beste Freundin „Lissi“,

auf die ich mich schon immer in guten

wie in schlechten Zeiten verlassen konnte.

 

Danke!

 

 

 

 

Konvergenten

Sie sind das unheilige Produkt derer unter uns / die sich nicht scheuen / mit einem ihrer Gegenbilder aus der Welt der schwarzen Künste eine unselige Verbindung einzugehen.

Flieht sie / so ihr sie seht / denn sie sind machtvoll und sie machen nicht Halt selbst vor jenen / die zu schützen sie eigentlich geboren sind!

 

Aus der Bulle des Raban Odo Rogelius, Anno Domini 1461

 

 

 

 

 

Teil 1

 

 

Davor

 

 

 

 

Kapitel 1

 

„Jada? Ich muss jetzt los! Wenn du noch etwas essen möchtest, dann musst du runterkommen und es dir aufwärmen!“

„Okay, Mum, ich komme gleich!“

Müde rieb ich über meine Augen und schloss zwei weitere Fenster auf dem Bildschirm. Ich hatte viel Zeit verloren, weil ich den größten Teil des Nachmittages mit den Nachwirkungen von höllischen Kopfschmerzen in der letzten Nacht im Bett verbracht hatte. Nicht mal die Tabletten, die Mum mir gegeben hatte, hatten wirklich geholfen. Was bedeutete, dass ich dafür heute wieder bis wahrscheinlich in die Nacht an meiner Hausarbeit würde basteln müssen; morgen war Abgabetermin und Mr. Carson war in dieser Hinsicht absolut erbarmungslos. Und im Gegensatz zu Sam, die ihre schon letzte Woche abgegeben hatte, musste ich noch ein bisschen daran feilen.

Ich hörte, wie Mum trotz meiner Zusage rasch die Treppe heraufkam und nach einem leisen Klopfen und meinem ‚Komm rein!’ erschien ihr Kopf mit der wuscheligen Igelfrisur im Türspalt.

„Dein Dad wird dich morgen zur Schule fahren; ich habe ihm gesagt, dass dein Wagen noch bis nachmittags in der Werkstatt ist. Und du solltest nicht allzu lange vor dem Computer sitzen, das dürfte alles andere als förderlich sein für deine Kopfschmerzen! Wie geht es dir inzwischen?“

„Schon wieder okay. Du hättest Dad nicht extra Bescheid sagen müssen, ich hätte auch mit Sam fahren können.“

Sie machte große Augen und kam einen weiteren Schritt ins Zimmer, blieb jedoch an der Tür stehen.

„Samantha ist wieder da? Drei Tage Unterricht verpasst… Weißt du, wo sie gewesen ist?“

Ich zuckte die Schultern. Wenn ich meine beste Freundin nicht noch tiefer in etwas hineinreiten wollte, in dem sie ohnehin schon bis zur Nase steckte, dann sollte ich mich mit eventuellen Ausreden am besten zurückhalten.

„Sie hat vorhin angerufen, aber ich habe sie nicht gefragt; sie klang müde und schien ziemlich geistesabwesend… Morgen will sie wieder zur Schule kommen.“

„Hauptsache, sie ist wieder da, würde ich sagen! Sue und Richard schienen mir am Telefon verdammt durcheinander und hilflos… Sam und blaumachen… Das Ganze sieht ihr nun wahrhaftig überhaupt nicht ähnlich. Ob sie ihnen einen Bären aufgebunden hat?“

Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. „Jedenfalls kann dein Dad auch mal was für dich tun, er macht es sich in letzter Zeit ein bisschen zu einfach… Nein, das war ein Scherz; er liebt dich und tut dir gerne diesen Gefallen, aber du kannst ihn auch anrufen, wenn es dir nicht recht ist.“

Meine Eltern waren seit meinem siebzehnten Lebensjahr geschieden, aber sie lebten nach wie vor in der gleichen Kleinstadt – Carlisle. Was natürlich für Gesprächsstoff unter Bekannten, Kollegen und Nachbarn gesorgt hatte, zumal Dad schon kurz nach der Scheidung Kathryn, seine neue Lebensgefährtin, kennenlernte und bald mit ihr zusammenzog.

Ich war damit von Anfang an besser zurechtgekommen als die uns genauestens beobachtende Allgemeinheit offenbar erwartet hatte – sowohl mit der Trennung und Scheidung als auch mit Kathryn. Wohl auch deshalb, weil meine Eltern das seltene Kunststück zustande gebracht hatten, sich in Freundschaft zu trennen. Und nicht lange nach diesem denkwürdigen Ereignis hatten sogar Mum und Kathryn einen unregelmäßigen und losen, aber mit der Zeit sehr freundschaftlichen Kontakt zueinander aufgebaut. Etwas, was dann wiederum mein Vater ab und zu ein bisschen misstrauisch beobachtete. Offenbar argwöhnte er, dass sie sich über das Zusammenleben mit ihm im Allgemeinen und über ihn als Person im Speziellen austauschen würden.

Ich wollte gar nicht wissen, ob es so war!

Jedenfalls funktionierte unsere seltsame Patchworkfamilie unglaublich gut und deshalb waren solche Bemerkungen wie die vorhin kaum einmal ernst gemeint. Auch wenn Mum der unerschütterlichen Ansicht war, dass ich die ‚mir zustehende Aufmerksamkeit meines Vaters’ regelmäßig in Anspruch nehmen solle!

Mum!“ dehnte ich nun. „Falls es dir entgangen sein sollte: Ich bin kein Kind mehr! Es ist unnötig, euch an meiner Stelle um solche Kleinigkeiten zu kümmern, ich komme schon zur Schule.“

„Schon gut, schon gut, ich war lediglich der Meinung, dass dein Dad das Privileg, dich zu chauffieren, ruhig noch einmal genießen sollte. Es wird ja schließlich bald genug endgültig vorbei sein.“

Sie warf schon wieder einen kontrollierenden Blick auf ihre Armbanduhr. „Jetzt muss ich wirklich los, ich komme sonst zu spät. Wir sehen uns morgen. Gute Nacht…“

Mum war Krankenschwester aus Leidenschaft und hasste sowohl im Beruf als auch privat kaum etwas so sehr wie Unpünktlichkeit. Wahrscheinlich würde sie daher auch heute eher zehn Minuten vor der Zeit ihren Dienst im Krankenhaus antreten, als auch nur eine Minute Verspätung zu riskieren.

„Dir auch!“ rief ich hinter ihr her. Die Tür hatte sie jedoch bereits wieder geschlossen und ich hörte, wie sie die Treppe hinunterlief und kurz darauf ihren Wagen aus der Garage fuhr.

Seufzend rieb ich erneut meine Augen und machte mich daran, ein letztes Mal meine Hausarbeit zu überarbeiten und mit den Quellenangaben zu versehen.

Knapp zwei Stunden später war ich endlich fertig damit; mir schwirrte schon wieder der Kopf und ein heftiges Pochen in meinen Schläfen erinnerte mich daran, dass ich tatsächlich viel zu lange vor dem Bildschirm gesessen hatte. Was sich ganz bestimmt am morgigen Tag rächen würde…

 

 

…was sich am darauffolgenden Tag tatsächlich rächte: Als ich am Morgen nach nur vier Stunden Schlaf aufwachte, fühlte ich mich, als ob ich mehrmals von einer Dampfwalze überrollt worden wäre. Weder eine kalte Dusche noch ein Kaffee, in den ich den Löffel mit einem Hammer hätte hineinschlagen können, machten es wirklich besser.

Dad war wie Mum natürlich unerträglich pünktlich und hupte einmal kurz, als er vor der Tür anhielt. Ich griff meine Tasche und stolperte die beiden Stufen vor der Haustür regelrecht hinunter.

„Morgen! Okay, hat dir heute schon jemand gesagt, dass du echt Scheiße aussiehst?“ Dads Miene zeigte eine Mischung aus Erheiterung und Sorge.

„Danke, sehr schmeichelhaft! Ich hatte vorletzte Nacht wieder Kopfschmerzen und weil ich deshalb nach der Schule zu kaputt war, durfte ich bis in die Nacht über einer Hausarbeit brüten, die ich heute abgeben muss… Gott sei Dank die Letzte! Hoffe ich jedenfalls…“

Er runzelte die Stirn.

„Kopfschmerzen? Das letzte Mal ist schon länger her… Willst du dich noch mal durchchecken lassen?“

Ich schüttelte den Kopf und warf erst meine Tasche nach hinten, dann mich selbst auf den Beifahrersitz. Dad fuhr seit einem halben Jahr stolz einen Hybrid von Toyota durch die Gegend. Der Umwelt zuliebe.

„Auf keinen Fall! Wenn ich zwei Jahre lang von einem Arzt zum anderen gelaufen bin und niemand etwas finden konnte, dann wird sich daran auch in Zukunft nichts ändern, Dad. Und solange sie in immer größeren Abständen kommen, werde ich nicht wieder mit einer solchen Odyssee anfangen!“

Dann musterte ich ihn etwas aufmerksamer und wechselte schnell das Thema. „Ähm… Wieso trägst du Jeans und Pullover? Sag nicht, du hast heute frei!“

Dad war Architekt in einem großen Büro und seine Kleidung bestand normalerweise aus Anzug, Hemd und Krawatte – etwas, worin er sich bis heute nicht sonderlich wohlfühlte.

„Dann sag ich es nicht!“ grinste er und gab Gas.

„Echt, das hättest du Mum gestern sagen können, als sie dich als Chauffeur hierher zitierte!“

Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, die wie Mums pechschwarz waren, auch wenn sie sich anders als ihre ständig lockten, sobald sie eine gewisse Länge überschritten.

Keine Ahnung, von wem ich meine roten Haare hatte! Niemand in unserer Familie war, soweit ich wusste, rothaarig und als Kind durfte ich mir so manches Mal blöde Scherze deswegen anhören. Das änderte sich erst, als sich das Karottenrot irgendwann während meiner Pubertät in mein jetziges dunkles Rot verwandelte, das weit weniger auffallend war. Halleluja!

„Oh, Abby wusste das! Das war ihre ureigene Methode, mir den Reinfall mit deinem Wagen heimzuzahlen. Aber dein alter Herr übernimmt trotzdem gerne noch mal diese Aufgabe, also mach dir keine Gedanken.“

Ich grinste breit. Mein ‚alter Herr’ war mal eben einundvierzig! Mum und er hatten geheiratet, als sie mit mir schwanger war; sie war noch keine neunzehn, als sie mich bekam, er gerade mal zwanzig.

Mir war auch klar, was er mit dem Reinfall meinte: Mum hatte ihn in den letzten beiden Wochen mehrfach darum gebeten, eine einfache Reparatur an meinem Auto vorzunehmen – das Auswechseln irgendeines Teils am Motor oder so; etwas, das er normalerweise selbst übernahm. Aber er war dauernd in Zeitnot und hatte sie daher immer wieder vertröstet – und so war zuletzt der Motor meines alten Toyotas, den ich von ihm geerbt hatte, nicht mehr angesprungen. Woraufhin ich ihn zu beider Ärger kurzerhand in die Werkstatt hatte schleppen lassen, wo er jetzt gleich noch ein paar weitere Innereien neu implantiert bekam, inklusive einer neuen Batterie. Trotzdem bestand Dad reumütig darauf, die Rechnung zu übernehmen und die heutige Chauffeuraktion war so etwas wie das Sahnehäubchen obendrauf. Laut der Darstellung meines Vaters jedenfalls.

Ich schüttelte den Kopf und schloss dann müde die Augen. Ich hatte wirklich Glück mit meinen Eltern – und keine Ahnung, wie ich den heutigen Tag überstehen sollte, ohne bei jeder sich bietenden Gelegenheit einzuschlafen!

 

Als am Nachmittag nach dem letzten Kurs der Gong ertönte, weckte er mich daher aus einem permanenten Dämmerzustand und ich war froh, als ich meinen Brummschädel durch die Tür nach draußen geschoben hatte. Es war wieder kalt heute und ein paar dünne Schneeflocken rieselten aus einem jetzt grauen Himmel, aber die frische Luft tat gut und machte mich endlich ein wenig wacher.

Obwohl ich mehrfach auf dem Eis, das sich stellenweise auf den Gehwegen gebildet hatte, rutschte und schlidderte, beeilte ich mich so gut es ging; Sam – Samantha – würde auf dem Parkplatz auf mich warten. Den ganzen Morgen über hatte ich Ausschau nach ihr gehalten, aber sie war entgegen ihrer Ankündigung zu keinem der Vormittagskurse aufgetaucht; erst nach der Mittagspause hatte ich sie gesehen, aber selbst da nur von Weitem. Sie war hastig durch den Flur gerannt, um noch rechtzeitig zu den Nachmittagskursen zu kommen, die ich heute nicht mit ihr gemeinsam hatte. Wie es aussah, war sie also erst kurz vorher erschienen. Ich wusste allerdings, dass sie heute noch eine Arbeit schreiben musste, für die sie nach den drei Tagen, in denen sie wer weiß wo gewesen sein konnte, hoffentlich genügend vorbereitet war. Sie rief mir nur kurz zu, dass sie jetzt keine Zeit mehr habe und nachher draußen auf mich warten würde und war schon um die Ecke verschwunden.

Jetzt brauchte ich allerdings einen Moment, bis ich sie ausfindig gemacht hatte, denn sie saß nicht wie vermutet bei laufendem Motor und hochgedrehter Heizung in ihrem Wagen, sondern lehnte trotz der Kälte an einem Laternenmast in der Nähe und schien nachdenklich ins Nirgendwo zu starren.

„Sam!“ rief ich, lief ein bisschen schneller und hatte kurz Mühe, mich auf den Beinen zu halten. Stellenweise war es tatsächlich spiegelglatt.

Erst als ich noch einmal rief sah sie auf und musterte mich; sie wirkte ernst, so als ob sie tatsächlich schwere Gedanken gewälzt hätte.

Sie und ich waren wahrscheinlich die Ältesten, die hier in Lexington noch zur Schule gingen – so kam es mir jedenfalls manchmal vor. Bei mir waren es meine inzwischen verschwundenen Anfälle und die vielen damit verbundenen Krankenhausaufenthalte, die ich als Heranwachsende gehabt hatte, die mich um insgesamt zwei Jahre zurückgeworfen hatten. Meine schulischen Leistungen waren eben schon immer hart erkämpft und Lücken hinterließen bei mir immer große Krater; bei ihr… Mir fiel nicht zum ersten Mal auf, dass ich sie eigentlich nie direkt danach gefragt hatte. Als sie hierherzog, besuchte sie bereits den gleichen Jahrgang wie ich; dass sie in meinem Alter war, erfuhr ich erst eine ganze Weile danach…

„Hi! Ich habe vorhin dein Auto nirgends gesehen und wollte fragen, ob ich dich mitnehmen…“ Sie unterbrach sich selbst, als ich jetzt nur noch ein paar Schritte entfernt war. „Was ist denn mit dir passiert? Hast du es letzte Nacht übertrieben?“ fragte sie und kam damit meiner Frage zuvor. Dann stieß sie sich von der Laterne ab und zog fröstelnd die Schultern hoch.

„Wenn Kopfschmerzen und wegen einer unfertigen Arbeit bis nach Mitternacht am Computer sitzen zählen, dann ja!“

Ich erntete einen mitfühlenden Blick.

„Das zählt, auch wenn ich etwas anderes gemeint habe. Ich dachte, das mit deinen Kopfschmerzen wäre langsam ausgestanden, du hattest lange keine Probleme mehr damit.“

„Dachte ich auch!“ versicherte ich ihr und hielt mit ihr Schritt, denn sie marschierte jetzt los. „Es kam wieder mal überraschend vorletzte Nacht und ich hab nach der Schule den ganzen Nachmittag im Bett verbracht…

Aber lenk jetzt bloß nicht ab, ich bin stinksauer auf dich und will jetzt wissen, wo du warst! Du verschwindest einfach mitten in der Woche spurlos und niemand wusste etwas! Keine Ahnung, was du getrieben hast, aber ich hab mir Sorgen gemacht! Deine Eltern haben bei uns angerufen, irgendwas von Schulausflug und unterrichtsfrei gefaselt und wollten wissen, warum ich nichts davon weiß. Meine Mutter hat das mitgekriegt, Sam! Und auch wenn deine Eltern am Telefon erstaunlich gefasst klangen, kann ich mir vorstellen, dass sie in Wirklichkeit vollkommen durch den Wind waren. Was hast du denen bloß erzählt? Ich wollte dich nicht noch weiter reinreiten und hab den schlimmsten Blödsinn meines Lebens von mir gegeben, um dich zu decken. Und hab so schnell es ging aufgelegt. Aber da ich ja nicht informiert war, konnte ich dir auch kein hieb- und stichfestes Alibi verschaffen! Wobei ich, nebenbei bemerkt, nur äußerst ungern Märchen erzähle…“

„Die beiden haben sich inzwischen wieder beruhigt. Es war… etwas Persönliches. In der Schule habe ich gesagt, dass ich krank war, wenn also jemand fragt… Hör mal, wenn du nichts dagegen hast, dann würde ich gerne einen Zahn zulegen, ich habe einiges aufzuholen und Mum und Dad bestehen jetzt natürlich auf pünktliche Heimkehr. So wahnsinnig beschwichtigt sind sie nun doch noch nicht!“

Obwohl sie dabei ein schiefes Lächeln zeigte, schien sie doch in Gedanken ganz woanders zu sein. Und auch sie sah nicht viel besser aus als ich mich fühlte, sie sah müde aus. Sehr müde!

Ich hingegen war einen Moment lang sprachlos. Sie verschwand ohne ein Wort und kam Tage später ohne jede Erklärung wieder nach Hause und zur Schule. Ohne auch nur eine Andeutung zu machen, was sie in der Zeit getrieben hatte oder wo sie gewesen war! Ich blieb stehen und wartete darauf, dass auch sie stehen bleiben und sich umdrehen würde – doch sie ging einfach weiter, woraufhin ich mich beeilte, sie wieder einzuholen.

„Das ist alles, was du dazu sagst? Ich fasse es nicht! Ich bin deine beste Freundin, hab in den letzten Nächten kaum ein Auge zugetan und war tagsüber zu nichts zu gebrauchen! Und wenn ich es mir recht überlege, dann bist du im letzten halben Jahr ziemlich oft übers Wochenende einfach irgendwohin verschwunden, mindestens einmal im Monat! Hast du einen Typen kennengelernt, den du mir unterschlägst? Willst du mir überhaupt irgendetwas dazu sagen?“

„Eigentlich nicht, nein. Weil es da nichts zu erzählen gibt. Ich war ein paar Mal in Boston und hatte jetzt von einem Bekannten eine spontane Einladung nach Kanada…“

„Kanada? Du warst in diesen drei Tagen mal eben in Kanada?“ fragte ich entgeistert. „Wo denn da? Und welcher Bekannte, bitte schön? Sam, du warst nicht mal auf dem Handy erreichbar, keine Ahnung, wie viele Nachrichten ich dir auf der Mailbox hinterlassen hab! Eine einzige SMS mit drei Worten: Melde mich später! Sonst nichts! Und jetzt, wo du wieder da bist, hüllst du dich in Schweigen?“

„Jada, lass es! Ich habe einen ziemlich großen Fehler gemacht, okay? Und ich versuche gerade, ein paar Sachen für mich auf die Reihe zu bringen, an denen ich ziemlich zu kauen habe!“

Sie klang halb missmutig und halb resigniert, öffnete die Türen ihres quietschgelben Citroëns und beförderte ihre Tasche auf den Rücksitz.

Ich tat es ihr gleich und sah sie vorwurfsvoll an.

„Gut, das kann ich ja verstehen, schließlich steht jedem im Leben wenigstens ein schwerer Fehler zu. Aber ich fasse nicht, dass du mir nichts erzählen willst! Ich will dir doch nur helfen und wir haben uns immer alles erzählt! Verdammt, Sam, du weißt sogar von meinem missglückten Versuch, mir ein Tattoo machen zu lassen…“ Bei dem ich noch vor Beginn in Ohnmacht gefallen war! Echt heldenhaft!

Ein etwas schiefes Grinsen erschien auf ihrem Gesicht, doch es erreichte ihre Augen nicht. Was war bloß mit ihr los?

„Ich hab dir damals prophezeit, dass du es nicht durchziehen würdest! Weil du keine Nadeln sehen kannst, nicht mal diese winzigen zum Tätowieren!“

Ich schnaubte und stieg ein.

„Da hinten hätte ich sie nicht gesehen! Wenn die nicht vorher mit dem Ding vor meiner Nase herumgefuchtelt hätte…“

„…dann hättest du jetzt eine Rose auf dem Hintern, ja! Überhaupt: Wer lässt sich heute noch eine Rose auf den Hintern tätowieren!?“ Sie fuhr los, immer noch grinsend.

Ich sah sie von der Seite an. „Es war nicht der Hintern, es war die Hüfte! Und ich finde ganz einfach die Symbolik dahinter toll! Wusstest du, dass sie in Europa schon seit dem Altertum unter anderem für Verschwiegenheit steht? Alles, was ‚sub rosa’ geredet wurde, durfte nicht nach außen dringen. Ich kann also die Klappe halten! Jetzt erzähl schon: Irgendetwas ist passiert in den letzten Tagen, du wirkst total anders!“

Schlagartig veränderte sich ihr Gesichtsausdruck wieder und sie starrte nach vorne.

„Hat dieser Bekannte dich etwa… Ich meine, hat er dich gegen deinen Willen…“

„Nein! Nichts in dieser Richtung, Jada! Nicht mal annähernd…“

„Was dann? Ich sehe dir doch an, dass du ziemlich fertig bist!“

Sie schüttelte den Kopf ohne zu antworten. Ich wartete noch ein paar Minuten, in denen ich sie nicht aus den Augen ließ, aber sie presste nur die Lippen zusammen und schwieg.

„Wie du meinst!“ meinte ich daher verletzt. „Kannst du mich an der Werkstatt absetzen? Mein Wagen dürfte fertig sein…“

„Klar…“

Ich wandte den Kopf zur Seite und starrte aus dem Fenster. Den größten Teil der Fahrt verbrachten wir nun schweigend, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. In mir brodelte eine Mischung aus Sorge und Verletztheit. Jedes Mal, wenn ich sie möglichst unauffällig von der Seite ansah, schien sie es zu bemerken und presste ihre Lippen erneut zusammen. Erst als sie vor der Autowerkstatt anhielt, warf sie mir einen Blick zu, aus dem mich ihr schlechtes Gewissen förmlich ansprang!

„Jada, glaub mir, ich würde es dir erzählen, wenn ich könnte… aber es geht einfach nicht! Hast du denn noch nie etwas für dich behalten wollen oder müssen, was du keiner Menschenseele erzählen wolltest oder durftest?“

Ich atmete langsam aus. Müssen und dürfen? Sollte das heißen, jemand setzte sie unter Druck? Wohl kaum, denn wer sollte das bewerkstelligen können? Und womit? Daher schüttelte ich den Kopf.

„Nein. Nicht vor dir jedenfalls! Ich glaube manchmal, du kennst mich besser als ich mich selbst, so viel weißt du von mir! Es kränkt mich, dass du mir nicht genug vertraust, aber ich werde nicht mehr danach fragen, okay? Lassen wir es einfach dabei, ich werde mich schon damit abfinden.“

Sie biss sich auf die Unterlippe und eine kleine Sorgenfalte erschien zwischen ihren Augenbrauen.

„Es tut mir leid, das musst du mir glauben! Warte!“ hielt sie mich auf, als ich schon die Tür geöffnet hatte. „Da ist allerdings etwas, was du wissen solltest. Du sollst es als Erste erfahren: Ich werde, sobald ich den Abschluss in der Tasche habe, für eine Weile nach Europa gehen… Ich weiß noch nicht genau, für wie lange, ein paar Monate vielleicht…“

Ich zog die Tür noch einmal zu, um die Kälte auszusperren und starrte sie bestürzt an.

„Du willst was? Was ist mit der Uni? Wir wollten zusammen… Und wieso Europa? Wohin da überhaupt?“

„In die Gegend von Carlisle.“ meinte sie.

Wollte sie mich jetzt auf den Arm nehmen?

„Carlisle an der englisch-schottischen Grenze.“ ergänzte sie geduldig.

„Und seit wann weißt du das? Seit wann hast du das geplant?“ stieß ich schnaubend hervor. Ich kannte diese Samantha überhaupt nicht mehr, sie war wie ausgewechselt und wie eine Unbekannte für mich!

Sie senkte den Blick. „Das hat sich in den letzten Tagen erst ergeben…“ meinte sie.

„Ach ja, die letzten Tage, über die du mir nichts sagen kannst! In Kanada! Und was zum Geier willst du in der Gegend von Carlisle an der englisch-schottischen Grenze? Oder ist das auch geheim?“

Wieder biss sie sich auf die Unterlippe und sah mich mit um Verständnis bittendem Blick an.

„Jada, ich weiß genau, wie verletzt du jetzt bist, aber…“

„So, das weißt du?“ unterbrach ich sie. Ich schaffte es nicht mehr, mich zu bremsen und machte mir Luft. „Wenn du das so genau weißt, warum änderst du nichts daran? Es ist nicht so, dass ich es nicht auch für eine tolle Idee halte oder dir nicht gönne, für unbestimmte Zeit nach Europa zu gehen und einfach eine Auszeit zu nehmen, aber es ist mir schleierhaft, wie so ein Plan innerhalb von drei Tagen entstehen und deine langjährigen Pläne mit einem Mal so vollständig über den Haufen werfen kann! Wer bist du und was hast du mit Sam gemacht? Was immer du mir sagst, ich werde es niemandem weitererzählen, das solltest du eigentlich wissen! Ich dachte jedenfalls, dass du das weißt…“

Sie holte Luft und hielt dann den Atem an. Und schwieg.

„Schon gut, stimmt ja, ich habe versprochen, keine Fragen mehr zu stellen! Danke fürs Mitnehmen, ich habe ab morgen wieder meinen eigenen Wagen. Grüß deine Eltern von mir. Wir sehen uns ja dann; ich bin die, die sich Sorgen um dich gemacht hat und die in der Schule für gewöhnlich neben dir sitzt…“

So schnell ich konnte war ich aus dem Auto ausgestiegen und hatte meine Tasche vom Rücksitz geholt.

„Jada, bitte! Du bist meine beste Freundin…”

Ich beugte mich noch einmal ins Auto und ließ durchblicken, wie gekränkt ich war.

„Ja, das bin ich wirklich, Sam, jedenfalls von meiner Seite aus betrachtet! Du bist inzwischen meine einzige wirkliche Freundin! Es ist schön, dass du das noch nicht vergessen hast, auch wenn du dich im Augenblick nicht so benimmst!“

Ein einziges, leises Wort war die Antwort: „Bitte!“

Ich atmete einmal tief durch, dann wandte ich den Blick ab.

„Schon gut… Ich werde mich wohl damit abfinden und dieses Thema einfach als tabu betrachten. Wir sehen uns also vermutlich am Montag in der Schule. Jetzt muss ich erst mal sehen, dass ich nach Hause komme und ein bisschen Schlaf nachhole… Mach‘s gut…“

Ein unsicheres Lächeln erschien in ihren Mundwinkeln, als ich sie wieder ansah.

„Okay… Bye…“

 

Das Haus war leer, als ich es betrat. Ich fand lediglich einen Zettel von Mum auf dem Küchentisch. Sie war zum Einkaufen unterwegs und schlug vor, uns abends eine Pizza kommen zu lassen. Sie war eine gute Köchin, aber das war nicht gleichbedeutend damit, dass sie auch gerne kochte. So läutete sie ein dienstfreies Wochenende am Freitagabend gerne mit einem ‚gesponserten’ Festmahl ein. Ich griff also zum Kugelschreiber, der noch immer daneben lag, schrieb meinen Pizzawunsch einfach unter ihre Notiz und verzog mich dann nach oben, um eine Weile ungestört zu sein.

In meinem Zimmer angekommen warf ich frustriert meine Tasche auf den Stuhl und ließ mich aufs Bett fallen. Ich konnte es immer noch nicht fassen! Sam verschwieg mir etwas, das ganz eindeutig von solch substanzieller Bedeutung für sie war, dass es ihr gleich mehrere schwere Lügen wert war, ihr sichtlich naheging und ihr gesamtes Wesen innerhalb von wenigen Tagen um hundertachtzig Grad gedreht hatte. Und ich konnte im Moment offenbar nur hoffen, dass das nicht so bleiben würde. Sie war eine der offensten und warmherzigsten Personen die ich kannte und die schon immer großen Anteil an allem um sich herum nahm. Sie war immer gut gelaunt, ausgeglichen und mitfühlend und hatte stets ein Ohr für jeden… Ich kannte eigentlich niemanden, der sie nicht mochte, auch wenn sie es aus irgendeinem Grund vorzog, mit mir alleine herumzuhängen.

Etwas, was ich tatsächlich nie so ganz verstanden hatte. Sie und ihre Eltern waren vor knapp drei Jahren hierher nach Carlisle gezogen, weil die Firma, für die ihr Vater arbeitete, ihn auf der Karriereleiter nach oben und nach Boston ‚befördert’ hatte und ich lernte Sam erst richtig kennen, als wir im darauffolgenden Jahr viele Kurse gemeinsam hatten. Das war, als ich zum zweiten Mal ein Jahr wiederholen musste und kurz nachdem meine unerklärlichen Anfälle endlich aufgehört hatten. Sie war damals fast sofort auf mich zugekommen und nahm mich anfangs regelrecht unter ihre Fittiche. Mir war es wie eine Fügung erschienen, denn alle meine alten Freunde verließen die Highschool natürlich in diesem Jahr; ich fühlte mich ziemlich alleine unter lauter neuen Gesichtern. Und da Sam offenbar irgendwann auch einmal zwei Jahre hatte wiederholen müssen – was ich bei ihren Leistungen nie hatte nachvollziehen können! –, hatten wir nun beide bereits das sehr reife und weise Alter von einundzwanzig Jahren erreicht – sie letzten Juni, ich drei Wochen später im Juli.

Doch die Sam, die heute neben mir im Auto gesessen hatte…

Ich zog mir die Decke über den Kopf, sprang dann jedoch noch einmal auf, um mein altes ‚Kein Zutritt!’-Schild aus den Tiefen meines Schrankes zu suchen und von außen an meine Tür zu hängen. Mum hatte es schon immer respektiert, wenn ich alleine sein wollte und würde es auch heute wieder tun.

Keine zehn Minuten später war ich eingeschlafen und träumte von einer vollkommen fremden, distanzierten Sam, die mir am Flughafen gelassen zum Abschied zuwinkte, um in ein graues, nebliges Großbritannien zu entschwinden…

 

Erst ein unnachgiebiges Klopfen weckte mich wieder. Mum rief leise, dass die Pizza gerade geliefert worden sei und ob ich nicht endlich runterkommen wolle.

Schlaftrunken richtete ich mich auf und griff nach meinem Wecker. Halb acht!

„Komm rein! Ich bin eingeschlafen…“

Die Tür öffnete sich. Mum war bereits in ihren ältesten Jogginghosen, dicken Stricksocken und einem viel zu großen Sweatshirt für das Wochenende gerüstet und sah mich nun missbilligend an. „Wie lange hast du gestern noch gearbeitet?“

Ich schob seufzend die Beine aus dem Bett und zog meinen Pullover über den Kopf. Für einen Moment konnte ich nichts sehen, denn meine Haare hatten sich offenbar statisch aufgeladen und klebten teilweise an meinem Gesicht. Ich sah vermutlich aus wie ein Irish Setter, der mit feuchter Nase an einer Steckdose geschnüffelt hatte.

„Wolle!“ murmelte ich unwillig und strich über meinen Kopf. Es knisterte, als ich den Pullover fortlegte. „Frag lieber, wie lange ich heute noch gemacht habe! Die Arbeit musste heute abgegeben werden und weil ich nachmittags nicht mehr dazu gekommen bin… Es fehlten noch ein paar Sachen…“

Während auch ich mich schnell in meinen ältesten Jogginganzug warf, versuchte ich, ihren vorwurfsvollen Blick zu ignorieren. Aber als ich sie Luft holen hörte, unterbrach ich sie, bevor sie richtig anfangen konnte. „Du kannst dir deine Vorwürfe sparen, ich weiß selbst, dass ich mal wieder bis zum letzten Moment…“

„Das wollte ich gar nicht sagen, ich weiß schließlich noch, dass das letzte Jahr es ziemlich in sich hat! Das war bei mir zwar kurz nach dem Sezessionskrieg, aber ich erinnere mich, als ob’s gestern gewesen wäre… Damals, als Frauen noch echte Frauen waren und Männer noch echte Männer…“ dehnte sie seufzend.

Ich kicherte.

„Oh! Ja dann… Was wolltest du sagen?“ folgte ich ihr die Treppe hinab und fuhr noch mehrmals mit den Fingern durch die Haare. Auf dem Wohnzimmertisch lagen zwei Pizzaschachteln und neben jeder stand ein Glas frisch gepresster Orangensaft: Die Entschuldigung an den ansonsten halbwegs gesunden Speiseplan?

Ich ließ mich auf das Sofa fallen und sah sie neugierig an.

„Ähm… Ich dürfte dir das eigentlich nicht erzählen… Schweigepflicht… Aber heute früh ist Samanthas Grandma ins Krankenhaus eingeliefert worden. Ich wollte gerade nach Hause, als sie sie brachten, und bin noch geblieben…“

„Oh nein! Ist es was Schlimmes?“

„Nein… Na ja, wie man es nimmt! Sie hatte einen leichten Herzinfarkt. Nicht gerade selten in ihrem Alter…“

Ich biss mir auf die Unterlippe. Die Pizza war vergessen. „Und ich habe mich heute mit Sam gestritten! Ob sie deshalb so spät dran und so durch den Wind war?“

„Sam war durch den Wind? Sie hat ihre Grandma persönlich ins Krankenhaus gefahren, zusammen mit ihrem Dad. Und sie erschien mir ausgesprochen gefasst! Wir haben sogar noch kurz miteinander geredet. Deshalb und weil wir uns gut kennen, interpretiere ich das jetzt auch einfach mal eigenmächtig so, dass ich dir davon erzählen darf… Was war denn?“

Ich erzählte ihr von unserem Gespräch, ließ allerdings ein paar wesentliche Details fort, damit sie Sams Eltern gegenüber keine verfänglichen Bemerkungen machen konnte. Schließlich wusste ich immer noch nicht, was es mit ihrem Verschwinden auf sich und was sie zu ihnen gesagt hatte.

Mum sah mich ernst an. „Ich mische mich ja normalerweise nicht in solche Dinge ein, aber auch wenn Sam deine Freundin ist, hat sie das Recht, ein paar Dinge für sich zu behalten. Ich finde es nicht richtig, jemanden zu bedrängen, egal, ob nun dessen Großmutter gerade ins Krankenhaus gekommen ist oder nicht. Normalerweise ist Sam die Vernunft in Person, wer weiß also, warum sie jetzt nicht darüber reden will. Versuch, dich in ihre Lage zu versetzen, Jada. Wenn sie dir etwas erzählen will, dann wird sie schon noch zu dir kommen!“

Ich atmete aus. Vermutlich hatte sie recht, ich hatte wohl eher aus verletztem Stolz und Sorge so überreagiert. Ganz sicher hatte sie recht…

„Was ist denn nun mit ihrer Granny?“

Sie zuckte die Schultern, nahm sich das erste Stück ihrer Pizza aus der Schachtel und nuschelte: „Sie wird eine Nacht zur Beobachtung bleiben, es war wie gesagt nur ein kleiner, vergleichsweise harmloser Herzinfarkt… Wenn nichts weiter passiert, wird sie morgen noch ein paar Medikamente bekommen und planmäßig in die Obhut ihres Arztes entlassen…“

Ich nickte wortlos. Und ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dies doch in irgendeinem Zusammenhang mit Sams seltsamem Verhalten heute stehen könnte, auch wenn es ihre Geheimniskrämerei nicht erklärte.

 

Am nächsten Mittag stand ich vor ihrem Haus und läutete. Sie öffnete mir die Tür bereits, kaum dass der Gong ganz verklungen war. Und sie sah zwar immer noch müde aus, aber wenigstens nicht mehr ganz so bedrückt.

„Hi!“ grüßte sie mit einem breiten Lächeln. „Ich habe dich durchs Fenster schon gesehen. Toll, dass du kommst, komm rein!“

„Hi… Ich hab das mit deiner Granny gehört. Ich hoffe, es ging in Ordnung, dass Mum mir davon erzählt hat…“

„Klar! Ich habe ihr doch gesagt, dass sie es dir erzählen darf! Ich war einfach nur froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen…“

„Oh… Okay. Ich hab es gestern Abend erfahren. Tut mir echt leid… Mein Verhalten und das, was mit deiner Granny passiert ist. Geht es ihr wieder besser?“

Sie schloss die Tür hinter mir und nickte. „Ja… Mum und Dad haben sie heute Vormittag abgeholt und erst mal zu ihrem Arzt gefahren – der wurde gleich gestern Morgen informiert und wollte sie noch heute sehen; sie sind im Augenblick noch bei ihr, aber ich nehme an, dass sie bald nach Hause kommen werden. Mum zumindest. Wollen wir in mein Zimmer?“

Ich zog meine Jacke aus und zuckte mit der Schulter. „Klar…“

Schweigend folgte ich ihr die Treppe hinauf. Jetzt wo ich wusste, dass ihre Grandma das Schlimmste wohl hinter sich hatte, fühlte ich mich auf einmal irgendwie fremd ihr gegenüber. Oder eher gehemmt. Ganz sicher auch – trotz Mums Hinweis – immer noch etwas gekränkt. Eine völlig neue Erfahrung, aber ich wusste im Grunde genau, wieso ich so empfand. Und auch sie schien ähnlich befangen, denn sie bot mir verlegen lächelnd an, auf dem einzigen Stuhl Platz zu nehmen, während sie sich auf ihr akkurat gemachtes Bett fallen ließ. Normalerweise warfen wir uns automatisch auf ihre Schlafstätte…

Um das unangenehme Schweigen zu brechen fragte ich: „Ähm… Was machst du grade? Ich meine, bevor ich gekommen bin.“

„Ich habe gelesen… Ich bin immer noch nicht durch mit dem tragischen dänischen Prinzen, aber bis Montag werde ich es wohl schaffen… Und du? Was machst du heute Abend?“

Ich zuckte erneut mit den Schultern.

„Keine Pläne… Vielleicht sollte ich auch das Wochenende mit büffeln verbringen, so gut sind meine Noten schließlich nicht! Ja, ich glaube, das mache ich!“

Sie grinste plötzlich – ein bisschen so wie die frühere Samantha.

„Heute ist Samstag! Wie wäre es stattdessen endlich mit einem Date mit Ben? Der setzt sich in Biologie seit Neuestem immer direkt hinter dich, ist dir das entgangen? Schon bevor er seiner Jane vorletzte Woche den Laufpass gegeben hat, hat er dir oft genug schmachtende Blicke zugeworfen und wartet nur darauf, bei dir zu landen…“

Ich erwiderte ihr Grinsen. Ben – eigentlich Bennington – Knight! Ganz bestimmt nicht!

„Selbst Schuld, sie passten irgendwie zusammen: Er Tarzan, sie Jane! Schmachtende Blicke! Ich stehe nun mal nicht auf Jüngere. Und woher willst du wissen, ob diese Blicke nicht dir gelten? Du sitzt neben mir.“

Für einen Moment war es wirklich fast wie früher. Gefühlt zumindest…

„Er hat dich letzte Woche gefragt, ob du nicht mal etwas mit ihm unternehmen willst, nicht mich. Und er ist gerade mal ein Jahr jünger als wir.“

„Eineinhalb! Er ist noch ein Kind und benimmt sich auch so! Und er ist nicht mein Typ…“

Sie hob eine Augenbraue, dann meinte sie ironisch: „Ja, wohl eher nicht. Wer mag schon gut aussehende, sportliche Typen wie Ben!?“

Ich erhob mich. Dieses Gespräch ging deutlich an dem vorbei, was ich eigentlich am Liebsten zur Sprache gebracht hätte. Unbehaglich drehte ich eine Strähne meiner Haare zwischen meinen Fingern und beobachtete durch das Fenster, wie draußen ein Kombi vorfuhr und Sams Mum ausstieg. Alleine. Ihr Mann war sicher noch zu besorgt um seine Mutter und würde wahrscheinlich noch eine Weile bei ihr bleiben wollen. Aber auch dieser Gedanke nahm nur einen ganz kleinen Teil meiner Überlegungen ein…

Ich bemühte mich um einen ruhigen und gelassenen Tonfall.

„Sam, was ist mit England? Ich meine, wenn du schon dahin gehst… Ich hab mir die halbe Nacht den Kopf zerbrochen, weshalb du deinen Platz an der Uni…“

„Jada…“ unterbrach sie mich gequält, dann jedoch seufzte sie. „Ich will einfach ein bisschen was von England und von Schottland sehen. Es kann sein, dass meine Vorfahren von dort kommen, aus der Gegend von Carlisle, weißt du… Und meinen Studienplatz hab ich noch, das ist geregelt. Ich kann immer noch ein Semester später anfangen.“

Ich stieß den Atem aus. Ein volles Semester! Wie hatte sie das mit ihrem Studienplatz so schnell regeln können? Immerhin hatte sie mit ihren Superleistungen ein Stipendium ergattert, das würde ganz sicher nicht bis dahin aufgeschoben. Und sie rechnete also bereits fest damit, dass ihr Aufenthalt so lange dauern würde, nicht nur ein paar Wochen. Nun, ihre Eltern verdienten beide ziemlich gut, sie konnte es sich leisten, ein Stipendium verfallen zu lassen und sie würde auch nach einem halben Jahr Lernpause mühelos wieder in alles hineinfinden, anders als ich.

Ich atmete leise einmal tief durch – und kapitulierte. Ich sollte wohl wirklich auf Mum hören. Ich war einfach nur zu egoistisch – schließlich mochte ich Sam. Etwas mühsam schraubte ich ein kleines Lächeln auf mein Gesicht und drehte mich zu ihr um.

„Ich glaube, ich sollte mich bei dir entschuldigen. Ehrlich, das klingt toll und ich freue mich für dich. Ich wusste gar nicht, dass ihr aus England stammt…“

„Meine Familie väterlicherseits. Und in welcher Generation ist noch nicht ganz geklärt, ich fange gerade erst an, nach unseren Wurzeln zu suchen… Wer weiß, vielleicht finde ich noch ein paar verwitterte Grabsteine mit ihren Namen drauf…“

Ich schauderte kurz bei diesem Gedanken. „Grabsteine! Okay, jedenfalls eine Gelegenheit, die du nutzen solltest. Ich werde dich allerdings vermissen und dir deshalb ein höllisch schlechtes Gewissen machen…“

Sie beugte sich vor. „Glaub mir, das habe ich sowieso schon und ich werde dich auch vermissen. Aber ich bin echt froh, dass du nicht mehr sauer auf mich bist.“

Sie sah tatsächlich erleichtert aus.

„Na ja, wer weiß…“ tat ich es locker ab – und es fiel mir schon nicht mehr ganz so schwer wie noch gestern. „Vielleicht erzählst du es mir ja doch noch, irgendwann.“

„Ja, wer weiß das schon…“ entgegnete sie leise und warf mir einen Blick zu, den ich nicht recht deuten konnte.

Und auf den hin ich nicht wieder erneut nachfragen würde! Ich warf einen Blick auf ihren Schreibtisch.

„Hamlet, hm? Dann hab ich dir ausnahmsweise mal etwas voraus, denn den hab diesmal ich schon gelesen… Wollen wir?“

„Klingt gut!“

 

 

 

Die darauffolgenden Wochen schienen wie im Flug zu vergehen. In sämtlichen Kursen wurde Gas gegeben und ich hatte zuletzt den Eindruck, überhaupt nicht mehr aus dem Lernen herauszukommen. Wodurch in gewisser Weise ein Tag wie der andere erschien, weil jeder gleich ablief und man uns nur noch mehr aufhalste. Mir zumindest, denn Sam machte nach wie vor den Eindruck, als ob sie all den Stoff wie ein Schwamm mühelos in sich aufsaugen würde.

Ich sah sie außerhalb der Schule kaum noch, es sei denn, wir lernten zusammen für die eine oder andere Arbeit. Aber nach und nach entspannte sich unser Verhältnis dadurch auch wieder und für eine Weile konnte ich mir einbilden, dass Sam wieder nur Sam war. Nur manchmal ertappte ich sie dabei, dass sie anders als früher ganz plötzlich vollkommen abwesend aus dem Fenster starrte oder dass sie, wenn ich überraschend bei ihr auftauchte, schnell ein Fenster auf ihrem Laptop schloss oder einmal sogar ein Telefonat hastig unterbrach. Und das erinnerte mich daran, dass sie immer noch etwas vor mir verheimlichte, was ihr sogar nach Wochen noch ziemlich zu schaffen machte.

Ich war mehrfach kurz davor, sie nochmals danach zu fragen und konnte dann nur schwer an mich halten. Was schließlich zur Folge hatte, dass ich von mir aus mehr und mehr auf Distanz zu ihr ging, so als ob ich mir dadurch den Abschied leichter machen würde. Wenn sie schon innerlich und äußerlich zurückhaltend auf meine diesbezüglichen Fragen oder Blicke reagierte, dann würde ich es nicht weiter darauf anlegen und mich zurückziehen. Auch wenn es immer noch wehtat.

Alles andere ging in dieser Zeit mehr oder weniger an mir vorbei, meine Gedanken drehten sich zuletzt kaum mehr um etwas anderes als den bevorstehenden Abschluss (Himmel, der April war schon bald vorüber!). So fiel ich daher aus allen Wolken, als eines Mittags – ich war vertieft in meine Unterlagen für Mathematik, ein Buch mit sieben Siegeln! – Ben Knight mit dem Tablett in der Hand neben unserem Tisch auftauchte – und, anstatt wie sonst betont langsam vorbeizugehen, stehen blieb. Sein fast schon exzessiv betriebenes Leichtathletiktraining hatte ihm tatsächlich vor allem im letzten Jahr ein paar ansehnliche Bizepse und auch sonst ein paar nicht zu übersehende Muskeln beschert und Sam hatte schon recht, er war eigentlich ein gut aussehender Typ. Aber er war sich dessen auch ein bisschen zu sehr bewusst und verhielt sich meines Erachtens ziemlich eingebildet.

Ich mied ihn! Tarzan! Ich stellte mir unwillkürlich vor, wie er das volle Tablett fallen lassen würde, um sich brüllend mit den Fäusten auf der nackten Brust herumzutrommeln und beugte mich noch ein bisschen tiefer über die Seiten, damit er mein Grinsen nicht sah!

Als er sich im gleichen Moment, in dem dieses Bild in meinem Kopf auftauchte, laut räusperte, fing Sam plötzlich an, wie eine Verhungernde ihr Mittagessen in sich hineinzuschaufeln. Nicht genug: Sie rückte sogar ein Stück von mir ab, so als ob sie rasch verschwinden und uns ein bisschen mehr Privatsphäre verschaffen wollte – was unter so vielen Zeugen absoluter Blödsinn war. Die Mädchen des Abschlussjahrganges tuschelten seit Wochen aufgeregt darüber, wen er nach Jane anbaggern und zum Abschlussball einladen würde, und behielten jeden seiner Schritte im Auge. Und nicht nur die, die Singles waren! Ich warf Sam hinter dem Vorhang meiner Haare hervor dennoch einen bösen Blick zu und sah erst auf als er mich ansprach, weil ich offenbar nicht auf sein Räuspern zu reagieren gedachte.

„Hi, Jada! Ist der Platz hier noch frei?“

Anscheinend ging er zum Angriff über, da ich ihn bisher immer erfolgreich abgewimmelt hatte.

„Hi. Ähm… Ja, sieht so aus.“ wedelte ich nachlässig mit meinem Mathebuch und schaffte es mit Mühe, ernst zu erscheinen.

Er grinste und ließ sich sofort auf dem Stuhl mir gegenüber nieder.

„Mathe, hm? Gut, wenn das alles bald vorbei ist! Äh…“ Er fingerte an seiner Flasche Cola light herum und öffnete den Verschluss. „Apropos vorbei… Ich habe mich gefragt, ob du schon jemanden hast für den Abschlussball… Wenn nicht, dann möchte ich dich nämlich fragen, ob du mit mir dahingehen willst!“

Sein Tonfall ließ durchblicken, dass er nicht fragte, sondern mir mit dieser Mitteilung eine Ehre zuteilwerden ließ. Glücklicherweise hatte ich mir rechtzeitig ein Stück Apfel in den Mund geschoben und bekam daher ein paar Sekunden Gnadenfrist, bevor ich meine Antwort geben musste.

Ein paar Mädchen aus unserem Jahrgang kamen lachend und sich laut unterhaltend näher, unter ihnen Jane. Natürlich, bei meinem Glück! Und natürlich entdeckte sie Ben an unserem Tisch, was sie mitten im Satz verstummen ließ und mir sofort einen misstrauischen und stechenden Blick von ihr eintrug. Sonst beachtete sie mich grundsätzlich nicht…

Toll! Was konnte ich dafür, dass ihr Ex sich Hoffnungen auf ein Date mit mir machte?!

„Oh… Ähm, das ist nett von dir, Ben, wirklich, aber ich glaube, ich werde gar nicht zum Ball kommen. Nicht, dass ich nicht mit dir gehen möchte… Auf den Ball, meine ich.“ fügte ich hastig an. „Aber das ist nichts für mich, echt! Nichts für ungut!“

Sams Blick bohrte sich spürbar in meine Seite. Ich sah nicht hin, steckte mir rasch das nächste Stückchen Apfel in den Mund, bevor ich den Kopf demonstrativ wieder über mein Buch beugte – und doch durch meine Haare hindurch zu ihm hinschielte.

Sein Grinsen war verschwunden und er nahm einen Schluck aus der Flasche.

„Wenn es wegen Jane ist…“, er warf einen Blick hinter ihr her, bevor er fortfuhr, „Das ist vorbei, wir sind nicht mehr zusammen. Schon seit mehreren Wochen…“

„Nein, es ist wie ich es sagte.“ nuschelte ich mit einem entschuldigenden Seitenblick. „Es hat nichts mit ihr oder dir zu tun, nur mit mir.“

Er warf mir einen schiefen Blick zu. „Nur mit dir, hm? Sag mal, machst du das eigentlich mit Absicht?“

Ich kaute rasch und schluckte. „Was? Ich versteh nicht…“

„Dein Einsiedlerdasein! Du bist jetzt seit zwei Jahren in den meisten Kursen, in denen ich auch bin. Na ja, in einigen davon jedenfalls. Und die ganze Zeit über ignorierst du jeden Jungen und alle Versuche, mal mit dir auszugehen… Findest du das cool oder hältst du dich einfach nur für was Besseres, bloß weil du ein Jahr älter bist?“

„Eineinhalb…“ rutschte mir heraus und ich hätte mir dafür am liebsten auf die Zunge gebissen! „Und nein, das tue ich nicht. Ich gehe nur nicht gerne zu solchen Veranstaltungen, Ben. Oder überhaupt irgendwohin, wo es voll und laut ist. Ich kann Menschenansammlungen nicht besonders leiden, das ist alles. Es hat also nicht das Geringste mit dir zu tun.“ ‚Und dein Tarzan-Ego wird sicher schon bald durch einen anderen Jane-Ersatz wieder aufgerichtet werden!’ fügte ich in Gedanken an.

Sam neben mir machte ein leises Geräusch und hüstelte dann, so als ob sie sich verschluckt hätte.

„Das glaube ich nicht! Auch wenn ich nicht weiß, was ich dir getan habe, Scott!“

„Ben, dir ist doch bereits aufgefallen, dass ich mit keinem Jungen hier ausgehe! Ich… mag einfach nicht!“ blieb ich mühsam geduldig.

Die Colaflasche blieb auf halbem Weg zwischen Tablett und seinem schon halb geöffneten Mund hängen.

„Ach du Sch…! Du bist doch nicht etwa… Ich meine, stehst du auf… Mädchen?“

Sein Blick wanderte kurz zu Sam, dann wieder zu mir. Sam verschluckte sich jetzt tatsächlich und hielt sich die Serviette vor den Mund, bis sie keuchend wieder zu Atem kam.

Mir hingegen ging er jetzt ein bisschen zu sehr auf den Geist!

„Nein.“ meinte ich ruhig und bestimmt, sah mich aber vorsichtshalber unauffällig um. Anscheinend hatte sonst niemand etwas mitbekommen. „Ich will nur nicht mit einem von euch ausgehen, ist das so schwer zu verstehen?“

Jetzt stellte er die Flasche wieder ab und nickte mit verächtlichem Ausdruck. Er fühlte sich nach meiner Versicherung in seinem Ego verletzt, das sah man ihm deutlich an.

„Also doch was Besseres! Ich will dir mal was sagen: Du magst älter als die meisten hier und ein rothaariger Knaller sein, aber deshalb bist du noch lange nicht die Einzige! Dann warte eben, ob du was Besseres findest!“

Er erhob sich, griff nach seinem Tablett und verschwand grußlos.

„Echt mal, was war das jetzt? Der kann offenbar kein Nein akzeptieren!“ meinte ich zu Sam gewandt.

Die starrte ein, zwei Sekunden lang hinter ihm her.

„Nein, vermutlich nicht!“ murmelte sie. „Und er zählt eindeutig zu den Typen, die mehr Wert auf den eigenen Schein als auf das Sein legen! Nicht gerade eine tiefschürfende Seele, wenn du mich fragst…“

Ich hörte auf zu kauen und musterte sie. Dann schluckte ich ein viel zu großes Stück herunter.

„Woher hast du denn diese Weisheit? Nicht, dass ich dir widersprechen will… Kennst du ihn etwa doch besser als ich dachte? Oder… Oh, Sam, findest du ihn etwa toll?“

„Nein!“ wehrte sie mit leicht angewiderter Miene eine Spur zu laut ab.

Ein paar Köpfe drehten sich zu uns herum und das Pärchen am anderen Ende unseres Tisches warf uns befremdete Blicke zu, bevor sie sich wieder mit sich selbst befassten.

Mit wesentlich leiserer Stimme fuhr sie fort: „Um Himmels Willen! Hältst du mich für so oberflächlich und verzweifelt, dass ich mich Bennington Knight an den Hals werfen würde? Danke, aber nein danke!“

Ich grinste und sie schüttelte den Kopf, dann beugte sie sich wieder über ihre Unterlagen. Und ich tat seufzend das Gleiche.

 

Am Nachmittag hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, Ben noch weitere zwei Male zu sehen; einmal in Mathe – wo er mir dank der Arbeit außer ein paar halb geringschätzigen, halb verletzten Blicken weiter nichts zukommen lassen konnte – und einmal in der letzten Stunde, in der wir eigentlich Mr. Carson in Literatur haben sollten und an dem auch Jane teilnahm.

Ausnahmslos jeder in unserem Abschlussjahrgang hatte zwangläufig die Trennung der beiden Turteltauben mitbekommen, nicht zuletzt weil sie sich sofort danach in allen gemeinsamen Kursen auf zwei jeweils möglichst weit voneinander entfernte Plätze gesetzt hatten. Alle waren daher bestens informiert, hatten sicherlich heute Mittag auch ihre eigenen Schlüsse aus seinem und meinem Verhalten gezogen und warteten jetzt bestimmt gespannt auf die Dinge, die da kommen würden.

Ausgerechnet heute ließ Mr. Carson jedoch auf sich warten und so fanden beide, Jane und Ben, Gelegenheit, mir ein paar giftige Blicke zuzuwerfen beziehungsweise ein paar flüsternde Bemerkungen mit Blick auf mich mit ihren jeweiligen Tischnachbarn auszutauschen.

Ich war solches noch aus der Zeit meiner auffallend karottenroten Haare gewohnt und ignorierte sie einfach. Erfolgreich, denn schon wenige Augenblicke später fesselte mich ein ganz anderer Anblick: Durch das Fenster zum Parkplatz sah ich, wie Sam, die sich verspätete und eigentlich schon längst neben mir sitzen sollte, mit einem mir unbekannten Typen ein paar Worte wechselte und ihm dann mit ärgerlichem Gesicht und einem heftigen Kopfschütteln offenbar so etwas wie eine Abfuhr erteilte, bevor sie eilig zu ihrem Wagen lief.

Der Mann war mindestens einen halben Kopf größer als sie, hatte kurze dunkelbraune Haare und einen ähnlich sportlichen Körperbau wie Ben ‚Tarzan’ Knight. Einen Moment lang sah es so aus, als ob er ihr nachlaufen wollte, aber dann blickte er sich kurz um und ich hatte das Gefühl, als ob er mich hinter dem Fenster im ersten Stock genau gesehen hätte. Jedenfalls sah er davon ab, Sam zu folgen und ging stattdessen mit federnden Schritten in die andere Richtung davon. War das am Ende dieser mysteriöse Bekannte? Seufzend rieb ich meine Schläfen; ich hatte schon wieder das Gefühl, als ob ich Kopfschmerzen bekommen würde, doch nur wenige Augenblicke später klang es glücklicherweise wieder ab.

Rasch warf ich einen Blick in die Runde, aber ich war offenbar die Einzige, der dieses Intermezzo draußen aufgefallen war. Und da Mr. Carson immer noch nicht hier und ich neugierig war, um was es in diesem erregten Gespräch gegangen war, zog ich mein Handy aus der Tasche und wählte Sams Nummer, während ich mich in eine Ecke des Raumes neben ein Regal verzog. Ich kam ihr zuvor, noch bevor sie sich melden konnte.

„Sam? Alles okay? Wer war der Typ und was wollte er von dir?”

„Jada? Ja, natürlich ist alles in Ordnung! Woher…“

„Nur zur Erinnerung: Wir haben beide noch eine Stunde bei Carson, wo willst du also hin? Ich konnte euch von hier durchs Fenster sehen! Carson ist überfällig, kann aber jeden Moment auftauchen. Ich dachte, du wolltest nur etwas aus deinem Auto holen! Was war das da draußen?“

Ich hörte, wie sie seufzte. „Es ist nichts! Er ist nicht von hier und hat mich nur etwas gefragt!“

Ich schnaubte. Das, was ich gerade noch beobachtet hatte, hatte ganz und gar nicht nach einem harmlosen Informationsaustausch ausgesehen!

„Sam, ich kann inzwischen damit umgehen, dass du mir nicht alles erzählen willst. Aber fang nicht an, mich zu belügen! Ich habe Augen im Kopf und der Typ wollte etwas von dir, was du rigoros abgelehnt hast!“ zischte ich halblaut.

Auf dem Flur waren Schritte zu hören, die sich näherten.

„Sam!“

Schweigen. Dann: „Ich kann dir nicht mehr sagen als ich bereits gesagt habe. Allenfalls noch, dass ich tatsächlich nicht einer Meinung mit ihm war! Ich muss jetzt los, entschuldige…“

Ungläubig starrte ich einen Wimpernschlag später auf mein Handy. Sie hatte tatsächlich aufgelegt und bevor ich mich wieder gefasst hatte, öffnete sich die Tür und die Sekretärin des Direktors erschien darin. Mit einem ziemlich bleichen, verschreckten Gesicht.

„Sie alle können nach Hause gehen, Mr. Carson hatte… einen Unfall!“

Ein Raunen ging durch die Reihen.

„Was ist passiert?“ rief Ben. „Wir sollten heute unsere Arbeiten zurückbekommen, die Noten sind relevant für unsere Zeugnisse…“

‚Wie überaus mitfühlend!’ dachte ich.

Die Sekretärin warf ihm ebenfalls mit weit nach oben gezogenen Augenbrauen einen entsprechenden Blick zu und überlegte einen Moment an seinem Namen.

„Mr. Knight, nicht wahr? Nun, wie es aussieht, werden Sie noch ein Weilchen auf Ihre Arbeiten warten müssen, Mr. Carson ist offenbar ziemlich schwer verletzt aufgefunden worden. Mehr kann ich Ihnen zurzeit nicht sagen. Gehen Sie für heute nach Hause. Für die restlichen Stunden, die Sie bis zu Ihrem Abschluss bei ihm Unterricht gehabt hätten, werden wir eine Vertretung finden.“

Das klang nicht danach, als ob er so bald wiederkommen würde! Die Ersten packten bereits ihre Taschen und erhoben sich. Ich schlängelte mich an ein paar Tischen vorbei zurück zu meinem Platz und hörte, wie jemand in die allgemeine Unruhe rief: „Wie schwer verletzt? Wird er wieder?“

Das kam von Theo, erkannte ich; er saß nur einen Tisch weiter. Er war aufgestanden und sein dunkles Gesicht unter den Rastalocken wirkte aufrichtig besorgt.

„Wie ich schon sagte, kann ich Ihnen dazu keine weitere Auskunft erteilen! Vielleicht wird Ihnen der Direktor morgen Näheres mitteilen.“

Sie wartete nicht, ob noch mehr Fragen gestellt würden, sondern drehte sich um und verließ den Raum. Ich schob mein Handy zurück in die Hosentasche und griff nach meinen Sachen, als Jane mich im Durcheinander anstieß und sich vor mir aufpflanzte. Ihre Freundinnen blieben neugierig in wenigen Schritten Entfernung hinter ihr stehen.

„Hi Jada! Wie ich sehe, hast du es eilig, ich komme also direkt zur Sache: Was willst du von Ben?“ fragte sie leise und sah mich abschätzend an.

Ihr Gesicht mit ihrer makellos reinen, leicht solariumgebräunten Haut war direkt vor meinem und ich roch ihr dezentes und sicher nicht ganz billiges Parfum. Kurz fragte ich mich, wie lange sie morgens wohl an ihrem perfekten Aussehen arbeitete – vermutlich schlief sie wie ein Storch auf einem Bein im Stehen, damit ihrer Frisur nichts geschah...

Wie gehässig ich doch sein konnte! Am Ende war ich unbewusst auch noch neidisch auf ihr Aussehen?! Rasch und mit schlechtem Gewissen verdrängte ich diesen Gedanken.

 „Ich? Nichts! Ich habe ihn nicht dazu aufgefordert, mich zum Ball einzuladen, geschweige denn, ihn überhaupt irgendwie zu irgendwas ermuntert!“

Sie hob gekonnt eine Augenbraue. „Nicht?“ dehnte sie. „Kaum zu glauben…“

„Dann lass es, ist mir egal!“ meinte ich gelassen und fiel ihr damit ins Wort, um das Ganze abzukürzen, zog eilig den Riemen meiner Tasche über die Schulter und ergänzte: „Du hast jedenfalls keinen Grund zur Eifersucht, denn er ist einfach nicht mein Typ!“

Jetzt wanderte auch die zweite Augenbraue nach oben, aber diesmal war das Gefühl des Erstaunens wohl wenigstens teilweise echt.

„Oh, meiner ist er auch nicht! Gratuliere zu deinem Geschmack, Scott!“ grinste Theo uns im Vorbeigehen an und verschwand, bevor Jane etwas erwidern konnte. Ich verkniff mir ein Lächeln.

„Du meinst das tatsächlich, nicht? Wie kann Ben nicht jemandes Typ sein?“ überging sie seine Bemerkung einfach.

Okay, offenbar gab es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Haarfarbe und Intelligenz. Jedenfalls bei ihr: Sie war annähernd wasserstoffblond! Und ich hatte es eilig!

„Ganz einfach: Ich stehe total auf kleine Asiaten!“ lächelte ich, seufzte einmal sehnsuchtsvoll und theatralisch und ließ sie einfach stehen. Wenn ich mich sehr beeilte, dann könnte ich vielleicht diesen Kerl draußen noch irgendwo auftreiben, er hatte sich zu Fuß vom Parkplatz entfernt…

 

Als ich atemlos draußen ankam und mich umsah, war jedoch von ihm keine Spur mehr zu sehen. Ich lief noch ein Stück in die Richtung, in die er verschwunden war und sah mich um, gab es allerdings schon nach ein paar Augenblicken entmutigt auf und machte mich auf den Weg zu meinem Auto. Und überlegte, ob ich zu Sam fahren und sie zur Rede stellen sollte. Ich war misstrauisch und diesmal konnte ich nicht so einfach darüber hinwegsehen, denn ein Bauchgefühl sagte mir, dass sie mir mehr verschwieg, als ich zum jetzigen Zeitpunkt ahnen konnte. Auch wenn es tatsächlich falsch war, ich gestand mir ein, dass ich zuletzt doch nicht damit umgehen konnte, auf welche Weise sie mich so ganz offensichtlich aus ihrem Leben auszuschließen begann – das würde noch früh genug kommen! Aber ich gestand mir auch ein, dass ich zu stolz war, um sie noch einmal nach ihren Geheimnissen zu fragen!

Was sicher zwischen zwei Freundinnen ebenso unangebracht war wie ihr Verhalten!

Ich ließ den Motor an und fuhr langsam los. Nein, wenn ihr etwas an mir lag, würde diesmal Sam den ersten Schritt machen müssen. Und bis dahin würde ich mich noch mehr zurückhalten als bisher.

 

 

Zwei Tage nach diesem Ereignis erhielten wir zum Ende des Unterrichts die Mitteilung, dass Mr. Carson am Vortag seinen schweren Verletzungen erlegen sei und dass seine Vertretung bei uns in den wenigen letzten Stunden im Wechsel noch von zwei anderen Lehrern übernommen würde. Weitere Ausführungen hielt man offenbar nicht für nötig, abgesehen von der Aussage, dass sein Tod die Schulleitung und das Kollegium ausgesprochen tief getroffen habe.

Ich hörte zuletzt kaum mehr hin. Mr. Carson war weder ein wahnsinnig beliebter noch ein unbeliebter Lehrer gewesen; er war streng, aber gerecht, hatte in berechtigten Fällen durchaus ein offenes Ohr für die Probleme seiner Schüler mit seinen Unterrichtsinhalten gezeigt und Hilfe angeboten und den Unterricht selbst hatte er ziemlich lebhaft gestaltet und hin und wieder mit ein paar durchaus humoristischen Einlagen gespickt – weshalb ich persönlich ihn durchaus ein gutes Stück oberhalb des Durchschnitts angesiedelt hatte. Offenbar sahen die meisten dies ebenso, denn es herrschte minutenlang tief betroffenes Schweigen.

„Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass wir bereits Einsicht in seine Unterlagen genommen haben und ihre Noten daher feststehen; Sie brauchen keine Arbeit zu wiederholen. Was nicht heißen soll, dass Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Leistungen in den letzten Vertretungsstunden weniger werden sollten! Ich muss Ihnen jedoch mitteilen, dass der Großteil Ihrer Arbeiten Ihnen nicht mehr ausgehändigt werden kann, da sie sich in einem… desolaten Zustand befinden. Er hatte sie zum Zeitpunkt seines Unfalls bei sich…“

Mehrere Frager wollten wissen, was darunter zu verstehen sei, aber Mrs. Quill, die ebenfalls Literatur unterrichtete, nickte uns lediglich noch einmal ernst zu und verließ uns nach dieser Schreckensnachricht.

Sofort war ein leises Murmeln zu hören, das wie ein beständiges Rauschen klang. Alle stellten Vermutungen an, was wohl mit ihm passiert sei – alle, bis auf Sam und mich! Sie nahm jetzt meine gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch, denn sie war schon bleich geworden als Mrs. Quill hereinkam – so als ob sie genau gewusst hatte, was jetzt kommen würde! Und seitdem starrte sie nur reglos auf den Tisch vor sich, auf den sie ihre Handflächen flach ausgestreckt hatte.

„Was ist?“ flüsterte ich. „Geht es dir gut? Du siehst aus, als ob du ein Gespenst gesehen hättest!“

Sie reagierte unglaublich langsam und schien im ersten Moment durch mich hindurch zu sehen.

Ich beugte mich dicht zu ihr hinüber. „Sam? Was um Himmels Willen ist nur los mit dir? Willst du mir nicht endlich mal verraten, was in dich gefahren ist? Ganz ehrlich, ich erkenne dich kaum mehr wieder!“

Sie blinzelte ein paar Mal und räusperte sich dann, um ein kleines, entschuldigendes Lächeln auf ihr Gesicht zu schrauben.

„Entschuldige, ich bin nur so erschrocken… Mr. Carson war erst fünfundfünfzig, wusstest du das? Und er hat Familie, die er zurücklässt… Schrecklich, nicht?“

„Ja, natürlich ist das schrecklich!“ stimmte ich ihr zu und ärgerte mich auf der anderen Seite darüber, dass es ihr wieder mal gelungen war, das Thema so geschickt zu wechseln, dass ich jetzt sogar ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht hatte. „Hatte er Kinder?“

Ihre Augen wurden wieder etwas lebhafter, auch wenn ein verstörter Ausdruck darin stehen blieb.

„Soweit ich weiß, zwei erwachsene Söhne. Beide leben in Boston. Seine Frau arbeitet übrigens als Ärztin im gleichen Krankenhaus wie deine Mum; ich bin ihr begegnet, als wir Grandma dorthin gebracht haben. Sie war so nett und hilfsbereit… Es muss ein furchtbarer Schlag für sie sein!“

Ich schluckte. „Das wusste ich gar nicht! Dass sie dort arbeitet…“

Aber woher wusste Sam so viel über Carson? Ganz sicher nicht von seiner Frau, die hatte ihr bestimmt damals nicht ihre Familienverhältnisse auseinandergesetzt!

Sie fixierte mich kurz, zuckte die Schulter und meinte, als ob sie meine Gedanken erraten hätte: „Ich habe ein Gespräch mitbekommen, in dem sie Grandma von ihrer Familie erzählt hat, um sie ein bisschen abzulenken. Und da wurde mir auch klar, dass sie Carsons Frau ist – sie erwähnte ihn.“

„Ich wollte dich gerade genau das fragen! Als ob du es gewusst hättest!“

Sie lächelte müde und packte ihre Sachen zusammen.

„Das war nicht schwer zu erraten. Die Frage war nur logisch und deine Gedanken stehen dir manchmal auf die Stirn geschrieben. Ich weiß auch, dass du immer noch sauer auf mich bist, weil ich dir noch nicht mehr über mein Verschwinden erzählt habe…“

„Und über den Typen auf dem Parkplatz! Hast du überhaupt die Absicht, das irgendwann mal zu ändern und mich aufzuklären?“

Ich hatte meine Tasche schon über die Schulter gehängt und sah sie abwartend an. Aber sie schüttelte nur traurig den Kopf.

„Nein, wohl nicht. Es tut mir leid, echt, aber es gibt nun mal ein paar Dinge, die auch in einer so guten Freundschaft wie unserer nicht geteilt werden können. Ich will dir nicht etwas vorschwindeln, aber ich kann dir auch nicht sagen, was ich in Kanada wollte.“

Ich nickte. Ihre Stimme klang endgültig, sie würde mich auch weiterhin ausschließen. Und in Kürze für ein halbes Jahr nach England verschwinden. Carlisle…

„Wie du meinst. Ich muss nach Hause, ich bin heute mit Kochen dran, Mum hat Spätdienst… Wir sehen uns!“

Ich hätte nicht sagen können, was das dumpfe Gefühl in meiner Brust verursachte: Die Tatsache, dass unsere Freundschaft jetzt offenbar an dieser Prüfung scheitern könnte oder mein Unvermögen, Sam einfach nur ihre Entscheidung zuzugestehen und trotzdem zu ihr zu stehen! Vermutlich eine Mischung aus beidem.

Und in beiden Fällen wäre es meine Schuld, wenn wir es nicht schaffen würden! Was die Sache nur noch schlimmer machte, weil ich offenbar unfähig war, etwas daran zu ändern… Mich zu ändern!

 

 

Und dann war es auf einmal nur noch eine gute Woche bis zu unserem Abschlussball. Die feierliche Überreichung der Zeugnisse würde vor den Eltern und jeweils zwei weiteren geladenen Gästen pro Schüler stattfinden. Mum und Dad, Kathryn und… keine Ahnung! Ich hatte schon lange vorgehabt, den mangels weiterer Verwandtschaft überzähligen Platz an Sam abzutreten, damit neben ihren Eltern und ihren beiden älteren Brüdern auch ihre verwitwete Grandma hätte kommen können. Aber sie hatte in den vergangenen beiden Wochen nicht mal versucht, mir doch noch eine Erklärung zu liefern, sondern einfach so getan, als ob nichts weiter vorgefallen sei. Woraufhin ich mir immer häufiger eine Ausrede einfallen ließ, wenn sie sich mit mir verabreden wollte oder mich einfach nur anrief. Was mir dank des restlichen Lernpensums und meinen tatsächlich nicht gerade übermäßig glänzenden Leistungen schon in der Zeit davor nicht sonderlich schwergefallen war.

Der einzige positive Effekt war, dass ich es in den letzten Wochen so sogar geschafft hatte, meinen Schnitt in ein paar Fächern noch um eine Winzigkeit zu verbessern, wenn auch nur unerheblich. Als es dann tatsächlich vorüber war mit dem Lernen, wusste ich mit einem Mal nicht mehr, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte. Früher wäre ich zu Sam gegangen oder sie wäre zu mir gekommen, aber das würde nun bald für lange Zeit vorbei sein…

Für sehr lange Zeit…

Zu lange!

Sekunden später rannte ich die Treppe hinunter.

„Mum, ich bin bei Sam! Kann sein, dass es spät wird!“

„Okay! Wenn es zu spät wird, ruf kurz an…“

Die Haustür fiel hinter mir ins Schloss und ich sprintete zu meinem Wagen. Zu Fuß hätte ich vielleicht zehn Minuten benötigt, aber ich hatte blöderweise schon genug Zeit verschwendet. Nicht mehr länger, nicht eine Minute länger als notwendig! Ich hatte wie eine Mimose reagiert und damit etwas wirklich Kostbares aufs Spiel gesetzt, das ich jetzt für längere Zeit entbehren würde. Sollte sie doch Geheimnisse haben, was scherte es mich! Ein regelrechtes Hochgefühl überkam mich auf dem kurzen Weg und nur wenig später rannte ich daher im gleichen Tempo, in dem ich unser Haus verlassen hatte, zum Eingang von Sams Elternhaus – und prallte aus vollem Lauf zurück, als der Typ vom Parkplatz in der sich gerade öffnenden Tür erschien und mich rasch von oben bis unten musterte, als ich fast in ihn hineinlief.

Vor lauter Aufregung und wohl auch wegen meines übereilten Verhaltens pochte das Blut in meinem Kopf und verursachte ein unangenehmes Druckgefühl. Hastig trat ich ein, zwei Schritte zurück und wäre jetzt fast die Stufen rückwärts hinuntergefallen. Eine gekonnte Vorstellung, die ich da gab!

Er war sogar noch ein deutliches Stückchen größer als Tarzan und sein gerade noch ernster Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein winziges, wohl belustigtes Lächeln. Und ich hatte noch nie im Leben so dunkle Augen gesehen! Sie waren faszinierend! Sie sahen aus, als ob hinter dieser fast schwarzen Iris ein unbestimmtes Glühen stehen würde.

Sam erschien gleich hinter ihm, fasste an ihm vorbei nach meinem Arm und zog mich ohne auch nur eine Sekunde zu zögern ins Innere des Hauses, wodurch ich schon wieder stolperte.

„Hi, komm rein! Er wollte sowieso grade gehen – und nicht mehr wiederkommen!“ meinte sie hastig.

„Das wird wohl unvermeidbar sein!“ hörte ich durch die schon fast geschlossene Tür, die sofort vor seiner Nase zuschlug.

Beim Klang seiner tiefen, sanft vibrierenden Stimme lief es mir heiß und kalt zugleich über den Rücken.

„Komm, lass uns nach oben gehen! Du hast es ja eilig! Ist was passiert?“

Ich stakste unbeholfen hinter ihr her, um nicht über ihre Füße zu fallen und war froh, dass meine Atmung und das Pochen in meinem Kopf wieder ruhiger und weniger wurde.

„Nein… ja! Lass mich endlich los! Sam, das war der Kerl vom Parkplatz! Er war hier drin, du kennst ihn also doch! Was wollte er?“

„Mich bekehren!“ stieß sie verärgert hervor und holte dann tief Luft. „Er… hat einen anderen Glauben. … Es ist schön, dass du endlich noch mal Zeit für mich hast! Willst du dich nicht setzen? Es gibt doch bestimmt einen Grund, weshalb du es so eilig hattest!“ lächelte sie breit. Ein bisschen zu breit, sie war keine besonders gute Schauspielerin!

„Ja, hat es! Ich will dir einen freien Platz bei der Abschlussfeier für deine Grandma überlassen… Woher kennst du ihn?“

„Ich kenne ihn nicht. Nicht wirklich, ich hab nur schon mal von ihm gehört und bin ihm mal begegnet. … Das ist toll, Jada, Granny wird sich unglaublich freuen! Ihr geht es längst wieder gut…“

„Das freut mich, wirklich! … Woher weiß er dann, wo du wohnst?“

„Alles nur ein blöder Zufall, Jada! Hast du immer noch nicht vor, zur Abschlussfeier zu gehen? Stell dir vor, Ben hat es doch heute tatsächlich auch bei mir versucht! Er muss ziemlich verzweifelt sein.“

Sie hatte es schon wieder geschafft! Für ein paar Sekunden war ich abgelenkt.

„Quatsch, verzweifelt! Du bist viel zu gut für ihn! Was hast du ihm geantwortet?“

„Dass ich ebenfalls nicht hingehe, genau wie du!“

Ich ließ mich auf die Bettkante fallen.

„Aber warum nicht? Ich gehe da nicht hin, weil ich immer noch befürchte, dass ich wieder höllische Kopfschmerzen bekommen könnte oder nach fast drei Jahren der Ruhe wieder einen dieser netten Anfälle… Du weißt schon, die vielen Leute, die Lautstärke… Jedenfalls möchte ich es nicht unbedingt darauf anlegen, mich vor allen mit verdrehten Augen auf dem Boden zu wälzen!“

Ich konnte mich nur zu lebhaft daran erinnern, wie Ähnliches früher mitunter völlig unvermittelt und unerwartet aufgetreten war. Manchmal mitten in einer alltäglichen Situation – abends beim Fernsehen, im Kino, bei der Gartenarbeit, in der Bibliothek, der Schule… manchmal aber auch in Situationen, in denen ich sehr aufgeregt oder erschrocken war – und eben leider auch, wenn andere in der Nähe waren und Zeuge wurden. Jedes Mal war ich – oft genug ohne jede Vorankündigung – mit fast krampfartigen, schmerzhaften Anfällen umgekippt und auf die Hilfe der Umstehenden angewiesen, die nicht selten einfach nur dagestanden und neugierig oder erschrocken und hilflos gegafft hatten! Es war immer nur von kurzer Dauer, mitunter sogar nur wenige Augenblicke, aber nie konnte eine körperliche Ursache dafür gefunden, geschweige denn eine Epilepsie oder eine andere Krankheit diagnostiziert werden; organisch hatte ich die gesunde Konstitution eines Ackerpferdes. Man empfahl mir irgendwann vorsichtig und mit wohlgewählten Worten, einen Psychiater aufzusuchen und ich hatte in dieser Zeit eine Menge Medikamente geschluckt. Aber nichts half wirklich, sodass ich mich eines Tages weigerte, noch länger weiterzumachen. Zuletzt kam ich mir beinahe so vor, als ob ich besessen wäre…

Und dann, vor inzwischen mehr als zweieinhalb Jahren, hörten die Anfälle abrupt auf und ‚nur’ gelegentliche mehr oder weniger heftige Kopfschmerzattacken blieben davon übrig, gegen die manchmal Schmerzmedikamente halfen, manchmal aber auch nicht. Jedenfalls ging ich bis heute nicht ohne ein Röhrchen mit Schmerztabletten im Gepäck aus dem Haus.

Sam sah mich mitfühlend an.

„Ich weiß… Aber denkst du wirklich, ich will den letzten Abend hier ohne meine beste Freundin verbringen? Es sollte eigentlich eine Überraschung sein, aber ich wollte mit dir irgendwo in Ruhe Essen gehen und die Nacht durchquatschen… Gesetzt den Fall, dass du mir bis dahin verziehen hättest!“

Okay, wie auch immer sie das anstellte, jetzt hatte sie mich wieder soweit. Alles andere war vergessen und ich konnte nur verlegen stammeln:

„Deshalb bin ich eigentlich wirklich gekommen. Ich hab mich so blöd benommen und wollte mich dafür entschuldigen. Du bist nun mal meine einzige und beste Freundin und ich hätte dich nicht so behandeln dürfen, wie ich es getan habe! Ich will dich nicht im Streit gehen lassen… Hab meinetwegen so viele Geheimnisse wie du willst, aber kündige mir nicht die Freundschaft!“

„Das hätte ich nie im Leben! Ich weiß genau, was ich von dir verlange… Du bist schon etwas Besonderes, weißt du! Und ich riskiere es bestimmt nicht leichtfertig, deine Freundschaft zu verlieren und ich habe irgendwie gewusst, dass du viel zu nachsichtig und weichherzig bist, um auf ewig sauer auf mich zu sein; du bist viel zu anständig dazu.“

„Das bezweifle ich!“ murmelte ich. „Von uns beiden warst du immer diejenige, auf die diese Beschreibung eher passt. Du siehst ja, was ich fast angerichtet hätte! Ich und mein blödes Temperament… Sag mal, hab ich das richtig verstanden? Der letzte Abend?“

Sie nickte, zog ihre Beine an und verschränkte ihre Arme auf den Knien. „Mein Flug geht am nächsten Nachmittag, alles ist organisiert und mit der Schule beziehungsweise Uni hab ich alles geklärt.“

„Du verlierst keine Zeit!“ murmelte ich und sank neben ihr auf das Bett. „Und was willst du ein halbes Jahr lang da machen? Ich meine, man kann doch nicht die ganze Zeit damit verbringen, Ahnenforschung zu betreiben, Grabsteine zu entziffern oder sich die Landschaft anzusehen!“

„Sag das nicht, England und Schottland sind groß…“

Sie wollte offenbar nicht darauf eingehen. Ich ließ mich nach hinten fallen und verschränkte die Arme unter dem Kopf.

„Und danach? Kommst du dann einfach wieder und steigst da ein wo du aufgehört hast?“

„Ja, das hatte ich eigentlich so geplant…“ meinte sie leise.

Ich musste meinen Kopf ein wenig heben und drehen, um in ihr Gesicht sehen zu können. Es lag eine gewisse Wehmut in ihrem Blick. Und Angst? Wohl kaum, ich musste mich irren. Die Briten galten schließlich als friedliches Völkchen und seit die Clanfehden aufgehört hatten, galt Gleiches meines Wissens auch für die Schotten…

„Okay, sechs Monate rumreisen also. Wo willst du denn absteigen? Oder sollte ich mir diese Frage verkneifen?“

„Quatsch! Ich werde mir Unterkünfte mit Bed & Breakfast suchen, möglichst preisgünstig. Die gibt es da überall. Und in Gretna Green wohnt eine entfernte Cousine von mir, bei der ich ein paar Wochen wohnen kann. Wusstest du, dass Gretna Green ganz in der Nähe von Carlisle liegt?“

„Ist das nicht das Dörfchen, wo früher Minderjährige ohne elterliche Erlaubnis heiraten konnten? Da war doch mal was in ‚Sinn und Sinnlichkeit’… oder war es in ‚Stolz und Vorurteil’?“

Sie grinste breit. „Du hast sie gelesen?“

„Ja, hab ich! Und auch die Verfilmungen gesehen! Auch in mir wohnt eine kleine Romantikerin, ich geb‘s zu… Und da wir bei dem Thema sind: Ist dir aufgefallen, dass dein Wanderprediger von vorhin verdammt gut aussieht? Hast du schon mal solche Augen gesehen? Unser Tarzan würde vor Neid… Was ist? Hab ich was Falsches gesagt?“ Sie hatte mich urplötzlich mit großen, erschrockenen Augen angestarrt.

„Nein, nein, schon gut, ich wunderte mich nur gerade, dass er dein Typ ist! Ich fand ihn irgendwie zu… aufdringlich. Also, was hältst du von meinem Vorschlag? Wir schwänzen beide den Abschlussball und machen uns irgendwo einen gemeinsamen letzten Abend.“

„Klingt toll. Aber nur wegen mir musst du nicht auf den Ball verzichten. Ich weiß, dass du hingehen würdest, wenn ich auch hinginge. Wir können uns auch am Abend davor einen gemeinsamen letzten Abend machen. Und Ben wird selig sein nach den vielen Körben, die er in letzter Zeit erhält, er tut mir fast ein bisschen leid.“

„Ich will es so, Jada! Aber ich hätte auch kein Problem damit, wenn du es dir noch anders überlegst und doch noch für wenigstens eine Stunde auf den Ball…“

„Nö! Und wir hätten ja jetzt nicht mal einen Begleiter, wenn wir uns nicht Mr. Knight teilen wollen. Was natürlich seinen eigenen Reiz hätte! Der Ärmste. Stell dir vor, wir würden ihm jetzt beide zusagen!“

„Wenn es nur das ist: Meine lieben Brüder würden gerne einspringen. Die Semesterferien gehen demnächst los, dann kommen sie sowieso nach Hause…“

Eric und Chris. Ich hatte sie Weihnachten zuletzt gesehen, als sie über die Feiertage nach Hause gekommen waren.

„Du würdest dir die Blöße geben und mit deinem eigenen Bruder hingehen?“ Ich warf ihr einen schiefen Blick zu und sie lachte.

„Ich hätte überhaupt kein Problem damit! Aber es ist deine Entscheidung, denk darüber nach! Und jetzt sollten wir uns überlegen, was wir Ben sagen würden, falls wir doch dort aufkreuzen sollten.“

 

Es ging bereits auf Mitternacht zu, als ich endlich wieder nach Hause fuhr. Der Abend hatte die vielen Risse in unserem Verhältnis wieder gekittet, auch wenn ich immer noch traurig war, dass sie bald für lange Zeit weg sein würde. Wenn ich die letzten beiden Jahre Revue passieren ließ, konnte ich mir nicht vorstellen, wie es ohne sie sein würde. Schon wieder eine Freundin, von der ich mich verabschieden musste! Irgendwie bestanden die letzten Jahre fast nur aus Abschieden.

Ich startete den Motor und winkte ihr zu, unterdrückte ein Gähnen, ignorierte den Druck der Müdigkeit hinter meinen Augen und fuhr mit einem schweren Gefühl in der Brust los. Noch eine Woche… und dann…

Eine kleine Bewegung irgendwo ganz am Rand meines Blickfeldes ließ mich erschrocken vom Gas gehen und aufmerksam werden. Ich hatte nicht die Absicht, heute Nacht oder irgendwann sonst ein umherstreunendes Tier anzufahren! Aber ich hatte mich entweder geirrt oder das Tier war bereits fort, denn obwohl ich sogar kurz stehen blieb und suchend zwischen den Häusern umherblickte, war alles ruhig und ich gab wieder Gas.

Ich würde morgen mit Mum sprechen… Mir kam da soeben eine Idee, die hoffentlich zu verwirklichen sein würde…

 

IM HANDEL:

 

Band 14 schließt die Vampirreihe ab!

Im Buchregal (siehe oben) gibt es das 1. Kapitel als Lesehäppchen zum Appetit-holen. Es bleibt wie immer spannend und "romantasy"!

ISBN 978-3-7448-1642-7