Kerstin Panthel

 

 

"DIE EMPATHIN - DUNKLE EMOTIONEN"

 

 

 

 

 

Band X der Reihe

 

 

 

 

Handlung, Namen und Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

 

 

 

 

 

© 2015 Kerstin Panthel. Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-7386-5179-9

 

 

 

„Was immer wir und nach uns unsere Kinder und Kindeskinder im Leben noch erreichen, es wird darauf aufbauen, was einmal in unseren Händen lag; waren wir stark genug, an unsere Träume für unsere Kinder zu glauben und dafür den Weg zu bereiten, dann legten wir bereits das Fundament, auf dem wir heute die Grundmauern errichten.

Unsere Nachkommen werden das eine oder andere vielleicht einreißen und verändern, aber was wir ihnen mitgeben und hinterlassen, sollte es nicht wenigstens in der Substanz fest und gerade sein?

Und welche Architekten wären wir ihnen, wenn wir auf Sand bauten?“

 

Connor Braeden O‘Donnel


 

 

 

 

Wer kennt einen anderen Menschen wirklich? Wer kann hinter die äußere Fassade sehen und erkennt, was sein Gegenüber bewegt, was es denkt? Würden wir erschrecken, wenn wir erfassen könnten, wie die Gedanken unserer Freunde wirklich aussehen?

Vermutlich, hin und wieder.

Aber nur so funktioniert nun einmal unser Zusammenleben. Wie unerträglich wäre im Gegenteil gnadenlose Ehrlichkeit und wie verletzend!

Unsere Maske, die unser Innerstes verbirgt, die nur zeigt, was wir sehen lassen wollen – sie schützt uns selbst und sie schützt andere. Und wie wahrscheinlich die meisten von uns Menschen zeige auch ich oft genug kaum einem anderen, was alles hinter dieser Maske versteckt ist: meine vielen Seiten, meine Empfindungen…

Doch wenn ich liebe, möchte ich dann nicht offen sein können? Will ich dann nicht all meine Gefühle und mein Herz dem geliebten Menschen in die Hände legen und darauf vertrauen können, dass er beides sorgsam bewahrt?

 

Aber was, wenn da eine Schwierigkeit besteht? Wie weiß man sicher, wann man wirklich liebt und ob der andere dieses Vertrauen und diese Liebe nicht enttäuschen wird?

 

Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, dass man niemanden dazu bringen kann, einen zu lieben, wohl aber jemand zu sein, den man lieben kann. Ich habe erlebt, wie schnell man Vertrauen verlieren kann und wie lange es dauert, um es wiederzuerlangen! Ich habe gelernt, dass es vollkommen und absolut unwichtig ist, was man hat; viel wichtiger ist es, wen man hat! Und vor allem habe ich eines gelernt: Es ist egal, was du bist und kannst, zuletzt zählt nur, wie du dich entscheidest, wie du mit deinem Schicksal umgehst, was du aus deinen Erfahrungen gelernt hast und mit deinem Leben anfängst.

 

Nicht jedes dieser Erkenntnisse offenbarte sich mir rechtzeitig und ich war lange Zeit nicht in der Lage gewesen, all den Dingen, die ich erlebt hatte, all den Personen, die mir begegnet waren, immer mit der nötigen Distanz gegenüberzustehen – einer Distanz, die mich hier und da davor bewahrt hätte, viel zu viel zu empfinden. Obwohl das Erlebte nicht einmal immer mich betraf, nicht einmal immer Personen, die mir sehr nahe standen! Was mir viel zu lange fehlte und was ich meine ist die nötige Distanz, die mich davor bewahrt hätte, deren Erlebnisse und ihre damit verbundenen Gefühle zu erleben, als ob sie meine wären!

Meine Gabe, meine Aufgabe… Ich hatte sie mir nicht ausgesucht, sie war mir irgendwann aufgezwungen worden. Was ich empfand – wie hätte ich zuletzt noch unterscheiden sollen, ob ich es war, die diese Dinge empfand oder ob ich nur das fühlte, was andere fühlten?

Wenn ich lächelte hieß es schon so lange nicht mehr, dass ich glücklich war. Ich lächelte, um nicht weinen zu müssen…

 

 

 

Kapitel 1

 

„Was auch immer ich sage, ich werde dich wohl nicht überreden können, nicht wahr?“

Deborah stand in der Tür des Gästezimmers und sah mir resigniert und mit verschränkten Armen beim Packen zu. Der Oktober ging jetzt langsam dem Ende entgegen und hatte meine letzten Hoffnungen, meine Suche nach weiteren Verwandten würde noch Erfolge zeigen, mitgenommen. Aber ich rang mir ein kleines Lächeln ab.

„Wohl eher nicht! Ich war sowieso viel länger hier als geplant und kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dir bin, dass ich so lange hier wohnen durfte. Aber nachdem ich nicht mehr weiterkomme und meine Suche damit wohl im Sande verlaufen ist… Debs, du hast mir wahnsinnig geholfen und ich werde dich vermissen, aber… ich gebe es auf, noch weiter nach anderen Finleys zu suchen, die noch etwas mit uns zu tun haben. Ich glaube nicht, das da außer uns noch jemand ist.“

Sie seufzte.

„Schon gut, ich verstehe dich ja… Was mich nach der ganzen Zeit aber immer noch interessieren würde ist, wieso du dich so brennend für unsere Vorfahren interessierst! Gewöhnlich stellt man einen Stammbaum zusammen und das war’s! Versteh mich nicht falsch: Auch wenn ich selbst nicht annähernd deine Begeisterung für so was teilen kann, ich find das toll und freue mich, dass wir uns auf diese Weise überhaupt über den Weg gelaufen sind; anders wäre das wohl kaum passiert. Aber ich kann es trotzdem nicht ganz nachvollziehen. Du hast extra dafür deinen Studienbeginn um ein halbes Jahr verschoben!“

„Fast fünf Monate, um meine Wurzeln zu entdecken!“ nickte ich. „Fast fünf Monate in den Sand gesetzt, weil ich nichts herausgefunden habe, was ich nicht eigentlich schon wusste… Und deshalb sollte ich so langsam mal wieder daran denken, nach Hause zu fliegen. Aber es hat sich trotzdem gelohnt, sehr sogar: Weil ich dich kennen gelernt habe, Deb! Versteh auch du mich also nicht falsch: Was das angeht, ist diese Zeit auf keinen Fall in den Sand gesetzt!

Hör mal, wenn du über Weihnachten nichts Besseres vorhast, dann komm uns besuchen! Bitte, ich würde mich riesig freuen! Meinen Eltern, Eric und Chris habe ich jetzt schon so viel von dir erzählt… und du würdest dann auch Jada und Mason wiedersehen.“

Sie runzelte die Stirn und ich versuchte sofort zu erspüren, ob sie sich nach so langer Zeit doch noch an die letzte Begegnung und deren Umstände zurückerinnern würde: an Ambrose, ihre Entführung, all die traumatischen Erlebnisse… Aber sie blieb vollkommen ruhig, weshalb auch ich mich sofort wieder entspannen konnte.

„Stimmt, die beiden leben ja jetzt zusammen… Das wäre wirklich schön, ich werde es mir überlegen! Trotzdem: Du hast doch noch etwas Zeit – wieso willst du nicht noch eine Weile bleiben? Ein paar Tage! Es hat so viel Spaß gemacht, dich hier zu haben!“

Echtes Bedauern, eine Spur Traurigkeit und das Gefühl, nach meiner Abreise seit vielen Wochen zum ersten Mal wieder alleine in diesen vier Wänden zu sein, strich an meinen Gedanken vorbei und ich beeilte mich, mich vor diesen Eindrücken wieder vollkommen zu verschließen – so, wie Phoebe es mir im Sommer gezeigt hatte. Dann ließ ich die letzten Kleidungsstücke sinken, die ich gerade in meinen Koffer legen wollte und sah sie an.

„Glaub mir, mir hat es auch Spaß gemacht! Wer hätte schon ahnen können, dass ich hier jemanden wie dich finden würde… Aber ich muss zurück und ich habe meinen Freunden versprochen, noch für ein, zwei Tage bei ihnen in Banchory vorbeizusehen, bevor ich zurück nach Boston fliege. Und überhaupt: Was ist denn mit deinem neuen Kollegen, diesem Tim? Wenn ich die Sache richtig interpretiere, dann beruht eure ‚Sympathie’ auf Gegenseitigkeit… Nicht nur du hast ein Auge auf ihn geworfen, ich habe auch gesehen, wie er dich ansieht! Da wäre ich nur das fünfte Rad am Wagen – ein absolutes ‚No go’! Wenn ich weg bin hast du wieder sturmfreie Bude und kannst ihn dir angeln!“

Sie lachte und schüttelte ihren Kopf.

„Timothy? Das ist noch so etwas, was ich vermissen werde: deine blühende Fantasie! Tim sieht mich nicht so an, er ist… schwul!“

Jetzt hatte sie mich am Haken! Ich zog meine Augenbrauen hoch, sodass sie wahrscheinlich fast unter meinem Haaransatz verschwinden würden, wenn so etwas anatomisch möglich wär.!

„Debs, wenn dieser Tim schwul ist, dann rasiere ich mir den Kopf kahl! Als wir ihn letzte Woche im Restaurant trafen…“

„…und du ihn zu uns an den Tisch gebeten hast…“ fiel sie mir vorwurfsvoll ins Wort.

„…weil er von seinem Freund versetzt worden ist…“ erinnerte ich sie.

„Aha!“

„Nichts, aha! Mal im Ernst: Ist jeder Typ, der sich mit einem Freund zum Essen verabredet, schwul? Dann wäre jede Footballmannschaft, die gemeinsam in ein Restaurant einfällt, stockschwul! Und was sind wir zwei dann? Echt, so wie er dich angesehen hat, hat er mehr als nur ein Auge auf dich geworfen! Du musst blind sein, wenn du das nicht mitbekommen hast! Und er sieht gut aus, ist unterhaltsam und humorvoll, schmatzt nicht beim Essen…“

Ich klappte den Koffer zu und zog mühsam den Reißverschluss zu. Dann wuchtete ich ihn ächzend vom Bett – er musste seit meiner Ankunft schwerer geworden sein, vermutlich hatten sich meine Kleidungsstücke durch Schubladenteilung vermehrt! – und richtete mich wieder auf. Sie hatte inzwischen auf der Bettkante Platz genommen und schüttelte den Kopf – was mich zu einer weiteren Bemerkung veranlasste:

„Ich wette mit dir: Wenn du ihn hierher zu dir einlädst und ich als deine Anstandsdame bin nicht mehr hier… Besorg dir vorher ein heißes Negligé!“

Grinsend betrachtete ich ihren hochroten Kopf und fing dann das kleine Kissen auf, das sie mir an den Kopf zu werfen versuchte.

„Du hast nicht nur eine blühende, sondern offenbar auch etwas verdorbene Fantasie!“ meinte sie, aber ich sah ihr an, dass ich erste Zweifel in ihr geweckt hatte.

„Tim steht auf dich, da bin ich ganz sicher!“ meinte ich und marschierte ins angrenzende Bad, wo ich mit einem raschen Blick noch einmal kontrollierte, ob ich nichts übersehen hatte. „Gib dir und ihm eine Chance – und ruf mich an, wenn es passiert ist!“

Das zweite Kissen traf mich unverhofft und ich konnte es nur noch lachend vom Boden aufheben und zurückwerfen.

Nur wenige Minuten später – wir schleppten gerade mein Gepäck die Treppe hinab – meinte sie leise: „Denkst du wirklich? Ich weiß nicht… Er umgibt sich im Büro ständig nur mit männlichen Kollegen und ich habe ihn, seit er bei uns arbeitet, noch nie…“

„Deb, vertrau mir! Ich weiß, wovon ich rede. Und ich habe bisher noch nie danebengelegen mit solchen Prognosen!“

Ich war grundsätzlich nur blind, wenn es um mich ging! War zumindest mein Eindruck…

Sie reichte mir meine Strickjacke und schlüpfte dann in ihre.

Nein, bisher hatte ich noch nie danebengelegen! Sogar meine Einschätzung bezüglich meiner besten Freundin Jada und Gavin Dunstan alias Whitman… Ich hatte von Anfang an spüren können, dass sie rasch starke Gefühle für ihn entwickelte – aber auch, dass Gavin noch etwas ganz anderes in ihr sah… Worin ich mich allerdings verschätzt hatte war die jeweilige Intensität, sowohl in Bezug auf die Tiefe ihrer beider Gefühle als auch und vor allem auf die Intensität seines Vampirinstinktes… Er hatte viel verloren, als er diesem Instinkt nachgegeben hatte! Sehr viel! Ich hatte versagt bei dem Versuch, die beiden voneinander fernzuhalten und ich konnte nur bewundern, wie Jada später damit umgegangen war und was sie ihm zuletzt ermöglicht hatte: Sie hatte ihm verziehen und ihm sogar durch einen abgewandelten Blutsbund seinen Durst speziell nach ihrem Blut genommen!

Dennoch: Sie lebte jetzt mit Gavins Bruder Mason zusammen in der Nähe von Carlisle – wie anscheinend so oft zwischen Vampiren und Menschen eine unglaublich tiefe Beziehung, die sich, zumindest was Jada anging, ein wenig langsamer entwickelt hatte. Bei Mason hatte ich schon viel früher spüren können, welche Empfindungen sie in ihm geweckt hatte!

Gavin hingegen… Er und seine Schwester Sareena hatten vorübergehend das Haus von Jadas Urgroßtante Isadora bezogen, damit es nicht leer stand. Und noch heute würde ich mir bei meinem Zwischenstopp in Banchory ein Bild von seinem ‚Zustand’ machen können. Der abgewandelte Blutsbund mochte ihn von dem unerträglichen Durst nach ihrem Blut befreit haben, aber ich hatte keine Ahnung, wie es um seine Gefühle für sie stand…

Ich schrak zusammen, als Deborah mich jetzt anstieß.

„He, wo bist du nur wieder? Ich hab gefragt, auf welche zahlreichen Partnerschaftsvermittlungen du verweisen kannst, um so was zu behaupten…“

„Oh, entschuldige… Na ja, ich hab mal jemandem namens Jane auf die Sprünge geholfen, nachdem ihr ‚Tarzan’ ihr zunächst schon einmal den Laufpass gegeben hatte. Und bei Jada und Mason hatte ich auch gleich ein gutes Gefühl… Das mit der Partnerschaftsvermittlung ist vielleicht gar keine so schlechte Idee! Deb, ernsthaft: Wenn du Augen im Kopf hast, dann mach sie bei eurer nächsten Begegnung mal auf. So, und jetzt komm her und lass dich noch mal umarmen…“ zog ich sie an der Haustür an mich.

„Oh, warte mal! Jetzt hätte ich fast etwas vergessen…“

Sie machte sich los und rannte die Treppe noch einmal hinauf, verschwand in ihrem Schlafzimmer und tauchte kurz darauf wieder auf, ein kleines Kästchen mit einer riesigen, leuchtend gelben Schleife darauf in der Hand.

„Hier“, lächelte sie schief, „das ist für dich, ein kleines Abschiedsgeschenk und Andenken an deinen Aufenthalt hier: Ein Anhänger, ein kleines Erbstück, noch von meiner Urgroßmutter oder sogar noch älter… Es ist immer an die Schwiegertöchter weitergereicht worden. Ich hab nicht so viel für den alten Kram übrig und bei dir ist es wesentlich besser aufgehoben als bei mir. Du bist die Ahnenforscherin und weißt es eher zu würdigen!“

Sie hielt es mir hin aber ich griff nur sehr zögerlich danach.

„Deb… du brauchst mir nichts zu schenken! Es ist unheimlich lieb von dir, aber… ich war so lange dein Gast und hab gar nichts… Das ist…“

„Ach was! Bei mir verstaubt das Ding nur, ich trage nun mal nur modernen Schmuck. Und es sind nicht die Kronjuwelen!“

In der Tat: Unter ihren knapp schulterlangen, brünetten Haaren schauten auch heute wieder lange und schmale, auberginefarben schimmernde Ohrhänger heraus, passend zu ihrem Oberteil. Woraus die rhombenartigen flachen Plättchen gearbeitet waren, entzog sich meiner Kenntnis, aber dass sie auffälligen modernen Schmuck bevorzugte, konnte niemand bestreiten.

„Trotzdem…“

„Jetzt halt einfach ausnahmsweise mal den Mund und mach es auf; bevor du fährst möchte ich noch wissen, ob er dir überhaupt gefällt …“

Ich stellte meine Tasche also noch einmal ab und fingerte verlegen an der dicken Schleife herum. Und als ich das kleine Kästchen endlich öffnen konnte, blieb mir der Atem weg: Auf dem kleinen, dunklen Seidenkissen lag eine Kette aus ein wenig angelaufen scheinenden silbernen Gliedern, an der sich ein verschnörkelter, ovaler Anhänger von etwa vier Zentimetern Länge aus dem gleichen Material befand.

„Deb, der ist wunderschön! Das kann ich unmöglich annehmen! Wenn der deiner Urgroßmutter gehört hat…“

„…dann bleibt er ja trotzdem in der Familie, nicht wahr? Noch dazu bei jemandem, der ihn wenigstens zu schätzen weiß und tragen wird – und darauf kam es ihr wohl an! Sieh mal in der Mitte das große ‚F’! Soweit ich weiß ist sie, wie gesagt, immer als Hochzeitsgeschenk weitergereicht worden… Zieh sie mal an!“

Ich hatte sie schon vorsichtig aus der Schachtel genommen und näher betrachtet. In der flachen Mitte des Anhängers war dieser Buchstabe in der Tat unübersehbar. Eine Auftragsarbeit, ganz sicher. Finley… Fionnlagh… die Familie des ‚blonden Kämpfers’… Wie ungewöhnlich, dass es nicht der Buchstabe des Vornamens ihrer Urgroßmutter war, der, wie ich wusste, Violet gelautet hatte… Aber wenn er von Anfang an dazu gedacht gewesen war, in der Familie an die Schwiegertöchter weitergegeben zu werden …

Ungeduldig mit der Zunge schnalzend nahm sie mir die Kette aus der Hand, öffnete den Verschluss und trat dann hinter mich, um sie mir umzulegen.

„Deb…“

„Ich will nichts hören! Ich habe sie nie getragen, werde sie nie tragen und dazu ist Schmuck nun mal da! Und zu dir Nostalgikerin gehört und passt sie! Wenn du schon keine anderen Finleys mehr gefunden hast, dann hast du jetzt wenigstens etwas, das dich an sie und mich erinnert, okay? So, und jetzt darfst du mich drücken und dann verschwinden, es sieht nach Regen aus. Besser, wenn du bei dem Wetter noch bei Tageslicht ankommst… Mach‘s gut und pass auf dich auf, okay? Und lass ganz oft von dir hören! Grüß alle von mir…“

„Mach ich! Und das mit Weihnachten…“

„Ich überleg es mir, versprochen! Aber wenn es nach dir geht, packe ich dann ja vielleicht Tims Geschenk aus…“

Ich grinste und nahm sie noch einmal in den Arm, nachdem wir meinen Koffer in den Mietwagen gewuchtet hatten.

„Ich werde dich vermissen, Deb! Danke! Für alles!“

„Danke, dass du da warst! Bis… irgendwann!“

Sie stand noch winkend am Straßenrand, als ich um die Ecke bog und sie schon unter den ersten Regentropfen die Schultern hochgezogen hatte…

 

 

Als ich mehr als vier Stunden später in Banchory eintraf, goss es wie aus Kübeln. Froh darüber, vorläufig dem immer noch ungewohnten Linksverkehr und bei diesen Sichtverhältnissen sehr anstrengenden Fahren entkommen zu sein, parkte ich direkt vor dem kleinen Haus und sah bereits, wie Gavin, einen Schirm in der Hand, aus der Haustür trat und mir entgegenkam.

„Hallo, Samantha! Wie ich sehe, hast du dir das allerbeste Wetter ausgesucht, um die Fahrt hierher anzutreten; du hättest mein Angebot, dich abzuholen, annehmen sollen! Komm, ich hole dein Gepäck nachher herein…“

Er wirkte sehr gelassen und entspannt… Wie jedes Mal, wenn ich ihm begegnete, versuchte ich auch diesmal automatisch, seinen derzeitigen Gemütszustand zu erfassen und atmete unmerklich auf als ich feststellte, dass der äußere Eindruck mit dem inneren übereinstimmte: Er war vollkommen ruhig. Auch seine Augen signalisierten mir, dass er wohl erst kürzlich auf der Jagd gewesen und nun satt war …

Er hob lächelnd eine Augenbraue. „Keine Sorge, ich habe wohlweislich in der letzten Nacht reichlich Tierblut zu mir genommen – du bist sicher vor mir!“

Ich schnaubte.

„Es ist nicht so, dass ich dir nicht vertraue! So war es nie, das solltest du eigentlich wissen!“

„Ja“, seufzte er, „ich weiß, dein Verhalten ist der Jägerin in dir geschuldet! Aber wie wir ja nun mal beide durchaus wissen, besteht in meiner Gegenwart erhöhte Gefahr…“

Er wartete, bis ich vor ihm den kleinen Flur betrat und schüttelte den triefenden Schirm aus, bevor er die Haustür zuschob.

Ich musterte ihn. Er hatte sich in den letzten Monaten verändert. Nicht äußerlich – wie auch! Aber es lag etwas in seinen Augen und in seiner Miene, das vorher nicht da gewesen war. Eine Art… Leid und Resignation.

„Wie geht es dir?“ fragte ich sofort.

Ein schmales Lächeln hob einen seiner Mundwinkel.

„Willst du nicht erst einmal reinkommen? Sareena ist mit Paul unterwegs hierher, die beiden sind extra wegen dir noch hiergeblieben…“

„Was meinst du damit?“

„Dass sie ein Paar sind, schon seit ein paar Wochen! Wusstest du das nicht?“

Er hatte mich ins Wohnzimmer gelotst, in dem sich eine Reihe offenbar neuer Möbel befand – wahrscheinlich nach Isadora Scotts Tod neu angeschafft. Ich sah mich kurz um. Alles hier schien unlängst ein wenig renoviert worden zu sein.

„Nein, das wusste ich nicht. Aber es freut mich natürlich! Heißt das, sie wohnen schon nicht mehr hier, du hast das Haus für dich?“

„Sie haben sich ein Cottage unweit der englisch-schottischen Grenze zugelegt, wo sie sich jetzt weitestgehend eingerichtet haben. Nächste Woche wollen sie endgültig hier ausziehen, sie haben wahrscheinlich aus Rücksicht auf mich noch eine Weile damit gewartet. Paul wird sesshaft, ich kann es immer noch kaum glauben!“

Paul, ein alter Freund der Dunstans… Nein, eher ein alter Freund von Mason.

„Setz dich! Möchtest du etwas trinken oder essen?“

„Danke, später vielleicht.“

„Wie geht es Deborah? Hat sie die Ereignisse des Sommers überwunden?“

Ich nickte und legte meine Handtasche neben mir auf das breite Sofa. Dann strich ich meine vom Regen doch leicht feuchten Haare hinter die Ohren, bevor ich ernst antwortete:

„Ja, sie hat nichts zurückbehalten – dem Himmel sei Dank!“

„Wohl eher dir und Akai sei Dank! Wenn ihr nicht gewesen wäret…“

Ich winkte ab.

„Das war ein Fall, in dem ich gerne geholfen habe, Gavin! Auch wenn Deb mir in diesen Wochen nicht eine echte Freundin geworden wäre, diese Erinnerungen habe ich meiner Cousine gerne genommen! Es geht ihr gut und ihr Leben verläuft vor allem seit Kurzem wieder sehr… positiv.“

Er nahm mir gegenüber im Sessel Platz und lehnte sich entspannt zurück, doch seine nächste Frage klang ernsthaft besorgt:

„Hat die Suche nach weiteren Verwandten oder vielmehr nach deinem Eingeweihten noch Erfolg gehabt?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein. Die Finleys, die hier irgendwo noch leben, haben samt und sonders nichts mit uns zu tun – nicht, soweit ich noch feststellen konnte und ich bin weit zurückgegangen. Deb in Gretna Green und wir in Carlisle scheinen die Einzigen zu sein, die aus dieser Linie noch übrig sind. Falls sie sich irgendwann vor langer Zeit aufgespaltet hat oder – was wohl wahrscheinlicher ist – ich eine Sackgasse bin und die Aufgabe des Eingeweihten irgendwann nach einer Heirat inzwischen von einer Linie unter anderem Namen übernommen worden ist, dann wäre es jetzt unmöglich, all die vielen Möglichkeiten abzugrasen! Obwohl ich es nicht begreife, denn beide Aufgaben sind doch wohl so angelegt, dass uns sämtliche Instinkte zueinander hinziehen müssten – wie es zuletzt ja wohl auch bei Jada und Isadora war. Ich jedenfalls weiß mir keinen Rat mehr! Alles, was ich tun kann ist zu warten, ob er oder sie mich noch finden wird. Falls es ihn oder sie überhaupt noch gibt und er oder sie mich überhaupt sucht…“

Ich unterbrach mich und schwieg dann.

Er nickte ernst.

„Das heißt also auch, dass du nach wie vor nicht weißt, für welche Vampirlinie du zuständig bist!“ murmelte er.

„Richtig. Ich werde auch in dieser Beziehung warten müssen und mich zur Not überraschen lassen!“

„Ich verstehe das nicht! So ein Fall ist ganz sicher einzigartig in der Geschichte und wenn du noch nicht mal weißt, welche weitere Fähigkeit in dir liegt…“

Ich zuckte die Schultern.

„Vielleicht geht es mir wie Phoebe: Auch sie hat nur noch eine passive Begabung!“

Er schnaubte.

„Das nenne ich kaum passiv, Sam, sie kann weit mehr! Wie sonst könnte sie Bilder in einen Geist projizieren? Aber lassen wir das. Und da im übertragenen Sinne ja wohl ich es war, der deine Instinkte damals zum ersten Mal aufgerüttelt hat: Wenn ich dir irgendwie weiterhelfen kann…“

Überrascht warf ich ihm einen langen Blick zu.

„Danke, aber ich wüsste wirklich nicht, wo ich jetzt noch ansetzen sollte! Im Lauf der Zeiten haben sich so viele Finleys mit anderen Familien vermischt… Ich denke, ich werde damit leben müssen. Aber jetzt möchte ich wirklich gerne wissen, wie es dir geht. Wenn du hier bald so ganz alleine lebst…“

Wieder glitt ein schmales Lächeln über sein Gesicht.

„Hast du das nicht schon bei deiner Ankunft ausgelotet? Es geht mir gut. Ich bin Jada zu großem Dank verpflichtet, in mehr als einer Hinsicht. Ich habe zwar nicht erst in den letzten Monaten gelernt, inmitten von Menschen zu leben, aber ich bin ein gutes Stück weit fortgeschritten in meiner ‚Abstinenz’ – eine echte Erleichterung, ihr seid für mich nicht mehr ständig eine solche Herausforderung, trotz dem, was ich getan habe!“

„Das habe ich bemerkt, aber ich bin nicht so weit gegangen, dich ‚auszuloten’, Gavin! Im Ernst, ich habe im letzten Jahr ein paar Mal zu oft unbeabsichtigt Dinge aus meiner Umgebung mitbekommen – das brauche ich echt nicht, es kann ziemlich belastend sein, weißt du! Zuletzt hatte ich zwar schon ziemlich den Bogen raus, mich von alldem abzuschotten, aber Dank Phoebe bin ich inzwischen richtig gut darin, mich vollkommen abzuriegeln und ticke schon fast wieder normal – so wie vorher eben.“

Zumindest fast wie ‚vorher’…

„Und meine Frage habe ich aus echtem Interesse gestellt und sie bezog sich weniger auf deine Vampirinstinkte, aber ich kann auch verstehen, wenn du nicht darüber reden willst!“

Seine Augen wurden eine Spur dunkler, als er jetzt nickte.

„Ich weiß, dass deine Frage sich nicht darauf bezog.“

Er runzelte die Stirn und schien nachzudenken. Mehrere Sekunden vergingen und das Schweigen fing schon an, unangenehm zu werden, als er endlich wieder das Wort ergriff:

„Es geht, Samantha! Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass es gut geht, aber es geht. Ich lerne, damit zu leben. Mit allem! Die Tatsache, dass Jada mir verziehen hat und mir mit diesem abgewandelten Blutsbund die Möglichkeit gab, ein Leben ohne den beständigen Durst nach ihrem Blut zu führen, hilft, aber es tötete nicht alle noch vorhandenen Gefühle für sie in mir ab, nicht innerhalb so vergleichsweise kurzer Zeit! Ich liebe sie nach wie vor, wenn auch langsam immer mehr wie die Schwester, zu der sie mit unserem Bund für mich wurde, aber wie du dir vielleicht denken kannst, ist die Erinnerung daran, dass es noch vor wenigen Monaten… anders war, noch sehr frisch! Im Augenblick befinde ich mich an einem Punkt, in dem sich das Befremden, meine eigene ‚Schwester’ einmal körperlich begehrt zu haben, mit der Erkenntnis, dass es sich jetzt um ein ‚Familienmitglied’ handelt, die Waage hält. Nein, nicht ganz, aber es… schlägt mehr und mehr zu der Seite des Familienmitglieds aus.

Du siehst, ich lerne also tatsächlich, damit zu leben und die Distanz zu ihr hilft mir sehr dabei! Es ist einfacher geworden und wird inzwischen von Woche zu Woche besser. Irgendwann wird es nur noch eine befremdliche Erinnerung sein, die kaum mehr wahr ist. Ist deine Frage damit beantwortet?“

Ich schluckte und vermied es sehr bewusst, mich jetzt für seine Emotionen zu öffnen. Er liebte sie immer noch. Irgendwie.

„Ich verstehe. Aber ich kann mich für diese Frage nicht entschuldigen, Gavin! Jada ist meine beste Freundin und auch wenn ich in dir ebenfalls einen Freund sehe… Ich wollte also wissen, wie du dich fühlst und musste wissen, wo du stehst, wenn es um sie geht! Danke, dass du so offen warst.“

Er nickte knapp.

„Ich habe größeres Verständnis für dich als du offenbar glaubst, Sam. Du warst von Anfang an ständig bestrebt, Jada zu beschützen – wie sich herausstellte, weit mehr noch als ich. Dafür danke ich dir… und schon deshalb war ich dir diese Antwort schuldig. Dennoch: Von jetzt ab solltest du dieses Thema als Tabu betrachten zwischen uns. Ich werde Jada noch für eine ganze Zeit nicht wieder treffen. Erst wenn ich weiß, dass ich hinreichend über alles hinweg bin, werde ich sie und Mason wieder besuchen – oder sie mich! Daran wirst du erkennen, dass… es vorbei ist!“

Dass es vorbei sein würde? Eine ganze Zeit…

Vorsichtig beugte ich mich vor.

„Gavin, bitte… Es ist nicht so, dass ich nicht mit dir fühlen kann, glaub mir! Es tut mir so leid für dich, mehr als du jetzt anzunehmen scheinst… Wenn ich dir irgendwie helfen kann…“

Er zog die Augenbrauen zusammen.

„Was bietest du mir an? Willst du mir die Erinnerung daran nehmen?“

Er klang eindeutig wütend und ich zog aufgebracht die Augenbrauen zusammen.

„Willst du mich mit Absicht missverstehen? Das wäre nur theoretisch eine Option, aber daran habe ich nicht gedacht, nein! Abgesehen davon, dass es schon zu lange zurückliegt für meine Fähigkeiten und ich nichts davon halte, in Gefühlen herumzupfuschen, würde es wohl kaum innerhalb meiner ‚Machtbefugnis’ liegen! Nein, ich habe dir lediglich sagen wollen, dass ich für dich da bin, wenn du reden willst. Aber nach meiner soeben an dich gerichteten Frage scheint das für dich nicht infrage zu kommen. Oder nicht mehr!“

Seine Stirn glättete sich und er sah erstaunt aus.

„Entschuldige, ich habe ein wenig… überreagiert, ich wollte dich nicht kränken oder beleidigen. Du bietest dich mir als Zuhörerin an? Hast du noch nicht genug auf dich geladen? Willst du dir meinen seelischen Müll auch noch anhören? Das ist keines der Dinge, die du dann in deine Ablage im Hinterkopf packen kannst, die du dir als Jägerin erfolgreich geschaffen hast!“

Seine Bemerkung versetzte mir einen weiteren, heftigen Stich. Ich richtete mich hastig wieder auf und bemühte mich, meiner Stimme einen festen Klang zu geben.

„Ich bin nicht nur Jägerin und nicht nur Jadas Freundin, weißt du! Mein Angebot war ernst und als Freundschaftsdienst gemeint. Falls du reden willst… Aber jetzt sollte ich wohl meinen Koffer hereinholen, der Regen hat nachgelassen. Danke übrigens für eure Einladung, es ist schön, euch noch einmal zu sehen, bevor ich wieder nach Hause fliege…“

„Lass mal, ich hole deinen Koffer schon, wenn du mir den Wagenschlüssel gibst. Ich muss mich noch einmal bei dir entschuldigen, ich habe dir schon wieder unbeabsichtigt wehgetan! Ich glaube, du hast mich nur… überrascht.“

Er war überrascht! Er reagierte überrascht, wenn ich ihm anbot, ihm zuzuhören? Worauf beruhte diese Reaktion? Darauf, dass er stets so distanziert war oder darauf, dass ich zu sehr empathische Jägerin war, als dass er eine ‚normale’ Reaktion bei mir vermutete? Wer von uns hatte diese Distanziertheit zwischen uns zu verantworten?

Er erhob sich und unterbrach damit meine Überlegungen. Ich reichte ihm den Schlüssel.

„Schon gut.“ murmelte ich daher. „Ähm… Ich sollte den Wagen morgen wieder abgeben, mein Flieger geht allerdings erst übermorgen. Könnte mich jemand…“

„Kein Problem, das erledigen wir schon für dich! Aber wieso willst du schon übermorgen fliegen?“ fragte er erstaunt. „Du bist immer willkommen und kannst bleiben, solange du willst!“

„Ich weiß.“ seufzte ich und zog endlich den Reißverschluss meiner Strickjacke auf. „Aber irgendwann muss ich ja wohl mal wieder in mein altes Leben zurück…“

Er musterte mich kurz und nickte erneut, dann fiel sein Blick auf den Anhänger, den Deb mir geschenkt hatte. Er stutzte, dann runzelte er wieder die Stirn.

„Was ist?“ fragte ich und senkte den Blick auf die Kette.

„Dieser Anhänger… Woher hast du ihn?“

„Von Deborah. Ein Abschiedsgeschenk.“

„Erlaubst du?“

Er war an mich herangetreten, hielt aber mitten in der Bewegung inne. Selbst seine kräftige Hand verhielt in der Schwebe, als ob jemand plötzlich einen Film angehalten hätte. Er war immer noch unglaublich vorsichtig und fragte um Erlaubnis, bevor er sich einem Menschen körperlich näherte!

„Natürlich.“ murmelte ich und wollte sie schon ausziehen, aber jetzt war er schneller und hatte den Anhänger bereits gegriffen, hielt ihn behutsam zwischen den Fingern.

„Fraser?“

„Was?“

„Woher hat Deborah ihn?“

„Sie sagte, das sei ein Erbstück, das schon ihrer Urgroßmutter gehört hat und seitdem schon von Mutter zu Tochter oder vielmehr Schwiegertochter jeweils zur Hochzeit weitergereicht wurde… Warum? Was ist damit?“

„Ist dir der Buchstabe nicht aufgefallen?“

„Das ‚F’? Natürlich, er kann schließlich kaum übersehen werden… Finley.“

Vorsichtig ließ er die Kette wieder los und legte nachdenklich den Kopf schief, zwischen den dichten, dunklen Augenbrauen immer noch eine kleine Falte.

„Wohl eher nicht Finley… Ich müsste mich sehr täuschen! Er könnte mal einer Frau auf einem Bild gehört haben. Nein, auf einem Gemälde. Wenn ich richtig liege, dann hast du die Antwort auf deine Fragen um den Hals hängen, Samantha, aber danach sollten wir nachher Paul fragen…“

„Was meinst du damit? Würde es dir was ausmachen, mich aufzuklären?“

Er holte schon Luft zu einer Antwort, aber dann drehte ich gleichzeitig mit ihm den Kopf, als ich fühlte, wie sich zwei weitere Präsenzen näherten. Sareena und Paul…

Er wandte sich sofort in Richtung Flur, aber ich hielt ihn am Arm fest.

„Warte!“

Er blickte amüsiert auf meine Hand an seiner Ellenbeuge und ich ließ ihn sofort wieder los, als ob ich mir die Finger verbrannt hätte.

„Entschuldige.“

„Du hast lange auf Antworten gewartet…“

„…da kann ich auch noch ein bisschen länger warten!“ ergänzte ich seinen Satz.

Er lächelte ein wenig breiter und war schon verschwunden.

Mit einem langen Seufzer durchquerte ich das Zimmer wieder und sah durch das Fenster, wie er meinen Koffer und die kleinere Tasche mühelos aus dem Auto hob und dann gemeinsam mit den langsam herangekommenen Vampiren wieder zum Haus zurückkehrte. Nur Augenblicke später kam Sareena quer durch das Zimmer auf mich zu, lächelte mich freundlich an und legte den Kopf schief.

„Hi Sam! Darf ich dich zur Begrüßung umarmen? Keine Sorge, ich bin satt!“

Ihre langen blonden Haare waren unter der Kapuze ihrer Jacke trocken geblieben und sie warf die Regenjacke nachlässig über das Sofa – von wo Gavin sie sofort wieder wegnahm und innerhalb von Sekunden in der Diele aufhängte.

„Wie immer ungemein beruhigend, Sareena! Wie geht es dir?“ zog ich sie lächelnd in die Arme.

„Fantastisch würde ich sagen… Hier, das ist Paul MacArtney. Aber mit der ähnlich klingenden musikalischen Variante hat er nicht viel gemeinsam, würde ich sagen, denn wenn er unter der Dusche singt, kommt das eher dem Geräusch einer Kreissäge gleich! Und auch sonst sind Verwechslungen ausgeschlossen, denn er heißt mit vollem Namen Paul Dougal Finnegan Lancelot MacArtney! Paul, das ist Samantha Finley.“

Ich verkniff mir mühsam ein Kichern und musterte den mir fremden Vampir kurz und möglichst unaufdringlich. Auch er hatte seine regennasse Jacke rasch abgestreift und Gavin geschickt zugeworfen… Seine Haare und Augen waren von einem etwas helleren Braun, seine Statur war der von Gavin ähnlich. Aber in seinen Augen und seinem Grinsen lagen eine gewisse Verwegenheit und  so etwas wie Übermut, als er mir jetzt die Hand reichte. Meine Jägerin blieb jedoch ruhig, er war also keine Bedrohung… Ich konnte mich entspannen!

„Freut mich! Ich habe schon eine Menge von dir gehört! Was gibt es Neues von der kleinen, schottischen Hexe?“

Jetzt grinste ich zurück. Er war mir sofort sympathisch!

„Ihr geht es gut, soweit ich weiß. Ich habe mittlerweile auch eine Menge von dir gehört! Bonnie Prince Charlies Bett, soso! Muss ich mir um meine Besitztümer Sorgen machen?“

Er lachte.

„Nein, ich denke nicht! Es sei denn, du hast echt antike Stücke darunter, die ich mit Gewinn verscherbeln könnte…“

Gavin reichte mir den Wagenschlüssel zurück und nickte in Richtung meiner Kette.

„Dann wirf doch bitte mal einen näheren Blick auf Samanthas Anhänger und sag mir, was du davon hältst!“

Prompt senkte sich sein Blick um mehrere Handbreit und ich zog jetzt automatisch die Kette aus und reichte sie ihm.

„Die Frasers?“ fragte er erstaunt und blickte Gavin an. „Die sind wieder aufgetaucht? Gibt’s doch nicht! Wo und wann?“

Er schüttelte den Kopf.

„Das da ist das Einzige, das bisher wieder von ihnen aufgetaucht ist! Aber dann hatte ich recht, es ist der Anhänger, der dieser Familie gehört hat.“

Ich schnaubte laut und vernehmlich und beide sahen mich daraufhin an. Paul ergriff wieder das Wort, ein eigenartiges Funkeln in seinen Augen und wirkte vorsichtig.

„Du bist die Jägerin der Frasers? Wie bist du an diesen Schmuck gekommen? Sie sind sicher eine der ganz wenigen Familien, von deren Verbleib niemand mehr weiß, die meisten Vampire halten sie inzwischen für tot.“

„Ich weiß immer noch nicht, wovon ihr redet! Wie wäre es also, wenn mir mal jemand sagt…“

„Klar, natürlich. Wollen wir uns setzen? Ich weiß nicht viel, aber was ich weiß, werde ich dir erzählen.“

Gavin warf sich wieder in den Sessel und Sareena zog mich neben sich auf die Couch. Paul musterte noch einmal den Anhänger und reichte ihn mir dann zurück, bevor er sich in den zweiten Sessel fläzte.

Ich sah Gavin an, weshalb er wohl als Erster das Wort ergriff.

„Fearghas Fraser… Ich habe ihn nie persönlich kennen gelernt, aber ich weiß von Mason, dass unser Vater und er sich wenigstens einmal begegnet sein müssen. Die Frasers waren oder sind ein noch junger schottischer Vampirclan… Vampirlinie, wie auch immer. Das Gemälde, das ich vorhin erwähnte, hat Mason mir beschrieben, wenn auch recht detailliert; Paul kann dir mehr darüber erzählen, er war dabei.“

„Wo hat er dieses Bild gesehen?“ schoss ich hervor und sah Paul erwartungsvoll an.

„Genau genommen waren es zwei Bilder. Sie waren Teil einer kleinen privaten Sammlung, die wenig später einem Feuer zum Opfer fiel; ein unbekannter Maler hatte eine dunkelhaarige Schönheit gezeichnet, die auf beiden Bildern exakt diesen Anhänger trug… Das muss wohl auch Mason aufgefallen sein, sonst hätte er ihn Gavin wohl nicht beschrieben.“

Der nickte, ohne ihn zu unterbrechen.

„Auf einem der Gemälde war die Frau alleine dargestellt, auf dem zweiten zusammen mit ihrem Gefährten, einem Simon Fraser…“

Gefährten? Ich schaltete!

„Doch bestimmt nicht dem Simon Fraser? Der im westlichen Kanada Handelsrouten erforschte und dort die ersten Handelsposten errichtete? Das ist nicht gut möglich! Du willst mir doch nicht erzählen, dass er ein Vampir war?!“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein. Es war auch nicht dieser Simon Fraser auf diesem Gemälde! Aber dieser Name hat schottische Wurzeln. Du weißt, dass auch Simon Frasers Vater aus den Highlands stammte?“

„Ja, ich erinnere mich dunkel…“ meinte ich leise und schluckte. Sollte es tatsächlich möglich sein, dass diese Kette sämtliche Antworten enthielt, nach denen ich so lange gesucht hatte?

„Wie dem auch sei: Irgendwann und irgendwo in den Highlands entstand diese Linie – im Grunde genommen durch eine junge  Frau mit diesem Familiennamen: der Frau auf diesen Bildern. Ihr Vorname ist mir persönlich nicht bekannt, aber jeder Vampir in Schottland weiß, was mit ihr geschah. Ein Vampir namens Simon hat sie gegen ihren Willen in eine Vampirin verwandelt, weil er sich in sie verliebt hatte und sie auf diese Weise an sich binden wollte…“

„Großer… Gott…“

Ich fühlte überdeutlich, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich und mein Magen sich zusammenzog.

Paul nickte ernst.

„Ja… Viel ist nicht über sie bekannt, aber er hat sie nicht lange besessen: Sie wurde schwanger und kurz nach der Geburt ihres ersten und einzigen Kindes hat sie sich umgebracht. Sie konnte wohl nicht damit leben, was Simon aus ihr gemacht hatte beziehungsweise was sie fortan zu tun gezwungen war… Dieser Simon muss spätestens zu diesem Zeitpunkt ihren Namen angenommen haben und falls diese Bilder aus seinem Besitz stammen – was ich nicht weiß wie ich betonen möchte – wahrscheinlich deshalb nicht wie normalerweise üblich vernichtet. Eine bloße Vermutung, mehr nicht…

Das Einzige, was ich dir sonst noch darüber sagen kann ist, dass Fearghas Fraser dieses Kind ist. Von Simon Fraser hat man schon sehr lange nichts mehr gehört, er ist wohl schon lange tot, Fearghas hingegen… Keine Ahnung! Kann sein, dass er noch irgendwo alleine lebt, kann sein, dass er sich ebenfalls irgendwann eine Gefährtin gewählt hat und eine Familie gründete… Es gibt nicht mal Gerüchte, die mir zu Ohren gekommen wären – das ist auf der einen Seite selten, aber auf der anderen Seite… Die Vampirgemeinschaft kehrt solche Geschichten gerne unter den Teppich, denn wie du dir denken kannst, war und ist es vor allem unter denen, die Menschenblut trinken, verpönt, sich in – entschuldige! – sich in seine Mahlzeit zu verlieben und für so etwas Minderwertiges wie einen Menschen freiwillig das Risiko einer Verwandlung auf sich zu nehmen. Man redet nicht darüber und wechselt bis heute rasch das Thema, wenn die Sprache auf solche Vampire kommt. Vampire minderer Qualität, die man doch anzuerkennen gezwungen ist. Also geht man ihnen aus dem Weg und schweigt ihre Existenz tot.“

Ich fragte mich kurz, was die ‚Vampirgemeinschaft’ dann zu Sam Willows Verwandlung durch Orenda, einer ehemaligen Ältesten, gesagt haben mochte und wieso dann dieses Gesetz bestand, nach dem ein reinrassiger Vampir einer Aufforderung zu einer Verwandlung zuzustimmen gezwungen war. Bis mir etwas einfiel, das Phoebe einmal gesagt hatte: Dass alles gleich sei und Gut und Böse notwendigerweise einen Platz hatte im großen Ganzen – so in etwa jedenfalls. Worte dieser Orenda. Wenn diese Mächte also daran gebunden waren, auch die Existenz von Vampiren als gleichberechtigt anzusehen – was meiner Jägerin nicht ganz gefiel! – dann musste es so ein Gesetz wohl geben…

Ich riss mich zusammen, bevor meine Gedanken noch weiter abschweiften, denn Paul schien meine Geistesabwesenheit zu bemerken. Er hatte eine Pause gemacht und fuhr erst fort, als ich ihn jetzt wieder aufmerksam ansah.

„Du warst bei Simons Sohn Fearghas angelangt…“ meinte ich und er nickte.

„Bis vorhin habe ich geglaubt, dass auch er bereits tot sein könnte, aber dann gäbe es dich nicht. Oder vielmehr die Jägerin in dir.“

„Aber… wie kann das sein? Wie kann ich die Jägerin dieses Zweiges sein? Dieser Simon muss doch eine eigene Jägerlinie gehabt haben, die ihm zugeordnet war! Was ist mit denen? Sind sie ausgestorben?“

„Du vergisst, dass vor allem mit der gewaltsamen Schaffung eines neuen Vampirs auch eine neue Jägerlinie ins Leben gerufen werden kann: Seine Gefährtin war in der ursprünglichen Folge nicht ‚vorgesehen’!“ übernahm Gavin die Antwort. „In dem Moment, in dem er sie schuf oder aber ihren Namen annahm, könnte irgendwo ein neuer Jäger und ein neuer Eingeweihter geboren worden sein – im übertragenen Sinn natürlich. Und indem die Nachkommen der ersten Fraser-Vampirin ihren Namen trugen, übernahmen auch die neuen Jäger diese Nachkommen… Das alles würde erklären, warum du weder unter den Abkömmlingen deiner entfernteren Vorfahren noch unter denen der letzten beiden Generationen jemanden finden konntest, der dein Eingeweihter sein könnte. Eure Linie ist insgesamt gesehen zu jung und zu klein dazu. In unseren Zeiträumen gerechnet und auf die heutigen Kleinfamilien bezogen…“

„Ein Problem, das offenbar auch ältere Linien befällt. Immer wieder werden Generationen ausgelassen und wenn in unserem Fall die letzte lebende Generation nur noch eine Frau als Jägerin aufweisen kann… sind wir eine ziemlich schwache Familie, denn weder Deb noch einer meiner Brüder noch mein Vater ist mein Eingeweihter! Möglichkeiten, mir einen solchen zur Seite zu stellen, hätte es also zumindest gegeben und das alles erklärt auch immer noch nicht, wo die Frasers abgeblieben sind! Wie kann sich ein Vampir oder sogar eine ganze Familie so lange und für jeden anderen unter euch unentdeckt verstecken?“

Er hob vielsagend die Augenbrauen.

Okay, er hatte recht! Wenn sie es darauf anlegten, dann konnten sie sogar noch heute unbemerkt in irgendwelchen entlegenen Winkeln dieser Erde unsichtbar untertauchen. Seine Eltern hätten Ähnliches vermocht, wenn nicht Ambrose sie ihr halbes Leben lang ständig verfolgt und immer und immer wieder weitergehetzt hätte. Wer von uns hatte schon die Frasers aktiv gesucht und verfolgt? Oder besser: Wann vor mir war der letzte Jäger auf diese Idee gekommen?

Dennoch: Wie würde ein solches Leben aussehen? Und welchen Grund hatte er für ein solches Verhalten?  Ich stieß langsam den Atem aus. Fragen, die ich zum jetzigen Zeitpunkt für unwichtig erachtete und im zweiten Fall ganz einfach noch nicht beantworten konnte. Ich konnte nur hoffen, dass sich daran in nicht allzu ferner Zukunft etwas ändern würde.

„Mit anderen Worten: Irgendwo auf diesem Planeten gibt es noch einen Vampir der gewaltsam geschaffenen, verschollenen Fraser-Linie!“

„Das steht zu befürchten!“

Diese leise Bemerkung kam erneut von Gavin, der sich jetzt auf meinen fragenden Blick vorbeugte.

„Zu befürchten?“ echote ich.

Er deutete auf die Kette.

„Einer deiner Vorfahren muss sie in die Finger bekommen haben, nicht wahr? Natürlich kann es sein, dass einer von den Frasers sie zurückgelassen hat, als er vor seinem Jäger floh und sie so in eure Familie gelangte, aber es kann auch sein, dass Fearghas gestellt wurde und getötet und sie aus seinem Besitz stammt… Nur muss es dann tatsächlich irgendwo noch jemanden geben, der ebenfalls zu seiner Familie zählt, nicht wahr? Und dann ist da noch etwas, was du wissen solltest…“

Ich hielt automatisch den Atem an.

„Fearghas zählte damals zu den Vampiren, die sich nicht scheuten, Menschen zu töten, Sam! Laut meinem Vater hat er es damals nicht so… exzessiv betrieben wie zum Beispiel Ambrose, aber er hat auch kein Interesse daran gezeigt, dies ändern zu wollen!“

„Obwohl seine eigene Mutter…“

Meine Stimme klang eine ganze Oktave zu hoch.

Paul hob die Hand und beugte sich vor, stützte dann die Ellenbogen auf seine Knie. Seine Augen wirkten dunkler als vorher.

„Samantha, wie auch immer seine Ursprünge gewesen sein mögen – Fearghas ist, was er ist weil er es sein will! Damit meine ich nicht nur die Tatsache, dass er wie wir ein Vampir ist, sondern auch, dass er eine finstere Seite in sich trägt, die er von seinem Vater geerbt hat und die schließlich zu so etwas wie einer gewaltsamen Verwandlung fähig war. Er weiß, dass seine Mutter zwar ebenfalls ein Opfer war und sie ihn nach der Verwandlung zwar ausgetragen hat, aber dann nicht genügend Liebe für ihn aufgebracht zu haben schien, um sich mit ihrem Schicksal zumindest…“

Ich ächzte.

„Was willst du damit sagen?“ unterbrach ich ihn. „Willst du ihn damit entschuldigen, dass er ein Kindheitstrauma zu verarbeiten hat? Indem er noch mehr Menschen tötet?“

Vor meinem geistigen Auge zogen lauter Frauengesichter vorbei, die allesamt Ähnlichkeit mit einer dunkelhaarigen Frau mit Nachnamen Fraser hatten – und die ein Fearghas Fraser deshalb hasserfüllt eine nach der anderen aussaugte!

Paul zog die Augenbrauen dicht zusammen und schüttelte langsam den Kopf.

„Nein, ich entschuldige ihn nicht, ganz im Gegenteil! Wie wir hat oder hatte auch er die Wahl! Das ist der Versuch einer Erklärung, warum er so ist… oder war! Denn wer weiß denn schon, ob er nicht irgendwann ebenfalls keine weiteren Menschen mehr zu Opfern machen wollte – weil er eingesehen hat, dass er damit nicht besser als sein Vater ist? Wer weiß, ob er tatsächlich noch lebt oder ob da draußen nicht ‚nur’ noch ein Nachkomme herumläuft, der ganz anders ist als er? Ich entschuldige sein Verhalten nicht, in keiner Weise, ich erkläre es der Jägerin lediglich! Einen ehemaligen Menschen als Elternteil zu haben muss nicht zwangsläufig beinhalten, dass man sich menschliches Blut versagt. Aber es kann dies beinhalten.“

Langsam und vorsichtig atmete ich ein und wieder aus.

„Du hast recht, entschuldige bitte! Ich sollte euch weniger angiften als vielmehr dankbar dafür sein, dass ihr mir so bereitwillig Auskunft gebt!“

„Es ist wenig genug, was wir über die Frasers wissen. Auch ich bin weder Fearghas noch Simon jemals persönlich begegnet!“ winkte Paul ab, ließ sich wieder in den Sessel zurücksinken und deutete vage in Richtung meiner Kette. „Dieser Anhänger und die beiden Bilder sind alles, was ich von ihm oder vielmehr seiner unglücklichen Gefährtin jemals zu Gesicht bekommen habe. Das und was ich vom Hörensagen weiß ist alles, was ich dir sagen kann. Außer vielleicht noch, dass ich die Gemälde, wenn ich damals schon gewusst hätte wie wichtig sie einmal sein könnten, vielleicht… ähm… konfisziert und aufbewahrt hätte…“

Niemand lachte oder lächelte über seinen Versuch, die gedrückte Stimmung wieder ein wenig zu heben, aber es schien mir diesmal auch nicht so, als ob er damit gerechnet hätte.

„Es hätte mir wenig genutzt denn es hätte ja ohnehin nur zwei Personen gezeigt, die heute nicht mehr leben…“ murmelte ich und fingerte ohne hinzusehen an meinem plötzlich tonnenschweren Schmuck herum. Jetzt kam er mir vor wie eine weithin leuchtende Zielscheibe für jeden Vampir, der den Nachnamen Fraser trug: ‚Hier, sieh mal, meine Trägerin ist deine Jägerin! Nimm dich in Acht – oder töte sie gleich!’

Gavin nickte schweigend und ich ertappte mich bei der Überlegung, ob ich den letzten Satz etwa laut ausgesprochen hatte. Sareena hatte diesen Ausführungen die ganze Zeit über schweigend gelauscht und legte jetzt sanft ihre Hand auf meinen Arm.

Ich lächelte unsicher.

„Schon gut. Ich bin in gewisser Weise froh, endlich eine erste Antwort zu haben. Auch wenn sie mich noch nicht wirklich weiterbringt… Schon seltsam, dass ich als Jägerin das im Augenblick mit Vampiren diskutiere, nicht?“

Kurz hatte ich das Gefühl, ein hysterisches Lachen wollte sich den Weg durch meine Kehle nach oben bahnen, dann war auch dieser Eindruck wieder fort und ich fragte rasch: „Fearghas… ist gälisch, oder? Hat der Name eine Bedeutung?“

Sareena und Gavin sahen ratlos aus, aber Paul lächelte kurz, bevor er antwortete:

„Man könnte es wohl übersetzen mit ‚Mann der Tat’. Das gälische fear bedeutet Mann und gus steht für Vitalität oder Tatkraft.“

„Wie passend!“ murmelte ich mit deutlich ironischem Unterton. Sie hatten mich gehört aber keiner machte eine Erwiderung. Ich seufzte erneut.

„Tut mir leid, ich sollte das wirklich nicht ausgerechnet an euch auslassen! Im Gegenteil: danke! Ich werde mich bessern!“

Ein paar Augenblicke lang schwiegen alle, dann räusperte sich Paul.

„Hört mal, wie wäre es mit Abendessen? Ich lade euch ein! Sollen wir für jeden eine Riesenpizza ordern? Oder lieber Chinesisch? Schlagt was vor, ich könnte schon wieder was vertragen!“ rieb er sich den Bauch.

Sareena lachte leise

„Pizza und Pasta! Aber wir holen es, wir sind schneller als jeder Pizzaservice! Oder möchtet ihr etwas anderes oder beides? Sagt es ruhig…“

Gavin nickte einfach nur und ich murmelte etwas von Salat. Mein Hungergefühl war vorhin schlagartig verschwunden und mehr als das würde ich sicher nicht herunterbekommen!

„Geht klar, wir werden einfach eine Auswahl mitbringen! Los, Paul, lass uns einkaufen gehen! Wir sind bald zurück…“

Nur einen Wimpernschlag später hörte ich, wie die Haustür hinter ihnen ins Schloss fiel. Ihre Präsenzen verschwanden rasch von meinem inneren ‚Bildschirm’; sie nutzten offenbar die fortschreitende Dämmerung, um tatsächlich von ihrer enormen Schnelligkeit Gebrauch machen zu können!

„Fallen Sie nicht auf? Wenn sie sich so beeilen…“

„Keine Sorge, sie sind umsichtig genug. Sareena übertreibt es gerne mit ihren Bemerkungen über ihre Schnelligkeit und ihre Gefährtenschaft mit Paul scheint ihr zusätzlich Flügel zu verleihen. Bildlich gesprochen.“

Ich nickte schweigend, griff nach meiner Handtasche und kramte nach dem kleinen Kästchen, in dem Deborah mir die Kette überreicht hatte. Dann öffnete ich den Verschluss erneut und legte sie zurück in ihr Behältnis.

Gavin hatte meine Bewegungen interessiert verfolgt.

„Warum?“ fragte er nur.

Ich sah auf.

„Der Schmuck gehört nicht den Finleys; es ist ein Anhänger, der einer gänzlich anderen Familie gehört… und in der einem Mitglied noch dazu solche Gewalt angetan worden ist! Wie könnte ich sie da noch tragen?“

Seine Stimme klang sanft als er antwortete:

„Wieso solltest du nicht? Ich habe zwar ebenfalls keine Ahnung, wer da draußen noch herumläuft und welchen Weg der- oder diejenige inzwischen eingeschlagen hat, aber du könntest diejenige sein, die der ersten Fraser-Vampirin zu später Gerechtigkeit verhilft, Sam! Ich bin sicher nicht abergläubisch, aber weil es dich gibt und weil dieser Anhänger ausgerechnet jetzt wieder aus der Versenkung auftaucht und in deine Hände gelangte…“

Er ließ den Satz unvollendet.

„Ich verstehe, was du sagen willst“, klappte ich das Kästchen dennoch entschlossen zu, „aber ich werde diese Kette nicht tragen, solange ich nicht weiß, wo sich die letzten Frasers befinden – und zu welcher Seite sie gehören! Dann werde ich entscheiden, wem sie zukünftig gehören soll…“

Er erhob sich und trat ans Fenster, wandte mir den Rücken zu.

„Ich hätte fast die gleiche Schuld auf mich geladen…“ hörte ich ihn murmeln. „Ich hätte Jada um ein Haar das Gleiche angetan! Und dann wäre ich um keinen Deut besser gewesen als dieser Simon! Bei allen Göttern, was habe ich nur getan?“

Ich hielt den Atem an und schwieg. Was hätte ich auch sagen können? Ich wusste Bescheid über die Umstände, die ihn fast dazu gebracht hatten, ihr sein Blut mit Gewalt einzuflößen, aber anders als Jada war ich nicht in der Lage, ihm dies so einfach nachzusehen. Selbst die dahinterliegende Absicht, sie damit vor dem drohenden Tod zu retten, rechtfertigte in meinen Augen ein solches Handeln nicht… Es hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Verwandlung geführt!

Trotzdem und widersinnigerweise zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen, als ich jetzt die Selbstvorwürfe aus seiner Stimme heraushörte und als ich meine Empathie nutzte, um seine Gefühle ein wenig zu sondieren. Wieder einmal fühlte ich mich eigenartig zwiespältig: Hier meine Gefühle, dort die, die von ihm ausgingen – es quälte ihn noch heute, mehr als ich gedacht hätte! Rasch zog ich mich wieder in mich selbst zurück und verbot mir jede weitere Überlegung, die mir mehr über seine und meine Gefühle verdeutlichen würde.

„Jada hat dir verziehen! Wirst du dir irgendwann selbst verzeihen können?“ flüsterte ich stattdessen.

Er drehte sich zu mir herum, seine Augen waren dunkel.

„Ich werde mir weder das eine noch das andere verzeihen können, Sam, ich darf es nicht! Würde ich mir selbst Absolution erteilen, dann wäre das wie ein selbst erteilter Freibrief für mich, irgendwann in einer ähnlich verlockenden Situation wieder genauso zu verfahren! Nein, das ist etwas, was ich niemals tun werde…“

Ich riss die Augen auf. Er hielt krampfhaft an seiner Schuld fest um diesen Fehler nicht noch einmal zu machen?

„Gavin, es ist eine Sache, wenn man seine Fehler erkennt und aus ihnen lernt – eine andere, wenn man sich zeitlebens mit Schuldgefühlen selbst kasteit und zugrunde richtet! Wie willst du jemals wieder ein normales Leben führen, wenn du…“

Er trat einen Schritt auf mich zu.

„Es war deine Freundin, Sam, der ich das antun wollte! Angetan habe! Kannst du mir in die Augen sehen und mir sagen, dass du mir das verzeihst?“

Ich blinzelte atemlos und versuchte, seinem Blick standzuhalten, aber ich musste mehrfach schlucken, bevor ich zu einer Antwort imstande war.

„Irgendwann! Noch nicht jetzt, dazu ist das alles, wie du schon selbst sagtest, noch zu neu, aber… irgendwann… werde ich dir das sicher verzeihen können!“

Er machte ein abfälliges Geräusch und verzog das Gesicht.

„Das glaube ich nicht! Jedes Mal, wenn ich dir in die Augen sehe, sehe ich darin den Vorwurf stehen! Du bist nicht nur ein Mensch, du bist auch viel zu sehr Jägerin, um mir das jemals verzeihen zu können! Du schaffst es gerade so, mir gegenüber neutral zu bleiben! Sei wenigstens ehrlich, Samantha!“

Jetzt erhob auch ich mich und ignorierte mein dumpf pochendes Herz, als ich erneut seinem dunklen Blick begegnete.

„Ich bin ehrlich, Gavin! Ich habe dir noch nicht verziehen, richtig – aber ich sehe auch, wie hart du an dir arbeitest. Härter vielleicht als manch anderer Vampir! Du vergisst, dass ich fühlen kann, wie sehr du es bereust und dass ich ebenfalls schon eine Menge Dinge mitangesehen habe und mir daher ein mehr als deutliches Bild von euch machen kann, aber auch von dem, was ich darstelle! Es mag also sogar sein, dass die Jägerin in mir gerade in dieser Hinsicht länger brauchen wird und sich daher als Hemmschuh herausstellen könnte, zugegeben, aber ich bin immer noch Samantha und habe die Kontrolle über sie. Und als Samantha sage ich dir: Ich werde dir irgendwann verzeihen können! Ich fürchte nur, dass es dir mehr schadet als nutzt, wenn du nicht endlich anfängst, dir selbst zu vergeben… Was glaubst du, hätte eine solche Schuld, bis ans Lebensende mit dir herumgetragen, für einen Effekt auf dich? Du würdest als verbitterter alter Vampir ganz alleine irgendwo enden und hättest nichts gelernt aus deinem Leben!“

„Oh nein, Samantha Finley, ich habe hart erlernen müssen, was ich mit meinem Verhalten verloren habe!“ knirschte er. „Die Gefühle für Jada mögen schwinden, aber die Erinnerung daran bleibt, an jede einzelne Minute mit ihr, an jede Sekunde! Wie die Erinnerung daran, was ich getan habe; mein Vampirgedächtnis ist viel zu gut!“

Ich ignorierte das seltsame Gefühl in meiner Magengegend und schüttelte den Kopf.

„Was hat du denn verloren für etwas, was du nicht in anderer Form auch neu gewonnen hast? So schwer es für dich auch ist… Nein, Gavin, ich schmälere deinen Verlust nicht, ich weiß, du hast Jada auch als Frau, als Gefährtin gewollt“, winkte ich mit einer heftigen Handbewegung und mit gerunzelter Stirn ab, „aber jetzt… Sie wäre ohne einen Blutsbund niemals sicher vor deinem Begehren nach ihrem Blut gewesen! Und nun, wo du diesen Durst losgeworden bist und sie immer mehr als Schwester sehen kannst, kannst du dich immer noch zusätzlich als ihren besten Freund betrachten! Ihr teilt immer noch mehr miteinander als so viele andere! Anstatt dich mit Selbstvorwürfen zu zerstören und dich irgendwo zu vergraben könntest du damit anfangen, deinen Frieden mit dir selbst zu machen und in irgendeiner Form Wiedergutmachung zu leisten – nicht mal so sehr an Jada, vielmehr an dir selbst und anderen in dieser Welt! Wenn du wirklich etwas daraus lernen willst, dann hilf anderen, damit so etwas nie wieder passieren kann!“

Ich hielt ihm das Kästchen mit der Kette entgegen, Symbol dessen, worüber wir gerade redeten. Er hatte bei meinen Worten die Hände zu Fäusten geballt und ich sah und fühlte, wie er mit sich kämpfte um ruhig zu bleiben. Als ich merkte, wie er langsam wieder entspannte, versperrte ich meinem Geist wieder den Zugang zu seinen Emotionen und wartete atemlos. War ich zu weit gegangen?

„Wieso tust du das? Wieso sagst du das?“ flüsterte er.

„Weil Jada dir vergeben konnte! Weil sie meine Freundin ist und es so haben will. Und… weil auch ich in dir einen Freund sehe, auch wenn du mir das nicht zu glauben scheinst. Du wolltest Ehrlichkeit!“ erwiderte leise.

„Ja, ich wollte Ehrlichkeit.“

Ich hielt kurz den Atem an, dann fragte ich:

„Warst du mir gegenüber ebenso ehrlich? Warst du Jada gegenüber ehrlich, als du sie für Mason freigabst und ihr nach eurem Bund sagtest, alles in dir ‚richte sich’? Sie hat mir davon erzählt… Du sagtest vorhin, dass du sie trotz allem immer noch liebst. Wie ehrlich bist du dir selbst gegenüber? Du hast das Gespräch wieder auf diese Dinge gelenkt, sonst hätte ich deiner Bitte Folge geleistet und es nicht mehr angesprochen…“

„Ich weiß.“ meinte er leise. „Ich war dir gegenüber offen, Sam, offener als zu jedem anderen! Wie könnte ich einer Empathin gegenüber auch unehrlich sein?“ lächelte er schmal.

„Das könntest du, so gut bin ich nicht!“

Er hob eine Augenbraue.

„Doch, so gut bist du! Was deine Jägerin nicht kann, das scheinst du an angeborener Intuition mitzubringen! Aber du kannst beruhigt sein, ich habe Jada für Mason ‚freigegeben’, wie du es bezeichnest. Ich bin ebenfalls nicht völlig blind, ich habe gesehen, wie ihre Liebe zu mir aus ihren Augen verschwunden war und ich erkannte, dass sie es bei ihm viel besser haben würde als bei mir! Eine bittere, schmerzvolle Erkenntnis, aber selbst die wurde mir leichter nach diesem Bund… Ich habe also nicht gelogen, Sam, das war die volle Wahrheit. Und ich habe in den letzten Monaten gelernt, verletzend ehrlich auch mir selbst gegenüber zu sein!“

„Dann lass deine Schuld los, Gavin! Wenn du wieder leben willst, musst du sie loslassen!“

Ein eigentümlicher Blick traf mich aus seinen dunklen Augen.

„Wie kannst du wollen, dass ich eine Schuld loslasse, die selbst du mir nicht vergeben kannst? Leugne es nicht, entgegen deiner Worte hegst du immer noch einen tiefen, inneren Groll gegen mich! Berechtigterweise.“

„Weil ich Zeit brauche, Gavin! Alles, was ich brauche ist Zeit! Auch ich habe eine Menge hinter mir; Dinge, die ich erst verarbeiten muss. Aber alles kann wieder gut werden, Jada und Mason haben einen Anfang gemacht…“

„An manchen Dingen ändert auch die Zeit nichts, das sagt dir ein langlebiger Vampir. Du wirst immer wissen, was ich getan habe und auch wenn ich kein Empath bin, weiß ich, dass du mir nicht mehr vertraust. Also sage ich dir etwas: Ich werde damit anfangen, mir zu vergeben, wenn du mir vergeben hast! Und ich glaube nicht, dass das irgendwann der Fall sein wird! Du bist weder ehrlich mir gegenüber noch zu dir selbst, ich schon! Nein, für heute ist es genug, ich möchte nicht weiter darüber reden! Aber… vielleicht werde ich irgendwann einmal doch auf dein Angebot zurückkommen. Vielleicht.“

Ich ignorierte mein Herzklopfen, das sich bei seinen Worten automatisch eingestellt hatte. Was auch immer er mir – vielleicht! – eines Tages eröffnen würde, er hielt es schon jetzt für unwahrscheinlich, dass es meine Meinung über ihn ändern könnte? Stand vor mir ein Mann, der aufgegeben hatte?

„Wenn du möchtest“, lächelte er schief und ein wenig traurig, „dann zeige ich dir jetzt dein Zimmer. Es ist das Gästezimmer oben…“

Schweigend nickte ich und folgte ihm die schmale Treppe hinauf, das Kästchen fest mit meinen Fingern umklammert, und stand kurz darauf in einem kleinen Zimmer, in dem noch der Geruch nach frischer Farbe zu hängen schien. Was natürlich unsinnig war, er lebte seit dem Sommer hier! Ich sah mich um: Ein Bett, Schrank, Tisch und Stuhl und ein winziges, angrenzendes Bad.

„Ihr habt hier alles neu hergerichtet?“ murmelte ich als ich bemerkte, dass alles eher modern und freundlich wirkte.

„Sareena war der Ansicht, es sei nach Isadoras Tod gut für Jada, wenn hier nicht mehr allzu viel an sie erinnern würde. Die Möbel waren ohnehin fast alle schon fort und sie hat ein Händchen dafür, eine Wohnung einladend zu gestalten. Jada war einverstanden.“

„So habe ich meine Frage nicht gemeint.“

„Ich weiß. Samantha… Sollten wir für die Dauer deines Aufenthaltes nicht versuchen, gegenseitig unsere Worte nicht ständig auf die Goldwaage zu legen? Es würde… ein paar Dinge vereinfachen, oder?“

Ich sah auf meine Hand und lockerte schnell den Griff um die kleine Schachtel.

„Ja, das sehe ich auch so. Es wäre hilfreich, wenn wir etwas freier miteinander umgehen könnten.“

Dann versuchte ich ein Lächeln und legte das Kästchen rasch auf den kleinen Nachttisch.

„Noch etwas, woran wir beide arbeiten!“

Er nickte, legte den Koffer auf dem Bett ab und meinte dann leise:

„Wenn du dich frisch machen möchtest… Ich bin unten, Sareena und Paul werden sicher nicht mehr lange auf sich warten lassen.“

Schon schloss sich die Tür hinter ihm und ich ließ mich auf die Bettkante nieder, wo ich lautlos ausatmete. Gavin Dunstan war ein Problem für mich! Immer noch! Und ich erkannte stirnrunzelnd, dass es so bald nicht besser werden würde, zu viel stand da unausgesprochen zwischen uns – gut, wenn schon übermorgen ein ganzer Ozean zwischen ihm und mir liegen würde…

 

 

 

 

Wenige Tage später – jetzt goss es auch in Carlisle wie aus Kübeln, fast fühlte ich mich zurück nach Gretna Green versetzt! – saßen Jada und ich auf der breiten Couch in ihrem Wohnzimmer und sahen durch das Fenster, wie Mason zwischen den Bäumen verschwand. Er hatte den Nachmittag mit uns verbracht und nutzte nun die Zeit der hereinbrechenden Nacht, um auf die Jagd zu gehen.

Wie sehr wir alle uns schon an diese Dinge gewöhnt hatten! Seufzend zog ich meine Beine auf das Sofa und angelte dann mein Glas vom Tisch.

„Du siehst glücklich aus! Es ist fast, als ob du eine Glücksblase um dich herum trägst, in die man wie in Zuckerwatte hineinpieken kann! Er macht dich glücklich…“

„Ja, das tut er! Mir fehlt tatsächlich ein Stück von mir selbst, wenn er mal nicht da ist! Kannst du das verstehen? Ich hätte das früher nicht für möglich gehalten, aber so fühlt es sich an: Wenn er geht, nimmt er jedes Mal einen Teil von mir mit!“

Ich nippte schnell an meinem Saft und nickte dann. Ich hatte es mitempfunden, schon als ich die beiden heute Nachmittag nebeneinander in der Haustür stehen sah – und ich musste mich vor dieser regelrechten Welle von Glücksgefühlen fast noch mehr abschotten als vor anderen Emotionen, die ich sonst manchmal mitbekam. Ich hatte mich seit meinem Eintreffen auch noch nicht wieder für irgendwelche äußeren Eindrücke geöffnet.

„Ja, das kann ich mir gut vorstellen!“ lächelte ich angestrengt.

„Klar, wem sag ich das auch!“ meinte sie dann und legte den Kopf schief. „Raus mit der Sprache, nerve ich dich mit meiner Glückseligkeit? Es muss doch auf die Dauer furchtbar sein, mir zuzuhören!“

Jetzt allerdings wurde mein Lächeln ehrlich.

„Quatsch! Ich bin unglaublich froh, dass du und Mason euch gefunden habt! Und ein Zuviel gibt es bei so was nicht. Was habt ihr jetzt vor? Ich meine im Hinblick auf eure weitere Lebensplanung.“

Sie seufzte und zuckte dann die Schultern. Ich hatte sie wieder einmal erfolgreich von etwas abgelenkt – in diesem Fall von mir.

„Wenn es nach mir ginge, dann würden wir die Welt da draußen einfach für den Rest unserer Tage aussperren, aber schon alleine mit Rücksicht auf Mum kann ich wohl nicht mehr allzu lange in den Tag hineinleben! Sie ist noch immer schockiert darüber, dass ich aus England zurückgekommen und praktisch über Nacht zu Hause ausgezogen bin! Dann das mit meinem Studium…“

„Willst du es antreten?“

Sie runzelte die Stirn und fuhr sich in einer typischen Geste durch ihre langen, dunkelroten Haare, behielt eine Strähne in den Fingern und drehte sie – schon immer ein sichtbares äußeres Zeichen dafür, dass sie etwas mit sich herumtrug, woran sie noch feilte. Meine Aufmerksamkeit wuchs als ich sah, wie ihre grünen Augen einen verwirrten Ausdruck annahmen.

„Ich weiß es nicht! Und das ist mein Problem: Das, was ich einmal wollte, ist so gegensätzlich zu dem, was ich jetzt will… Nein, zu dem, was die Elementara in mir will! Jetzt weiß ich nicht, ob ich mich von ihr einfach leiten lassen soll oder ob ich auf den Tisch hauen und auf meinen ursprünglichen Willen bestehen soll!“

„Was fühlt sich denn richtiger an?“

Sie machte große Augen.

„Was sich richtiger anfühlt? Ich möchte auf sie hören! Da draußen wartet eine seltsame Welt, in der ich erst noch meinen Platz finden muss – nur dass der bestimmt nicht an einem College oder einer Uni sein wird! Aber was ist mit Jada? Ich kann meine einzelnen Komponenten inzwischen sehr gut voneinander trennen, doch ich hab immer noch Schwierigkeiten mit der Einschätzung, ob ich vorrangig für ein wenig mehr Ausgewogenheit in diesen Vorhaben, Wünschen und Plänen sorgen müsste, oder ob ich situationsabhängig mal in die eine, mal in die andere Richtung tendieren sollte! Und wenn ja: Lässt sich das dann noch unter einen Hut bringen? Und wenn nicht: Kann denn alles, was ich früher mal wollte, falsch sein? Aber auf der anderen Seite: Wie könnte ich gerade ihr nicht vertrauen können? Himmel, sie ist so alt und so viel klüger als ich! Aber… wie erkläre ich das Mum und Dad? Gerade jetzt… Ende dieses oder Anfang nächsten Monats bekommen Dad und Kathryn ihr Baby, sie haben andere Dinge im Kopf. Und Mum wäre nicht Mum wenn sie nicht automatisch daran denken würde, wie lange sie damals nach meiner Geburt brauchte, um eine Ausbildung zu beenden, um im Notfall unabhängig und selbständig sein zu können. Das ist etwas, was sie immer wieder betont, seit ich mit Mason zusammenlebe…“

„Aber wie eilig kann es dieser Elementara denn sein? Ich meine, wenn sie doch schon so alt ist, rechnet sie nicht ähnlich wie ein Vampir in immensen Zeiträumen?“

„Doch, schon! Aber ich bin überzeugt, dass sie mich nicht so nerven würde, wenn sie es nicht für nötig hielte.“

Ich riss erstaunt die Augen auf.

„Verstehe ich das richtig? Sie stellt klare Forderungen? So im Sinne von: Nächste Woche müssen wir nach Paraguay?!“

„Nein, so nicht. Es ist eher wie eine innere, wenn auch rational nicht zu begründende Gewissheit, dass ich mich nicht an etwas wie einen Ort binden soll. So als ob ich jederzeit startklar sein soll, verstehst du? Meinen Koffer gepackt halten, damit es jederzeit losgehen kann – bildlich gesprochen.“

„Hm… Ich glaube, ich bekomme so langsam einen Eindruck… Was sagt denn Mason dazu?“

Sofort lächelte sie wieder liebevoll.

„Mason würde mich unterstützen, wie auch immer ich mich entscheide! Er trägt meine Wahl fraglos mit und natürlich hat er keine so großen Probleme wie ich, seinen Wohnsitz bei Bedarf zu verlegen.“

Ich musste schlucken, als ich erneut ihre tiefen Gefühle für ihn in ihren Augen lesen konnte und beugte mich rasch vor, um mein Glas wieder auf den Tisch zu stellen.

„Jetzt aber mal genug von mir. Wie soll es denn jetzt bei dir weitergehen? Ich nehme an, du hast deine Pläne nicht geändert?!“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, wohl nicht. Mir bleibt schließlich nichts anderes mehr übrig als zu warten, ob mir eines Tages mein Vampir über den Weg läuft und die Zeit bis dahin sollte ich sinnvoll ausfüllen! Es ist zudem unmöglich, alle möglichen entfernten Seitenlinien meiner Vorfahren und alle angeheirateten Linien seit der Schaffung der Fraser-Linie abzugrasen, ob dort noch ein Eingeweihter ist, der mehr wissen könnte. Vor allem müsste der sich ja wohl auch von sich aus mal auf die Suche nach mir machen, oder? Und wer weiß: Am Ende ist neben der Art, wie die Fraser-Linie entstanden ist, auch bei der Entstehung der Finley-Linie etwas schiefgegangen!“

„Das glaube ich nicht! Das kann nicht sein, Sam! Du selbst hast doch erlebt, was passiert ist: Eine Jägerlinie gegen eine Vampirlinie! Und solange es diese gibt, wird es auch uns geben.“

„In der Vergangenheit gab es immer wieder mal ‚Fehlfunktionen’, Jada! Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es meinen Eingeweihten nicht gibt! Oder nicht mehr oder noch nicht wieder…“

Ich biss mir auf die Lippen und schwieg, um nicht zu viel zu sagen.

„Was wirst du also jetzt tun?“

„Warten! Und mein Leben weiterleben! Wo sollte ich auch anfangen? Wenn schon seit so langer Zeit niemand weiß, wo die Frasers abgeblieben sind, wo sollte ich suchen? Sie oder er kann überall sein und mir fehlt jeglicher Instinkt, wo ich mit der Suche anfangen sollte! Da ist nichts!“

Sie schwieg eine Weile nachdenklich, dann dehnte sie:

„Hast du dir mal überlegt, Mason zu fragen, wo er diese Bilder gesehen hat? Ja, ich weiß, dass sie nicht mehr existieren, aber wenn es sich um eine kleine Privatsammlung handelte, vielleicht weiß dessen Nachkomme etwas darüber…“

„Das bezweifle ich“, murmelte ich, „aber ich habe natürlich darüber nachgedacht – und Paul schon gefragt, aber es hat mich wie erwartet nicht weitergebracht: Laut ihm gehörten die Bilder einem Keith Moray. Sie waren damals nach Pauls Bruchlandung kurzzeitig Gäste in seinem Haus…“

Jada richtete sich automatisch auf, als ich diese Begebenheit erwähnte.

„Soll das heißen, dass… War dieser Keith ein Mensch oder ein Vampir?“

Ich lächelte und seufzte gleichzeitig. Wie selbstverständlich auch solche Fragen für uns geworden waren!

„Beides. Er war beziehungsweise ist ein Halbvampir und bewohnte laut Paul damals eine kleine Villa am Rande von Edinburgh, nicht allzu weit von Lauriston Castle – wo immer das liegt, ich kenne es nicht. Die Villa ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt, inklusive des gesamten, darin enthaltenen Inventars.“

Sie wurde ernst.

„Sein Jäger? Musste er fliehen und alle Spuren verwischen?“

„Keine Ahnung. Paul weiß es ebenfalls nicht, will ihn aber ausfindig machen und sich bei ihm erkundigen.“

„Wo lebt er jetzt und wie ist er damals an diese Bilder gekommen? Könnte er Paul einen falschen Namen genannt haben?“

„Ich weiß es nicht, aber warum sollte er? Sie sind befreundet! Alles was ich weiß ist, dass Mason Paul damals auf dessen Geheiß zu ihm gebracht hat, nachdem er das Schlimmste hinter sich hatte. Sie sind nur ein paar Tage geblieben und seitdem hat er ihn nicht wiedergesehen. Zu seiner Sammlung gehörten zudem alle möglichen Sachen, er hat also nicht nur Bilder gesammelt. Nach Pauls Erzählung haben sie mal eine Weile – wenn auch nicht lange – gemeinsam geschmuggelt, also könnte es durchaus sein, dass diese Dinge aus diesen Touren stammen. Derzeit – seit ein paar Monaten – lebt er offenbar irgendwo in der Gegend nordwestlich von Dublin. Wie gesagt, Paul will sich für mich mit ihm in Verbindung setzen, aber er macht mir wenig Hoffnung, dass ich über ihn und diese Bilder an die Frasers herankommen könnte. Wie denn auch, wenn niemand von deren Verbleib weiß?!“

„Zugegeben, es ist eine vage Möglichkeit, aber was bleibt dir sonst noch übrig? Nordwestlich von Dublin sagst du? Hör mal, falls er wider Erwarten etwas wissen sollte, dann solltest du persönlich mit ihm reden, findest du nicht? Noch hast du Zeit und ich könnte Ellen anrufen – sie ist sicher bereit, dir für die Dauer deines Aufenthaltes ihr Haus bei Kells zur Verfügung zu stellen.“

„Jada, was soll das bringen? Selbst wenn dieser Keith Moray weiß, wem die Gemälde gehörten, wie soll ich damit zurückverfolgen, wo die Frasers heute sind? Es waren nur Gemälde eines unbekannten Malers!“

Sie seufzte.

„Ich weiß, du hast recht. Ich würde dir nur so furchtbar gerne helfen! Du hast so viel für mich getan in den letzten Monaten… Was immer ich tun kann, du brauchst nur ein Wort zu sagen und ich bin für dich da, okay?“

„Du schuldest mir gar nichts!“ erwiderte ich sofort.

„Sam“, unterbrach sie mich, bevor ich noch etwas sagen konnte, „du bist meine Freundin! Aber selbst wenn es nicht so wäre, ich schulde dir unglaublich viel! Wenn ich nur einen kleinen Teil wiedergutmachen kann…“ Spontan zog sie mich in die Arme und murmelte: „Ich bin für dich da, okay? Immer!“

„Das weiß ich doch. Du tust gerade so, als ob wir vor einer entscheidenden Schlacht stünden und uns voneinander verabschieden wollten – etwas, was ich nach diesem Jahr gerne unterlassen würde!“ lenkte ich sie wieder ab.

Sie rückte wieder von mir ab und lächelte schief.

„Womit du schon wieder recht hast. Okay, Themenwechsel. Erzähl mir etwas von Deborah!“

 

 

Ich hatte nicht mehr gewartet, bis Mason von der Jagd zurückkehrte und erfolgreich vermieden, das Gespräch noch einmal auf mich zu lenken. Und obwohl es gerade mal halb zehn war, empfing mich zu Hause nur noch meine müde gähnende Mutter, die gerade nach oben in ihr Schlafzimmer verschwinden wollte.

„Hallo Liebes! Wie war der Abend?“

Sie hatte die Hand schon am Treppengeländer, machte jetzt jedoch Anzeichen, als ob sie mit noch einmal folgen wollte.

„Es war richtig schön! Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen und es ist doch nicht das Gleiche, wenn man telefoniert… Mason und Jada sind glücklich miteinander! … Hör mal, du bist müde. Du musst mir nicht Gesellschaft leisten; ich trinke noch rasch etwas, dann verschwinde ich auch in mein Bett.“

Ihr Blick signalisierte es: Keine Chance!

„Ich hab dich länger als Jada nicht gesehen und auf fünf Minuten kommt es nicht an.“ meinte sie hartnäckig, betrat tatsächlich hinter mir die Küche und blinzelte im hellen Licht der Deckenleuchte, als ich sie auf ihre in einem seltsamen Ton vorgebrachte Bemerkung hin fragend ansah.

„Ich habe bisher nichts dazu gesagt, aber wo wir gerade beim Thema sind: Sag mal, findest du es nicht etwas befremdlich, dass deine Freundin zuerst für Gavin schwärmte und dann, nach ihrer Rückkehr, mit dessen Bruder zusammenzieht? Was sagt Gavin dazu?“

Ich war froh, dass ich ihr am Kühlschrank den Rücken zukehren konnte.

„Wer sagt, sie habe für ihn ‚geschwärmt’?“

„Abegail. Wir haben ebenfalls telefoniert.“

Mum tauschte sich mit Jadas Mum über Jada aus! Meiner Mum sah dieses Verhalten – leider! – ähnlich, aber von Abby wusste ich, dass ihr so etwas stets gegen den Strich gegangen war. Was hatte sich daran geändert? Das konnte nur auf Mums beharrliches Drängen hin passiert sein. Ich würde jedenfalls nicht in die gleiche Kerbe wie meine Mutter schlagen und an Jadas Verhalten herumkritisieren!

„Ach Mum, es ist doch deren Entscheidung, oder? Wenn sie damit klarkommen…“ murmelte ich.

Ich hörte, wie sie schnaubend die Luft ausstieß.

„Klarkommen! Dieser Gavin ist seither wohl nicht mehr hier aufgetaucht, es sieht also nicht danach aus, als ob er damit klarkommt! Jada hat da offenbar zwei Brüder gegeneinander aufgewogen und dem einen den Laufpass gegeben! Und ich weiß, dass auch Abby nicht gerade glücklich über diese Wendung ist. Ich habe seit Jadas Auszug mehrfach mit ihr gesprochen. Es sei ja nicht so, als ob dieser Mason ihr nicht sympathisch sei, im Gegenteil! Sie sehe ja schließlich, wie glücklich ihre Tochter mit ihm sei…“

„Aber?“ seufzte ich gedehnt und stellte die Milch wieder zurück in den Kühlschrank. Ich würde offenbar nicht drum herumkommen, mir ihre Ansichten darüber anzuhören, also wieso nicht jetzt und hier?

„Aber? Ich hätte Jada nicht so eingeschätzt! Wenn ich mir ansehe, was in den letzten Monaten so alles passiert ist, muss ich mich fragen, welchen Einfluss sie noch auf meine Kinder hat! Welche Entschuldigung hat sie, das College sausen zu lassen? Und es ist ja schließlich auch nicht nur dieser Gavin alleine, Sam: Was sagst du als Erics Schwester dazu, dass sie erst ihm den Kopf verdreht und danach noch einem weiteren Mann, bevor sie sich mit einem Dritten einlässt?“

Jetzt wurde ich hellhörig. Offenbar hatte Abby weiter nichts dazu gesagt, jedenfalls nicht Mum gegenüber. Der Wind wehte aus einer ganz anderen Richtung!

„Sagt wer?“ hakte ich nach und runzelte die Stirn. „Willst du damit andeuten, dass Eric dir erzählt hat, Jada habe ihm irgendwelche Hoffnungen gemacht? Dann muss ich dich…“

„Nein, hat er nicht! Er würde nie schlecht über sie reden, so gut solltest du ihn wahrhaftig kennen!“ stieß sie verärgert hervor. „Aber ich bin seine Mutter – und ich bin nicht blind, Herrgott! Er hat sie mit Blicken verschlungen wann immer sie hier bei uns war – und das war nicht gerade selten! Was war damals nach eurem Abschlussball? Wie viel von Erics zweitägiger ‚Grippe’ war Grippe und wie viel war Liebeskummer? Jedes Mal, wenn ich nach ihm gesehen habe, hat er mich angesehen, als ob ich nicht von dieser Welt sei oder aber, als ob er nicht in diese Welt gehöre! Du hast dich kaum von seinem Bett fortbewegt – schon für sich genommen ungewöhnlich bei einer Grippe, oder? Also erzähl mir nicht, dass du nicht mehr weißt!“

Die Milch schwappte im Glas hin und her, als ich es ein wenig zu hart auf die Ablage stellte. Natürlich wusste ich mehr – viel mehr! Das waren die beiden Tage und Nächte, an denen ich mühevoll sein Gedächtnis manipuliert hatte! Auf der einen Seite war sie weit von der Wahrheit entfernt, auf der anderen Seite unglaublich nahe dran!

„Das ist etwas, was du Eric fragen solltest, oder? Selbst wenn an deiner Vermutung etwas dran wäre, denkst du wirklich, ich würde gegen seinen Willen etwas erzählen? So gut solltest du mich ebenfalls kennen! Und Eric ist erwachsen, Mum, du kannst ihm solche und ähnliche Erfahrungen nicht abnehmen – so es denn Liebeskummer war!“

„Das weiß ich!“ meinte sie hart und bestimmt. „Glaub mir, das weiß ich! Alles, was ich will ist, euch schützen und euch meine Hilfe anbieten – mehr kann ich nicht mehr tun, oder? Und Jadas Benehmen ist zumindest… auffällig! Drei Männer innerhalb weniger Wochen!“

Ich knirschte mit den Zähnen, wenn auch nicht so gekonnt und hörbar wie ein Vampir! Dann zählte ich stumm bis fünf und beschloss, ihre Bemerkung über Jada besser unkommentiert zu lassen. Und weil diese Zeit nicht genügte, um mich wieder zu beruhigen, zählte ich gleich weiter bis zehn in der Hoffnung, sie würde es einfach aufgeben und ins Bett gehen. Aber sie blieb stehen und wartete auf eine Erwiderung, ich wurde vom Pech verfolgt!

„Ich weiß, dass du es nur gut meinst, aber du kannst uns nicht vor allem beschützen! Und denkst du nicht, dass wir uns nicht nach wie vor an dich oder Dad wenden würden, wenn wir eure Hilfe brauchen und ihr uns helfen könntet?“

Mit einem Mal wurde ihr Blick für einen kleinen Moment unruhig, fast besorgt.

„Das ist etwas, was ich nicht mehr weiß, Sam! Ihr habt euch in den letzten Monaten…nein, im letzten Jahr derart verändert, dass ich diese Frage nicht mehr mit einem klaren Ja beantworten könnte! Es ist, als ob ihr mir in dieser Zeit mehr und mehr entglitten wäret – anders als vorher, nicht als ob ihr einfach ‚nur’ erwachsen geworden wäret! Da ist etwas, was ich nicht beschreiben kann, viel weniger begreifen…“

Ich musste schlucken. Waren alle Eltern so hellsichtig?

„Ach Mum, ich glaube, ich bin nur ein wenig zu lange fort gewesen! Was auch immer das Leben bringt, wir sind immer noch eure Kinder, nicht wahr? Und jeder von uns weiß, dass wir hier immer unsere Familie haben werden! Du solltest solche Gedanken also…“

„Halt mich nicht für blind und blöd, Samantha Finley!“ unterbrach sie mich hart, die Augenbrauen finster über der Nase zusammengezogen. „Und sei versichert: Ich werde niemals damit aufhören, mir Sorgen um euch zu machen! So, und jetzt werde ich tatsächlich ins Bett gehen, morgen habe ich ziemlich früh einen Termin… Schlaf gut, bis morgen!“

In diesem Ton klang ihr Wunsch eher wie ein Befehl.

„Ja, bis morgen…“ murmelte ich, aber ich war nicht sicher, ob sie es gehört hatte, denn sie war abrupt aus der Küche verschwunden.

Ich wandte mich um, stützte meine Hand auf die Ablage und rieb mir mit der anderen die Stirn. Wieso musste alles so kompliziert sein? Hatte ich Anfang des Jahres Fehler gemacht, als ich in den Erinnerungen meiner Eltern herumgepfuscht hatte? Ich war so sorgfältig vorgegangen!

Und Eric! Ich hatte in den letzten Wochen kaum mit ihm gesprochen und wenn, war er ziemlich einsilbig geblieben. Auch Jada hatte heute Nachmittag nur kurz nach ihm gefragt – ich hatte ihr Unbehagen bemerkt, auch ohne meine empathischen Fähigkeiten zu bemühen. Aber alles, was ich ihr sagen konnte war, dass er langsam über sie hinwegkam – was sie mit großer Erleichterung zur Kenntnis nahm.

Was ich ihr verschwiegen hatte war allerdings, dass er wortlos aufgelegt hatte, als ich ihm im Sommer erzählte, dass nicht Gavin es sei, mit dem sie nun zusammen lebe, sondern dessen älterer Bruder Mason. Das war jetzt schon so lange her und trotzdem weigerte er sich beharrlich, über dieses Thema mit mir zu reden.

Ich atmete langsam ein und wieder aus. Offenbar blieb mir nichts anderes übrig als mich noch einmal für seine Emotionen zu öffnen, wenn ich ihn das nächste Mal sehen würde. Wieder eine geballte Ladung, befürchtete ich.

„Wenn ich mir eine Fähigkeit hätte aussuchen können: Die hier wäre es ganz sicher nicht gewesen!“ murmelte ich vor mich hin. Mein Hochgefühl von heute Abend war restlos verflogen. Ich leerte mein Glas und schlich leise die Treppe hinauf, wo ich mich müde ins Bad begab und einen Moment lang mein Bild im Spiegel betrachtete. Für meinen Geschmack hatten meine haselnussbraunen Augen schon zu viel gesehen und mein Kopf schon zu viele Emotionen durchsiebt! Ich war müde! Nein, ich war erschöpft und so wie es aussah, war für mich auch in anderer Hinsicht noch lange kein Ende in Sicht: Theoretisch könnte ich schon morgen meinem Vampir gegenüberstehen – ebenso gut aber auch erst, wenn ich die Achtzig überschritten haben würde! Mein Leben war unwägbarer denn je – und würde so bleiben, bis ich Gewissheit über die Frasers hatte! Wie sollte ich Pläne für meine Zukunft schmieden, wenn ich nicht mal wusste, wie der nächste Tag aussehen würde? Alles, was mich als Person anging und alles, was noch vor mir lag, erschien mir unglaublich belastend und undeutlich, schwer zu entscheiden.

Mit langsamen Bewegungen zog ich mich aus, drehte die Dusche voll auf, schloss die Augen und ließ das heiße Wasser einfach nur auf mich herabprasseln.

Wo auch immer die Frasers waren, ich hatte keine Ahnung, wie ich sie finden sollte! Und wenn ich ehrlich zu mir selbst war, wusste ich nicht einmal, ob ich sie gerade jetzt überhaupt finden wollte!

 

 

IM HANDEL:

 

Band 14 schließt die Vampirreihe ab!

Im Buchregal (siehe oben) gibt es das 1. Kapitel als Lesehäppchen zum Appetit-holen. Es bleibt wie immer spannend und "romantasy"!

ISBN 978-3-7448-1642-7