Kerstin Panthel

 

 

"RACHE DER SCHATTENWESEN - TEIL 1"

 

 

 

 

 

Band XI der Reihe

 

 

Handlung, Namen und Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

 

 

 

 

© 2016 Kerstin Panthel. Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-8448-1201-5

 

 

 

 

 

Du sagst mir, dass deine Rache Gerechtigkeit ist?

Ich sage dir: Rache und Gerechtigkeit

sind Sonne und Mond,

sie stehen nie an einem gemeinsamen Himmel!

Doch wenn du denn durchaus

an deinem Feind Rache ueben willst,

sammle zuerst unwiderlegbare Gewissheit

und Gerechtigkeit in einer Hand zusammen,

halte und pruefe sie, wieder und wieder

und warte dann, bis dein Rachedurst sich

in Besonnenheit gewandelt hat.

Denn dann lenken deine Hand wenigstens

Rache und Gerechtigkeit zugleich.“

 

Sullivan (Suileabain) O’Brian, Vater von Neill O‘Brian

 

 

 

 

 

Teil 1

 

Der Vater

 


 

Kapitel 1

 

Irgendwo in Nevada…

 

Er hörte erst auf zu trinken, als ihr warmes Blut mit den langsamer werdenden und dann aussetzenden Schlägen ihres Herzens aufhörte zu pulsieren und damit fast schon seinen Reiz für ihn verlor. Ihr immer noch warmer, nachgiebiger und jetzt vollkommen erschlaffender Körper, der sich zuerst mit aller Kraft gegen ihn gewehrt hatte, war wachsbleich und ihre blaugrauen Augen starrten an ihm vorbei ins Nichts. Ihr Leben endete in seinem Arm und er leckte genüsslich die letzten Blutfäden von ihrer Kehle, bevor er sich gesättigt aufrichtete und sie jetzt, bedauernd und gleichgültig zugleich, losließ, um einen forschenden Blick über die weite, ausgetrocknete Ebene zu nehmen. Er wusste genau, dass niemand in der Nähe war, sein Instinkt und sein Gehör hätten ihm das frühzeitig gemeldet; es war eine rein automatische Reaktion. Mit schnellen Bewegungen sprang er aus dem Wagen und holte einen Klappspaten aus dem Kofferraum, bevor er den toten, blutleeren Körper der jungen Frau über seine Schulter warf, ihren Rucksack griff und mit weiten Schritten loslief.

Niemand würde sie jemals finden hier draußen, niemand würde erfahren, dass das Letzte, was die junge Anhalterin in ihrem Leben gesehen hatte, die schwarzen, durstigen Augen eines Vampirs gewesen waren! Der Mann, den er nur wenige Stunden zuvor auf die gleiche Weise entsorgt hatte, war ihm mit wesentlich mehr Misstrauen begegnet als die Frau über seiner Schulter. Doch auch der hatte sich zuletzt in Sicherheit gewiegt, als er ihm angeboten hatte, für eine Weile das Steuer zu übernehmen, damit er sich ausruhen könne. Die Dummheit unter den Menschen starb nicht aus, viel weniger die Vertrauensseligkeit und die Art, wie leichtfertig sie über ihre angeborene Intuition hinweggingen sobald man ihnen auch nur ein bisschen Menschlichkeit vorspielte und Vertrauen suggerierte…

Als er zum Auto zurückkehrte, hatte er das Blut der Frau bereits zu einem großen Teil verstoffwechselt; er fühlte sich ruhig und satt und als er wieder losfuhr, schaltete er sogar das Radio ein und summte erheitert sämtliche Lieder mit, die von gebrochenem Herzen oder verlorener Hoffnung handelten…

Morgen würde er den Wagen irgendwo am Straßenrand stehen lassen, möglichst in einer zwielichtigen Gegend, den Schlüssel im Zündschloss. Er würde gestohlen werden oder in seine Einzelteile zerlegt… Den nächsten Teil des Weges würde er mit der Bahn und dann, zuletzt, unauffällig zu Fuß zurücklegen. Sein Ziel rückte näher – und seine Rache ebenfalls!

 

 

 

 

 

Marysville

 

Wenn mich jemand fragen würde, was ich am meisten an meinen Eltern bewundere, dann würde ich antworten, dass es ihre Unbeirrbarkeit sei, mit der sie an ihren Plänen festhalten und dass sie sich gegenseitig ebenso unbeirrbar darin unterstützen. Allen Schwierigkeiten zum Trotz.

Keiner von beiden hat je unerreichbare Ziele verfolgt; im Gegenteil, es waren stets bodenständige Pläne für bodenständige Menschen: Dad hatte vor Jahren schon gemeinsam mit J. R. Cubitt, einem Freund aus seiner Highschoolzeit, ein kleines Geschäft für Computertechnik und Bürozubehör mit angrenzendem Copycenter in Fredericton eröffnet, das sich innerhalb kurzer Zeit bereits amortisiert hatte, sodass sie inzwischen sogar an eine Ausweitung dachten; Mom… Sie hatte ihn sofort nach ihrer Ausbildung geheiratet (‚Ich wusste schon, als er in der Cafeteria der Schule seinen Kaffee über mich kippte und anschließend hinreißend zerknirscht war, dass ich ihn heiraten würde – er wusste es nur noch nicht!’), ein Kind bekommen (‚Ich wusste, dass er ein wundervoller Vater und unsere gemeinsamen Kinder ebenso wundervoll werden würden – ganz egal ob eines oder fünf, bevor ich fünfundzwanzig sein würde, würden wir ein Kind haben!), ein Haus gekauft und nahezu alleine von oben bis unten renoviert (‚Es musste nicht groß sein, aber es musste einen Garten haben, in dem man barfuß durch das Gras laufen kann!). Und hatte sich dann, als ich etwas größer war und zur Schule ging, das Geld für einen kleinen Frisörsalon zusammengeliehen… Es dauerte eine Weile, um einen Kundenstamm aufzubauen, doch sie hatte nicht aufgegeben. Und jeden Cent, den sie beide erübrigen konnten, hatten sie entweder in diesen Salon gesteckt oder auf mein Sparbuch fürs College eingezahlt.

Wenn mich jemand fragen würde, warum sie es sich so schwer gemacht haben, Mom hätte doch nicht unbedingt einen eigenen Laden eröffnen müssen, dann würde ich den Frager zu ihr in den Salon schicken, um sich selbst ein Bild zu machen: Mom liebt ihren kleinen Salon, sie liebt die Menschen, die zu ihr kommen (und mit der Zeit dürfte es wohl ein großer Teil der Bewohner von Marysville geworden sein) und sie liebt es, wenn ihre Kunden mit zufriedenem Lächeln und manchmal sogar in einer anderen Haltung den Laden verlassen, um mit einer neuen Frisur einen wichtigen Termin wahrzunehmen, zu einem Date zu gehen, den langjährigen Ehemann zu überraschen oder einfach nur eine kleine Veränderung in sein oder ihr Leben zu lassen. Meine Mom ist überall nur als Nora bekannt – Nora-Lee Lark. Dad ist Mr. George Lark.

Ich war schon immer einfach nur Tory.

 

Natürlich hatte mich nie jemand nach diesen Dingen gefragt und es würde wohl auch niemand außer mir jemals über diese Dinge nachdenken, aber mir kamen diese Gedanken regelmäßig dann, wenn ich wieder einmal in den Sommerferien in einem der beiden Geschäfte aushalf.

Für gewöhnlich fragte mich dort niemand überhaupt etwas Privates, denn ich war eher so etwas wie das Inventar, das unbeachtet blieb während man seine Aufmerksamkeit auf ganz andere Dinge richtete. Und während man mich in Moms Salon schon bald als Aushilfe kannte und damit noch schneller übersah als ohnehin schon, wurde ich in Dads Laden immer noch hin und wieder angesprochen, wenn es zum Beispiel darum ging, wo das Druckerpapier zu finden sei… Ich war lieber in Moms Salon, kümmerte mich um das Telefon oder darum, dass die Handtücher nicht ausgingen… Dort hatte ich Zeit zum Nachdenken.

Heute war der Tag anstrengender als sonst gewesen: Mom hatte einer ganzen Reihe Kunden absagen müssen, weil Kate, ihre derzeit einzige Angestellte, krank geworden war, hatte jedoch ein paar ‚Notfälle’ – eine Hochsteckfrisur für die Hochzeit der Nichte, ein kleines Mädchen, das sich die Haare selbst mit der Schere hatte schneiden wollen und eine Stammkundin, die regelmäßig am gleichen Wochentag um die gleiche Zeit kam – noch da­zwi­schen­geschoben.

„Tory, bitte sag auch Mrs. Leakey noch ab, ich werde sie morgen selbst anrufen, um einen neuen Termin zu vereinbaren!“

Mom war zu mir nach vorne gekommen, wo ich gerade erst den Hörer aus der Hand gelegt hatte und verdrehte verzweifelt die Augen. Dann flüsterte sie:

„Ich frage mich ernsthaft, wie ich aus der Scherenattacke auf dem Kopf der Kleinen einen Haarschnitt machen soll, der den Ansprüchen von beiden gerecht wird: Die Mutter möchte, dass ich sie radikal abschneide und die Kleine möchte, dass ich rette, was noch zu retten ist – was zu keinem guten Ende führen wird!“

Ich ließ meine eigenen, schulterlangen Haare ein wenig nach vorne fallen, um einen möglichst unauffälligen Blick in Richtung der unglücklichen und immer noch vor sich hin schniefenden kleinen Kundin werfen zu können. Scherenattacke war kaum übertrieben, denn ihre feinen, weichen, fast schwarzen Haare sahen tatsächlich schlimm aus: Nicht nur ihr Pony war knapp über den Augenbrauen beginnend schräg nach oben verlaufend abgeschnitten, die gesamte Kontur, die ursprünglich wohl fransig ins Gesicht gefallen war, war der Schere zum Opfer gefallen… und ihre Augen glänzten feucht, weil sie ihre Tränen kaum noch zurückhalten konnte. Die Mutter schwankte anscheinend zwischen Wut, Verzweiflung und Tränen.

„Wenn ihre Haare sich dazu eignen, dann sag der Kleinen, du machst eine Halle Berry aus ihr!“ flüsterte ich. „Sie hat…“

„Halle Berry?“ unterbrach sie mich und sah mich verständnislos an.

Ich seufzte. Mom ging weder ins Kino noch sah sie fern oder warf einen längeren Blick in oder auf die Zeitschriften, die sie den Kundinnen reichte. Nach einem leisen Schnauben durchsuchte ich den Heftstapel auf dem kleinen Tisch im Wartebereich und zog eines hervor, auf dessen Titel sie groß prangte.

„Hier: Halle Berry! Schauspielerin, bekannt, berühmt, hübsch… und kurzhaarig. Würde das nicht gehen? Mach ihr damit die Frisur schmackhaft, sie sieht auch so schon fast aus wie ihre Miniaturausgabe.“

Sie machte große Augen, grinste mich dann an und hatte mir schon die Zeitschrift aus der Hand gezogen.

„Gute Idee! … Denk an Mrs. Leakey… Sieh mal, Annabelle, was hältst du denn davon, wenn wir aus dir eine berühmte… ähm…“

„Schauspielerin!“ rief ich halblaut und erntete einen erstaunten Blick von der Mutter, bevor ich mich wieder umdrehte und im Computer Mrs. Leakeys Telefonnummer heraussuchte.

„Ja, genau… Schauspielerin machen?“

Ich blendete das Gespräch hinter der halben Trennwand aus, als ich die Nummer fand und sie in die Tastatur des Telefons eingab. Erneut seufzend warf ich einen Blick nach draußen. Von hier konnte man gerade noch den Fluss sehen, der jetzt, im Sommer, das Grün wie ein dunkles und doch in der Sonne glitzerndes Band durchschnitt. Wasser zog mich nicht eben an, aber heute hätte ich viel darum gegeben, wenn ich mich einfach nur irgendwo ans Ufer hätte setzen können und meine Füße ins Wasser halten! Den ganzen Tag über hatte die Sonne geschienen und jetzt, gegen Abend, würde es mehr als angenehm sein, sich noch ein bisschen davon zu holen…

Während ich Moms Kundin erklärte, warum ihr Termin verschoben werden musste, fuhr ich mir geistesabwesend mit gespreizten Fingern durch die Haare und machte, als die Glocke der Eingangstür gleich zweimal kurz hintereinander anschlug, ohne hinzusehen eine kleine Handbewegung in diese Richtung, die Bitte um einen Moment Geduld…

„Natürlich, meine Mutter wird sie morgen früh gleich anrufen. Sie bedauert es sehr… Nein, ich bin Tory, Noras Tochter… Genau… Gut, ich richte es ihr aus. Vielen Dank für Ihr Verständnis! Einen schönen Abend noch.“

Mit der Rechten den Termineintrag löschend und mit der Linken das Gespräch beendend sah ich auf. Unmittelbar hinter dem nächsten Kunden, den ich nur zu gut kannte, betrat ein mir fremder Mann den Eingangsbereich und blieb höflich wartend ein paar Schritte weiter hinten stehen.

Ich schluckte, als Phil mir ein kurzes, nachlässiges Nicken zukommen ließ, richtete mich dann automatisch – und ohne jeden Effekt! – etwas höher auf. Phil Clemens, der blonde Schwarm aller Mädchen… Na ja, jetzt wohl eher Frauen der Umgebung – und für mich der arroganteste Typ aus dem Jahrgang zwei Stufen über mir. Dem ehemaligen Jahrgang zwei Stufen über mir.

„Hi, Tory. Ich habe einen Termin für einen Haarschnitt bei Kate…“ meinte er gleichgültig. Ohne meine Antwort abzuwarten wollte er jetzt an mir vorbei und steuerte schon die Sitzgruppe an.

„Hallo, Phil. Es könnte heute noch eine Weile dauern, Kate ist plötzlich krank geworden und Mom musste schon all ihre Termine verschieben oder absagen…“

Stirnrunzelnd blieb er stehen und warf mir einen zweiten Blick zu. Ich atmete tief ein und hielt in Erwartung seiner unhöflichen Antwort die Luft an. Und richtig:

„Das kommt mir sehr ungelegen! Ich hab den Termin schon vor zwei Wochen gemacht und hab nachher noch etwas Wichtiges vor. Schieb mich einfach dazwischen, Little, so schwer kann das nicht sein!“

Ich wurde rot, als er wieder meinen Spitznamen aus der Highschool verwendete – noch dazu vor den Kunden. Ich war bei einem Meter und sechsundfünfzig Zentimetern stehen geblieben und wie um meine Unauffälligkeit zu unterstreichen auch ansonsten in keiner Weise irgendwie ‚herausragend’. Mittelmäßige Noten, mittelmäßiges Äußeres, eher schüchtern und anders als meine Eltern in jeder Richtung eher talentfrei…

„Mein Name ist Tory und nicht Little, so schwer sollte es nicht sein, sich das zu merken!“ erwiderte ich leise. „Und das wird schwer möglich sein, vor dir sind noch zwei Kundinnen zu bedienen… Wenn du nicht hier warten möchtest, kannst du in etwa einer halben Stunde nochmal…“

„In einer halben Stunde möchte ich hier wieder raus sein! Echt, es geht doch nur um einen schnellen Haarschnitt, der mal eben eine Viertelstunde benötigt, also bitte!“

„Phil, es tut mir leid für dich, aber Mom kann wohl kaum die beiden vor dir sitzen lassen und…“

„Ist es, weil ich dich Little genannt hab? Himmel, es tut mir leid, okay? Ich glaub, ich frag deine Mom selbst.“

Ich ballte die Hände zu Fäusten, wurde noch roter und öffnete den Mund schon zu einer Erwiderung, als der Mann neben der Tür sich rührte und näher kam. Seine Stimme klang leise und ruhig als er ihn jetzt unterbrach, aber als ich zu ihm hochsah konnte ich sehen, wie seine braunen Augen ungehalten funkelten, obwohl er höflich lächelte.

„Sie sind unhöflich und sollten eine Entschuldigung wenigstens ernst meinen, wenn Sie sie aussprechen! Sie haben doch gerade gehört, dass es eine kleine Weile dauern kann…“ Er ließ das Ende des Satzes offen und sah ihn an. Abwartend, fest und vollkommen ruhig.

Phil musterte ihn von oben bis unten und stellte wohl gerade fest, dass sein Gegenüber im Vergleich zu ihm ein… ein etwas anderes Auftreten hatte.

„Das habe ich mitbekommen, danke trotzdem für den Hinweis! Little, ich hab keine Zeit für so was, ich muss spätestens in einer Stunde in…“

„Wie sagten Sie gleich ist Ihr Name? Tory?“ wandte der Fremde sich an mich, indem er Phil jetzt einfach abwürgte, ignorierte und höflich auf mich herablächelte. Eine Reihe ebenmäßiger, weißer Zähne blitzte kurz auf und mit einem kurzen Nicken in Phils Richtung setzte er hinzu: „Ich nehme gerne seinen Termin in Anspruch, wenn er nicht warten möchte. Ich habe Zeit und…“

Mom kam nach vorne geschossen, warf das Heft mit breitem Grinsen zurück auf den Tisch und flüsterte mir zu:

„Halle Berry war eine tolle Idee, sie sind sich einig. Danke, Tory.“ Dann tat sie, als ob sie Phil erst jetzt bemerkte: „Oh, hallo Phil. Es tut mir leid, aber heute wird es etwas später werden… Tory hat dir sicher schon erklärt, warum. Ich komme kaum durch mit den Terminen…“

Er schnaubte, als sie sich sofort wieder umdrehte und hinter der Trennwand verschwand, um sich sofort auf die mit großen Augen wartende jüngste Kundin zu stürzen. Ich lächelte ihr zu – sie würde wirklich wie eine kleinere Ausgabe dieser Schauspielerin aussehen! Dann wandte ich mich wieder den beiden Männern zu.

Phil grunzte jetzt verärgert, warf mir einen verächtlichen Blick zu und grollte: „Weißt du was? Streich meinen Termin! Ich bin nicht darauf angewiesen und hab für so was keine Zeit…“

„Tut mir leid! Aber wenn du nicht warten möchtest…“

Er hatte sich jedoch schon umgedreht und war durch die Tür nach draußen verschwunden. Ich seufzte und besann mich dann erst auf den neuen Kunden.

„Es tut mir leid, dass Sie das mitanhören mussten! Wenn Sie tatsächlich den Termin haben möchten und etwas Zeit mitgebracht haben, Mr. …“

„Stevens. Und Sie sollten sich nicht für das unhöfliche Benehmen anderer entschuldigen, Sie haben getan, was Sie konnten. Na ja, eigentlich bin ich nicht wegen eines Haarschnittes hergekommen und wenn Ihre Mutter ohnehin alle Hände voll zu tun hat…“

„Verstehe. Was kann ich dann für Sie tun?“ spulte ich automatisch ab, um meine Unsicherheit zu überspielen.

Er lächelte schon wieder und fuhr sich mit den Fingern durch seine dichten, dunkelbraunen Haare, die sich an den Enden bereits zu wellen begannen. „Hm… Andererseits: Schaden könnte es wohl nicht.“

„Gerne. Wenn Sie dort drüben Platz nehmen möchten…“

Sein Blick hielt meinen fest als er zustimmend nickte. Verlegen über so viel ungewohnte Aufmerksamkeit senkte ich schnell den Kopf und löschte Phil aus der Liste, um den neuen Namen einzutragen. Als ich wieder aufsah, stand er immer noch da und sah mir zu. Ich wurde erneut rot.

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun? Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, während Sie warten?“ rettete ich mich wieder in die üblichen Floskeln.

„Danke, aber wie ich vorhin schon angedeutet habe, bin ich eigentlich aus einem anderen Grund hier.“

Er legte den Kopf leicht schief und lächelte schon wieder, ein kleines Funkeln in seinen Augen.

„Oh. Ja, natürlich. Womit kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin auf der Suche nach jemandem, der einige Zeit hier in der Gegend gelebt haben muss. Ein alter Freund von mir, den ich aus den Augen verloren habe und schon seit geraumer Zeit ausfindig zu machen versuche. Sein Name ist Adrian Hawk – etwa so groß wie ich und kräftig gebaut, braune Haare, dunkelbraune Augen… Soweit ich weiß lebte er mit einer jungen Frau…“

„Eve…“ unterbrach ich ihn und zog über mich selbst verärgert die Augenbrauen zusammen. „Ja, ich kenne sie. Und ich kenne ihn…“

Schon wieder fragte jemand nach ihnen! Ich erinnerte mich noch deutlich an die auffallend hübsche blonde Frau mit dem Rucksack, die im Januar vor mir an der Kasse des kleinen Lebensmittelladens hier in Marysville gestanden hatte. Ich hatte nicht alles mitbekommen, was sie gesagt hatte, aber ich war hellhörig geworden, als irgendwann die Namen Franklin Forester und Hawk fielen und mir war keineswegs entgangen, wie eilig sie es anschließend hatte, den Laden wieder zu verlassen… Und nicht lange danach waren Eve und Adrian verschwunden!

Sein Lächeln wurde etwas kleiner und seine Augen etwas größer. Und ihre Farbe… dunkler? Wohl kaum, ich musste mich getäuscht haben…

Mom unterbrach uns als sie erneut um die Ecke blickte.

„Tory, würdest du nach Mrs. Legrand sehen? Ihre Haare sind trocken, die Wickler können raus. Bring ihr auch noch einen frischen Kaffee, ja? Ich bin hier gleich soweit fertig.“

„Klar. Entschuldigen Sie mich, ich bin gleich wieder zurück…“

Während ich rasch nach hinten ging konnte ich regelrecht fühlen, wie sein Blick mich verfolgte – was mich noch fahriger werden ließ als ich mich ohnehin immer fühlte, wenn ich beobachtet wurde. Nur mit Mühe konnte ich das seltsame Gefühl ausblenden und damit verhindern, dass ich den Inhalt der Kaffeetasse über Mrs. Legrand vergoss. ‚Am Ende hätte ich sie heiraten müssen!’ schoss mir durch den Kopf und ich musste lächeln weil ich mir Dads erschrockenes Gesicht genau vorstellen konnte, als er Mom den Kaffee übergegossen hatte. Dann fing ich wieder einen Blick von Mr. Stevens auf.

Was er wohl von Eve und Adrian wollte?  Die beiden waren hin und wieder Kunden bei Mom und Kate gewesen und zählten zu den wenigen, die mich nicht übersahen, sondern immer offen, herzlich und freundschaftlich mit mir umgegangen waren. In Eves Fall schon seit jeher. Ich vermisste vor allem ihre Art… Sie kannte ich schon seit meiner Kindheit, weil sie jedes Jahr einen großen Teil ihrer Sommerferien hier bei ihren Großeltern verbracht hatte. Und auch wegen eines anderen Ereignisses würde sie mir immer in deutlicher Erinnerung bleiben… Wir waren in etwa im gleichen Alter und erst als sie anfing zu studieren, schlief unser Kontakt endgültig ein – bis sie überraschenderweise hierher zog, zu Adrian Hawk.

Doch wenn ich ehrlich war, hatte ich sie auch danach nur selten einmal gesehen, meist, wenn wir uns irgendwo zufällig über den Weg liefen oder sie in den Salon kam. Sie war eben… verheiratet! Und offenbar glücklich!

Ich nickte Mrs. Legrand zu und murmelte, dass Mom gleich für sie da sei, bevor ich wieder nach vorne ging. Mr. Stevens stand immer noch wartend da und kam ohne Umschweife wieder zurück zum Thema.

„Sie sagten, Sie kennen die beiden?“

„Ja… Darf ich fragen, warum Sie sie suchen? Ich weiß, es geht mich nichts an, aber…“

„Ich versuche nur, Adrian zu finden, um ihm eine Nachricht zu überbringen. Wo kann ich ihn finden?“

„Es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber sie sind schon Anfang des Jahres von hier fortgezogen und schon lange nicht mehr hier gewesen.“

„Sie sind weggezogen? … Sie wissen nicht zufällig, wohin?!“

Seine Miene war schlagartig ernst und ich runzelte zum ersten Mal skeptisch die Stirn als ich jetzt bemerkte, wie eindringlich sein Blick wurde. Offenbar wurde auch ihm das bewusst, denn er richtete sich ein kaum merkliches Stück weiter auf und lächelte schief. „Entschuldigung. Es ist wirklich wichtig, Miss… Tory… Sie heißen wirklich so? Oder ist es eine Abkürzung?”

„Eine Abkürzung.“ antwortete ich kurz und abweisend. ‚Besser als Little!’ setze ich in Gedanken hinzu und ergänzte laut: „Und es tut mir leid, aber ich weiß nicht, wohin sie gezogen sind. Eve hat nicht mal etwas davon erwähnt, dass sie fortziehen wollten, als sie das letzte Mal hier war…“

Eine steile Falte erschien zwischen seinen dichten Augenbrauen und jetzt wirkte er beunruhigt.

„Sind sie überstürzt fortgezogen?“

„Überstürzt? Was meinen Sie damit? Sie sind bestimmt nicht bei Nacht und Nebel verschwunden, wieso sollten sie?“

„Natürlich, Sie haben recht… Sie kannten sie näher?“

Ich hatte das mehr als deutliche Gefühl, dass ich dieses Frage-Antwort-Spiel an dieser Stelle abbrechen sollte. Seinen Fragen nach zu urteilen… Nein, das war es nicht, die konnten tatsächlich von jemandem stammen, der einen alten Freund wieder aufzufinden versuchte. Es war sein ununterbrochen aufmerksamer Blick, dem nicht eine einzige Regung zu entgehen schien, die mich vorsichtig werden ließ.

„Mr. Stevens, ich möchte nicht unhöflich sein, aber… Sie sind mir fremd, kommen hier herein… Ich ziehe es vor, keine Informationen über…“

„Es tut mir leid, ich wollte… Es ist wirklich wichtig, dass ich ihn finde! Hören Sie, dürfte ich Sie vielleicht auf einen Kaffee einladen wenn Sie hier fertig sind? Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen…“

Ich machte große Augen und hob sofort abwehrend die Hand. Das ging ein bisschen zu weit!

„Nein, tut mir leid. Und jetzt müssen Sie mich entschuldigen, ich habe zu tun. Darf ich Ihnen ebenfalls einen Kaffee bringen?“ holte ich das Gespräch wieder auf realen und vor allem neutralen Boden zurück.

Er zog irritiert die Augenbrauen zusammen, dann nickte er rasch.

Ich wandte mich um und stakste nach hinten, um eine weitere Tasse zu holen. Er hatte mich zu einem Kaffee eingeladen… um mir weitere Fragen über Eve und Adrian zu stellen! Als ich wieder nach vorne kam, hatte er endlich auf einem der Stühle Platz genommen und beugte sich vor, als ich die Tasse vor ihm abstellte.

„Danke… Warum nicht?“

Ich sah automatisch auf und ärgerte mich sofort darüber, denn sein Blick war immer noch viel zu durchdringend für meinen Geschmack.

„Warum was nicht?“

„Warum darf ich Sie nicht einladen?“

„Warum darf ich nicht ablehnen?“ konterte ich und trat demonstrativ einen Schritt zurück. „Kann ich Ihnen noch etwas bringen?“

„Nein, vielen Dank. Ich will nicht aufdringlich erscheinen, aber…“

„Verzeihung, aber Sie werden gerade aufdringlich! Meine Mutter wird sich beeilen; wenn Sie also noch etwas Geduld haben…“

Ich wandte mich ab und kehrte hinter die Trennwand zurück, wo ich damit anfing, aufzuräumen und sauberzumachen. Dann bestückte ich im angrenzenden Arbeitsraum die Waschmaschine mit benutzten Handtüchern und räumte den Trockner aus, um die frischen zu falten und nach vorne zu bringen.

Mom hatte mittlerweile die Miniversion von Halle Berry fertig gestellt, kassierte und öffnete der glücklich strahlenden Mutter und noch glücklicher strahlenden Tochter die Tür, bevor sie Mr. Stevens zulächelte und mich dann fragend ansah.

„Phil hat seinen Termin abgesagt, er wollte nicht warten. Mr. Stevens würde ihn gerne übernehmen…“ erklärte ich.

„Natürlich! Ich bin in zehn Minuten für Sie da.“ Sie wandte sich um und flüsterte mir zu: „Was war denn schon wieder, dass Phil nicht warten konnte?“

„Er sagte, er habe noch etwas Wichtiges vor.“ murmelte ich ohne sie anzusehen und fegte die Haare der kleinen Annabelle vom Stuhl auf den Boden, wo ich sie jetzt ebenfalls wegfegen würde.

Sie seufzte.

„Tory, ich weiß, ich wiederhole mich und ich sollte so etwas nicht über einen Kunden sagen, aber… Phil ist wirklich ein Idiot! Ich konnte nicht hören, was da vorne bei euch los war, doch… Himmel, er hält sich für den einzigen gut aussehenden Typen auf Gottes weiter Flur. Wieso nur seid ihr Mädchen so hinter ihm her? Ich verstehe es nicht.“ flüsterte sie.

„Ich bin nicht hinter ihm her, Mom! Zugegeben, es bringt mich bei niemandem sonst so sehr auf die Palme, wenn man mir mit meinem alten Spitznamen kommt, aber wenn er vorhin nicht zwangsläufig mit mir hätte reden müssen, dann hätte er mich wie sonst auch einfach nur ignoriert. Wir haben keinerlei Berührungspunkte und er selbst ist mir herzlich egal. Und du solltest jetzt gehen, Mrs. Legrand wartet. Wenn ich fertig bin, werde ich schon mal verschwinden und dafür sorgen, dass wir heute Abend etwas zu essen bekommen. Oder soll ich Dad fragen, ob er etwas mitbringt? Italienisch? Chinesisch?“ flüsterte ich zurück.

„Italienisch klingt gut, du brauchst nach so einem Tag wie heute nicht auch noch etwas zu kochen.“

„Alles klar, ich sag ihm Bescheid.“

Ich vermied es erfolgreich, in den nächsten Minuten noch einmal nach vorne zu gehen und erst als Moms neuer und für heute letzter Kunde vor dem Spiegel Platz nahm, huschte ich hinter ihnen vorbei, nickte seinem Spiegelbild noch einmal zu und beeilte mich, mit Tasche und Schlüssel bewaffnet aus seinem aufmerksam im Blick behaltenen Sichtfeld zu verschwinden.

Aus seinem viel zu aufmerksam im Blick behaltenen Sichtfeld!

 

 

„Was für ein Tag!“ ließ Mom sich eine Stunde später in den Sessel fallen und hob ihre nackten Füße auf den zweiten. „Kate hat sich offenbar den Magen verdorben und ist noch wenigstens für ein, zwei Tage außer Gefecht gesetzt – das heißt, ich muss auch für morgen und vermutlich übermorgen ihre Termine absagen. Tory, würde es dir was ausmachen, wenn du so lange weiter aushelfen würdest? Ich weiß, du hast eigentlich Ferien…“

„Klar. Wenn ich danach, sobald Kate wieder auf dem Posten ist, frei habe…“

„Natürlich! Es tut mir leid. Vielleicht sollte ich mich doch mal nach einer stundenweisen Aushilfe umsehen. Wann kommt Dad?“

Ich sah auf die Uhr und zuckte die Schultern.

„Er dürfte jetzt unterwegs sein. Ich habe für dich Pizza mit Artischocken und viel Käse geordert, war das okay?“

Sie nickte und reckte sich, dann griff sie sich in die Haare und drehte sie am Hinterkopf zu einem Knoten. „Ich werde noch schnell duschen gehen; fangt schon an, falls er da ist bevor ich fertig bin.“

„Okay.“ murmelte ich und sah ihr nach, wie sie rasch das Wohnzimmer verließ. Sie war vor vier Wochen dreiundvierzig geworden und wirkte zeitweilig immer noch wie ein junges Mädchen. Ihre langen, blonden Haare, ihre Grübchen, wenn sie lachte, ihr jugendliches Aussehen…

Dad war eher dunkelblond und groß gewachsen, drahtig. Meine aschblonden Haare rangierten irgendwo dazwischen und waren wahrscheinlich eine Mischung aus den beiden, aber meine geringe Körpergröße… Dad war beinahe einen Meter achtzig groß und Mom mit einem Meter vierundsiebzig nicht viel kleiner…

Als ich hörte, wie das Garagentor sich öffnete, schwang ich meine Füße von der Couch und beeilte mich, in die Küche zu kommen und den Tisch zu decken.

Dad balancierte drei Schachteln auf der einen Hand vor sich her, eine Tüte in der anderen und grinste breit, als er mich sah. „Hallo Tory. Hier, nimmst du mir mal ab? Ich habe noch Eiscreme zum Nachtisch mitgebracht, die sollte so lange noch ins Gefrierfach… Danke. Wo ist deine Mom?“

„Noch schnell duschen… Eis? Gibt es einen Grund zum Feiern?“

Er hob eine Augenbraue und schloss die Tür des Kühlschranks. „Wegen der Eiscreme? Ähm… Weil Sommer ist?“

„Aha?“ dehnte ich.

Er grinste noch etwas breiter, sodass sich jetzt auch auf seinen Wangen zwei Grübchen bildeten. Ich konnte mir gut vorstellen, was Mom schon bei der ersten Begegnung an ihm gefallen hatte!

„Weil ich mit meinen beiden Frauen einen erholsamen Feierabend verbringen will?“

„Klar!“ verschränkte ich die Arme.

Mom kam die Treppe wieder herunter und betrat, jetzt in langem, weitem Rock und Top, die Küche. Die beiden begrüßten sich mit einem Kuss und er legte seinen Arm um ihre Mitte.

„Na gut, es gibt einen Grund zum Feiern: Die Bank hat heute ihr Okay gegeben, einer Geschäftsvergrößerung steht damit nichts mehr im Wege! J. R. und ich teilen uns das Risiko und er hat bereits seine Fühler ausgestreckt was den größeren Laden eine Ecke weiter angeht… Der wäre perfekt! Wie es aussieht, könnten wir schon ziemlich bald in doppelt so große Räumlichkeiten ziehen!“

„Im Ernst? Oh George, das sind tolle Neuigkeiten!“ fiel sie ihm um den Hals.

„Das ist fantastisch, Dad, gratuliere!“

Er legte einen Arm um meine Schultern und küsste mich auf den Kopf. „Danke. Ja, es ging eigentlich schneller als ich zu hoffen gewagt habe… und es ist ein großer Schritt, denn wir werden zwar größer werden und jetzt zusätzlich investieren, aber wir werden uns in den ersten zwei, drei Jahren wahrscheinlich keinen zusätzlichen Angestellten leisten können und die Arbeit alleine schultern müssen.“

Mom würde darauf verzichten, eine Aushilfe einzustellen!

„Ich kann hin und wieder helfen.“ meinte ich sofort, aber er schüttelte den Kopf.

„Das ist lieb von dir, danke, aber du solltest dich auf das College konzen­trieren, Tory. Wir kommen schon zurecht. Was ich damit sagen wollte war nur, dass ich in naher Zukunft etwas mehr werde arbeiten müssen. Ihr wisst schon, längere Tage, kürzere Nächte… Und ich möchte von euch wissen, ob ihr damit zurechtkommen werdet. Wenn nicht, dann ist es immer noch früh genug, die ganze Sache zu stoppen. Ich habe das J. R. bereits klargemacht… Wir haben unser Auskommen und ich werde das nicht ohne eure Zustimmung angehen. Familie geht vor!“

Er zog Mom mit sich an den Tisch und ich nahm ihnen gegenüber Platz. Nach einem kurzen Blick in die Schachteln schob ich jedem eine davon zu.

„Was mich angeht: Ich komme damit schon klar, aber ich mache mir Gedanken über dich.“ meinte Mom und nahm ihre in Empfang. „Das klingt nicht gerade gut, George. Habt ihr euch noch mal überlegt, ob ihr nicht doch einen weiteren Teilhaber suchen könntet um das Risiko zu minimieren und die Arbeit nicht überhand nehmen zu lassen?“

Er kaute nachdenklich an einem Stück Pizza, dann schüttelte er den Kopf. „Das Geschäft wirft jetzt so viel ab, dass wir unsere Familien damit gut ernähren können und etwas zur Seite legen konnten. Klar, der Laden läuft, wir platzen schon aus allen Nähten und die Auftragsbücher sind voll, aber wenn wir von Anfang an einen dritten Teilhaber damit durchfüttern müssten, der auch das Risiko mitträgt, dann… J. R. und ich sind uns einig, dass, unsere Rücklagen eingerechnet, es im Moment tatsächlich sinnvoller ist, eine Weile alleine die Bankraten zu schultern und erst dann jemanden in ein gesundes, gut laufendes Unternehmen hereinzunehmen, der sich entsprechend teuer einkaufen müsste, um Partner zu werden. Wenn wir überhaupt noch jemanden suchen werden. Umgekehrt: Wenn wir jetzt nicht vergrößern, dann werden wir es nie tun! In zehn Jahren ist der Zug abgefahren, dann wird uns keine Bank mehr ihr Geld leihen.“

Sie nickte, dann legte sie ihr Stück Pizza zurück in die Schachtel.

„George, ich könnte meinen Salon verkaufen und bei euch mit einsteigen. Nein, ich möchte, dass du ernsthaft da­rüber nachdenkst! Kate ist in der Lage, ihn zu übernehmen und ich könnte eine halbe Woche bei euch und die andere Hälfte der Zeit im Salon weiterarbeiten. Das Geld, das ich für das Geschäft bekäme, könntet ihr gerade jetzt sehr gut brauchen…“

„Nein, kommt nicht infrage! Wir haben genügend Sicherheiten, die Bilanzen stimmen und die Bank zieht mit… und du behältst deinen Salon!“ Er warf ihr einen unnachgiebigen Blick zu. „Wir waren uns immer einig, dass keiner von uns ohne zwingenden Grund von seinen Träumen Abschied nimmt – wir sind weit davon entfernt, einen solchen Grund zu haben.“ Er legte einen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich. „So, und jetzt keine Widerrede mehr! Schlaft darüber… Und jetzt will ich mit meinen Mädchen feiern, klar? Da drüben warten drei riesige Eisbecher darauf, leergelöffelt zu werden.“

 

 

Eine Stunde später hatte ich mich bereits in mein Zimmer verzogen und hörte, wie unten leise Musik spielte – wahrscheinlich saßen die beiden jetzt auf der winzigen Terrasse hinter dem Haus und hatten den CD-Player eingeschaltet. Ihre Feierabende sahen seit ich denken konnte meist so oder ähnlich aus, selten einmal saßen sie vor dem Fernseher. Sie unterhielten sich lieber, besuchten Freunde oder luden sie hierher ein, lasen Bücher oder Fachliteratur, gingen hin und wieder aus…

Mom hatte mich, kurz bevor ich nach oben ging, noch auf ihren neuen Kunden angesprochen.

„Ein netter Typ, aber ein bisschen komisch. Er hat mich nach den Hawks gefragt…“

„Ja, mich auch…“

Sie hob fragend eine Augenbraue.

„Er sagte, Adrian sei ein alter Freund, den er aus den Augen verloren habe und schon seit längerer Zeit suche.“ ergänzte ich daraufhin und schob meine Haare aus dem Gesicht.

„Ja, mir sagte er das Gleiche.“

Ich zuckte die Schultern und warf die leeren Schachteln in den Abfall.

„Ich konnte ihm nur sagen, dass sie weggezogen sind, mehr nicht.“ meinte ich.

„Ich weiß nicht… Ich hatte ein komisches Gefühl in der Magengegend, als er so… gezielt und eindringlich nach ihnen fragte – du nicht?“

Ich nickte, dann zuckte ich die Schultern. „Ich weiß nicht mal, warum… Er kam mir nicht gerade verdächtig vor oder so, eigentlich war er sogar ziemlich höflich. Zumindest hat er Phil abgekanzelt… Du hättest dessen Gesicht sehen sollen als er sagte: ‚Sie sollten eine Entschuldigung wenigstens ernst meinen, wenn Sie sie aussprechen!’“, ahmte ich seinen Tonfall nach. „Er hat mitbekommen, dass Phil mich wieder Little nannte…“

Sie nahm mir das Tuch ab und wischte kopfschüttelnd über den Tisch. „Das war dann nicht höflich, das war… überfällig! Na ja, ich habe ihm gesagt, dass ich ihm nicht weiterhelfen kann, schließlich habe ich den beiden nur die Haare geschnitten. Aber du kennst Eve doch gut! Die Enkelin vom alten Forester, deshalb haben sie und dieser Adrian in seinem Haus da draußen gewohnt…“

„Hmhm…“ lehnte ich mich an den Schrank und sah ihr zu, wie sie die Spülmaschine schloss und einschaltete. „Eve ist nur knapp zwei Jahre älter als ich…“ bestätigte ich dann. „Sie und ihre Cousine waren früher fast jedes Jahr hier, in den Ferien.“

„Richtig, die kleine, stille Blonde… Ihr habt in den Ferien hin und wieder zusammen gespielt, ich erinnere mich… Fiona, nicht?“

Ich verzog das Gesicht. „Phoebe. Und wir haben nicht zusammen ‚gespielt’! Wir haben in den Ferien öfter mal… etwas zusammen unternommen oder ich war draußen bei ihnen. Und ich hab mal gesehen, wie Eve Phil einen Kinnhaken verpasst hat!“ fügte ich nicht ohne innere Genugtuung hinzu.

Sie riss die Augen auf und starrte mich an. „Sie hat ihm einen Kinnhaken verpasst? Wow! Was hat er verbrochen?“

Ich würde ihr kaum den wahren und ursprünglichen Grund nennen und zuckte erneut die Schulter, konnte aber ein Grinsen nicht länger unterdrücken.

„Im Laufe seines Lebens eine Menge würde ich sagen! Aber unter anderem… Er hat sie… abgecheckt! Und wohl eine Bemerkung fallen lassen, die ihr nicht gefiel! Mehr weiß ich nicht, ich hab sie nie danach gefragt.“

„Abgecheckt! Wie sich das anhört! Wenn ich raten sollte, dann war Phil unverschämt… Das hat er von seinem Vater, der war früher auch so! Ist er heute noch!“

Neugierig geworden hob ich die Augenbrauen, was ihr nicht entgehen konnte. Sie verzog das Gesicht. „Er hat mal eine von mir gefangen weil er beim Ball seine Finger nicht bei sich behalten konnte, sie rutschten beim Tanzen für meinen Geschmack immer wieder ein bisschen zu sehr in Richtung meines Hinterns! Aber er hatte nur fünf Finger im Gesicht abgemalt, einen Kinnhaken habe ich mir nicht zuge­traut!“

Mein Mund stand offen.

„Phils Dad hat dich… ähm…“

„Er hat es nur versucht!“ funkelte sie mich an, die Hände in die Seiten gestemmt. „Ich fand ihn schon immer zum… Erbrechen und ich war damals schon mit deinem Dad zusammen. Bind ihm das nicht auf die Nase, er ist imstande und haut ihm noch heute eine runter.“

„Klar!“ grinste ich…

 

Jetzt lag ich auf meinem Bett, hörte Musik über meine Ohrstöpsel und grinste wieder, als ich mir beide Szenen ausmalte beziehungsweise noch einmal ins Gedächtnis rief. Offenbar hatten die männlichen Mitglieder der Familie Clemens tatsächlich einen Hang dazu, bei den weiblichen Exemplaren der Spezies Mensch um Schläge förmlich zu betteln! Dann seufzte ich. Wenn ich nur ein wenig von der Chuzpe meiner Mom hätte, dann hätte ich Phil ebenfalls längst ein wenig nachdrücklicher oder besser ‚eindrücklicher’ meine Meinung gesagt! Aber mein Mut erschöpfte sich darin, dass ich hin und wieder meinen Mund nicht halten konnte, wenn mir etwas zu sehr gegen den Strich ging oder wenn ich etwas sah, was mich wütend genug machte. Ich lächelte nicht ohne Selbstironie: Dann wurde aus der kleinen, stillen, farblosen Tory glatt ein… Kampfküken!

Nachdem ich meinen Wecker kontrolliert hatte, drehte ich mich auf die Seite und lauschte nur noch auf die Musik, mit der ich heute bestimmt auch einschlafen würde…

 

 

Der nächste Tag sah ähnlich stressig aus wie der vorherige und als am dritten Tag Kate immer noch nicht wieder aufgetaucht war, stieß Mom einen tiefen Seufzer aus und nannte mir die Namen der Kunden, die ich um Verschiebung ihres Termins bitten sollte. Nicht wenige davon waren einigermaßen ungehalten und nach einigem Hin und Her schob sie vier davon noch wieder dazwischen oder hängte sie für abends noch hintendran. Es würde wieder ein langer Tag werden. Ich tat, was ich konnte – und es war wenig genug. Doch als am späten Nachmittag die Türglocke ging und ich aufsah, hielt ich sofort wieder den Atem an.

„Mr. Stevens!“

Mit deutlich kürzeren Haaren…

…was ihm durchaus gut stand wie ich feststellen musste!

„Was kann ich für Sie tun?“

…und freundlichem, offenem Lächeln, das offenbar mir galt – trotz meiner abweisenden Reaktion zwei Tage zuvor…

„Stimmt etwas mit ihrem Haarschnitt nicht? Soll ich meine Mutter nach vorne holen?“

…und dunklen, freundlichen wenn auch wieder mal hypnotischen Augen. War er vorgestern auch schon so groß gewesen oder war das jetzt nur, weil er direkt auf mich zukam und nicht wieder in ein paar Schritten Entfernung stehen blieb?

„Hallo. Nein, alles bestens, danke. Ich bin nur gekommen, um noch einmal mein Glück zu versuchen. Vorgestern bin ich mit der Tür ins Haus gefallen, das ist mir klar geworden. Es ist leider so, dass niemand hier mir sagen kann, wohin Adrian und seine Frau gezogen sind und offenbar auch niemand näher mit ihnen bekannt war. Sie sind also meine letzte Hoffnung! Haben Sie keine Idee, wo ich nachfragen oder nachforschen könnte?“

„Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, ausgerechnet hier bei uns nachzufragen?“ schoss ich hervor, ohne darüber nachzudenken. Ich biss mir auf die Lippe, aber er lächelte nur.

„Anlaufstellen, wenn man jemanden sucht: Lebensmittelläden, Autowerkstätten und Tankstellen, Frisöre… Jeder muss essen und trinken, sein Auto reparieren lassen und betanken und… die Haare schneiden lassen, wenigstens von Zeit zu Zeit.“ fuhr er nicht ohne eine gewisse Selbstironie in der Stimme mit gespreizten Fingern durch seine Haare, „Und man fängt in der Nähe des letzten bekannten Wohnortes an.“

Lebensmittelläden! Da war sie wieder, diese hübsche Blondine! Ob auch sie noch sonst wo herumgefragt hatte? Und nun wusste ich auch, welche Gemeinsamkeit er mit ihr hatte: Er hatte ähnlich dunkle, ständig alles beobachtende Augen, einen ähnlich intensiven, durchdringenden und analysierenden Blick wie sie und war in der Tat der Zweite, der auf diese Weise nach ihnen forschte…

„Sind Sie Polizist? Oder Privatdetektiv?“ fragte ich misstrauisch.

Sein Lächeln wurde breiter und er schüttelte kurz den Kopf.

„Nein, weit davon entfernt! Adrian hat überdies nichts verbrochen. Ich versuche nur, ihn zu finden weil ich ihm persönlich eine wichtige Nachricht überbringen muss. Es geht nur um eine Privatsache…“

„Und um Diskretion, wenn es sich um Kunden handelt. Abgesehen davon, dass ich nichts weiter über ihren Verbleib weiß – wie schon gesagt.“ ergänzte ich. Aber ich konnte seinem Blick nicht lange standhalten und sah fort.

„Das sehe ich ein, wirklich. Sie haben keinen Grund, mir meine Frage zu beantworten, Sie kennen mich nicht… Deshalb möchte ich Sie noch einmal fragen, ob Sie nicht vielleicht doch nach Feierabend…“

„Nein, danke. Und das Einzige, was ich Ihnen sagen kann ist das, was jeder hier weiß: Dass sie weiter draußen vor Marysville gewohnt haben. Ein wenig abgelegen… Ich habe weder eine Ahnung, wohin noch warum sie so unerwartet verschwunden sind.“

Seine Augen wurden schon wieder dunkler und ich schüttelte den Kopf. Offenbar stimmte etwas mit meinen Augen nicht!

„Unerwartet… Verstehe ich das richtig, die  beiden sind also doch nicht nur unangekündigt, sondern auch plötzlich verschwunden? Sie sagten doch…“ er unterbrach sich, als ihm meine ablehnende Miene auffiel. „Entschuldigung. Bitte… Wissen Sie zufällig, wo genau dieses Haus liegt? Niemand hier in Marysville konnte oder… wollte mir etwas sagen.“

Also hatte auch Francine, die meistens an der Kasse im Lebensmittelladen saß, diesmal von Anfang an den Mund gehalten – so er denn dort gewesen war und sie nach Eve und Adrian gefragt hatte. Kein Wunder, niemandem hier war letztlich entgangen, dass Franklin Foresters Enkelin zusammen mit ihrem Mann ohne jede Ankündigung weggezogen war; es dürfte ein paar Gerüchte gegeben haben, auch wenn ich Francine nicht als jemanden einschätzte, der sie in die Welt setzte oder bei deren Verbreitung half – ganz im Gegenteil. Ich holte tief Luft und hielt sie kurz an. Inzwischen war ich der Ansicht, dass er genug Fragen gestellt hatte!

„Nicht? Was für seltsame Leute hier in der Gegend leben!“ konterte ich anstelle einer Antwort ironisch.

Ein Funkeln trat in seine Augen und ich wurde schon wieder rot als mir klarwurde, was ich soeben zu ihm gesagt hatte! Er war immer noch ein Kunde!

„Entschuldigung, das war unangebracht! Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen tatsächlich nicht weiterhelfen. Wenn ich sonst nichts weiter für Sie tun kann…“

Einen Moment lang sah er so aus als ob er etwas darauf erwidern wollte, aber dann schloss er den Mund wieder und seufzte.

„Sie sind bisher die Einzige, die überhaupt etwas mehr über ihn und seine Ge… Frau zu wissen scheint. Sie können sich denken, dass ich nicht lockerlassen werde! Bitte, wo darf ich mich mit Ihnen treffen? Ich will Sie wirklich nicht belästigen und auch nicht ständig bei der Arbeit stören, aber geben Sie mir eine Chance, Ihnen zu beweisen, dass ich nur nach einem Freund suche… Alles ganz harmlos! Oder könnten Sie mir wenigstens jemanden nennen, bei dem ich mehr erfahren könnte? Oder falls Sie eine ihrer Handynummern kennen, einen gemeinsamen Freund…“

„Mr. Stevens, bitte gehen Sie jetzt. Und ich werde mich nicht mit Ihnen treffen, weil ich Ihnen nichts sagen kann.“

Mein Gesicht musste inzwischen hochrot sein! ‚Sie können sich denken, dass ich nicht lockerlassen werde!’ Unterstellte er mir, dass ich mich mit meiner Zurückhaltung nur interessant machen wollte?

Er atmete langsam aus und nickte dann wieder.

„Ich will keinen der beiden in irgendeiner Weise…“

Ich ging an ihm vorüber und öffnete in einer unmissverständlichen Geste die Tür. Meine Finger zitterten und ich presste die Nägel in meine Handinnenfläche, doch diesmal sah ich nicht fort, als er mich fixierte. Aber ich schluckte hart.

„Phil unterschätzt Sie!“ murmelte er, dann hob er die Augenbrauen, als ob ihm gerade eine Idee gekommen wäre. „Kennt er einen der beiden näher? Er scheint etwa in Ihrem Alter zu sein…“

„Fragen Sie doch Phil!“ Er stand vor mir und ich musste den Kopf fast in den Nacken legen. Er war beinahe so groß wie Dad, dabei aber wesentlich kräftiger gebaut. Unwillkürlich überlief mich ein Schauder, was ihm offenbar nicht entging, denn sofort trat er einen kleinen Schritt zurück.

„Ich will niemanden verängstigen, ich suche nur einen alten Freund, dem ich… in gewisser Weise etwas schulde – so ähnlich jedenfalls! Seit Langem schon!“ Jetzt klang er fast schon flehend.

Ich presste die Lippen aufeinander und unterdrückte ein neues Zittern.

„Ich werde wiederkommen, wenn es sein muss jeden Tag!“ murmelte er leise, seine dunklen Augen jetzt forschend und unentwegt auf mein Gesicht gerichtet. Bezwingend! „Bitte! Ich muss ihn finden, es ist immens wichtig! Auch für seine Frau!“

Für Eve? Ich riss die Augen auf und hielt besorgt den Atem an.

„Tory? Ist alles in Ordnung?“ Mom kam genau im richtigen Moment! Sie warf einen befremdeten Blick auf Mr. Stevens und lächelte dann freundlich der älteren Kundin zu, die rasch bezahlte und sich dann verschüchtert an ihm vorbei nach draußen zwängte.

„Mr. Stevens?“ fragte Mom.

Er lächelte sofort beruhigend und nickte ihr höflich zu.

„Mrs. Lark… Ich versuche gerade, Ihre Tochter dazu zu überreden, mit mir nach Feierabend noch irgendwo eine Tasse Kaffee zu trinken. Offenbar haben wir in Adrian Hawk und seiner Frau Eve gemeinsame Bekannte…“

„Tory?“ fragte sie mich erstaunt.

„Ich habe bereits abgelehnt und Mr. Stevens wollte gerade gehen.“

Ihre Augenbrauen zogen sich um ein paar Millimeter zusammen.

„Geht es Ihnen tatsächlich um die beiden? Oder belästigen Sie nur meine Tochter? In beiden Fällen sollten Sie jetzt gehen, denn ich nehme an, Sie haben Ihre Antworten…“

Er runzelte die Stirn.

„Es liegt mir fern, Ihre Tochter zu belästigen, Ma’am! Bitte entschuldigen Sie, wenn es den Eindruck gemacht haben sollte. Ich muss nur dringend mit Adrian sprechen und außer Tory scheint keiner hier näher mit ihm oder seiner Frau bekannt gewesen zu sein! Wenn ich einen neuen Anhaltspunkt hätte, an dem ich weitersuchen könnte, jemanden, den ich sonst fragen könnte…“ Er ließ den Schluss offen.

„Warum fragen Sie dann nicht die Eigentümer des Hauses, in dem sie gewohnt haben? Die Fo…“

„Mom!“ unterbrach ich sie.

„Tory, das kann jeder wissen, oder nicht? Schließlich ist allgemein…“

„Mom!“

Sie runzelte die Stirn, dann nickte sie.

„Du hast recht! Wenn Sie uns jetzt entschuldigen würden… Tory, kommst du?“

Ich nickte, sah ihn auffordernd an und atmete erst erleichtert auf, als er noch einmal ernst nickte und dann endlich durch die Tür nach draußen trat.

Ich war lange nicht mehr so schnell nach hinten verschwunden!

Wieso war es wichtig für Eve?

 

„Was ist das nur für ein Typ?“ fragte Mom später, als wir die Tür verriegelten und zum Auto schlenderten. „Nicht, dass er nicht gut aussieht, aber er hat irgendwas an sich… Na ja, auf der anderen Seite: Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre und Dad nicht wäre… Sieh mich nicht so an, ich meine ja bloß! Schließlich gehen die Männer auch nicht mit Scheuklappen durchs Leben. Und er sieht gut aus, bestimmt treibt er regelmäßig Sport. Ich tippe auf Schwimmen.“

Ich musste ihr recht geben. Er sah unglaublich gut aus, doch in diesem Fall war das Wort ‚unglaublich’ wörtlich zu nehmen: Zu gut um wahr zu sein! Seine Gesichtsproportionen… Ich wurde rot. Seine gesamten Körperproportionen! Er trieb mit Sicherheit Sport!

„Hat er irgendwas gemacht, von dem dein Dad oder ich wissen sollten? Wurde er… zudringlich?“ fragte sie jetzt.

„Nein Mom, so war es nicht! Aber er war… hartnäckig! Mir gefiel einfach nicht, dass er mich dauernd mit Fragen über Eve und Adrian löcherte; ich hab dir doch von dieser blonden Frau erzählt, die im Winter überall nach ihnen gefragt haben muss kurz bevor sie weggegangen sind. Und jetzt kommt er. Das ist schon der Zweite, der überall nach ihnen fragt und laut seiner eigenen Auskunft hat ihm niemand in der Umgebung… Auskunft gegeben!“ Ich fing ihren forschenden Blick auf und schüttelte den Kopf. „Wirklich, ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, er wäre aufdringlich oder… unangenehm gewesen! Nur… eindringlich und hartnäckig!“

Jetzt warf sie mir einen schiefen Blick zu und auf ihrer Stirn erschien das Wörtchen ‚Aha!’

„Das sagtest du schon… Und mir stellt sich langsam die Frage, warum er wirklich so stur war! Ob es da nicht noch einen anderen Grund gibt als die Hawks? Wieso willst du dich nicht mal mit ihm treffen und es herausfinden? Er scheint nicht so viel älter zu sein als du und eine Tasse Kaffee ist harmlos… Wenn sie nicht gerade am Morgen danach getrunken wird!“

Mein Unterkiefer klappte herunter und ich starrte sie nur wortlos an.

„Ja!“ zuckte sie die Schulter. „Was ist dabei? Er schien mir sehr interessiert…“

„Mom, er will mich nur über Eve und ihren Mann ausquetschen, das ist alles!“

„Hm… Wenn du meinst!“

„Das Letzte, was ich brauche ist… so jemand! Und das Letzte, was so jemand braucht bin ich.“ setzte ich leise hinzu, was mir einen Seitenblick von ihr eintrug.

„Tory, was du brauchst ist ein wenig mehr Selbstbewusstsein! Und die Einsicht, dass nicht jeder wie Phil Clemens ist. Lass diese alte Geschichte doch endlich hinter dir.“

„Du nimmst mir immer noch nicht ab, dass das längst der Fall ist, hm? Wenn du nichts dagegen hast, dann ziehe ich es jetzt allerdings vor, nicht weiter darüber zu reden, okay? Ach, übrigens: Kate hat vorhin angerufen, sie wird morgen wiederkommen. Kann ich morgen dann zu Hause bleiben?“

„Natürlich! Dem Himmel sei Dank, dann kommt sie gerade noch rechtzeitig zum Wochenendansturm… Klar, Liebes, du hast es dir echt verdient.“

Ich sparte mir den Hinweis, dass auch sie und Dad sich etwas mehr Freizeit verdient hätten und seufzte lautlos als sie nach einem weiteren Seitenblick endlich losfuhr. Vielleicht sollte ich morgen etwas mit meiner Freundin unternehmen, für heute war ich zu müde…

 

 

 

 

Bedford

 

Sie lächelte, als sie sah, wie Dorian mit der jauchzenden Dwenny auf der kleinen Wiese neben der Einfahrt herumtobte; er hatte sie mit nach draußen genommen, um mit ihm das Auto zu ‚waschen’, aber es war wieder einmal eine kleine Wasserschlacht daraus geworden und wie üblich würde er später, sobald ihre Tochter müde in ihrem Bett lag, mit dem Wagen zur Waschstraße fahren, um die kleinen, matschigen Handabdrücke auf der Karosserie zu beseitigen. Jetzt aber stapfte die knapp ein Jahr alte Ceridwen mit einem triefend nassen Schwamm und völlig durchnässten Kleidern auf ihren vergleichsweise riesigen Vater zu, um ihm laut quietschend ihre ‚Waffe’ ins Gesicht zu werfen.

Sie biss sich grinsend auf die Unterlippe als ihr auf dem Boden kniender Gefährte sich mit einem übertriebenen Ächzen nach hinten fallen ließ, dann seine Tochter mit beiden Händen griff und in die Luft hob, sodass diese vor Vergnügen kreischend und zappelnd über ihm schwebte.

„Dorian ist der geborene Vater.“ hörte sie ihre Mutter hinter sich und wandte sich um.

„Allerdings!“ lächelte sie.

„Es erinnert mich ein wenig an die Zeit, als du klein warst… Nein, keine Angst, ich bekomme jetzt keine nostalgischen Anwandlungen, aber immer wenn ich Dwenny ansehe meine ich, ich würde in dein Gesicht sehen. Ich hätte dir so gerne mehr geboten!“

„Mom, ich hatte alles, was ich brauchte. Und sieh nur, was ich heute habe! Wer kann glücklicher sein als ich?“

Ein seltsamer Blick war die Antwort und sie seufzte, als ein ängstliches Gefühl sie streifte.

„Ich weiß!“ meinte sie sofort. „Aber auch in der ‚normalen’ Welt geht es nicht immer besonders sicher zu, oder? Hast du in letzter Zeit mal Nachrichten gehört oder Zeitung gelesen? Was auf der Welt los ist… Ich wage zu behaupten, dass ich heute sicherer lebe als der Rest der Menschheit!“

„Sicherer! Du magst ja eigentlich recht haben, auch wenn ich wahrscheinlich für den Rest meines Lebens meine Schwierigkeiten damit haben werde, dass du dich immer wieder mit… Vampiren anlegst!“

„Ich bin nicht alleine, Mom.“ erwiderte sie leise und stieß sich vom Schrank ab, um neben ihr Platz zu nehmen. „Wir haben viele Freunde, die jederzeit bereit sind, uns zu helfen! Und wie du inzwischen weißt, bin ich selbst auch nicht vollkommen hilflos.“

„Ich weiß ja, ich weiß…“

Sie sah zu, wie ihre Mutter sich mit den Fingern durch ihre dunklen Haare fuhr, in denen seit Kurzem hier und da einzelne grau schimmerten.

„Was ist los? Was bedrückt dich dann? Ich muss meine Fähigkeit nicht nutzen um das zu sehen!“ erwiderte sie leise.

„Ich will es dir nicht noch schwerer machen, Phoebe, und es sind noch ein paar Jahre Zeit, aber…“

„Aber was?“

„Ich weiß nicht, wie ich ertragen soll, wenn ihr… fortgeht. Ich weiß ja, dass du jetzt so alt werden kannst wie Dorian und es ist ja auch nur normal, dass sich die Wege von Eltern und Kind irgendwann trennen, aber wenn ihr von hier fortgeht und ich euch nur noch hin und wieder besuchen kann…“

„Was hindert euch daran, mit uns zu kommen? Dorian wird für euch… Augenblick, das ist es gar nicht, oder?“ Ihre großen Augen lagen auf dem Gesicht ihrer Mutter, die sofort den Kopf abwandte, so als ob sie dadurch verhindern könnte, dass ihre Tochter ihre Gefühle erspüren würde. „Mom, jetzt kann ich deutlich fühlen, dass du mir etwas verschweigen willst. Tu das nicht. Sag mir, was dich bedrückt.“

Mit Ceridwen auf dem Arm, die immer noch leise gluckste, stand plötzlich Dorian in der Tür. Sein Lächeln von vorhin war bereits aus seinem Gesicht verschwunden – er musste die letzten Worte gehört haben.

„Phoebe?“ fragte er nur, griff nach dem Handtuch über seiner Schulter und fing an, Gesicht und Haare seiner Tochter abzutrocknen.

„Ich weiß nicht…“ murmelte sie. „Mom?“

Reginas Blick wurde unruhig und sie sah jetzt ihre Tochter und ihren Schwiegersohn voller Sorge an, als sie antwortete. „Es hört niemals auf, nicht wahr? Das, was ihr beide da angefangen habt, es wird nie enden! Bitte, versteh mich nicht falsch, Dorian, es geht nicht gegen dich, ich weiß schließlich, dass du nicht gefährlich bist, aber… da draußen… Wer weiß, wie viele da draußen noch herumlaufen. Es wird immer irgendwo einen geben…“

Er hatte mitten in der Bewegung innegehalten und holte jetzt tief Atem.

„Regina, ich weiß, was in dir vorgeht, glaub mir. Ich habe lange mit mir gekämpft und in mehr als einer Hinsicht werfe ich mir noch heute vor, deine Tochter in diese Welt hineingezogen zu haben, schließlich… liebe ich sie! Ich liebe sie mehr als du dir wahrscheinlich vorstellen kannst und wenn es eine Möglichkeit gäbe, sie von alldem fernzuhalten…“

„Dorian, ich bin dir freiwillig gefolgt und ich bereue nichts! Mom, natürlich ist es… gefährlich, dieses Leben, das wir nun einmal führen, aber noch immer stehen diese seltsamen Mächte hinter uns und helfen uns, wenn…“

„Trotzdem! Trotzdem, Phoebe! Dein Leben wird so lange dauern und alleine die Vorstellung…“

„Mom! Mom! Warte! Worauf willst du hinaus? Selbst wenn ich es wollte, ich könnte es nicht rückgängig machen. Der Bund, den ich mit Dorian geschlossen habe, gilt so lange wir beide leben… und ganz sicher noch darüber hinaus, auch wenn die Mystik dahinter uns wohl für immer verschlossen bleiben wird. Ich gehöre zu ihm, ich gehöre in diese Welt… und ich bin nicht alleine. Ich werde niemals alleine sein.“

Besorgt beobachtete sie, wie die Hände ihrer Mutter jetzt anfingen zu zittern, sodass sie sie schnell unter die Tischplatte zog. „Das kannst du nicht wissen. Niemand kann das garantieren. Phoebe, was ist, wenn…“

„Mom, ich möchte nicht, dass Dwenny das hört. Hör auf, wir werden dieses Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen, okay?“

Sie presste die Lippen zusammen, warf ihrer Enkelin einen erschrockenen Blick zu und nickte. Dann rang sie sich ein Lächeln ab, als sie sah, wie das kleine Gesicht mit den großen Augen, die denen ihrer Tochter so ähnlich waren, sich aufmerksam von einem zum anderen drehte.

„Granny Angst?“ fragte sie mit ihrer hellen Stimme. „Granny keine Angst, Dwen hat Granny lieb! Und Daddy aufpasst!“

Dorian strich ihr beruhigend über den Rücken.

„Richtig, ich passe auf euch alle auf. Und keine Sorge, Dwen, Gran geht es wieder gut. Soll sie dich baden? Dann können wir anschließend gemeinsam zu Abend essen.“

„Hmhm! Granny baden.“ streckte sie nickend ihre Ärmchen in deren Richtung und lächelte sie breit an.

Die atmete einmal tief durch, lächelte dann liebevoll und deutlich entspannter zurück und nahm ihm das kleine, durchweichte Paket ab.

„Na, dann wollen wir die kleine Nixe mal schwimmen lassen!“

Mit einem um Entschuldigung bittenden Blick verließ sie die Küche und kurz darauf hörten sie, wie sich die Türen zum Kinderzimmer und zum angrenzenden Bad öffneten und wieder schlossen.

„Engel?“ fragte Dorian sofort und zog sie an sich.

Sie legte ihre Arme um seine Mitte und seufzte.

„Mom hat… Ich kann fühlen, dass sie zunehmend darunter leidet, was in den letzten Jahren passiert ist; mehr, als sie nach außen hin zeigen will. Ich habe gestern Abend noch mit Ian gesprochen und der hat mich darum gebeten, mal mit ihr zu reden. Er macht sich so langsam Sorgen um sie und hofft, wir können sie ein wenig beruhigen.“

„Aber?“ murmelte er in ihre Haare.

„Wie soll ich sie beruhigen ohne ihr etwas vorzuflunkern? Es ist im Grunde genommen ja so, wie sie sagt, es wird immer irgendwo einen Vampir geben, der nicht zuletzt auch uns bedroht. Und sie rechnet jetzt für uns in den Zeiträumen, die unser Leben noch umfassen wird… Ich bin ratlos, was ich ihr sagen soll, denn obwohl sie die Tatsachen kennt, obwohl sie weiß, dass ich tatsächlich nicht machtlos dastehe, hat sie Angst… Ich kann gut verstehen, warum diese Welt vor den Menschen verborgen bleiben muss, Dorian! Für sie ist es so viel schwerer, all das zu begreifen, nur hilflos danebenstehen zu müssen und zuzusehen…“

Er schloss die Augen und strich ihr über den Rücken. „Was schlägst du vor?“

„Ich weiß es nicht. Ich muss darüber nachdenken. Vielleicht weiß Akai einen Rat, vielleicht ist es ihm möglich, dieses Wissen zu blockieren, so wie Orenda es bei Ben gemacht hat. Vielleicht ist das barmherziger. Ich weiß es einfach nicht. Ich habe sie da reingezogen und sie ist es, die die Konsequenzen trägt. Und das ist nicht fair.“

Nicht zum ersten Mal schnürte es ihm das Herz ab als er sich bewusst machte, dass er es gewesen war, der sie und damit auch ihre Familie in seine Schattenwelt gerissen hatte. Nicht zum ersten Mal musste auch er hilf- und tatenlos zusehen, wie sie unter etwas litt, das er erst in ihr Leben gebracht hatte. Hätte er sich ferngehalten…

„Nicht!“ hörte er sie sofort sagen und beeilte sich, diese Emotionen wieder hinter seiner mentalen Sperre zu verschließen. „Tu das nicht, Dorian! Ich würde nicht den Bruchteil einer Sekunde zögern, wenn ich erneut vor der gleichen Wahl stünde. Noch vorhin habe ich zu Mom gesagt, dass niemand auf der ganzen Welt so glücklich ist wie ich. Ich habe dich, ich habe Dwen und ich habe Freunde, wie ich sie mir treuer nicht vorstellen kann. Ich bin… gesegnet, im wahr­sten Sinne des Wortes!“

„Gesegnet!“ echote er leise und mit deutlich ironischem Unterton – er hatte Reginas Worte hören können. „Es ist kein Segen, wenn du so darunter leidest und wenn du immer wieder gegen mordende Monster antreten musst. Was das angeht, hat Regina recht. Ich stehe hier und weiß nicht, was ich tun soll, um dich davor zu bewahren. Ich weiß nicht, wie ich dich beschützen soll, auch wenn ich mein Leben für dich gäbe.“

„Dorian, alles, was ich brauche habe ich hier vor mir. Alles, was ich will bist du. Und alles, was ich bin und sein will finde ich in dir.“

Sie sah zu ihm hoch und legte ihm ihre Hand an die Wange – und beinahe zeitgleich fühlte er ihre Präsenz in seinem Geist, so hell und leuchtend, so machtvoll und dennoch sanft, dass er das Gefühl hatte, in ihr zerfließen zu müssen, sich unendlich ausdehnen zu müssen, um nur einen Bruchteil dessen zu erfassen, was sie ihm zeigen wollte!

„Ich liebe dich so sehr, Dorian, siehst du das nicht? Was braucht es mehr?“ flüsterte sie. „Nichts wird jemals da heranreichen, niemand wird mir jemals mehr bedeuten. Und das, was du da siehst, das bin nicht nur ich, das ist auch der Teil von dir, den ich in mir trage und der Teil, den Dwen ausmacht, denn sie ist ebenso Teil von dir wie von mir. Verstehst du nicht, dass die ‚Schattenwelt’, von der du immer noch sprichst, da niemals hingelangen kann? Es ist egal, was passiert, wir sind untrennbar verbunden.“

„Ich verdiene dich überhaupt nicht, Phoibe. Was du mir gibst, das kann ich dir niemals…“

Sie unterbrach ihn: „Falsch! Ich bin nur, weil du bist! Ich kann… das hier nicht mit dem Verstand erfassen und ich kann meine eigene Präsenz nicht sehen, aber ich weiß, dass wir das sind. Unsere Verbindung ist… vollkommen!“ Sie zog seinen Kopf zu sich herunter und ihre warmen Lippen legten sich vorsichtig auf seinen Mund. „Das alles ist Teil dieses Bundes und…“, sie hob seinen Arm an, wo die bleiche kleine Narbe kaum zu sehen war, „…ich würde es wieder tun! Immer und immer wieder, ohne zu zögern, ohne zu zweifeln. Und wenn ich später wieder mit dir über Mom rede, dann solltest du daran denken, dass ich dich nie mehr loslassen werde – solange du mich haben willst.“

Beide Arme fest um sie schlingend als ob er sie vollkommen in sich aufnehmen wollte flüsterte er: „Dann werden wir uns nie loslassen, denn ich könnte ohne mein Herz nicht weiterleben.“

 

„Mom, Ian, setzt euch. Ich denke, wir sollten reden.“ meinte Phoebe, nachdem sie lange genug zugesehen hatte, wie ihre Mutter wie ein aufgescheuchtes Huhn herumgelaufen war.

Ian hatte seit seinem Eintreffen und dem gemeinsamen Abendessen noch kaum ein Wort gesprochen und jetzt, nachdem Dwen nebenan in ihrem Bett lag und schlief, war es wohl an der Zeit, etwas zu unternehmen…

Mit einem kurzen Schnauben ließ Regina sich auf der Kante des Sessels nieder und warf Ian einen schrägen Blick zu.

„Was? Sieh mich nicht so vorwurfsvoll an, ich habe schon lange darauf gedrängt, dass du und Phoebe euch unterhalten müsst! Du würdest es nicht lange vor ihr verbergen können…“

„Allerdings! Und du auch nicht!“ meinte diese leise und warf ihrem Stiefvater einen halb erheiterten, halb spöttischen Blick zu. „Glaubst du, ich würde nicht auch spüren, dass du ähnliche… Bedenken hast?“

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück. Dann seufzte er und nickte.

„Dann mal raus mit der Sprache!“ forderte sie und legte ihre Hand in Dorians, der sie kaum merklich drückte.

Schlagartig wurde das Gesicht ihrer Mutter ernst und ihre Hände legten sich nervös ineinander, verschränkten sich und legten sich dann wieder zu Fäusten geballt auf ihre Knie.

„Es geht um… Es ist, weil… Was war, als ihr uns mit Dwenny im Januar so vollkommen überstürzt nach Irland zu Neill O’Brian und den anderen geschickt habt? Und letzten Monat, als ihr sie wieder bei uns gelassen habt und verschwunden seid? Und komm mir nicht damit, dass nicht jedes Mal etwas weit Gefährlicheres dahintersteckte als ihr uns glauben machen wolltet! Ich bin nicht wie du, aber ich habe Anfang des Jahres genau gesehen, wie furchtbar erschrocken du warst. Seitdem habe ich jedes Mal, wenn du fort bist, Angst, dass du nicht wiederkommst. Jedes Mal, wenn du mir hinterher etwas erzählst, dann frage ich mich, was wirklich dahintersteckt und wie viel du mir wieder verschweigst.

Du magst deine Gründe haben, die ich wohl notgedrungen respektieren muss, aber ich bin nicht länger in der Lage, mit Halbwahrheiten klarzukommen. Was ist, wenn… Was soll aus Dwen werden, wenn euch etwas zustößt? Was soll ich ihr erzählen, wenn sie mich fragt, warum ihr… Phoebe, du bist doch jetzt selbst Mutter – kannst du nicht… aufhören mit dem, was immer du da machst? Kann nicht jemand anderes für dich übernehmen, wenigstens bis Ceridwen älter ist?“

„Und was dann? Wie lange sollte das deiner Meinung nach gehen?“ fragte Phoebe leise. „Bis sie achtzehn ist? Einundzwanzig? Mom, hört die Sorge dann einfach auf? Frag dich doch selbst einmal… Niemand kann ‚für mich übernehmen! Ich kann nicht einfach ‚aufhören’! Niemand von uns kann das, auch Grandpa konnte es nicht! Und glaub mir, für ihn hätte ich es mir gewünscht – wie für so manch anderen auch. Kannst du aufhören, Regina Forester zu sein? Wir sind, was wir sind. Und ich will sein, was ich bin, Mom. Mir ist klar, dass das für dich unbegreiflich ist, aber ich bin so sehr Teil dieser Welt und so verwachsen damit… Glaub mir, auch ich mache mir Sorgen, was mit Dwen würde falls uns etwas passiert. Und vermutlich könnte ich dir noch hunderte von Malen sagen, dass ich mir eher bei einem Sturz von der Teppichkante das Genick brechen könnte als von einem Vampir überrascht und getötet zu werden…“

„Was war im Januar?“ beharrte ihre Mutter jedoch. „Und was war letzten Monat? Da hast du dich fast noch mehr zurückgehalten, was deine Erzählungen angeht. Noch bin ich Teil dieser Familie, ich bin deine Mutter. Und ich muss wissen, was mit meinem Kind ist. Ich will nicht länger mit euren vorsichtigen Andeutungen abgespeist werden. Glaubst du denn wirklich, ich hätte mir nicht längst einen Reim auf alles gemacht? Als dieser Ashton uns entführt hatte, war ich noch dankbar dafür, so einiges nicht im wachen Zustand mitbekommen zu haben und später auch noch – ich wollte gar nicht alles hören und wissen! Aber wenn du dich in Gefahr begibst und meine Enkelin bei mir lässt, damit ihr nichts passiert… Ich habe ein Recht darauf, alles zu wissen.“

Mit großen Augen hatte diese ihren Worten gelauscht. Jetzt hielt sie einen Moment lang den Atem an und legte den Kopf kaum merklich schief, dann atmete sie langsam wieder aus.

„Mom, ich weiß nicht, ob du bereit dafür bist. Und ich glaube, inzwischen ein sehr feines Gespür dafür zu haben. Abgesehen davon, dass ich dir nicht mal alles erzählen darf, wenn ich nicht auch euch wieder in Gefahr bringen will oder – was die Dinge im letzten Monat angeht – nicht etwas schützen muss. Aber was ich dir anbieten kann ist, zukünftig mit der größtmöglichen Offenheit mit dir umzugehen… wenn du dich dazu bereit erklärst, dass ich Akai oder eine junge Frau, die du persönlich noch nicht kennst, darum bitten darf, dir diese Dinge aus dem Gedächtnis zu löschen, falls du sie nicht erträgst. Ihr Name ist Samantha Finley und sie hat auch mir im Januar sehr geholfen, als sie mir bei meiner Trauer um Orenda für eine Weile einen Teil dieses… Schmerzes genommen hat.“

Sie wurde noch eine Spur blasser. „Was meinst du damit, mir diese Dinge aus dem Gedächtnis zu ‚löschen’?“

Sie seufzte. „Akai kann, soweit ich weiß, gewisse Erinnerungen blockieren, die ihren ‚Träger’ zu sehr belasten oder sogar schädigen würden. Und Samantha… Grob gesagt: Sie ist wie ich, sie ist eine Empathin, auch wenn ihre Fähigkeit ein wenig anders ist als meine. Sie kann Gefühle und damit verbundene Erinnerungen erspüren – vorläufig wohl erst einmal nur solche aus der jüngsten Vergangenheit, aber meines Erachtens ist da noch mehr. Jedenfalls würde ich zu deinem eigenen Schutz darauf bestehen, dass du mir vorher diese Einwilligung gibst…“

„Ich soll mir die Erinnerungen an all diese Dinge nehmen lassen?“ War ihr Gesicht vorher noch blass, so wurde es jetzt zunehmend rot.

„Mom, ich bin dazu bestimmt, Menschen zu schützen – auch vor dem, was du jetzt unbedingt wissen willst. Aber du weißt im Grunde bereits jetzt zu viel über all diese Dinge und ich habe erkennen müssen, dass es tatsächlich für viele Menschen einfach zu viel ist. Und was ich in dir spüre ist nicht dazu angetan, dass ich von dieser Meinung abweiche.“

Regina sprang auf. „Du bist ebenfalls ein Mensch! Du bist ebenfalls eine Frau und Mutter!“

„Ja, Mom. Und nein. Ich bin noch etwas mehr und in dieser Gesamtheit in der Lage, damit zurechtzukommen. Es ist auch für mich nicht immer leicht, zugegeben, aber ich bin anders.“

Ihre Mutter wandte sich ab und fing an, auf und ab zu gehen. Ian wollte sich erheben, aber Phoebe hielt ihn mit einer kleinen Geste davon ab.

„Du, Eve, Dwen… Jedes Mal, wenn ich mit meinem Bruder telefoniere, muss ich daran denken, was ihn erwartet, wenn Eve und Angus eines Tages für immer aus ihrem Leben verschwinden, weil auch Eve nicht mehr… altert. Was soll ich ihm sagen, wenn er dann anruft? Wenn er wissen will, warum seine Tochter nicht mehr kommt oder verschollen ist?“

„Mom, ich habe mir längst Gedanken darüber gemacht… Akai kann ihnen helfen, sie…“

„Was?“ riss sie entsetzt die Augen auf. „Er soll die Erinnerung an seine eigene Tochter verlieren?“

„Nein, niemals. Aber er wird es ihnen leichter machen können. Und das genau ist es, was ich meine: Du bist schon jetzt voller Entsetzen darüber, was…“

„Natürlich! Weil du dich weigerst, mir die Notwendigkeit dafür zu erklären und die Hintergründe! Warum können nicht auch sie darüber Bescheid wissen?“

„Willst du ihnen das wirklich antun, Mom? Das, was du jetzt schon erlebt oder gehört hast… Sollen sie das wirklich alles mit dir teilen? Du selbst willst noch mehr wissen, aber gleichzeitig willst du Eves Familie davor bewahren.“

„Woher nimmst du diese Stärke? Und vor allem: Woher nimmst du das Recht, darüber zu entscheiden?“

„Stärke! Ich bin hier und muss offenen Auges mit ansehen, was all das mit dir macht und leide mit dir! Und ich nehme mir nicht das Recht, es wurde mir gegeben als ich mich zu meiner Aufgabe bekannte und das beinhaltet nun einmal, die Welt der Vampire und Jäger vor den Menschen so gut es eben geht zu verbergen. Wenn du nicht in der Lage bist, das zu akzeptieren und mitzutragen, dann bin ich sogar dazu gezwungen, dir dieses Wissen – wenn überhaupt möglich – wieder nehmen zu lassen. Ich will es nicht, aber wenn du diese Regeln und Grenzen nicht einhalten kannst, habe ich keine andere Wahl.“

Zitternd starrte sie auf ihre Tochter hinab. „Du würdest mich im Ungewissen zurück lassen? Wie Eve ihre Eltern?“

„Wenn ich dich oder du dich selbst andernfalls in Gefahr bringen oder wenn du diese Dinge jemandem aufdecken würdest: Ja, Mom, ich müsste es tun. Wir haben euch ins Vertrauen gezogen, weil wir eure Hilfe brauchten und brauchen und zuletzt, um euch wenigstens einen Teil eurer Angst vor dem, was wir und unsere Freunde nun einmal sind und tun, zu nehmen. Ein Schuss, der offenbar nach hinten losging, denn wie ich jetzt sehe, bewirkt es das Gegenteil.“

Ihre Hand hatte Dorians längst schmerzhaft umklammert und erst als sie jetzt eine kleine Regung neben sich spürte, lockerte sie schuldbewusst den Griff wieder.

Ian und Regina waren mittlerweile leichenblass geworden, aber jetzt war es Ian, der antwortete: „Phoebe, du hast ganz sicher recht wenn du sagst, dass diese Dinge am besten jemandem wie euch vorbehalten sein sollten. Und auch wenn du sagst, dass wir ganz sicher nicht ermessen können, was da noch alles ist, was du uns nicht erzählst – aus welchem Grund auch immer. Aber in gewisser Weise sind auch wir zu einem ganz kleinen Teil dieser Welt geworden und keiner von uns beiden ist bereit, euch jetzt schon ‚gehen zu lassen’!“

Sie nickte. „Ihr solltet euch Zeit nehmen, um über all das nachzudenken. Reiflich! Auch ich werde nicht von heute auf morgen über Samantha verfügen können, sie hat zurzeit noch mit eigenen Pro­blemen zu kämpfen, die sie zuallererst lösen muss, wenn sie ihre Empathie irgendwann voll nutzen will. Und auch Akai wird erst einmal gefragt werden müssen und ganz bestimmt nicht mal eben mit Handauflegen etwas bewerkstelligen.“

Ians Blick war hochaufmerksam. „Das, was er zu Beginn des Jahres mit Dwen gemacht hat?!“ meinte er und sie nickte.

„Dwen ist schon jetzt als so etwas wie meine und gleichzeitig Orendas Nachfolgerin ausersehen, auch wenn ihr wie mir die Wahl bleiben wird. Akai blockiert seither immer wieder ihre wachsende Fähigkeit, Gefühle anderer um sie herum allzu deutlich zu spüren; sie wird eine normale Kindheit haben und erst, wenn sie soweit ist, darüber verfügen können. Dorian, Akai und ich wachen zusammen darüber, dass sie bis dahin nicht mehr als eine ausgeprägte Intuition haben wird – ich schütze also im Grunde auch sie, Mom.“

„Sie ist ein Kind!“ stieß sie hervor.

„Ja, und sie wird dadurch eines bleiben können, bis sie soweit ist.“

„Wusstest du… als du… bevor ihr…“

Phoebe holte heftig Atem.

„Nein, wir wussten es nicht! Wie denn auch? Es war naheliegend, dass unsere Kinder in gewisser Weise etwas Besonderes sein würden, weil sie die Kinder aus einer Verbindung zwischen einem Vampir und seiner Jägerin sein würden – eine zu diesem Zeitpunkt noch völlig neue Möglichkeit und bis dahin eine Unmöglichkeit – aber wir konnten nicht mal ahnen, was diese Mächte mit Dwen vorhaben könnten. Und noch einmal, Mom: Sie lassen uns die Wahl, jederzeit. Sie knechten mich nicht und sie werden auch Dwen die Wahl lassen.“

Regina ließ sich wieder in den Sessel fallen und legte ihre Hände vor das Gesicht. „Wenn sie sich dagegen entscheidet?“ murmelte sie undeutlich.

„Dann muss sie nichts von dem annehmen und kann, wenn sie will, sogar zeitlebens in Unwissenheit um diese Fähigkeit leben. Sie ist keine Vampirjägerin wie ich es war.“

„Und wenn sie sich einmal entschieden hat?“

„Was willst du jetzt hören? Dass sie es sich irgendwann einmal wieder anders überlegen kann? Eine einmal getroffene Entscheidung ist unwiderruflich! Aber wie ich wird sie ihre Fähigkeiten erst einmal erlernen müssen, wird erfahren müssen, worum es dabei geht und welche Verantwortung damit verbunden ist. Auch sie wird nicht von einer Minute zur anderen in etwas hineinkatapultiert werden, sondern Zeit haben, um eine Wahl treffen zu können. Und sie wird uns haben, wir werden sie unterstützen…“

Sie senkte ihre Hände. „Und wenn euch vorher etwas zustößt? Was ist, wenn sie plötzlich alleine dasteht?“

Phoebe wurde blass. „Wenn es soweit kommen sollte, dann werden ausnahmslos alle unsere Freunde für sie da sein. Jeder Einzelne von ihnen wird sie beschützen, wenn es sein muss mit dem eigenen Leben. Jeder von ihnen weiß, wie kostbar sie ist – nicht, weil sie unsere Tochter ist, sondern weil sie für etwas steht, das eine neue Zeit begründet hat und weil sie alle von ihrer möglichen Aufgabe wissen. Ceridwen Orenda Forester-Pollos wird als das am besten beschützte Kind dieses Planeten aufwachsen, darauf gebe ich dir mein Wort! Sie alle wissen davon, genau wie jetzt ihr. Und sie alle verschweigen es ihr – genau wie ihr!“ endete sie unmissverständlich.

Ian legte seine Hand auf die seiner Frau und sie warf ihm einen langen Blick zu. Dann seufzte sie, räusperte sich und nickte.

„Also gut. Ich werde darüber nachdenken, was du von mir verlangst. Und ich werde ganz sicher lange und ausgiebig darüber nachdenken, sei versichert! Denn noch weiß ich nicht, ob ich nicht doch lieber mit Halbwahrheiten abgespeist werden will und dafür bis an mein Lebensende immer wissen werde, wo ihr seid und wie es euch geht… Ihr werdet verstehen, wenn ich jetzt lieber nach Hause gehen möchte, ich… brauche eine Denkpause.“

Sie zögerte kaum merklich, dann stand sie auf und beugte sich über ihre Tochter, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu geben und Dorian kurz die Hand auf die Schulter zu legen. „Versteht mich richtig, ich liebe euch beide, aber ich werde ein bisschen Zeit brauchen.“

„Wie viel Zeit auch immer, ich werde da sein. Für euch beide.“

 

Als sie sich später in ihrem gemeinsamen Bett seufzend an ihn schmiegte und er ihren Atem auf seiner Haut spürte, strich er ihr behutsam mit dem Zeigefinger über die Wange.

„Woran denkst du?“ fragte er leise.

„Dass ich damals einen Fehler gemacht habe, als ich darauf bestand, Ian einzuweihen. Franklin war auch mit ihm und seiner Zeugenaussage nicht zu überzeugen; es war vergeblich und hat mehr Schaden angerichtet als Nutzen gebracht. Auch Mom hätte nie von alldem erfahren dürfen. Menschen sind nicht dafür gemacht, so tief in diese Dinge verstrickt zu werden und ich darf nicht noch einmal zulassen, dass jemand, der nicht in diese Welt gehört, davon erfährt.“

„Phoebe, es war nicht dein Fehler. Wenn überhaupt, dann war es unserer, wir haben gemeinsam entschieden, Ian als menschlichen Zeugen für meine Friedfertigkeit zu nehmen. Und wenn du sagst, du dürftest es nicht noch einmal zulassen: Was ist mit Joshua? Er ist ein Mensch und kommt bestens damit klar.“

„Ausnahmen bestätigen die Regel.“ murmelte sie leise.

„Und was wird mit Dwen?“

Sie runzelte die Stirn und hob den Kopf, um ihn ansehen zu können.

„Was meinst du? Sie ist doch bereits Teil dieser Welt.“

„Das meine ich auch nicht. Aber willst du von vornherein festlegen, dass sie sich eines Tages ihren Gefährten ausschließlich unter Vampiren oder teilweisen Vampiren auswählen darf? Sie ist noch immer zu einem Teil ein Wesen meiner Art. Sie wird anders sein als ein Mensch, nicht so auffällig wie ich, aber dennoch wird auch ihre Andersartigkeit sicher erklärungsbedürftig sein. Wo willst du die Grenze ziehen? Bei den potentiellen menschlichen Gefährten? Das wird kaum gehen, denn was, wenn diese sich dann doch gegen eine dauerhafte Bindung entscheiden?

Um auch weiterhin Verbindungen zwischen euch und uns zu ermöglichen, müssen wir in solchen Fällen offen sein und euch über das, was wir sind, aufklären – auch auf die Gefahr hin, dass ihr uns… ablehnt.“

Sie legte ihre Finger auf seine Lippen, als er Luft holte um fortzufahren.

„Du hast recht. Ich habe weder vor, diese Möglichkeiten zu unterbinden, noch kann ich dafür sorgen, dass Ähnliches nicht überall auf der Welt passiert. Aber ich kann nicht tatenlos bleiben, wenn ich so wie jetzt sehe, dass es Menschen trifft, die nicht direkt in eine solche Verbindung einbezogen sind.“

„Phoebe, es wird immer jemanden geben, der leiden könnte. Früher oder später. Entweder, wie bei Eve der Fall, sobald sie sich endgültig vor ihrer Familie verbergen muss, weil sie immer noch wie eine Frau Anfang zwanzig aussieht oder, wie bei deinen Eltern, weil sie von vornherein wissen, was auf sie zukommt beziehungsweise, in welcher Welt ihre Kinder, Schwiegerkinder und Enkel leben werden. Und meines Erachtens kannst du ihnen das einmal gewonnene Wissen nicht einfach nehmen.“

„Das habe ich auch nicht…“

Sie unterbrach sich und er wartete schweigend. „Dorian, ich müsste es tun, wenn sie Eves Eltern alles aufzudecken droht! Sie sind Außenstehende und dürfen nichts davon erfahren, zu viele wissen schon zu viel!“

„Das ist meiner Meinung nach der einzige Grund, den du dafür zitieren darfst. Schütze, was und wen du schützen musst und in der Lage bist, aber fühle dich nicht dafür verantwortlich, wenn andere wie du eine Wahl treffen und dann damit leben müssen! Du kannst nicht die Konsequenzen für jeden Einzelnen vorhersehen und ausbaden, es wird dich irgendwann kaputtmachen.“

„Sie kann nicht überblicken, auf was sie dann noch stoßen würde.“

„Du konntest das damals ebenso wenig.“

„Ich bin anders, ich war eine Jägerin.“

„Die es schon lange nicht mehr in dir gibt. Du bist ‚nur noch’ Empathin, schon vergessen? Und wenn sich nicht gerade mal wieder diese Mächte in dir manifestieren nicht mal mehr die ‚Leuchtende’, denn die Prophezeiung ist erfüllt. Neben mir liegt meine menschliche Gefährtin… Nein, mir ist klar, dass immer noch ein gewaltiger Unterschied besteht. Worauf ich hinaus will ist: Du musst auch deiner Mom zugestehen, dass sie ihr Kind schützen will wie du deines. Sie will wissen, ob es dir gut geht oder ob du dich gerade in Gefahr begibst. Ich habe nicht deine Fähigkeit, in ihren Geist zu gehen und zu erspüren, wie gut sie damit umgehen kann, aber sie ist eine erwachsene, intelligente und phantasiebegabte Frau und bevor sie sich Schlimmeres ausmalt als tatsächlich passiert…“

„Du bist der festen Überzeugung, dass ich ihr die volle Wahrheit sagen soll?“

„Ja, soweit es irgend geht – weil auch sie längst ‚dazugehört’ und ein Recht auf Selbstbestimmung hat. Sollte sie irgendwann merken, dass sie nicht damit leben kann, kann sie Akai immer noch bitten, diese Dinge zu blockieren, aber dann ist es ihre Entscheidung. Es wird für alle gleichzeitig schwerer und leichter werden, aber zwinge ihr nicht deinen Entschluss auf nur weil du glaubst, sie würde es nicht länger ertragen.“

Ihr Kopf sank wieder auf seine Brust und er hörte, wie sie langsam und tief durchatmete.

„Du hast recht. Ich kann nicht auf der einen Seite jedem das Recht auf Selbstbestimmung zugestehen und dann Halt machen, wenn es um Mom und Ian geht. Ich glaube, ich werde morgen noch einmal ein längeres Gespräch mit ihnen führen… und ihnen zeigen, was im Januar vor ihrer Rückkehr aus Irland bei Grandpas Haus passiert ist…“

„Es wird ihr helfen, weniger Angst zu haben, glaub mir. So grauenvoll die Dinge auch waren, die sich dort zugetragen haben, sie wird dadurch auch wieder sehen, welche Mächte hinter dir stehen und was zu tun sie in der Lage sind.“

Sie schwieg und fuhr gedankenverloren mit den Fingerspitzen über seinen Arm.

„Phoebe?“ fragte er nach einer Weile.

„Hm?“

„Ist alles in Ordnung?“

„Ja, jetzt ja. Weißt du eigentlich, wie froh ich bin, dass ich dich habe? Meinen persönlichen Gewissenswächter! Offenbar ist doch was dran an den Gerüchten über eure griechische Weisheit…“

„Natürlich! Hast du je Zweifel daran gehabt, junge Menschenfrau?“

Sie lächelte und schob ihr Bein über seine Hüfte.

„Niemals, Vampir! Wie könnte ich anders als in Ehrfurcht vor deinem Alter und deiner Gelehrtheit erstarren?“

Seine Finger fuhren langsam über ihren Hals abwärts und er konnte deutlich spüren, dass sie sofort schluckte und wie sich ihr Puls beschleunigte.

„In Ehrfurcht erstarren? Das ist aber nicht so ganz die Reaktion, die ich mir erhofft habe von meiner Gefährtin!“ murmelte er an ihrer Halsbeuge und küsste sie knapp oberhalb der Schulter. „Viel eher würde ich mir wünschen, dass du…“ Er unterbrach sich als sie heftig Atem holte. „…dass du mir in meinen sehr menschlichen und vampirischen Himmel folgen würdest!“ fuhr er fort.

Und holte selbst scharf Luft, als sie ihm in ihren Gedankenbildern zeigte, wie gerne sie ihm folgen würde…

 

 

 

IM HANDEL:

 

Band 14 schließt die Vampirreihe ab!

Im Buchregal (siehe oben) gibt es das 1. Kapitel als Lesehäppchen zum Appetit-holen. Es bleibt wie immer spannend und "romantasy"!

ISBN 978-3-7448-1642-7