Kerstin Panthel

 

 

"RACHE DER SCHATTENWESEN - TEIL 2 + 3"

 

 

 

 

 

Band XII der Reihe

 

 

 

Handlung, Namen und Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

 

 

 

 

 

© 2016 Kerstin Panthel. Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-8448-1222-0

 

 

 

 

Teil 2

 

Der Sohn

 


 

 

 

„Frevel zu rächen ist

vergebens.

Verhindern hättet ihr ihn sollen!“

 

Namid der Ältere

 

 

 


Kapitel 1

 

Wenige Wochen zuvor…

 

Das Telefonat war kurz ausgefallen; sein Vater hatte sich unmissverständlich ausgedrückt als er sagte, dass er dieses Mal Mary-Beth mitnehmen werde. Sie sei die Jüngere und es sei an der Zeit; sie müsse noch vieles von dem lernen, was er bereits beherrsche, er dagegen müsse endlich damit anfangen, seine Ungeduld zu kontrollieren. Es gehe um die Familie…

Es ging nicht um die Familie! Es ging um eine höchst persönliche Rache an einem Vampir namens Angus McPherson, um lange gehegte und gepflegte Rachegelüste! Aber obwohl ihm dies durchaus klar war, hatte er sich seinem Vater gegenüber diesmal regelrecht generös gegeben, seiner Schwester sogar noch viel Spaß gewünscht und erst zuletzt und wie beiläufig darum gebeten, ihn auf dem Laufenden zu halten.

Dann aber knirschte er mit den Zähnen und als das Handy in seiner Hand ein bedenkliches Knacken hören ließ, wurde ihm bewusst, dass er auf dem besten Weg war, es in seine Einzelteile zu zerlegen. Glücklicherweise hatten weder Display noch sonst etwas bereits Schaden genommen und er steckte es rasch wieder ein.

Das war gerade mal zwei Tage her. Sein Vater war erst vor zwei Tagen mit einem gestohlenen Wagen zu seinen Eltern aufgebrochen, um Mary-Beth dort abzuholen beziehungsweise sich irgendwo mit ihr zu treffen, doch ihm fiel bereits jetzt die Decke auf den Kopf. Er sehnte sich danach, etwas zu unternehmen, gemeinsam mit ihm ein paar Menschen zu entführen, sie ein paar Tage lang in Angst und Schrecken zu halten und ihnen dann, einem nach dem anderen, langsam und genüsslich ihr Blut auszusaugen. Oder wenigstens irgendwo ein, zwei rasche Blutmahlzeiten zu genießen – es war unglaublich befriedigend, wenn sie gemeinsam und zeitgleich zwei Menschen töteten oder mit Absicht erst einen bei dem zusehen ließen, was auch ihm anschließend blühen würde. Der Erfindungsreichtum seines Vaters war immer noch beeindruckend, auch wenn er ihn sicher bald überflügeln würde. Doch er musste vorsichtig sein, schon ein paar Mal wäre er fast zu weit gegangen und erwischt worden – immer dann, wenn er sich zu sehr dem Blutrausch hingab und die einfachsten Vorsichtsmaßnahmen außer Acht ließ während er trank und zum Beispiel sein Opfer ungehindert schreien ließ. Doch alles andere war frustrierend, weshalb er einsame Stellen für seine Mahlzeiten bevorzugte. Und er würde die Leichen hinterher gut verstecken müssen – auch das war ein äußerst lästiges aber leider notwendiges Übel.

Ja, hier fiel ihm eindeutig die Decke auf den Kopf! Wieso nicht heimlich hinter ihm her nach Kanada? Er war schon ewig lange nicht mehr dort gewesen. Alleine die Aussicht, auf der Reise dorthin etwas Neues ausprobieren zu können, reizte ihn jetzt und er grunzte zufrieden, als er anfing, seine Reisetasche zu packen.

Er konnte sich ja Zeit lassen, behaupten, dass er nur einen kleinen Trip habe machen wollen. Mehrere dicke Geldbündel landeten achtlos zwischen der Kleidung. Ein paar seiner letzten Opfer waren in Las Vegas erfolgreich gewesen – jetzt brauchten sie das Geld nicht mehr. Er würde mit dem Auto fahren, zwischendurch Halt machen, wenn es ihm irgendwo gefiel… Nur raus aus dieser eintönigen Wüste! Unterwegs vielleicht noch einen oder zwei Anhalter – das einzig Positive an der Gegend hier: Jeder war froh, der Hitze zu entkommen und dankbar, wenn man von einem freundlichen Fahrer in einem Wagen mit Klimaanlage mitgenommen wurde. In dieser Hinsicht war dies ein wahres Paradies – ob er die Grabstellen seiner früheren Opfer noch wiederfinden würde in der Einöde da draußen? Ein Gedanke, der ihm ein amüsiertes Grinsen entlockte.

Als er den Reißverschluss der Tasche zuzog knirschte er jedoch schon wieder mit den Zähnen. Er war der Ältere, er sollte jetzt mit seinem Vater auf dem Weg nach Fredericton sein! Mary-Beth alias Heather! Sie war erst eine echte Forbes geworden, nachdem sein Vater sie endlich von einem Halbvampir in einen Vampir verwandelt hatte. Und er hatte die Nase voll davon, hinter ihr zurückzustehen; seinen Vater hatte es seltsam erheitert, Heather für seine Rache an Angus wegen Mary-Beth Nichols einzuspannen. Fast wünschte er sich, sie würde einen Fehler machen, der ihn in Rage versetzte. Dann würde sein Handy klingeln und er würde herbeizitiert werden.

Verdammt, er war der bessere Nachkomme, er war reinrassig geboren, auch wenn seine Mutter ihn sehr bereitwillig bei den Forbes gelassen und das Weite gesucht hatte. Und er war wütend, dass er für diesen Rachefeldzug nicht von Anfang an eingeplant worden war: ‚Nein! Angus soll noch nichts von dir wissen! Ich habe etwas ganz Besonderes mit dir vor… Es waren noch genügend andere an dem Mord an Beth beteiligt, deine Stunde kommt noch. Ich werde dir überdies jemanden mitbringen: Angus‘ Gefährtin, eine Menschenfrau! Und ich werde dafür sorgen, dass Angus vor seinem Tod erfährt, was mit ihr geschehen wird!’

Nur, dass er nicht darauf warten wollte!

 

 

 

 

 

Ich ging wieder zum College. Jeden Tag fuhr ich morgens hin, quälte mich durch den Tag, zog mich soweit es irgend ging von allen und allem zurück, vermisste David stundenlang und konnte es nachmittags nicht erwarten, wieder ‚nach Hause’ zu kommen. Doch auch dann genügte mir seine pure Anwesenheit kaum, denn ich war zwangsläufig jedes Mal noch lange damit beschäftigt, alles Versäumte nachzuholen, zu lernen, mich vorzubereiten, zu lesen… Er wechselte sich darin ab, mir zu helfen, mir nur zuzusehen, manchmal in rasender Geschwindigkeit am Computer etwas für mich einzutippen oder mich einfach nur anzusehen oder mich rücklings im Arm zu halten, wenn ich auf dem Bett saß und Unterlagen durchging. Was natürlich meiner Konzentration mehr als abträglich war und nicht selten in eine ganz andere Richtung führte! Und was mir im Grunde nur noch deutlicher machte, dass ich mich in die falsche Richtung bewegte, weil ich nicht mehr mit dem Herzen bei dem war, was ich tat.

Ich hatte es letztlich nicht über mich gebracht, ihn so bald von seiner ‚neuen’ Familie wieder zu trennen und mich entschieden, es hier zu Hause so gut es ging zu versuchen. Wir hatten die letzten beiden Wochenenden dazu genutzt, nach und nach Moms und Dads persönliche Gegenstände zu sichten, zu sortieren und zuletzt damit zu beginnen, ihr Zimmer auszuräumen – und es soeben aufgegeben, weil ich jedes Mal, wenn ich den einen oder anderen Gegenstand in Händen hielt, um ihn entweder in einen Karton oder in einen Abfallsack zu stecken, mit den Tränen kämpfte oder einfach nur minutenlang dasaß und ihn anstarrte, weil mir so viel wieder gegenwärtig wurde: Dads Krawatte – er hatte sie vor gut zehn Jahren von mir bekommen und sie war hässlich wie die Nacht, doch obwohl sie zu keinem seiner Anzüge passte, hatte er sie tapfer getragen! Moms neue Schuhe – sie hatte sie nicht ein einziges Mal tragen können! Die Fotos, ihre Bücher… Ihr Hochzeitskleid, gut verpackt in einer Schachtel im Schrank!

David hatte mich zuletzt aus dem Schlafzimmer geführt, die Tür verschlossen und mich in mein Zimmer geschoben.

„Du bist noch nicht soweit! Und niemand drängt dich, diese Sachen jetzt schon durchzugehen. Warum beharrst du so darauf? Ich könnte uns überdies problemlos hier in der Gegend ein anderes Haus suchen, du musst dir das nicht jeden Tag aufs Neue antun.“

Auf meinem Bett stapelten sich meine Bücher und Akten fürs College, Skripte und Notizen… und auf dem Schreibtisch setzte sich diese Ansammlung fort…

„Wo soll ich sonst anfangen?“ murmelte ich und starrte auf ihre Eheringe, die auf meinem Nachttisch lagen, mit einem roten Bändchen zusammengebunden.

„Bei dir, Tory. Ich sehe dir doch an, dass du nicht glücklich bist. Seit Wochen versuchst du jeden Tag aufs Neue mit grimmiger Entschlossenheit, dich in dein altes Leben hineinzuzwängen und jeden Tag sehe ich zu, wie dir das immer weniger gelingt. Inzwischen fängst du schon abends an, den nächsten Tag zu fürchten…“

Ich konnte ihn nicht einmal ansehen, denn dann hätte er gemerkt, dass mir sehr wohl klar war, wie recht er hatte!

„Wie lange willst du so weitermachen?“

„Es wird wieder! Schließlich bin ich nicht die Einzige, die einen Verlust erlitten hat – was machen denn andere, deren Eltern plötzlich gestorben sind?“

„Du willst deine Erlebnisse mit denen anderer vergleichen?“ hörte ich ihn ungläubig fragen. Dann schlang er behutsam von hinten seine Arme um mich und ich fühlte seinen Kuss auf meiner Wange. „Tory, ich werde das nicht länger mitansehen! Wenn du nichts unternimmst, um etwas zu ändern, dann werde ich das tun. Und wir werden eine Lösung finden!“

Mit geschlossenen Augen lehnte ich meinen Kopf an seine Brust zurück und lauschte seiner leisen Stimme. Das hier war alles, was ich wollte: Am liebsten die Welt da draußen aussperren und alleine mit ihm hier drin bleiben… Mein persönliches Utopia!

„Was hältst du davon, wenn wir übers Wochenende Phoebe und Dorian besuchen würden? Oder wenn wir einfach irgendwohin fahren, nur wir beide.“

„Das wäre schön, aber da wartet noch ein Haufen Arbeit. Ich hinke sowieso hinterher mit dem Stoff, weil ich den Anfang verpasst habe. Und ich habe Barbra versprochen, dich zu fragen, ob wir heute Abend zu ihr und Alex kommen.“

„Das ist kein Problem! Wenn du sie gerne besuchen möchtest, dann tun wir das! Wir können auch morgen fahren. Oder nächstes Wochenende…“

Ich drehte mich in seinem Arm um, presste mein Gesicht an seine Brust und blinzelte ein paar Tränen fort. Dennoch klang meine Stimme erstickt.

„Nächsten Sonntag habe ich Geburtstag. Ich werde einundzwanzig.“

Er schwieg. Mehrere Minuten schienen zu vergehen, dann hörte ich seine leise, besorgte Frage:

„Tory?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Halt mich einfach nur, ja?“

„Natürlich! Aber willst du mir nicht sagen…“

„Ich vermisse sie so! Ich vermisse sie einfach nur so sehr!“

Schweigend wiegte er mich in seinen Armen und wartete, dass ich mich wieder beruhigte. Als ich endlich meinen Kopf wieder hob und ihn ansah, küsste er mich zärtlich und tröstend und flüsterte dann: „Wenn ich raten soll, dann möchtest du an diesem Tag alles andere außer feiern.“

Ich nickte nur.

„Möchtest du Barbra und ihren Freund heute besuchen gehen?“

„Sie ist meine Freundin und ich habe sie schon lange genug vernachlässigt.“ war meine Antwort und als er die Stirn runzelte fügte ich schnell an: „Und ich möchte sie sehen, ja. Im College sehen wir uns kaum noch und die schönen, warmen Nachmittage und Abende sind jetzt so schnell vorbei…“

„Okay, dann gehen wir! Was haben sie geplant?“

„Solange das Wetter noch so warm und stabil genug ist, wollen sie… Sie haben uns zum Grillen eingeladen. Ich soll einen Salat mitbringen…“

Jetzt huschte ein erstes Lächeln über mein Gesicht als ich sah, wie er die Miene verzog.

„Salat! Hm, ich glaube, ich sollte vorher noch mal…“

Mit schiefgelegtem Kopf wartete ich. Immer noch tat er sich mir gegenüber schwer, über seine Ernährung zu sprechen.

„Auf die Jagd gehen? Damit nicht sämtliche Steaks ausschließlich in deinem Magen verschwinden? Das könnte eine gute Idee sein, Vampir!“ vollendete ich schließlich seinen Satz, als von ihm nichts mehr kam. „Wirst du tagsüber denn überhaupt etwas finden? Ich verstehe ja nichts davon, aber ist nicht die Dämmerung oder Nacht die bessere Zeit dafür?“

„Normalerweise ja, aber ich werde schon etwas auftreiben… Vielleicht möchte Angus mich ja begleiten, das erhöht die Chancen…“ Seine dunklen Augen musterten mein Gesicht. Suchte er schon wieder nach Anzeichen für Befremden oder sogar Abscheu? Ich sah auf die Uhr. Der Vormittag war erst zur Hälfte herum.

„Musst du gleich los?“

„Nein. Vor allem dann nicht, wenn du etwas dagegen hast. Es ist auch noch nicht notwendig für mich, auf die Jagd zu gehen, ich kann auch…“

„Nein, das ist in Ordnung, wirklich! Ich habe nur überlegt, ob du vielleicht noch Zeit finden würdest…“

„Wozu? Sag es mir!“ meinte er leise. „Ich lass dich nicht alleine, wenn du willst, dass ich bleibe.“

„Halb so wild! Ich wollte nur wissen, ob du vielleicht vorher noch…“ Ich reckte mich zu ihm hoch, legte meine Arme um seinen Nacken und küsste ihn mit wesentlich mehr Leidenschaft als er mich zuvor. Meine Finger fuhren durch seine weichen Haare und er stöhnte leise, als er begriff.

Ich hörte kaum, wie die Bücher und Mappen auf dem Boden landeten, als er sie mit einer einzigen Handbewegung vom Bett fegte und mich mit einer weiteren Bewegung hochhob.

„Ich glaube nicht, dass ich mir dafür jemals keine Zeit nehmen werde!“ flüsterte er heiser an meinem Ohr.

 

 

Am späten Nachmittag standen wir vor Alex’ Tür, doch es war Barbra, die uns öffnete. Sie trug eine einfache Jeans und ein altes Herrenhemd, dessen Ärmel mehrfach umgeschlagen waren. Gut so, ich wäre mir sonst mit meiner alten Jeans und Sweatshirt underdressed vorgekommen.

Auch David hatte sich nur einfache Kleidung angezogen, nachdem er von der erfolgreichen Jagd zurückgekehrt war und geduscht hatte. Es war mir mehr als schwer gefallen, meine Finger von ihm zu lassen, als er nur mit einem Badetuch um die Hüften aus dem Bad aufgetaucht war und auf meinen Blick hin mit funkelnden Augen mein Outfit musterte. Sein Blick sprach Bände: ‚Innerhalb von Sekunden kannst du das wieder loswerden!’ Also hatte ich mich mit rotem Kopf schnell umgedreht und war in die Küche geflüchtet, wo ich letzte Hand an eine riesige Schüssel voller Salat legte. Die dazugehörige Soße füllte ich in eine separate Schüssel und verschloss sie gerade, als ich von hinten umarmt wurde und der Geruch seines Duschgels mich sofort umwehte.

„Hallo, kleine Schönheit! Wir können immer noch absagen!“

Ich lächelte und sog heftig die Luft ein, als er meinen Hals küsste. „Und uns die leckeren Steaks entgehen lassen? Du magst ja jetzt satt sein, aber ich habe Hunger!“

„Hmm, ich auch!“ flüsterte er und fuhr fort, meinen Hals zu küssen.

„Dann… sollten wir uns das für später aufheben.“ flüsterte ich und hörte sein leises, zufriedenes Lachen als er sagte: „Das wollte ich nur hören! Ich werde dich heute Abend daran erinnern. Mehrfach!“

„Das wirst du nicht!“ machte ich mich mit roten Wangen los und sah erst dann sein Grinsen. „Du wirst doch wohl nicht in Gegenwart von Barb und Alex Anspielungen machen?“

„Nicht, wenn ich dich damit in Verlegenheit bringe.“ versicherte er und küsste mich nur noch kurz auf die Nasenspitze, lachte jedoch noch einmal, als ich erleichtert aufatmete. „Wollen wir?“

 

Alex’ Haus befand sich nur drei Häuser von Barbras Elternhaus entfernt fast am Ende der Straße und lag ein wenig weiter zurück als die anderen. Sie öffnete uns schwungvoll die Tür noch bevor wir läuten konnten, nahm mir dankend die Schüssel ab und deutete mit dem Kopf geradeaus.

„Hi! Schön, dass ihr da seid – und genau richtig! Da geht’s lang, geradeaus durch die Küche auf die Terrasse. Wir haben echt Glück mit dem Wetter, aber wenn es später kühl werden sollte, können wir auch reingehen. Geht doch schon vor, Alex ist schon draußen…“

David schob die Tür hinter uns zu, lächelte sie höflich an und reichte ihr, in der Küche angekommen, eine Flasche Wein, die er heute irgendwo besorgt haben musste. Kurz fragte ich mich, ob seine Jagd jetzt automatisch auch den Einkauf von zum Wild passenden Weinen beinhaltete. Aber ich schwieg wohlweislich, weil ich wusste, dass er immer noch ein wenig empfindlich auf scherzhafte Fragen bezüglich seiner Ernährung reagierte. Besser war es, seine Geste als das zu nehmen, was sie war: Eine höfliche Aufmerksamkeit, die für Leute meines Alters schon fast aus der Mode geriet! Na ja, von der auch ich nicht wusste, ob sie überhaupt noch üblich war, vor allem nicht bei einem einfachen Grillabend! Aber er war einhundertundein Jahre alt… Ich grinste vor mich hin. Offenbar gehörte so was bei ihm dazu!

Dann holte ich jedoch etwas aufgeregt Luft, als mir klar wurde, dass ich David heute Abend auch in gewisser Weise in ‚meine Welt’ einführte – und dass sowohl Barb als auch Alex vollkommen ahnungslos waren, was ihn anging.

„Wow, Wein! Danke, das wäre echt nicht nötig gewesen! Die teilen wir uns gleich, aber jetzt erst mal raus mit euch!“

Ich hatte bemerkt, dass er sich rasch und aufmerksam umgeschaut hatte, als wir den kleinen Flur entlang und dann durch die Küche gingen. Rascher und aufmerksamer als ich. Als sein Blick jetzt auf mich fiel und er sah, dass ich sein Verhalten bemerkt hatte, lächelte er schief und flüsterte an meinem Ohr: „Vampirangewohnheit! Immer die Umgebung als erstes in Augenschein nehmen!“

Ich nickte und trat neugierig durch die offene Terrassentür – und entdeckte erstaunt einen nicht eben kleinen Swimmingpool nur wenige Meter von hier entfernt auf dem von hohen Büschen umsäumten Grundstück. Er sah neu aus, sehr neu!

„Hi! Wow, ich wusste gar nicht, dass hier ein Pool ist! Hast du den neu bauen lassen? Oh, entschuldige… Das ist David Stevens, David, das ist Alex Digger.“

„Hi, freut mich!“ reichte er David die Hand.

„Mich auch. Danke für die Einladung. Und der Pool ist tatsächlich beeindruckend!“

Alex zuckte die Schultern, sah sich kurz danach um und grinste uns dann breit an. „Das ist der einzige Luxus, den ich mir gönne! Lieber verzichte ich auf Urlaub, teure Autos, teure Hobbys oder sonstigen Kram – ich schwimme leidenschaftlich gerne. Wenn ihr wollt: Das Wasser ist noch angenehm warm und wir leihen euch gerne Badehose und Bikini! Tut euch keinen Zwang an und fühlt euch wie zu Hause. Der Grill muss sowieso noch ein wenig heißer werden, bevor ich die ersten Steaks da draufhaue.“

Alleine die Vorstellung, mit einem von Barbras knappen Bikinis hier herumzulaufen, wirkte schon abschreckend und ich verneinte sofort dankend. Woraufhin auch David nach einem kurzen Seitenblick auf mich freundlich dankend ablehnte. „Ein andermal vielleicht. Kann ich dir bei irgendwas helfen?“ bot er an und ich murmelte etwas davon, dass ich Barb in der Küche zur Hand gehen würde, bevor ich nach drinnen verschwand.

Sie holte gerade ein paar selbstgebackene Brötchen aus dem Ofen und stellte sie zum Abkühlen an die Seite.

„Kann ich dir helfen?“ fragte ich und sah mich um.

„Eigentlich müssen nur noch Geschirr und Gläser raus, alles andere ist fertig. Und? Was sagst du zu Alex’ neuester Errungenschaft?“

„Der Pool? Wow! Du hast gar nichts davon erzählt!“

„Stimmt, aber wir sehen uns ja nicht mehr allzu oft. Nein, das war kein Vorwurf, Tory! Seit ich mit Alex zusammen bin, kann ich ein bisschen besser verstehen, wie es dir mit David geht: Irgendwie fehlt einem immer mehr Zeit für andere Dinge! Ähm, wie geht es dir überhaupt mit ihm? Ihr lebt ja jetzt zusammen…“

Ich wurde rot und sie lachte prompt.

„Alles klar, so gut also! Cool! Aber mir geht es ähnlich, Alex ist… na ja, ich glaube, er ist der Richtige! Wir sind in so vielen Dingen auf einer Wellenlänge und können über alles reden. Und auch sonst passen wir in jeder Hinsicht gut zusammen!“

Ich hob die Augenbrauen an als ich sah, wie ihre Wangen rosig wurden. Das war meine Gelegenheit!

„Du wirst rot? Endlich! Mann, wie hab ich darauf gewartet! Endlich weißt du mal, wie ich mich fühle, wenn du mich mit diesen Dingen aufziehst!“ schoss ich hervor und kicherte, als sie einen Topfhandschuh nach mir warf.

„Das ist wohl deine Rache, hm? Aber so wie mit ihm war es tatsächlich noch nie. Jetzt hör schon auf, ich halte mich zukünftig zurück, okay? Hier, du wolltest dich doch angeblich nützlich machen!“ drückte sie mir ein Tablett mit Gläsern in die Hand und griff sich den Tellerstapel. „Und? Möchtest du ihn nachher mal ausprobieren?“

„Was?“

Ich war abrupt stehen geblieben und balancierte rasch das Tablett aus. Sie sah mich irritiert an, dann wurden ihre Augen groß und sie prustete laut los! „Den Pool! Den Pool, Tory!“ kicherte sie, die Lachtränen in den Augen. „Du bist einfach zu köstlich!“

Ich stand bei diesen Worten gerade in der Terrassentür und erstarrte unwillkürlich. Die Gläser klirrten gefährlich und sofort ruckte Davids Kopf hoch. Sofort legte er das Gluteisen aus der Hand, kam zu mir herüber und nahm mir das Tablett ab.

„Alles ist in Ordnung!“ flüsterte er rasch, stellte alles ab und zog mich dann aus dem Weg, damit Barbra, die immer noch lachte, an mir vorbei konnte.

Glücklicherweise schien sie somit nichts bemerkt zu haben, aber ich hatte Mühe, mich wieder zu beruhigen. Das waren Corbins Worte gewesen und mit ihnen waren wieder ein paar Bilder aufgestiegen, an die ich jetzt schon ein paar Tage nicht mehr hatte denken müssen. Wie lange würde das noch so weitergehen?

„Möchte jemand etwas trinken? Wein, Bier, Saft, Cola? Wir haben so ziemlich alles da, ich könnte uns sogar ein paar Longdrinks mixen!“ hörte ich Alex fragen, aber da David mich noch immer vor ihren Blicken abschirmte, konnte ich nur laut antworten.

„Ein Saft wäre nicht schlecht, danke!“

„Für mich ebenfalls, danke…“ fügte David an und hob seine Hand an meine Wange. „Geht es wieder? Was war?“

„Es tut mir leid, es geht schon wieder! Es ist nur… Das hat Corbin zu mir gesagt!“ antwortete ich hastig und er zog nur kurz die Augenbrauen zusammen, nickte dann und legte wieder ein Lächeln auf seine Lippen, als er jetzt meine Hand nahm und sich umdrehte. Dann stutzte er, drehte den Kopf zurück und musterte aufmerksam die Gegend.

„Was ist?“ flüsterte ich sofort.

„Nichts, ich dachte nur grade, ich hätte etwas gesehen. Muss ein Vogel gewesen sein. Komm, setzen wir uns.“

Nebeneinander ließen wir uns in die bereitstehenden Gartensessel nieder und sahen zu, wie Alex, der von alldem glücklicherweise überhaupt nichts mitbekommen hatte, pfeifend gleich den gesamten Rost mit Steaks und Spareribs vollpackte und dann Babra ungeniert in den Arm nahm, um ihr übermütig und ungehemmt einen Kuss auf den Mund zu drücken.

„Ich hoffe, ihr habt viel Hunger und Durst mitgebracht!“ grinste er dann.

 

 

Er hatte genug gesehen. Für heute. Und zusammen mit dem, was er ohnehin schon wusste und in den letzten beiden Wochen so alles in Erfahrung gebracht, was er an Hinweisen zwischen den persönlichen Sachen seiner Großeltern und seiner „Schwester“ vorgefunden hatte… Phoebe Forester, Dorian Pollos, Angus McPherson, Eve Garvin… und David. von seiner anfänglichen, kaum zu bändigenden Ungeduld war nichts mehr übrig geblieben! Das hier war weit mehr als nur ein einziger Vampir, es ging nicht mehr länger nur um Angus!

Er senkte das teure Fernglas, das er nur mitgenommen hatte, um selbst unentdeckt zu bleiben und doch aus großer Distanz alles deutlich sehen zu können. Er durfte nicht zu nahe an seinen „Onkel“ herankommen, der würde ihn sofort spüren. Und als der gerade Umschau gehalten hatte, wäre es ihm fast aus der Hand gefallen, weil er für den Bruchteil einer Sekunden den Eindruck hatte, dass er ihm direkt in die Augen sehen würde! Doch dann war der Moment vorüber und er beobachtete, wie er und seine kleine, menschliche Freundin sich gemütlich in die Sessel setzten.

Oh ja, das hier war weit mehr, das würde er nicht alleine schaffen! Aber er hatte Freunde, viele Freunde, noch dazu aus einflussreichen Familienlinien. Und wie er wusste, hatten auch die schon lange etwas dagegen, dass sich jemand namens Phoebe Forester in die Angelegenheiten der Schattenwesen mischte.

Und er ganz persönlich hatte etwas dagegen, dass man seine gesamte Familie ausgelöscht hatte! Als er heute Nachmittag, nachdem Angus und David von einer offenbar erfolgreichen Jagd zurückgekehrt waren, systematisch die restliche Gegend abgesucht hatte – wofür er mittlerweile fast schon eine ganze Woche investiert hatte, zumal er unglaublich vorsichtig vorgehen musste! – hatte er endlich die Stelle gefunden, an der sie offenbar verbrannt worden waren. Knochenreste waren keine mehr vorhanden… Natürlich nicht. Sie dürften wohl kaum so leichtsinnig gewesen sein, die hier herumliegen zu lassen, auch wenn die Gegend gottverlassen wirkte. Aber er war sicher, dass dies die Stelle gewesen sein musste; ein… Gefühl nur, aber…

Nur kurze Zeit vorher hatte er Angus’ Gefährtin aus einer weitaus kleineren Distanz beobachtet. Wie sie im Haus werkelte. Wie sie mit ihrem schlafenden Kind – Angus Kind! – auf die Veranda in die Sonne trat. Es hatte ihn unglaublich viel Selbstbeherrschung gekostet, sich nicht direkt auf sie zu stürzen und sie beide zu töten! Das musste warten, wenn er auch alle anderen erwischen und nicht sofort die beiden Vampire auf seine Fährte setzen wollte – sie mussten arglos bleiben.

Er war auch noch einmal zum Haus von Victory Lark zurückgekehrt – hier war es ihm beinahe unmöglich gewesen, sich unverrichteter Dinge umzudrehen: Sein Vater hatte schon von ihr getrunken und es drängte ihn, es wie früher zu machen, wenn sie sich gegenseitig eingeladen hatten, vom Opfer des jeweils anderen zu kosten. Er hatte sich damit getröstet, dass es noch ähnliche Gelegenheiten wie diese geben würde; auch David war schließlich darauf angewiesen, regelmäßig Blut zu trinken – dann würde sie wieder alleine sein.

Und bis dahin… würde er sich ab jetzt fernhalten, seine Freunde kontaktieren, sie über seinen Plan unterrichten und sie hierherbitten. In aller Stille. Um zuletzt mit jedem einzelnen hier abzurechnen! Es kam nur auf den richtigen Zeitpunkt an; Jeder von ihnen war irgendwann einmal alleine anzutreffen und würde einer Übermacht nicht standhalten.

Inklusive Phoebe Forester in Bedford, Halifax.

 

 

Wir saßen bis weit in die Nacht im Freien. Barbra war glücklich und Alex… er machte sie glücklich! Je länger ich ihm zuhörte, ihn beobachtete und die beiden zusammen sah, desto sympathischer wurde er mir. Es fiel ihm offenbar leicht, sich auf sein jeweiliges Gegenüber einzustellen und schon nach kurzer Zeit hatte ich meinen Schreck vom Nachmittag vollkommen vergessen. Ein paar Mal ertappte ich mich zu meiner eigenen Überraschung sogar dabei, dass ich ihn automatisch mit den Vampiren verglich, die ich mittlerweile kannte und kam zu dem Schluss, dass Alex im Wesen ein bisschen wie Dorian war: Obwohl immer zu Scherzen aufgelegt zeigte er eindeutig auch eine ernste Seite und gegenüber Barbra – das bemerkte wohl nicht nur ich – war er liebevoll und aufmerksam.

Unsere Unterhaltung drehte sich um alles Mögliche… und mehr als einmal saß ich einfach nur so da und hörte fasziniert zu, wenn David mit viel Humor oder einer nicht unerheblichen Portion Tiefsinnigkeit etwas einwarf oder erzählte. Und mehr als einmal war ich erstaunt, wie gut er Fragen nach seiner Person und Herkunft umschiffte.

„Adrian ist so etwas wie mein Halbbruder. Eine etwas verzwickte Familiengeschichte wenn man so will: Heirat, Scheidung, Neuorientierung… Jedenfalls hat sich meine Suche nach ihm gelohnt und wie es aussieht, haben wir mehr gemeinsam als ich anfänglich geglaubt habe.“

Unfassbar! Er erzählte keine Lüge, aber nur für mich war die Wahrheit dahinter ersichtlich!

„Hast du Tory deshalb so ausgequetscht? Ich will ja nicht meckern, aber…“

Alex warf ihr ein Kissen zu. „Dann lass es!“ grinste er und sie verzog das Gesicht.

„Hey! Na ja, es geht mich ja nichts an, aber es ist schon komisch: Wenn man bedenkt, wie ihr euch kennengelernt habt…“

Ich hatte mich hinter meinem Glas versteckt und war froh, mich nicht verschluckt zu haben.

„Tory ist eine ungewöhnliche Frau. Wie hätte es da anders als ungewöhnlich laufen können!“ grinste David schief und ich verdrehte die Augen.

„Und was war das mit deiner Anwesenheit im Diner? Warst du so was wie ein Bodyguard?“ fragte David dann und warf mir einen um Entschuldigung bittenden Blick zu.

Sie kicherte. „Nein, sie wollte meine Einschätzung hören! War ja wohl nichts!“

Er hob eine Augenbraue und warf mir noch einen Blick zu.

„Einschätzung?“

„Na ja“, zuckte ich die Schultern und beschloss, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. „Ich wurde nicht schlau aus dir! Du passtest nicht ins Bild, das ich mir von Typen wie dir gemacht hatte!“

Barbra hustete.

„Typen wie mir?“ wanderte die zweite Augenbraue nach oben.

„Ja. Du weißt schon: Solche, die einen altehrwürdigen Habitus mit sich rumschleppen. Alte Kavaliersschule, Ritterlichkeit, Minnesang und so. Viel platonische Liebe, der Frau eine Blume auf die Schwelle legen… Ich hab es für eine Masche gehalten und wollte wissen, ob mehr dahinter steckt als von außen sichtbar.“

Seine Pupillen weiteten sich kurz und nur ich konnte sein Lächeln jetzt deuten. Und es trieb mir die Wärme ins Gesicht, sodass ich froh war, als jetzt Alex lachte und eine Bemerkung machte, die mir irgendwie entging. Aber dann bekam ich mit, wie er Barb mit einem eigentümlichen Blick von der Seite her ansah und meinte, dass er froh sei, hier einen dauerhaften Wohnsitz gefunden zu haben – und Barb! Ihre Hände lagen ineinander und jetzt griff auch David nach meiner und spielte versonnen mit meinen Fingern.

Irgendwann, zu vorgerückter Stunde, brachte Barb das Gespräch dann auf meine Eltern. Oder besser auf Dad und sein Geschäft.

„Tory… Was wir dir sagen wollten… Mein Dad und Alex überlegen, ob er nicht bei ihm einsteigen sollte.“ meinte sie vorsichtig und sah mich ängstlich aus dem Augenwinkel an. „Vor dem Hintergrund, dass er in eineinhalb Jahren über den Fonds seines Vaters verfügen kann, wird die Bank wohl mitspielen.“

Ich hob äußerlich gelassen die Schultern. „Das klingt doch gut! Ein Fonds? Und ich wusste nicht, dass du auf diesem Sektor beschäftigt bist.“

„Na ja, Computertechnik halt. Und ich überlege noch, das ist alles noch unausgereift und nicht mehr als ein Hirngespinst – wenn auch eine Gelegenheit!“ Auch ihm war dieses Thema mir gegenüber wohl eher unangenehm und er wich nicht nur meinem Blick aus.

Ich verspürte einen Stich; schon wieder würde ein Stück des Lebens meiner Eltern verschwinden, in fremde Hände übergehen. Demnächst würde Kate Moms Salon kaufen können und jetzt… Bemüht, mir nichts anmerken zu lassen – und in dem Bewusstsein, dass David jede kleinste Veränderung in meinem Benehmen, meinem Herzschlag oder meiner Atmung sofort registrieren würde – lächelte ich und empfahl ihm, dieses Ziel in Auge zu behalten.

„Es ist ein gut gehendes Geschäft, ich glaube, es könnte sich für dich lohnen. Sag einfach Bescheid, falls du dich dafür entscheiden solltest, ihr werdet schon eine Zahlungsregelung finden. Ich habe vollstes Vertrauen in Barbs Dad.“

Und das Geld war mir so egal! Wenn es nicht Dads Traum gewesen wäre…

Alex nickte, aber dann wechselte er rasch das Thema und für den Rest des Abends kam er nicht wieder darauf zurück. Zu meiner Erleichterung.

Beide hatten, wohl uns zuliebe, ebenfalls darauf verzichtet, den neuen Swimmingpool zu benutzen und als wir weit nach Mitternacht aufbrachen, bedauerte ich es beinahe, dass der Abend vorüber war.

„Danke, das war echt toll!“ meinte ich zum Abschied und sah, wie Barb strahlte.

„Das finde ich auch! Vor allem freue ich mich, dass ich dich mal wieder hab lachen sehen. Lasst uns das bald mal wiederholen, okay? Übrigens: Hast du schon Pläne für nächsten Sonntag?“

Ich biss mir auf die Lippe und wand mich innerlich, aber David rettete mich:

„Ja. Ich werde Tory anlässlich ihres Geburtstages entführen, wir machen ein verlängertes Wochenende daraus.“

„Wow, das ist toll! Wohin wollt ihr denn?“

„Das wird eine Überraschung.“ meinte er sofort und zog mich ein wenig dichter an sich heran. „Wird nicht verraten!“

Ich lächelte pflichtschuldigst und zuckte mit der Schulter. Barbra nickte.

„Das wird dir guttun! Tory, ich hab den ganzen Abend nichts gesagt, aber ich bin nicht blind. Du musst zu Hause mal raus und auch wenn das College darunter leidet… Du hast vor zwei, drei Wochen doch noch selbst zu mir gesagt, dass du hier mal weg musst. Warum nicht jetzt? Nutz diese Gelegenheit doch!“

Ich seufzte. „Ich weiß nicht… Ich versuche zurzeit, wieder Fuß zu fassen. Ob das gerade jetzt so gut ist?“

Sie schüttelte den Kopf. „Es ist natürlich deine Entscheidung, aber wenn ich mir dich in letzter Zeit so ansehe…“

„Ich überlege noch.“ bog ich ab und fügte schnell hinzu: „Danke noch mal für den Abend, es war wirklich toll! Und vielleicht stehe ich ja demnächst mal mit dem Badeanzug vor der Tür und hole das Versäumte nach.“

Was bestimmt nicht eintreffen würde, ich war ohnehin kein großer Fan des nassen Elementes – was Barbra durchaus bewusst war. Sie grinste entsprechend ironisch und ich zwinkerte ihr dankbar zu. Manchmal konnte sie zwar mit der Tür ins Haus fallen, aber meistens schaltete sie schnell – und hielt dann einfach den Mund. Alex hingegen machte eine großzügige Geste mit der Rechten.

„Tu das! Du musst nicht extra fragen; wenn niemand da ist, geh einfach ums Haus und wirf dich in die Fluten. Das gilt auch für dich, David. Der Pool ist zu schade, um nicht ausgiebig genutzt zu werden. Das schöne, warme Wetter soll auch noch mindestens eine Woche halten, bevor es umschlägt.“

„Mal sehen, danke jedenfalls!“ lächelte der.

Sie winkten uns noch nach, als wir langsam zum Auto gingen.

„Können wir zu Fuß gehen? Ich bin noch total aufgedreht und falls ich es mir unterwegs anders überlege, habe ich ja dich, meinen Ritter und Minnesänger, der mich auf Händen trägt.“ meinte ich, als er den Autoschlüssel in die Hand nahm.

„Klar! Gehen wir!“ grinste er und nahm meine Hand. Als wir um die erste Ecke bogen, drückte er sanft meine Finger. „Geht es dir gut?“ fragte er leise.

Ich sah zu ihm hoch und lächelte. „Wenn du bei mir bist, geht es mir immer gut. Dann geht es mir erstaunlich gut! Aber in jeder Sekunde, die du nicht in meiner Nähe bist… fühle ich mich alleine!“

Seine Augen funkelten im fahlen Licht. „Mir geht es ähnlich. Aber wenn ich raten sollte, dann ist dein Gefühl noch sehr mit der Sehnsucht nach deinen Eltern verbunden… Wirst du dir überlegen, was ich vorgeschlagen habe und was Barbra eben angedeutet hat?“

„Das wir übers Wochenende wegfahren und einen Urlaub anhängen?“

„Hmhm.“

Seufzend wandte ich den Blick von seinem Gesicht ab und kickte einen kleinen Stein vor mir her. Für ihn würde es bedeuten, einige Zeit von Angus getrennt zu sein und wenn ich sah, wie innig ihr Verhältnis zu werden begann…

„Ich kann ja mal darüber nachdenken!“ antwortete ich vage.

Er schwieg dazu. Wir redeten kaum mehr etwas bis wir zu Hause ankamen. Wie jedes Mal sah ich zu, wie er die Haustür öffnete und sie mir dann höflich aufhielt. Wie ein Ritual, das sich eingespielt hatte und das ein weiterer Bestandteil dessen war, weshalb ich mich zusammen mit ihm in diesem Haus überhaupt wohl und sicher fühlen konnte – sofern ich nicht einen allzu langen Blick ins Wohnzimmer und überhaupt keinen Blick ins Schlafzimmer meiner Eltern warf!

Als er mich in dieser Nacht in den Arm nahm hatte unser Zusammensein für mich jedoch etwas Verzweifeltes: Ich wollte festhalten, was zu halten ich nicht imstande war!

 

 

Ich stand am Fenster und sah hinaus. Es war nicht das Fenster in meinem Zimmer, es war das Fenster in Eves Haus. Ich konnte deutlich die hellen Flecken der Feuerstellen auf der Wiese sehen. Die Sonne schien, aber ihr Licht war eigentümlich grell, so als ob statt ihr hunderte von hellen Scheinwerfern mit ihrem kalten Licht auf das Haus und die Umgebung gerichtet worden wären. Ich war wieder gefesselt und versuchte verzweifelt, die Scheibe zu zertrümmern – und diesmal schaffte ich es! Meine Schulter schmerzte und war jetzt übersät von kleinen und großen Schnitten, die das Glas hinterlassen hatte. Aber der Weg nach draußen war frei, ich musste nur noch meine Fesseln durchschneiden und durch das Fenster klettern.

Doch dann fühlte ich, dass ich nicht mehr alleine im Zimmer war! Er war wieder da, er stand hinter mir und wartete darauf, dass ich mich umdrehen und ihn ansehen würde. Und gleichzeitig tauchten da draußen noch drei weitere Vampire auf: Eugene, Venia und Mary-Beth – und alle drei sahen mit nachtschwarzen Augen und unnatürlich geweiteten Pupillen zu mir hoch: Sie hatten Durst! Sie würden kommen und sich mein Blut holen!

Meine Schulter… Sie sahen es bereits und konnten es riechen. Hinter mir hörte ich ein Geräusch… langsam, Schritt für Schritt näherte er sich und ich fühlte seinen Atem im Nacken als er mir zuflüsterte: „Du bist so köstlich, Victory! Du bist so köstlich, so köstlich…“

 

Mit einem lauten Schrei wurde ich wach und schrie erneut, als ich zwei Hände an meinen Armen fühlte, die mich festhielten. Instinktiv schlug ich wie wild um mich und versuchte, wegzukommen…

„Tory! Ich bin es, David! Es ist gut, alles ist gut, es war nur ein Traum! Sieh mich an, alles ist okay! Ich halte dich, ich halte dich!“

Ein lautes Schluchzen stieg aus meiner Kehle, dann biss ich mir auf die Lippen und unterdrückte jedes weitere Geräusch, als ich mich an ihn drängte und meine Arme um seine Mitte schlang.

„Ein Albtraum, es war nur ein Albtraum…“ flüsterte er und strich mir über den Kopf. „Ich bin bei dir!“

„Ja!“ hauchte ich. „Ja!“

Ich schauderte kurz, dann schloss ich die Augen und versuchte, mich zu entspannen, doch das fiel mir ungeheuer schwer. Die Bilder waren so unglaublich realistisch gewesen, ihre Gesichter deutlicher denn je… und der Traum detaillierter und beängstigender als jeder andere zuvor. Ich schluckte krampfhaft. Wenn jetzt nicht mal mehr Davids Anwesenheit half…

„Erzähl‘s mir!“ flüsterte er nach einer Weile, zog mich mit einer sanften Bewegung mit sich hoch, quer über seine zum Schneidersitz angewinkelten Beine und hüllte mich in die dünne Decke. „Was hast du geträumt?“

„Es geht schon wieder… Ich war nur wieder in dem Zimmer und hätte diesmal fast geschafft, durch das Fenster zu entkommen. Aber dann war Corbin auf einmal wieder da und draußen standen Eugene, Venia und Mary-Beth…“

Er holte tief und langsam Atem, stieß ihn ebenso langsam wieder aus.

„Ich verstehe… Ich halte dich fest und passe auf dich auf, Tory. Sie sind tot, sie werden niemals wiederkommen und dir nie wieder wehtun können.“

„Ich weiß! Ich bin so froh, dass du da bist!“

„Wo sollte ich sonst sein?“ flüsterte er und streichelte mir beruhigend über den Rücken.

Ich seufzte und fing allmählich an, mich wieder zu entspannen, lauschte auf seinen regelmäßigen Herzschlag. Draußen wurde es langsam wieder hell, ich konnte also kaum ein paar Stunden geschlafen haben und fühlte, wie die Müdigkeit wieder Besitz von mir ergriff. Gleichzeitig fürchtete ich mich davor, wieder einzuschlafen. Wenn dieser Traum wiederkommen würde… Konnte man in einer Nacht gleich zwei Albträume bekommen?

Wieder seufzte ich und schloss die Augen, kuschelte mich so dicht es eben ging an David.

„Schlaf noch ein bisschen, ich passe auf dich auf.“ flüsterte er daraufhin. „Ich werde nicht weggehen, ich bin bei dir.“

„Ja…“ hauchte ich wieder.

 

Sobald ihr Atem anfing, laut und unregelmäßig zu werden und sie sich unruhig in seinen Armen bewegte wurde er wach. Die letzten Nächte waren fast ausnahmslos so verlaufen: Nicht lange nachdem sie zu Bett gegangen waren und sie fest eingeschlafen war, fing sie irgendwann an, unruhig zu werden und ängstlich vor sich hin zu murmeln. Ein paar Mal hatte sie ihn im Schlaf wimmernd mit den Händen abgewehrt, sich dann jedoch wieder beruhigt, wenn er ihr leise beruhigende Worte ins Ohr geflüstert hatte. Heute jedoch war es anders als sonst. Sie war anders! Als sie heute Nacht zusammengefunden hatten, hatte sie sich fast verzweifelt an ihn geklammert und ihm war nicht entgangen, wie anschließend ein kurzer, aber deutlicher Ausdruck über ihr Gesicht gehuscht war: Verzagtheit!

Jetzt, erst nach fast einer halben Stunde, konnte er fühlen, wie ihr Körper wieder vollkommen entspannte und schwer wurde in seinen Armen. Ihr Atem wurde leise und gleichmäßig und für die restlichen Stunden lauschte er besorgt darauf, ob sich daran nicht wieder etwas änderte. Aber sie blieb ruhig und bewegte sich nur ein paarmal ein wenig. Fast reglos blieb er mit ihr im Arm sitzen, bemüht, ihre wiedergewonnene Ruhe nicht zu stören.

Es musste etwas geschehen! Sie würden Phoebe besuchen fahren, heute noch!

 

Sein Gesicht lächelte auf mich herab, als ich die Augen aufschlug. Sofort lächelte ich ebenfalls glücklich und registrierte erst dann, in welcher Haltung wir uns im Bett befanden. Schlagartig verschwand mein Lächeln.

„Hi! Sag bloß, du hast mich die halbe Nacht so im Arm gehalten? Du hättest mich doch längst wieder loslassen können.“

„Und mir diese Gelegenheit entgehen lassen, dich so zu halten? Glaub mir, ich habe kein Opfer gebracht, das war ein sehr angenehmes Erlebnis! Guten Morgen, kleine Menschenfrau…“

Ich schüttelte lächelnd den Kopf. „Du bist verrückt! Aber ich glaube, ich mag es, wenn du so verrückte Sachen machst! Jetzt kannst du mich allerdings ruhig loslassen, ich sollte schnellstens ins Bad… Wie spät ist es überhaupt? Du hättest mich wecken sollen.“ Ich zappelte mich aus seinen Armen frei, flitzte nach nebenan und hörte sein leises Lachen.

 „Was hältst du von Kaffee?“ rief er dann.

„Viel!“ rief ich zurück und verschwand kurz darauf unter der Dusche. Als ich mich anschließend abtrocknete und im Spiegel sah, kamen die Bilder des nächtlichen Albtraums zurück. Meine Schulter war nicht verletzt, aber ich konnte mich nur allzu deutlich daran erinnern, wie sie ausgesehen hatte: Rot von Blut, voller Schnitte… voller Verlockung für die wartenden Vampire!

Schnell zog ich mich an, bürstete meine Haare und vermied sogar beim Zähneputzen jeden weiteren Blick in den Spiegel. Als ich anschließend nach unten lief, hatte ich die Erinnerung an die Nacht erfolgreich weit von mir geschoben.

Ich wunderte mich mittlerweile morgens schon gar nicht mehr darüber, dass David bei meinem Eintreffen ebenfalls stets bereits geduscht und angezogen in der Küche stand und den ersten Kaffee in die Tassen verteilte.

„Was hab ich früher nur ohne dich gemacht?“ murmelte ich und nahm meine Tasse entgegen, in die er einen guten Schuss Milch und etwas Zucker eingerührt hatte.

„Du hast den Kaffee schwarz getrunken?“ grinste er und ich lachte.

„Allerdings! Meistens jedenfalls. Heute würde mich das umhauen, fürchte ich. Hmm, das riecht gut.“

„Heute gibt es nur im Toaster aufgebackene Waffeln.“ warnte er. „Oder Toast. Ich habe nämlich die Absicht, heute tatsächlich mit dir einen Ausflug nach Bedford zu unternehmen, deshalb sollten wir bald losfahren. Ich habe Dorian vorhin angerufen, sie freuen sich schon. Und da ich ja versprochen habe, dass das nächste Wochenende eine Überraschung wird, solltest du dir tatsächlich nichts vornehmen. Die Dauer lassen wir vorläufig einfach mal offen, aber ich werde dich auf jeden Fall mit einem Wochenende überraschen…“

Ich nippte vorsichtig an meiner Tasse. „Du gibst nicht nach, nicht wahr?“ flüsterte ich dann.

Er wurde ernst. „Ja, Tory, diesmal werde ich nicht so ohne Weiteres nachgeben! Deine Albträume werden schlimmer statt besser und ich sehe deutlich, dass es dir immer schlechter statt besser geht. Und da du offenbar nicht mit mir darüber reden möchtest – was ich durchaus verstehen kann – solltest du dich an jemanden wenden, der dir besser helfen kann als ich. Ich… bin ratlos! Und ich fühle mich hilflos angesichts dessen, was mit dir geschieht! Ich liebe dich und ich kann nicht mehr länger zusehen, wie du… immer weniger wirst je mehr Zeit vergeht.“

„Ich werde doch nicht weniger! Ich… kämpfe nur darum, wieder an die Oberfläche zu kommen!“ widersprach ich.

„An welche Oberfläche? Wo ist diese Oberfläche, wo willst du hin? Und warum verfolgst du so beharrlich deine Absicht, hierzubleiben wenn du anfangs so überzeugt davon warst, dass dir ein bisschen Abstand nur guttun würde? Was hat deine Meinung geändert? Sag es mir!“

Ich wandte den Blick ab und griff eine warme Waffel aus dem Toaster, biss ohne jeden Appetit hinein und kaute. „Das ist schwer zu erklären…“ meinte ich dann.

„Versuchs. Ich bin davon überzeugt, dass ich dir folgen kann.“ antwortete er ruhig.

Die Tasse in der einen, die Waffel in der anderen Hand ließ ich mich auf dem nächsten Stuhl nieder. „Du. Und Angus und Eve. Ihr alle. Ich weiß nicht, ob du das überhaupt nachvollziehen kannst, denn ich kann es selbst ja kaum. Weil da so viele Dinge sind… Da ist das College. Eines der letzten Dinge, die Dad zuletzt zu mir gesagt hat war, dass ich mich voll auf das College konzentrieren soll. Dann sind da die Sachen von den beiden, die ich immer noch nicht durchgesehen habe. Und dann…“ Ich stockte und legte mein Frühstück fort, stellte die Tasse ab.

„Was?“ fragte er leise.

„Ich… mein Verstand weiß, dass da draußen niemand mehr ist, der hinter mir her ist. Oder hinter euch. Ich weiß, sie sind tot, aber… in jeder einzelnen Sekunde, in der du nicht da bist, muss ich mich anstrengen, um nicht panisch zu werden, sobald ein unerwartetes Geräusch mich aufschreckt. Oder eine fallengelassene Bemerkung, eine… Szene, die mich wieder daran erinnert. Am sichersten fühle ich mich, wenn ich auch Angus und Eve in der Nähe weiß oder jemand anderen. Und dann sehe ich doch auch, wie unglaublich du dich freust, dass du in ihm einen Bruder gefunden hast. Es… ist so schön für mich, euch zusammen zu sehen und mich als Teil davon zu fühlen!“

„Du verzichtest darauf, von hier fort zu gehen weil du Angus und mich nicht… Tory, das ist so…“

„Das ist mir wichtig, David! Weil du mir wichtig bist! Und es ist nur ein Grund unter vielen… Ja, hier ist alles so voller Erinnerungen. Aber solange du hier bist und ich immer wieder zu Eve und Angus gehen kann und sehen kann, wie sehr du dich schon an ihn gewöhnt hast, komme ich damit zurecht. Ich glaube sogar, dass ich so langsam wieder den Anschluss finde – der gestrige Abend war ein echter Anfang! Es macht mir wieder Spaß, mich mit Freunden zu treffen…“

Er schnaubte. „Der gestrige Abend fing damit an, dass du bei Barbras Bemerkung vor Angst erstarrt bist! Später, als es um das Geschäft deines Dads ging, konnte ich sehen und hören, wie schwer es dir fällt, das alles jetzt schon loszulassen! Und die letzte Nacht hat gezeigt, dass es schlimmer statt besser wird. Das war bei Weitem dein schlimmster Albtraum und wenn du ehrlich dir selbst gegenüber bist, dann wirst du mir das be­stätigen.“ Er stellte auch seine Tasse ab und ging vor mir in die Hocke. „Und vorher, bevor du eingeschlafen bist… Tory, ich möchte dir stets das geben, was du brauchst, aber es macht mir Angst wenn ich sehe, dass du… mich voller Angst und Verzweiflung festhältst, sogar wenn wir uns gerade lieben! Was quält dich so sehr, dass du selbst das nicht mehr… angstfrei erleben kannst? Wenn du nicht mit mir sprichst, dann fürchte ich, dass ich etwas falsch mache…“

„Nein! Nein, du machst nichts falsch! Alles, was du tust, ist richtig und schön!“ stieß ich erschrocken hervor und strich vorsichtig über sein Gesicht.

„Was ist es dann?“

Ich ächzte leise. Seine Augen wurden dunkel und ich wäre am liebsten einfach nur in ihren warmen Tiefen versunken anstatt dieses Gespräch zu führen!

„Ich habe solche Angst, dich zu verlieren, David! Du bist mein einziger, wirklicher Halt! Ich liebe dich so sehr, dass es wehtut! Manchmal habe ich Angst, dass ich eines Morgens aufwache und du bist nicht mehr da. Oder wenn ich nach dem College nach Hause komme. Und es macht mir Angst, dass ich solche Angst habe, selbst wenn du bei mir bist. Ich möchte dich dann immer nur festhalten aber ich weiß genau, dass das nicht geht, denn…“

„Denn?“

„Mom und Dad… sie sind auch fort.“ flüsterte ich. „Es ist so furchtbar, was passiert ist, aber ich weiß, dass ich lernen kann, ohne sie zu leben… aber ich würde es nicht überleben, wenn ich auch dich noch verlieren würde. Ich wollte dir das nicht sagen, weil ich nicht das Recht habe, dich hier festzuhalten, also versuche ich nur, alles so lange wie möglich so gut wie möglich zu machen und mir alles ganz genau einzuprägen…“

„Großer Gott, Tory, was redest du denn da bloß? Du hast jedes Recht… Hör mir jetzt zu, okay? Erinnerst du dich daran, als ich sagte, dass wir irgendwann vielleicht soweit sein würden, uns ein erstes gemeinsames Ziel stecken zu können? Ein… etwas Höheres?“

„Ja, natürlich. Du hast was davon gesagt, dass du mir etwas anbieten würdest, was Phoebe und Eve schon hätten… Aber du hast mich doch schon längst, David, ich will doch nur dich!“

Er nickte und schüttelte gleich darauf den Kopf. „Hat Phoebe dir das nicht schon längst gezeigt? Himmel, wie soll ich wissen, ob es nicht noch viel zu früh ist, dir… Tory, ich werde dich niemals verlassen, wenn du mich nicht von dir fortschickst. Niemals! Erst an dem Tag, an dem du mir sagst, dass ich gehen soll und nicht wiederkommen… Solange du mich haben willst, solange werde ich bei dir bleiben – also auch bis ans Ende deines und meines Lebens wenn du es so haben willst! Ich werde nicht einfach irgendwann nicht mehr da sein! Ich werde bei dir sein solange du mich willst.“

Meine Kehle wurde eng und ich blinzelte. Dann brachte ich ein Lächeln zustande. „Das ist ein großes Versprechen!“ flüsterte ich. Das er unter Umständen nicht würde halten können, weil es nicht in seiner Hand lag.

„Es ist ein Versprechen!“

„Ich liebe dich! Und ich werde dich immer wollen! Es kommt mir vor wie ein Wunder, dass es dich gibt.“

„Ich liebe dich! Und ich bin kein Wunder!“ antwortete er. Dann lächelte er und schob mir mein Frühstück wieder hin. „Hier, Energienachschub! Beeil dich ein wenig, wir sollten losfahren!“

Ich lächelte, bis er sich wieder aufgerichtet hatte und mir den Rücken zukehrte. Dann fiel mein Lächeln in sich zusammen und ich biss schnell in die Waffel, die wie Pappe schmeckte.

 

Bis ans Ende seines Lebens. Nur, dass niemand sagen konnte, wann das sein würde…

 

 

 

 

 

Bedford

 

„Es geht ihr nicht gut. Nicht wirklich. Wenn man Davids Schilderung glauben darf – und davon gehe ich aus – dann ist es in letzter Zeit schlimmer geworden. Er hat gefragt, ob sie herkommen dürften und ich habe zugesagt. Tut mir leid, ich hätte dich vorher fragen sollen, aber er klang dringend.“

„Das war richtig, Dorian, ich hätte ebenfalls gesagt, dass sie schleunigst herkommen sollen. Was ist passiert?“

„Sie hat Albträume, die immer schlimmer werden statt besser. Und inzwischen sieht es so aus, als ob sie selbst den Alltag nur mit einiger Anstrengung meistert. Er ist der Ansicht, dass alles zusammengenommen einfach zu viel für sie ist, kann sich aber auch nicht erklären, was sie dort hält, zumal sie anfangs von sich aus eine Weile weg wollte…“

Sie runzelte besorgt die Stirn und sah Dwen abwesend zu, die auf der Wiese hinter dem Haus herumrannte in dem Bemühen, irgendein Insekt zu erwischen, sich dann allerdings von einem Vogel ablenken ließ, der direkt über ihr auf einem Ast landete. Mit offenem Mund und weit in den Nacken gelegtem Kopf beobachtete sie, wie dieser anfing, sein glänzendes Gefieder zu putzen.

„Ich hatte gehofft, dass sie das Schlimmste überstanden hätte, auch wenn ich befürchtet habe, dass da noch was kommt. Was sie hinter sich hat… Ich bin kein Psychologe und ich halte nichts davon, etwas zu verdrängen, aber wenn ich mir das jetzt anhöre… Sie sollte tatsächlich einfach alles hinter sich zurücklassen und erst einmal selbst wieder zu sich selbst finden, etwas stabiler werden. Sie will zu viel auf einmal und ich fürchte auch, dass wir ein wenig zu schnell vorgegangen sind; sie hatte nie die nötige Zeit, um das alles nach und nach zu verarbeiten und zusätzlich das geballte Wissen über diese neue Welt zu verkraften. Zumindest was ihre dunklen Seiten angeht.“

„Wir hatten keine Wahl. Was wäre die Alternative gewesen?“

„Ich weiß… Wann kommen sie?“

„Sie sind schon auf dem Weg.“

Sie sah zu ihm hoch. „Gut, dass Akai kürzlich erst hier war und Dwen einen Nachschub an Empathieblockade gegeben hat, nicht wahr?“

Er lächelte und schüttelte dann den Kopf. „Empathieblockade! Was für eine Welt, hm? Was für eine ungewöhnliche Gefährtin ich habe und was für eine ungewöhnliche Tochter! Was denkst du sollten wir anlässlich ihres ersten Geburtstages machen?“

Phoebe grinste. „Wenn es nach ihr ginge: Mit einem Flugzeug irgendwohin fliegen; das Ziel ist vollkommen egal, Hauptsache abheben! Wenn ich bedenke, wie oft sie inzwischen geflogen ist… und es wird ihr nicht leid! Ich kann es kaum verstehen, aber sie wird nicht müde, stundenlang stillzusitzen und aus dem Fenster zu sehen! Da draußen sind doch meistens nur Wolken zu sehen oder winzige Landschaft!“

Er zog sie in seine Umarmung. „Hm… da draußen ist so viel mehr zu sehen! Sie ist immer noch zu einem kleinen Teil Vampir, Phoebe. Wenn ich schätzen sollte, dann nimmt auch sie immer noch einiges mehr wahr als ein ‚normaler’ Mensch. Zumindest Strukturen, Schattierungen, Farben, Bewegungen… Was sie aus dem Fenster eines Flugzeugs sieht, ist ein einziges, lebendiges Panorama-Bilderbuch, nur für sie aufgeschlagen! Und nachts dürfte auch der Sternenhimmel für sie ein bisschen voller sein als für eure Augen – wenigstens ein ganz kleines bisschen voller oder heller und wenn du sie dir jetzt ansiehst… sie verschlingt jedes Detail ihrer Umwelt und… Kinder staunen ohnehin. Weit mehr als Erwachsene und über Dinge, über die wir hinwegsehen würden, wenn sie uns nicht wieder darauf aufmerksam machen würden.“

„Sie ist schon so groß geworden in diesem einen Jahr! Zumindest hatte sie im letzten Monat einen echten Wachstumsschub, nichts passt mehr.“ flüsterte sie. „Vampirerbe? Ich dachte immer, ihr würdet wie Menschenkinder heranwachsen.“

Er nickte. „Das ist auch richtig, doch ich denke, dass sie im zweiten und dritten Jahr sogar noch etwas an Tempo zulegen könnte, erst ab dem vierten oder fünften Lebensjahr pendelt es sich ein. Auch wenn sie nur ein Viertelvampirkind ist, Vampirkinder sind von ihrem Erbe her darauf programmiert, in den ersten Lebensjahren möglichst schnell selbständig zu werden.“

„Hm…“

„Ein nachdenkliches ‚Hm’ oder ein bestätigendes?“

„Beides. Es geht so schnell! Sie hat mit eben mal acht Monaten die ersten Schritte gemacht. Jetzt läuft sie! Sie geht nicht, sie läuft! Und wie! Ihr Gebiss ist vollständig – okay, das wundert mich nicht wirklich, bei dem Vater! – und in den letzten vier Wochen ist sie derart gewachsen, dass sie für beinahe eineinhalb Jahre durchgeht, wenn nicht mehr! In zwei Jahren ist sie so groß wie ich wenn das so weitergeht.“

Er lachte leise. „Mal ehrlich, da gehört nicht viel zu! Aber im Ernst: Wir wissen nicht, ob sich das alles überhaupt weiterhin in ihrer Körpergröße niederschlägt, ich bezweifle es sogar. Und es wird auf jeden Fall langsamer werden, sobald sie zwei oder drei Jahre alt ist. Und von da an entwickelt sie sich völlig normal, wie jedes rein menschliche Kind.“

„Was man so normal nennt! Ich frag mich, ob wir sie jemals in einen Kindergarten gehen lassen können. Und wie macht ihr das nur mit der Schule? Okay, Dwen wird vielleicht nicht so sehr auffallen, aber wie wird es zum Beispiel für Daniel als Halbvampir sein?“

Er legte den Kopf schief. „Sie werden beide zurechtkommen, glaub mir! Gut, auch wenn ich es tatsächlich vorziehen würde, Dwen nicht in einen Kindergarten zu geben und lieber zu warten, bis sie zur Schule gehen kann. Sie… Wir lernen sehr schnell, wie wir unauffällig bleiben können, teilweise liegt auch das wohl in unseren Genen. Wer überleben will, darf nicht auffallen… Wie ich schon sagte, sind die ersten drei, vier Jahre die Wichtigsten, in denen sie an uns als ihren Vorbildern lernt. Und hat Dwen nicht schon längst die Unterschiede zwischen dir, mir, deinen Eltern, unseren Freunden und sich selbst begriffen? Vielleicht nicht mal so sehr verstandesmäßig aber doch… intuitiv und von ihrem ererbten Gespür her? Hat sie jemals verwundert reagiert, wenn ich in Anwesenheit oder der Nähe von Menschen langsam agiere, aber weitab von allem meine ‚Vampirseite’ auspacke? Oder wenn sie unsere Freunde beobachtet hat, mit Neill unterwegs war? Wenn Angus sich als Adrian ausgibt? Glaub mir, auch das ist ein Teil unseres Erbes, von dem auch sie noch einiges haben dürfte. Instinkt! Es… ist eingebaut und schützt sie!“

Sie seufzte. „Sollte es so unkompliziert sein?“

„Unkompliziert… Hm, es ist sicher nie ‚unkompliziert’, ein restliches Risiko besteht bestimmt immer, aber sie hat zusätzlich ihr Erbe von dir: Sie wird niemals zu weit gehen, niemanden erschrecken. Sie ist doch jetzt schon ständig um Ausgleich bemüht und wenn du sie mit Fremden beobachtest…“

„Du hast wohl recht. Sie ist anfangs sehr zurückhaltend und scheint immer erst einmal abwarten zu wollen, als was sich ihr Gegenüber entpuppt. Ich nehme an, dass auch sie noch fühlen kann, wem sie gegenübersteht.“

„Ganz sicher sogar! Ich fühle deutlich, was sie ist, du nicht?“ fragte er verwundert.

Sie zog die Augenbrauen ein wenig zusammen und ihr Blick wirkte konzentriert, als sie ihre Tochter jetzt in den Fokus nahm. „Ja und nein!“ kam es dann. „Sie ist so sehr Dwen, so sehr Teil von mir, dass ihre Präsenz mir wohl zu vertraut ist. Ich kann ja auch mich selbst nicht wahrnehmen – vielleicht ist es also mehr mein Problem als ihres.“

„Möglich. Aber ich bin sicher, dass du spüren würdest, wenn sich daran etwas ändern würde.“

„Ganz bestimmt!“

„Womit wir wieder beim Thema wären: Wohin fliegen wir also anlässlich ihres ersten Geburtstages?“

Sie gluckste und sah zu ihm hoch. „Also fliegen wir irgendwohin, damit sie sich wieder die Wolken oder die Gegend von oben ansehen kann?“

Er zuckte die Schultern. „Ich konnte meinen beiden Frauen noch nie etwas abschlagen!“ flüsterte er und hauchte ihr einen Kuss auf den Mund.

„Das ist gut zu wissen, Mr. Pollos, sehr gut zu wissen!“ lächelte sie.

Misstrauisch hob er eine Augenbraue. „Was kommt jetzt?“

Verlegen sah sie ihn von unten herauf an. „Na ja, es ist noch ziemlich verfrüht und ich weiß ja auch nicht, ob du damit überhaupt einverstanden wärest… und es ist ja auch nur, weil wir einmal beim Thema sind…“

„Fliegen? Hast du schon ein Ziel festgelegt?“

Sie kicherte kurz, dann verstummte sie und ihre Augen wurden groß und dunkel.

„Ein Ziel ja, aber nicht mit dem Flugzeug zu erreichen! Nein, ich wollte dich eigentlich fragen, was du davon halten würdest, wenn wir uns im nächsten Jahr wieder ein wenig um unsere… Familienplanung kümmern würden?“

Seine Augen weiteten sich. Ein kurzer Blick zu Dwen zeigte ihm, dass sie jetzt zu ihrem Sandkasten lief und dort anfing, mit bloßen Händen im feuchten Sand zu graben und offenbar eine ‚Burg’ zu bauen, die allerdings wieder einer Hügellandschaft ähnlicher sehen würde. Mit einem kurzen, kräftigen Ruck hatte er seine Frau hochgehoben, sodass sie jetzt ihre Arme und Beine mit einem erschrockenen Laut um ihn klammerte, um den Halt nicht zu verlieren.

„Was ich davon halte? Eine ganze Menge, Mrs. Forester-Pollos! Aber findest du nicht, dass wir noch so viel Zeit haben? Es ist doch gerade mal ein Jahr her, dass du eine… ziemlich riskante Geburt hinter dich gebracht hast!“ Er konnte sehen, wie ihr Puls beschleunigte.

„Ein ganzes Jahr, richtig. Und ich sagte ja, wir können es für nächstes Jahr ins Auge fassen, Vampir! Dwen würde sich bestimmt freuen, wenn sie einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester hätte… und ich, wenn ein kleiner, dunkelhaariger und dunkeläugiger Dorian unsere Familie ergänzen würde. Und alle meine Schamanen bescheinigen mir allerbeste Gesundheit – dank dir!“ Sie umfasste seinen Nacken und küsste ihn hingebungsvoll.

„Ein nicht von der Hand zu weisendes Argument!“ murmelte er heiser an ihrem Mund.

„Was? Mein Gesundheitszustand? Oder mein Kuss?“

„Genau!“ lächelte er.

 

 

„Beim nächsten Mal fahre ich!“ grummelte ich und öffnete erleichtert die Beifahrertür, als wir in Bedford ankamen. „Oder wir fahren nur noch nachts, dann sehe ich nicht, wie schnell du fährst, weil draußen alles dunkel ist!“

David grinste ein wenig schuldbewusst. „Dann werde ich den Tacho ausbauen müssen, denn der wäre immer noch verräterisch… Tut mir leid, ich werde mich bessern!“

„Wer’s glaubt!“ schnaubte ich, atmete einmal tief durch und sah mich dann um. Das Haus lag am Rande des Wohngebietes und ringsum war alles mit Bäumen umsäumt – ein Waldgebiet schloss sich an. Dorian stand bereits wartend in der Haustür und Phoebe schob sich jetzt mit einem breiten Lächeln an ihm vorbei.

„Hi! Schön, dass ihr gekommen seid! Kommt rein…“

Dorian nickte und fügte ein einfaches „Willkommen!“ an, woraufhin David leise lächelte und mich vor sich her schob. „Noch ein Vampirbrauch.“ erklärte er mir. „Ich erzähl dir später mal davon… Hallo. Danke, dass wir kommen durften.“

„Immer! Habe ich richtig gehört? Ist dir Davids Fahrweise auf den Magen geschlagen?“

Ich schnaubte erneut. „Allerdings! Ich bin unterwegs kurz eingedöst und als ich die Augen wieder öffnete, fühlte ich mich wie in einem Überschalljet… Er kann froh sein, dass er seinen Führerschein nicht längst losgeworden ist!“

Dorian grinste breit, doch als er meinen finsteren Blick auffing, verschwand es schlagartig und machte einem düsteren, missbilligenden Ausdruck Platz.

„Vampire!“ grummelte ich.

Phoebes Umarmung war stürmisch, Dorians anschließend deutlich behutsamer.

Das Wohnzimmer, in das wir jetzt kamen, war mit hellen, zeitlosen Möbeln eingerichtet und auf dem Boden zwischen Sessel und Couch saß Dwen und kaute hochkonzentriert an einem Keks, einen zweiten in der anderen Hand. Bei meinem Anblick hörte sie auf zu kauen, machte große Augen und erhob sich dann äußerst rasch, fast schon geschmeidig, kam auf mich zu und hielt mir den zweiten Keks hin.

„Da! Tory auch Keks!“ Dann sah sie David groß an. „Day-vid auch Keks?“

Der lächelte und ging vor ihr in die Hocke. „Danke, Ceridwen, aber ich glaube, ich beiße nur mal ab, das genügt!“

Ich hielt bei diesen Worten kurz den Atem an und lächelte dann, als ich sah, wie sie ihm mit ernsthaftem Gesichtsausdruck ihren angebissenen Keks hinhielt und, nachdem er ein winziges Stück abgebissen hatte, mit schief gelegtem Kopf fragte: „Lecker?“

„Sehr lecker sogar!“ bestätigte er überzeugend und sie nickte, reckte dann ihre Arme zu ihm hoch und ließ sich hochheben.

„Day-vid satt! Kein Blut, kein Keks!“ stellte sie fest.

Ich starrte erst sie, dann Phoebe und Dorian an.

Der zuckte die Schultern. „Wie ich schon sagte, sie kann deutlich unterscheiden!“

Und auch Phoebe sah nur ganz kurz erstaunt aus, dann lächelte sie breit.

„Du hast recht, Dwenny! Woher weißt du das?“

„Dwen weiß!“ patschte sie mit ihrer freien Hand an ihre Stirn. „Und weiß da!“ patschte sie dann an ihre kleine Brust. „Keine Angst! Day-vid guckt lieb!“

Sie konnte schon jetzt den Hunger eines Vampirs an seinen Augen abschätzen? Oder sagte ihr dies bereits jetzt ihr Instinkt? Atemlos hatte ich das kleine Intermezzo verfolgt und als sie jetzt ihre Arme nach mir ausstreckte, nahm ich sie ihm immer noch staunend ab.

Mich musterte sie einen Augenblick länger, dann legte sie ihre kurzen Arme um meinen Hals und drückte sich an mich. „Tory traurig?“

Wieder japste ich leise nach Luft. „Nur ein bisschen, Dwenny, nur ein bisschen. Danke für den Keks, der macht mich sofort wieder ein bisschen fröhlicher. Ich mag Kekse.“

Sie schob sich mit dem Oberkörper von mir, nickte wichtig und meinte dann:  „Lecker! Granny-Reggie-Kekse!“

Sofort biss ich in meinen und nickte. „Allerdings! Mit Nüssen…“

„Dwen holt noch mehr! Mommy?“

„Ja, in der Küche auf dem kleinen Tisch.“

Sie zappelte ein wenig und ich ließ sie auf den Boden. Sofort schob sie sich den restlichen Keks in den Mund und verschwand kauend nach nebenan. Ich konnte nicht anders, als Phoebe anzustarren.

„Es ist ein Teil von ihr, Tory! Beides! Sie nimmt inzwischen kein Blatt mehr vor den Mund, wenn keine Außenstehenden anwesend sind…“

Ein Klirren ertönte, dann ein kurzer Schreckenslaut. „Mommy? Dwen hat Teller kaputt gemacht!“

„Ich komme, lass die Scherben liegen.“ rief sie sofort und wandte sich um, aber schon stand Ceridwen wieder in der Tür und hielt ihr zwei blutende Finger hin.

„Schon passiert!“ murmelte Phoebe. „Lass Daddy oder David nachsehen, ob Splitter in der Wunde sind, okay? Ich fege die Scherben fort.“

Kurz wunderte ich mich, dass sie nicht weinte, sondern Dorian nur ihre Finger hinhielt, als der sie hochnahm. David trat hinzu, hielt sie einen Moment lang fest und meinte dann: „Die sind sauber, Dwenny! Keine Splitter!“

Schweigend sah ich zu, wie sie daraufhin beide Finger in den Mund steckte und sie kurz darauf wieder betrachtete. „Wieder gut! Mommy, Dwen hat Kekse runter geworfen! Keine Kekse mehr!“

Ich musste grinsen. Offenbar war das ihre größte Sorge.

Phoebes Kopf schaute um die Ecke. „Ich hab noch welche in der Dose. Wenn du vorsichtig bist, dann kannst du einen neuen Teller holen kommen und ihn ins Wohnzimmer tragen, okay?“

„Hmhm!“ Ihr Gesicht wandte sich mir zu und sie hob in einer niedlichen Geste ihre kleinen Schultern und Hände. „Day-vid satt! Kein Blut!“

Ich nickte, immer noch lächelnd, und tippte mir an die Stirn und an die Brust. „Ich weiß!“

Sie verschwand in der Küche und während ich in mein Gebäck biss, kam David auf mich zu. „Brauchtest du eine Bestätigung?“ fragte er vollkommen ruhig.

„Nein. Ich kann auch unterscheiden, wie sie!“ antwortete ich sofort. „Wenn ich raten sollte, dann war das nur eine Bestätigung für diese Tatsache! Keks?“

Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Kuss!“ forderte er und küsste mich rasch.

„Setzt euch! Wie wäre es mit einem Kaffee?“ rief Dorian, der jetzt hinter seiner Tochter her aus der Küche kam und aufmerksam beobachtete, wie sie mit langsamen Schritten vorsichtig einen neuen Teller voller süßer Plätzchen balancierte und diesmal heil auf den Tisch stellte.

Die Schnitte an ihren Fingerkuppen waren hochrot, aber sie bluteten nicht mehr, verschlossen sich offenbar bereits. Wenn sie sich nicht daran stieß, würden sie sicher auch bei ihr schnellstens unsichtbar werden.

„Beneidenswert!“ murmelte ich und sah Dorian kurz an. „Aber in der menschlichen Gesellschaft ein echtes Problem, hab ich recht?“

„Na ja, sie wird jedes Pflaster und jeden Verband noch tage- oder unter Umständen wochenlang umsonst tragen müssen, wenn sie nicht auffallen will. Wir müssen nur darauf achten, dass ihr niemand Blut abnimmt, um es zu untersuchen. Und auch eine verabreichte menschliche Blutkonserve hätte nicht zwangsläufig einen ausschließlich positiven Effekt, denn es würde jeden Heilungsprozess nur verlangsamen. Doch sie wird lernen, sich in Acht zu nehmen, Verletzungen zu überspielen und zu verharmlosen und ohne unser Beisein und ohne unsere Zustimmung darf ohnehin niemand etwas unternehmen.“

Kurz schoss mir durch den Kopf, wie hilfreich es tatsächlich sein könnte, wenn David irgendwann wirklich Medizin studieren würde! Was er wohl in Vampirblut im Vergleich zu menschlichem Blut entdecken würde?

Doch dann betrat Phoebe wieder das Wohnzimmer und unterbrach meine Überlegungen. „Ein Glück!“ meinte sie, stellte ein Tablett mit Tassen, Milch und Zucker neben dem Teller auf dem Tisch ab und gab Dwen mit einem liebevollen Lächeln einen Kuss auf die wunden Finger.

„Bei Daniel wird das noch mehr auffallen, nicht wahr?“

„Ja, definitiv. Aber er wird auch noch ein bisschen schneller selbständig werden als Dwen. Ich habe mich heute erst mit Phoebe darüber unterhalten, dass Vampirkinder in den ersten drei, vier Jahren in dieser Hinsicht einen ziemlichen Entwicklungsschub haben, bevor sich danach alles relativiert. Auch wir gelten erst mit rund einundzwanzig als erwachsen und wachsen ab dem Kleinkindalter auch nicht mehr schneller als ihr! Auch wenn wir natürlich viel, viel weiser und klüger und vernünftiger und… au!“

Phoebes Ellenbogen stoppte seine Lobeshymne und er lächelte sie liebevoll an.

„Ihr seid so…“, ich suchte nach Worten.

„Fremdartig?“ bot er an.

Ich schüttelte den Kopf. „Faszinierend!“

David neben mir lachte. „Du hast erst einen winzig kleinen Teil unserer Welt kennengelernt! Ich glaube gerne, dass du das alles faszinierend findest.“

Phoebe musterte mich ausgiebig mit ihren rehbraunen Augen und sofort seufzte ich. „Er hat euch davon erzählt!“ stellte ich fest.

„Sollte er nicht?“ fragte sie zurück.

„Es ist alles halb so wild. Ich glaube, er neigt zu Übertreibungen.“

„Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe bisher nur das gesehen, was du mich hast sehen lassen, was unumgänglich war, als Akai bei dir war und dich dazu gebracht hat, dich dem ein erstes Mal zu stellen. Du hast dich geweigert, mir dein Trauma in allen Einzelheiten zu zeigen, Tory, und ich vermute, das ist nicht das Einzige, das an dir nagt. Du lädst dir zurzeit viel zu viel auf, das kann auf die Dauer nicht gutgehen.“

„Ich arbeite daran.“ widersprach ich.

„Du kämpfst an zu vielen Fronten.“ erwiderte David sofort.

„Eine Front! Meine Front! Die einzige, die ich kenne!“

„Wen versuchst du zu täuschen? Mich nicht, ich erlebe es Tag für Tag und Nacht für Nacht.“ murmelte er leise, dann unterbrach er sich, als er Dwens Blick spürte, der zwischen ihm und mir hin und her ging.

Phoebe bemerkte es ebenfalls und amtete einmal tief durch.

„Dorian, würdest du sie zu Mom und Ian bringen? Das ist nicht gut, sie bemüht sich schon wieder viel zu sehr, ihre Blockade zu überwinden.“

„Klar… Dwen, wollen wir zu Granny Reggie gehen? Tory und David sind auch nachher noch hier…“

Ihre Augen, die denen von Phoebe so ähnlich waren, blieben noch einen Moment an mir hängen, dann nickte sie. „Gut. Zu Granny Reggie gehen. Kekse backen?“

Er lachte. „Das glaube ich kaum, aber du kannst sie ja fragen!“

Sie rutschte von der Couch und lief ihrem Vater voraus zur Haustür. Wir sahen ihnen hinterher, doch kaum war die Haustür geschlossen, reichte mir Phoebe ihre Hand über den Tisch hinweg.

„Zeig’s mir, Tory! David hat recht mit seiner Besorgnis, ich muss keine Empathin sein, um das zu sehen, dein Verhalten spricht Bände! Zeig’s mir!“

„Nein, das werde ich nicht! Ich nehme an, dass du bereits von dieser Deborah weißt, wie… so etwas ist!“

Sie schnaubte unwillig. „Deb wurde die ganze Zeit über in einer halben Trance gehalten, damit sie ruhig blieb und niemanden noch zusätzlich auf sich aufmerksam machen konnte! Sie hat alles nur wie durch einen betäubenden Schleier erlebt. Und Jada… für sie war es ein Kampf, ein einzelner, gezielter Übergriff! Das Folgende war… so was wie ein Vertrauensbruch. Ich meine es, wie ich es sage: Nichts davon ist mit dem, was du erleben musstest, vergleichbar und ich fürchte, das haben wir schon zu lange außer Acht gelassen, zu früh darauf vertraut, dass mit der alleinigen Hilfe von David alles schon wieder werden würde. Aber jetzt weigerst du dich sogar, von dort, wo das alles passiert ist, auch nur für eine gewisse Zeit fortzugehen, damit alles erst einmal heilen kann! Was ist los, Tory?“

„Ich will nicht dauernd darüber reden! Ich will nicht dauernd darüber nachdenken! Ich will einfach nur weitermachen, was ist daran verkehrt?“ wehrte ich energisch ab.

„Was daran verkehrt ist?“ fragte sie erstaunt, aber David unterbrach sie.

„Nach dem, was du hinter dir hast, könnte niemand einfach so ‚weitermachen’! Solange du dich dem nicht stellst und dir Zeit gibst, Abstand gewinnst, wird dein Unterbewusstsein immer wieder und immer heftiger darauf aufmerksam machen, dass da noch etwas wartet!“

„Das würde es auch, wenn ich von zu Hause wegginge, das ist mir mittlerweile klar! Ich nehme diese Dinge überallhin mit.“

„Aber nirgends wirst du auf Schritt und Tritt an alles erinnert. Was zu viel ist, ist zu viel, du kannst nicht alles auf einmal schaffen!“

„Wenn du mir weiterhin hilfst, schon. Es wird besser!“

„Es geht nicht darum, dass ich dir nicht helfen will – ich kann es nicht länger, ich bin machtlos angesichts dessen, was du mit dir geschehen lässt. Ich bin für dich da, aber ich kann dir deine Eltern nicht ersetzen oder zurückholen. Ich kann dir helfen, fürs College zu lernen, aber ich kann dir die Freude daran nicht wiedergeben. Ich kann dich halten, wenn du nachts deine Albträume bekommst, aber ich kann sie dir nicht nehmen! Und du lässt mich dich nicht von dort wegbringen, irgendwo anders hin, wo du endlich einmal… abschalten könntest.“

„Das Wochenende…“

„Was soll ein Wochenende helfen, Tory? Was du brauchst ist eine… von äußeren Gegebenheiten unbeeinflusste Zeit für dich. Dein Leben läuft dir nicht davon, aber wenn du so weitermachst, dann geht es an dir vorbei.“

Ich schwieg. Wir hörten, wie Dorian die Haustür öffnete und wieder schloss.

„Was ist mit Angus und Eve?“ hielt ich dagegen.

„Wir haben noch jede Menge Zeit, unsere Familie zu festigen! So unglaublich viel Zeit…“

„Das weißt du nicht!“ stieß ich hervor und sah ihn an. „Das kannst du nicht wissen! Mom und Dad haben das auch immer geglaubt, sie hatten noch so viele Pläne. Und jetzt? Niemand kann wissen, ob er morgen noch da ist! Ich will… jeden Moment damit verbringen, meine Pläne zu verwirklichen! Wenn ich sie verschiebe, dann könnte es irgendwann zu spät sein.“

Er riss die Augen auf. „Indem du dich daran festhältst wie an einem Rettungsanker und alles ungeachtet der Folgen für dich in diese Zeit hineinpferchst? Und wann willst du wieder anfangen zu leben? Nach dem College? Wenn du dich irgendwann dazu durchgerungen hast, deine Mom und deinen Dad loszulassen? Was, wenn du das auf diese Weise niemals wirklich schaffst? Du stellst dich den Ereignissen nicht, du verdrängst sie, obwohl sie Tag und Nacht auf dich einstürmen – und das rächt sich bereits jetzt! Anfangs war es anders, da hast du zumindest versucht, dich auch dem zu öffnen, aber jetzt… du entfremdest dich mir mehr und mehr, du wirkst immer… entrückter! Komm zurück, Tory! Wo auch immer du bist, komm wieder zu mir zurück!“

Ich presste die Fingernägel in meine Handflächen.

„Ich will das nicht mehr! Ich will das nicht immer wieder durchleben, nicht mal in Gedanken! Ich habe es versucht, wahrhaftig und oft genug, aber ich will das jetzt nicht mehr, es war lange genug da drin! Ich habe genug geweint und ich will keine Angst mehr haben! Nein, nicht so!“ machte ich eine unwillige Bewegung mit der Hand, als er etwas erwidern wollte. „Nicht vor dir und auch nicht vor Corbin oder den anderen… vor meinen Erinnerungen! Ich hasse, was er mit mir gemacht hat und ich habe nicht vor, ihn immer wieder in meine Gedanken zu lassen. Dazu hat er nicht das Recht! Es ist meine Entscheidung…“

„Ja, das ist es in der Tat!“ flüsterte er. „Aber dann kann ich dir nicht helfen, Tory. Ich kann dich vor den Lebenden schützen, nicht vor den Toten und nicht vor den Erinnerungen. Du nimmst mir jede Möglichkeit, mein Versprechen zu halten!“

Ich holte ächzend Luft. „Du… willst gehen?“

Er schüttelte den Kopf. Nachdenklich. „Nein. Ich liebe dich und ich habe gesagt, dass ich bei dir bleibe, aber… das ist keine Basis, auf der wir eine gemeinsame Zukunft aufbauen könnten. Du bist so tief verletzt, dass ich nicht helfen kann. Das kannst nur du selbst. Indem du niemanden an dich heranlässt nimmst du dir auch jede Möglichkeit, dass du dich wieder jemandem nähern könntest. Du stirbst innerlich… und ich muss machtlos dabei zusehen.“

„Das ist nicht wahr! Ich liebe dich! Alles, was ich will und brauche bist du!“ stieß ich hervor.

„Nein, bin ich nicht! Für eine Zeit lang genüge ich vielleicht, aber dein Leben besteht noch aus so viel mehr… Du siehst es gar nicht, nicht wahr? Du lebst zurzeit in einer Art Ausschließlichkeit, die dein übriges Leben außen vor lässt. Aber da ist noch so viel! Du hinterlässt einen bleibenden Eindruck bei den Menschen, denen du begegnest – auch wenn denen das nicht mal bewusst wird und auch, wenn du dich selbst für unsichtbar und farblos hältst. Du hast dich mal mit einem Chamäleon verglichen, das scheinbar keine eigene Farbe hat. Ich sage dir, dass du alle Farben in dir vereinst, die dieser Planet besitzt und nur deshalb mit deiner Umgebung zu verschmelzen vermagst. Du passt dich still an und bleibst doch mehr du selbst damit als irgendwer sonst, denn du bist jemand, der sich niemals selbst in den Vordergrund spielt, jemand, der sich vollkommen zurücknimmt. Und gerade dadurch lässt du anderen den Vortritt! Du… tust einfach, was nötig ist und ohne dafür Aufmerksamkeit einzufordern. Du beobachtest unbemerkt aus der vorsichtigen Distanz und hast dadurch einen ganz eigenen Blick auf die Dinge dieser Welt und schon alleine deshalb trotz der furchtbaren Erlebnisse auch den Blick für die Unterschiede nicht verloren: Das war es, was Dwen dir vorhin auf kindlich einfache Art gespiegelt hat, nicht wahr? Glaub es oder nicht, aber durch dich habe auch ich etwas zu unterscheiden gelernt: Ich weiß, was wirklich wichtig ist und was unwichtig! Wann hast du den Blick dafür verloren, was dir wichtig ist? Was willst du für dich selbst?“

„Dich!“ hauchte ich. „Alles andere ist mir egal! Ich möchte nichts lieber als alles andere einfach sausen lassen! Aber das ist nicht nur deinen eigenen, soeben geäußerten Worten nach eine utopische Vorstellung…“

Er schüttelte den Kopf. „Nicht so, wie du es jetzt ausdrückst! Ich frage nicht danach, was andere über dich oder mich denken und wenn du es vorziehen würdest, mit mir irgendwo einsam und alleine zu leben, wäre auch das gut und richtig. Aber hierbei geht es um deine inneren Verletzungen, die du überallhin mit dir tragen würdest, und wenn du sagst, dass du mich willst, dann nimm mich in dieser Hinsicht auch ganz, nicht nur einen Teil von mir! Wenn du mich nicht an dir teilhaben lässt, an dem, was dich beschäftigt, wirst du immer nur einen Teil von dir geben und von mir nehmen. Das… ist unvollständig! Du bist unvollständig!“

„Wenn du bei mir bist…“

„Nein, Tory! Da ist immer noch etwas, was zwischen uns steht! Ich kann es fühlen.“

„Ich habe keine Angst vor dir!“ stieß ich verzweifelt hervor und ballte die Fäuste.

„Ich weiß. Das ist es nicht… aber vertraust du mir genug, um diese letzte Barriere einzureißen? Warum kannst du dich mir nicht öffnen?“

„Ich vertraue dir doch!“ weinte ich jetzt beinahe.

Phoebe schnappte nach Luft und beugte sich vor, ihre Augen weit aufgerissen.

„Sie hat panische Angst davor, dich zu verlieren! Das ist es, nicht wahr? Lieber in einem kleinen, bekannten Umfeld bleiben, in Angus und Eve jemanden als Schutz auch für dich in der Hinterhand wissen als das Risiko eingehen, schon wieder eine geliebte Person zu verlieren! Den Moment nehmen und festhalten, als ob er jederzeit beendet werden könnte, als ob alles plötzlich enden könnte! All die Todesandrohungen, die Corbin ausgestoßen hat, das, was du mit ansehen musstest und was Mary-Beth erzählt hat… Du schwankst zwischen einer tiefen Liebe und der Sorge, David plötzlich zu verlieren wie schon deine Eltern, hin und her! Wie viel Bindung ist gut? Wann gehen die Dinge zu tief und würden dich umbringen, wenn du einen weiteren Verlust erleiden würdest? In jeder Sekunde, die du bei ihm bist und deiner Liebe den Weg bereitwillig freimachst, fürchtest du gleichzeitig, dass du ihn gehen lassen müsstest! Gütiger Himmel, wie hältst du das bloß aus? Das muss dich doch zerreißen!“

Ich unterdrückte mit aller Kraft ein Zittern und sah wieder David an.

„Ich will nur dich, David! Mehr nicht, bestimmt nicht! Mir ist alles andere egal und wenn du sagst, dass wir weggehen sollen, dann machen wir das eben!“

Er hob die Hand… und ließ sie wieder sinken. Ich blinzelte verzweifelt. Wollte er mich nicht mal mehr anfassen?

„Es geht nicht um das, was ich will, es geht um dich. Ausschließlich. Ich kann dir nicht beistehen, wenn du mich nicht lässt.“

„Ich will ja! Aber… warum muss ich deswegen immer wieder mit allem von vorne anfangen?“

„Weil du den Anfang zwar gemacht hast, dann aber stehen geblieben bist!“ meinte Phoebe. „Mehr als den Anfang hast du nie gemacht und jetzt wird es Zeit, dass du den nächsten Schritt tust – gemeinsam mit David. Hör auf ihn, er will dir nur helfen. Geht für eine Weile fort, nehmt euch Zeit dafür und vergiss endlich alles andere – es ist erst einmal unwichtig. Angus und Eve werden auf euch warten, sie werden die Zeit allenfalls dazu nutzen, Eves Familie hierher einzuladen oder sie zu besuchen, um ihnen endlich Daniel vorzustellen. Wir können euch auf Anhieb eine ganze Reihe Orte anbieten, wo ihr ungestört sein würdet. Tory, du musst innerlich zur Ruhe kommen, sonst… Ich weiß nicht, wie lange du das noch aushältst!“

Ich biss mir auf die Lippe und sah David an. Seine Miene war immer noch besorgt, aber jetzt war sein Blick fast schon flehend.

Und dann nickte ich. Mir war bewusst, dass ich alles erneut würde hervorholen müssen, aber wenn das bedeutete, David nicht zu verlieren… Ein kleiner Preis!

Nein, ein schwerer Preis, aber ich würde wohl noch mehr tun als das. Wenn es bedeutete, dass er bei mir bleiben würde, dann würde ich ganz sicher noch mehr tun als das!

„Wohin sollen wir gehen? Ich werde Barbra eine einleuchtende Erklärung liefern müssen. Und jemand muss sich notfalls um die Abwicklung des Ladenverkaufs kümmern, wenn ich nicht da bin… Ich müsste einen Anwalt…“

„Wenn du möchtest, dann werden wir das übernehmen!“ unterbrach Phoebe mich. „Oder Angus. Erteile ihm einfach eine Vollmacht, um den Rest kümmern wir uns…“

„Und wohin gehen wir?“ fragte ich erneut.

Phoebe lächelte. „Warst du schon mal in British Columbia? Akai hat da eine Hütte. Oder in Irland? Da hätten wir Rhiannons Cottage im Westen Irlands oder das Haus der O’Donnels nicht allzu weit von Dublin anzubieten. Wir hätten auch Dorians etwas kleinere Hütte bei Montreal, Samanthas kleines Haus in Schottland, Aidans in Norddeutschland... Besitzt Josh nicht sogar noch seine Wohnung in Boston? Oder aber unser Haus hier, wir wollten sowieso ein bisschen verreisen weil wir eine ganze Reihe Freunde lange nicht gesehen haben! Jeder von uns wäre sofort bereit, sein Haus zur Verfügung zu stellen, ein Wort genügt!“

„David?“ fragte ich unsicher.

„Ich überlasse es dir. Ich habe mich bislang nirgends dauerhaft niedergelassen und jedes Haus, das ich jemals bewohnt habe, bei meinem Weggang sofort wieder verkauft, weil es unwahrscheinlich war, dass ich irgendwann zurückkehren würde. Es war all die Jahre einfach zu unsicher. Aber wir können dennoch auch irgendwo anders hingehen, entscheide du.“

„Schlaf darüber und sag uns dann einfach Bescheid. Ach, vielleicht sollte ich zusätzlich erwähnen, dass in Irland Akai nicht weit wäre. Er ist zwar immer wieder einmal unterwegs, aber ich weiß, dass er im Augenblick mit Ellen in Irland ist. Zurzeit leben die O’Brians und die O’Donnels nicht weit voneinander entfernt im Norden Irlands – ihr würdet sie mögen, alle!“

Ihre Taktik war durchschaubar.

„Hältst du es für nötig, dass Akai nicht weit ist?“ fragte ich leise.

Sie verzog das Gesicht. „Zu auffällig, hm? Hab ich zu dick aufgetragen?“

Ich verneinte. „Ich weiß, dass du es nur gut meinst! Und… ich vertraue ihm ebenso wie dir.“

Sie nickte und lächelte. „Danke! Das bedeutet mir viel, Tory, mehr als du glaubst! Schließlich war ich es, die dir unwiderruflich die Dinge dieser Welt gezeigt hat.“

Jetzt sah ich sie groß an. „Ja! Machst du dir etwa immer noch Vorwürfe deswegen?“

Der Blick, den sie mir daraufhin zuwarf, war mehr als seltsam. „Ich habe bei dir genau das getan, was ich normalerweise hätte verhindern müssen! Wärest du nicht verletzt gewesen, hättest du nicht ohnehin schon von der Existenz von Vampiren erfahren und wärest du nicht in solcher Gefahr gewesen… Ja, ich mache mir Vorwürfe, vor allem, wenn ich sehe, wie schlecht es dir geht. Tory, lass mich dir helfen! Zeig mir, was damals passiert ist und vertrau mir auch darin: Es wird dir helfen, wenn du es nicht länger für dich behältst! Jedes einzelne Bild wird erst dann nach und nach seinen Schrecken verlieren können, wenn du es nicht länger in dir einsperrst. Zeig es mir… und zeig es David!“

Mein Herz setzte einen Schlag lang aus und ich holte ächzend Luft. „David…“

Seine Hand legte sich auf meine. „Ja, Tory! Vertrau dich mir an, ich kann damit umgehen. Und wenn ich weiß, was passiert ist, wenn ich dich auch in dieser Hinsicht besser verstehen kann – es wird mir helfen, dir zu helfen! Verstehst du das?“

„Das sollte sich niemand antun!“ entgegnete ich heiser.

„Nein, das hätte niemand dir antun dürfen!“ hielt Phoebe mir ihre Hand hin.

Ich sah verzweifelt zu Dorian hin, der jetzt besorgt die Stirn runzelte.

„Dorian!“ bat ich ihn, aber er presste erst die Lippen zusammen, dann schüttelte er den Kopf.

„Phoebe hat recht! Es widerstrebt mir zutiefst, dass sie sich das antut, aber ich weiß andererseits leider nur zu genau, dass sie recht hat. Phoebe?“

„Ja?“

„Lass es… nicht zu sehr an dich heran, okay? Hör auf mich, dieses eine Mal! Bitte!“

Sie sah ihn mit einem Blick voller tiefer Liebe an. „Okay! Einverstanden! Ich werde es mir nur ansehen, nicht mehr. Und du bist doch bei mir, Dorian. Schon vergessen? Da drin reicht nichts und niemand jemals an uns heran!“

Er schloss kurz die Augen, dann lächelte er leise und nickte.

Sie wandte sich wieder zu mir und hielt mir die Hand hin. „Ich werde nur das sehen, was du mir in deiner Erinnerung zeigst! Ich werde nicht einen einzigen Schritt weiter gehen, es auch nicht mitempfinden, ich schwöre! David?“

Ohne zu zögern nahm er ihre andere Hand und sah mich dann abwartend an. Als er mein Zittern bemerkte, das ich jetzt nicht mehr unterdrücken konnte, drückte er sanft meine Finger. „Ich bin da! Ich bin bei dir, die ganze Zeit, auch jetzt!“

Ich schluckte hart und blinzelte ein paar Mal. Dann ergriff ich Phoebes Hand… und fing beim Anfang an: Das Haus der Foresters tauchte vor meinen Augen auf und die Natur hatte den Atem angehalten, weil dort etwas wartete…

 

IM HANDEL:

 

Band 14 schließt die Vampirreihe ab!

Im Buchregal (siehe oben) gibt es das 1. Kapitel als Lesehäppchen zum Appetit-holen. Es bleibt wie immer spannend und "romantasy"!

ISBN 978-3-7448-1642-7